Aufrufe
vor 7 Monaten

E_1931_Zeitung_Nr.105

E_1931_Zeitung_Nr.105

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 29. Dezember 1931 Nummer 20 Cts. 27, Jährgang. - N° 105 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Aasland unter Portonnehlag, Mlern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bwtellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Erscheint jeden Dienstag und Freitag llonatllch „Gelbe Liste« REDAKTION a. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Telephon Bollwerk 3B.84 Telegramm-Adresses Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundxeile odef deren Raum 45 CU. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grflssere Inserate nach Seitentarif, tnseratenschlusa 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Das Verkehrsgesetz zum letzten Mal vor dem Ständerat Nun hätte also das Verkehrsgesetz auch das Stadium der Differenzenbereinigung glücklich überstanden. Herr Sigrist, der Präsident der Ständekammer, konnte am letzten Dienstag mit Genugtuung feststellen, dass der Rat bei allen Differenzen — ganz im Geiste der am gleichen Tage gefeierten Tagung von Stans — bei allen Differenzen dem Nationalrat zugestimmt hatte. Das Werk geht jetzt an die Redaktionskommission, um dann, wahrscheinlich in der Märzsession, endgültig von beiden Räten genehmigt zu werden. Aus der ersten Beratung des Ständerates war der Entwurf in ziemlich defektem Zustand hervorgegangen, und nachdem der Nationalrat das seinige dazu getan hatte, die Fehler wenigstens zum Teil wieder gut zu inachen, haben auch die Kantonsvertreter endlich mehr Einsehen gezeigt und, wie sich Bundespräsident Häberlin ausdrückte, den letzten Stein des Anstosses aus dem nun für das Automobil frei gewordenen Wege geräumt. Zum letztenmal traten sich in der entscheidenden Frage der Höchstgeschwindigkeit Freunde und Feinde der modernen und zeitgemässen Regelung gegenüber. Auch die Kommission war nicht einmütig, sondern es standen sich vier-gegen vier Stimmen gegenüber, wobei die vom Kommissionspräsidenten Bolli vertretene Meinung zugunsten der vom Nationalrat beschlossenen Aufhebung der automatischen Höchstgeschwindigkeit, gemäss parlamentarischer Gepflogenheit, als Mehrheit galt. Der Sprecher der Mehrheit stellte fest, dass die Differenz zwischen den Formulierungen der beiden Räte eigentlich gar nicht sehr gross sei. Es handle sich einiach darum, ob wir auch bei leichten Fahrzeugen beim starren Obligatorium beharren oder es dem Bundesrate überlassen wollen, da, wo es sich als nötig erweist, einzugreifen. Der Bundesrat wird sich ganz gewiss, meinte Herr Bolli, den sich auf diesem Gebiet ja so zahlreich geltend machenden Aeusserungen der öffentlichen Meinung nicht verschliessen. Bei ge- F E U I L L E T O N Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (15. Fortsetzung) wissen Erscheinungen wird man eben zu dem Mittel greifen müssen, das Abhilfe schafft, bis man zur Ueberzeugung kommt, dass Besserung eingetreten ist und man auf dem Verordnungsweg wieder auf die temporäre Festsetzung von Höchstgeschwindigkeit für die eine oder die andere Gattung von Motorfahrzeugen verzichten kann. Wir können uns hier ruhig auf die Vernunft des Bundesrates verlassen. Auch diesmal war es wieder der Bündner Baudirektor Huonder, der den Standpunkt der Gegner vertrat. Zwar beteuerte der Redner, dass er beileibe kein Automobilfeind sei. Allen vernünftigen Bestrebungen der Automobilorganisationen stehe er freundlich gegegenüber. Das bezeugt ein Schreiben, das er jüngst vom Schweizerischen Automobil- Club für die Unterstützung der «Internationalen Alpenfahrt » erhalten habe. Aber trotzdem er vom Automobil-Club als «Collaborateur » eingeschätzt wurde, kann Herr Huonder sich mit dem Fallenlassen der Höchstgeschwindigkeit nicht einverstanden erklären. Er ist im Gegenteil überzeugt davon, dass die Beibehaltung dieser Vorschriften, im wohlverstandenen Interesse der' Automobilisten selber liege, denn «auch die heutige schnellebige Zeit verlangt keine bessere Zeitausnützung als eine Fahrt von Dorf zu Dorf mit einem maximalen Tempo von 70 Kilometern.» Bei 60 bis 70 km Geschwindigkeit kann man noch den Wagen beherrschen, darüber hinaus aber nicht mehr! -' De.r Redner wies auf verschiedene ihm zugegangene Zuschriften aus « Fussgängerkreisen » hin, die alle darauf hinausgehen, zu be* weisen, dass nur die erste Formulierung des Ständerates, also das starre Obligatorium, die «schwer geprüften, harmlosen Strassenbenützer von den rasenden Autlern» schützen könne. Er sprach von der erschreckenden Zunahme der Unglücksfälle, worauf ihm Bundespräsident Häberlin entgegnen konnte, dass dieser Umstand eigentlich nicht für die vom Vertreter der Minderheit befürwortete Beibehaltung des bisherigen Systems der obligatorischen Höchstgeschwindigkeit spreche. Der Chef des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements stellte fest, dass wir mit diesem System sehr schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Mit der andern Lösung, der Aufgabe der Höchstgeschwindigkeit, haben wir noch gar keine Erfahrungen gemacht, wohl aber andere Staaten, und zwar im günstigen Sinne. Wir können nicht nur auf die im Auslande, speziell in England, gemachten Erfahrungen hinweisen, sondern wir haben auch Stimmen aus Baseil gehört, das die Damit hat nun knapp vor Jahresende eine gewaltige Arbeit ihren vorläufigen Abschluss gefunden. Dank gebührt allen denen, welche in irgend einer Form daran teilgenommen haben. Besondere Anerkennung verdienen Höchstgeschwindigkeit aufgehoben hat, undaber Bundesrat Häberlin, sowie die Kommissions-Referenten in beiden Räten, diese Stimmen bestätigen die günstigen Mei- welche nungsäusserungen aus dem Auslande. Das Entscheidende scheint aber Bundespräsident Häberlin vor allem das zu sein, dass die vom Nationalrat genehmigte Formulierung für die Zukunft beide Wege offen hält, während die Lösung mit der Höchstgeschwindigkeit die Aussicht auf eine Aenderung für Jahre oder Jahrzehnte — ein solches Gesetz will man nicht jeden Augenblick revidieren — versperrt. Man lässt also mit andern Worten dem Bundesrat die Möglichkeit offen, es nun einmal mit dem neuen System zu probieren, mit dem man an andern Orten gute Erfahrungen gemacht hat, und gibt ihm aber auch die Mittel, zur Höchstgeschwindigkeit zurückzukehren, wenn schlechte Erfahrungen sich einstellen. Der Sprecher des Bundesrats betonte, wie er es auch schon im anderen Rate getan hatte, dass er und seine Kollegen fest entschlossen seien, von der Kompetenz der Wiedereinführung der Maximalgeschwindigkeit Gebrauch zu machen, falls die praktische Anwendung der neuen Regelung schlechte Ergebnisse zeitigen sollte. Aber das werden wir erst erleben müssen. In der Zwischenzeit haben die Kantone die Möglichkeit, laut Art. 3 des Gesetzes, überall da, wo. wirklich die Strassenverhältnisse eine automatische Verminderung der Geschwindigkeit verlangen, derartige Massnahmen mit Zustimmung des Bundesrates zu treffen, wohlverstanden, unter Vorbehalt des Rekurses an den Bundesrat gegen dauernde Beschränkungen, wie die -von beiden Räten jetzt gelehmigte Formulierung dieses Artikels vorschreibt. Diese Kompromisslösung schlägt eine Brücke vom Ständerat zum Nationalrat, von den Automobilisten zu den anderen Strassenbenützern. Das Volk wird begreifen, dass es die richtige Lösung ist. Wie schon eingangs bemerkt, stimmte der Rat mit grosser Mehrheit dieser Meinung zu. Der Entscheid wurde mit 27 gegen 10 Stimmen gefasst. Im September hatte man Festhalten am Höchstgeschwindigkeitssystem mit 20 gegen 14 Stimmen beschlossen. Bundespräsident und Kommissionspräsident haben also nicht umsonst vom schlecht informierten an den besser orientierten Ständerat appelliert. Alle anderen, weniger erheblichen Differenzen, wurden ohne Diskussion durch Zustimmung zum Nationalrat erledigt. «Herr Oberst von Gratt erzählte mir bereits von Ihnen,» klang es mit ruhiger Stimme zu mir herüber. «Gnädige Frau, ich vergass nicht die Grüsse an Sie zu bestellen, die er mir mitgab, nur fand ich bisher keine Gelegenheit dazu.» Sie nickte mit dem Kopfe. «Sie glauben gar nicht, wie Onkel Hans sich freut, einen Herrn seines Regiments um sich zu sehen. So jung sah ich ihn schon lange nicht mehr wie bei seinem letzten. Besuch, — er war gestern bei uns — als er von Ihnen erzählte. Ein Herr seines Regiments! Was ihm das alles bedeutet! Ich glaube. Sie ^könnten mich ruhig prüfen, ich kenne schon alle Wachtmeister und alle Chargenpferde beim Namen.» «Er ist aber auch heute noch der Stolz des Regiments.» Abermals wandte sich der Kopf meiner schönen Nachbarin nach rückwärts zu dem trabenden Vizegespan. «Herr Oberst von Gratt ist ein alter Bekannter von mir. Ich nenne ihn darum immer Onkel Hans.» ^ Der Hufschlag der trabenden Pferde auf der harten Landstrasse füllte das Schweigen zwischen uns aus. «Als Sie bei Onkel Hans waren, war auch Herr von Szöky bei ihm?» «Jawohl, gnädige Frau.» Wieder wandte sich langsam ihr Kopf nach dem Reiter. «Wissen Sie vielleicht, was die beiden Herren ... wie soll ich mich ausdrücken... weshalb Herr von Szöky zu ihm kam?» «Ich weiss es nicht, Gnädige, Herr von Szöky kam gerade, als ich ging.» Während Rede und Widerrede hatte sie unverwandt vor sich gesehen und wandte keinen Blick von den trabenden Pferden. Klapp... klapp... klapp... trommelte der Hufschlag auf der harten Strasse. Klapp... klapp... klapp... Die unendliche Akazienallee öffnete sich, einzelne niedrige Bauerngehöfte huschten im Halbdunkel der sinkenden Nacht an uns vorüber, erleuchtete, kleine Fenster an ihnen flammten auf, Hunde kläfften, die Umrisse eines schwerfälligen Steintores tauchten auf, durch das der Wagen verschwand, die Wagenräder knirschten im Sand einer Auffahrt, der Schatten eines klobigen, stockhohen Gebäudes umfing uns. Das typische altungarische Herrenkastell. Mit einem Ruck hielt der Wagen. Noch mit angezogenen Zügeln blickte die schöne Frau zu dem einzigen erleuchteten Fenster im Erker hinauf, der wie eine Bastion vorragte. Ich sprang ab, nahm ihr die Zügel ab; für einen Augenblick ruhte ihre Hand in der meinen, als ich ihr beim Absteigen half. Nochmals flog ihr Blick mit einem zufriedenen Lächeln zu dem erleuchteten Fenster hinauf. «Der Pfsta ist noch wach.» Zärtlich klopfte sie die Pferde ab. «Ich möchte Sie bitten, seien Sie lieb mit meinem Mann, heitern Sie ihn auf, wenn Sie können. Noch eines,» zögernd kamen die Worte über ihre Lippen, «sagen Sie es Herrn von Szöky nicht, dass ich davon weiss, dass er bei Onkel Hans war.» Durch das Parktor trabte der Vizegespan. 5. Eine Woche war seit meinem ersten Besuche bei Tolnays verstrichen. Ruhelos verfolgte mich das Bild der schönen Frau, immer und immer wieder fühlte ich auf mir den durch ihren unbeirrbaren Eifer und den Glauben an den guten Kern des Gesetzes, den Entwurf um manche Klippe herumgebracht haben. Es ist vor allem dem abtretenden Bundespräsident und Vater des Gesetzes zu gönnen, dass seine auf Jahre zurückreichenden Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt wurden. Freilich wird er mit uns darin einig sein, dass manche wertvolle Anregung und Neuerung, die unbedingt dem Verkehr im gesamten zugute gekommen wäre, dahinfiel und die dafür eingetauschten Kompromisse das Gesetz nicht gerade für die Motorfahrer annehmbarer gestalteten. Wir dürfen wohl annehmen, dass bei der Ausarbeitung der Vollzugsbestimmungen darauf Rücksicht genommen wird. Wenn die weitere Entwicklung nun programmässig verläuft, so werden wir mit 1. Januar 1933 unter das Regime des eidgenössischen Verkehrsgesetzes treten. Bis dahin haben alle Strassenbenützer reichlich Zeit, sich mit den wichtigsten Bestimmungen vertraut zu machen. Es sei hauptsächlich den Automobilisten an dieser Stelle der Wunsch ans Herz gelegt, bereits im kommenden Jahre so den Volant zu führen, als ob der Entwurf schon Geltung hätte und durch eine stramme Verkehrsdisziplin das Vertrauen zu rechtfertigen, das alle jene Bundesbehörden und Parlamentsvertreter in uns setzten, welche für uns in den langwierigen Debatten eingestanden sind. Signalisierung unbewachter Niveauübergänge. (Aus dem Bandesgericht.) Vor einigen Monaten hatte das Bundesgericht anlässlich eines bei Basel erfolgten Zusammenstosses zwischen einem Auto und der Strassenbahn die gegenseitigen Pflichten abzugrenzen, welche diesen Fahrzeugen an einem unbewachten unübersichtlichen Niveauübergang obliegen. Wie jenes Urteil feststellt, muss ein Motorfahrzeug seine Fahrt hinreichend verlangsamen, um nötigenfalls noch vor den Geleisen anhalten zu können und sein Führer hat sich vor dem Passieren des Ueberganges nach rechts und links umzusehen, weil der auf eigenem Bahnkörper fahrenden Bahn die Priorität zukommt und ihr ein Verlangsamen vor jedem unabgeschrankten Uebergang nicht zugemutet werden kann. Dieser Entscheid wird gewissermassen ergänzt durch ein neuestes Urteil vom 4. Dezember, aus welchem hervorgeht, dass der Bahn hinsichtlich der Gestaltung des unbewachten Niveauüberganges gewisse Vorsichtsmassnahmen zur Pflicht gemacht werden. Blick dieser tiefen Augen, ich hörte den leise singenden Tonfall ihrer weichen Stimme, empfand den leidenschaftslosen Druck ihrer schmalen Hand, sah im Wachen und im Träumen die hohe, schlanke Gestalt, wie sie barhaupt, umkost vom •Abendwind, mir gegenüberstand, und nur eines verfolgte mich — wann es mir gelingen würde, sie wiederzusehen. In quälenden Gedanken versuchte ich, ihr Inneres zu durchdringen, diese leidenschaftslose Ruhe, die mir in einem unbestimmten Bewusstsein wie eine Maske erschien, wie eine drückende Fessel, die sie als Martyrium ihres Lebens trug, ohne zu murren und ohne zu klagen, neben einem Mann, den sie mit jedem Wort und jedem ihrer Blicke anzubeten schien, und den sie doch nicht lieben konnte. So verfolgte mich auch sein Bild. Er hatte uns, als wir eintraten, wie geistesabwesend begrüsst, mit einem lässigen Nicken des Kopfes, mit einigen verbindlichen, vor sich hingeflüsterten Worten, seine Blicke aber tasteten nach der Tür, durch die sie eintreten musste, und als sie vor ihm stand, flog eine leichte Röte über fein fahles Krankengesicht, seine hageren Hände umklammerten ihre Finger, lösten sich und strichen kosend über ihren Scheitel, als sie sich auf die Fussbank neben ihn hockte, ihm fürsorglich den Lampenschirm tiefer zog und ihm liebevoll die Decke zurechtzog, die die Füsse des Kranken bedeckte. Mit liebkosenden Worten, in einem Tonfall, mit welchem eine zärtliche Mutter mit ihrem