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E_1933_Zeitung_Nr.007

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1933 - N° 7 Teihn. *•» •«€§• Frage 8542. Polieren eines Nickelkühlers. Der vernickelte Kühler meines Wagens war so staik angelaufen, dass eine saubere Reinigung durch blosses Abreiben mit dem Hirschleder nicht mehr möglich war. Ich reinigte ihn dann mit ganz feinem Metallputzpulver. Nun sieht er aber fast noch hässlicher aus, weil das Putzpulver in der Gestalt von ganz feinen Kratzern Schlieren hinterlassen hat, wodurch die Flächen, von gewissen Seiten betrachtet, ganz verbogen erscheinen. Wie habe ich in Zukunft vorzugehen, um diesen Nachteil zu vermeiden? E. W in H. Antwort: Grössere Flächen wie diejenigen Ihres Kühlers sind mit einem abrasiven Poliermittel, also jedem Metallputzpulver, nur mit Längsstrichen abzureiben. Auf den Seitenflächen des Kühlers dürfen Sie also den Polierlappen nur auf- und abbewegen, auf der Stirnseite des Kühlers nur hin und her. Die Schlieren, die durch ein rotierendes Polieren entstehen, werden dadurch vermieden. at. Frage 8543. Zündungsaussetzer beim Schiebermotor. Stimmt es, dass bei einem Schiebermotor leicht Anfressungen auftreten, wenn man beim Aussetzen eines Zylinders trotzdem weiterfährt oder wenn man an einer längeren Talfahrt die Zündung ganz ausschaltet? F. M. in S. Antwort: Wenn die Zündung in einem odeT mehreren Zylindern aussetzt, der Motor aber dennoch weiterläuft, sei es, weil die übrigen Zylinder weiterarbeiten, sei es, weil der Motor in einem Gefälle vom Wagen angetrieben wird, und wenn dabei die Drosselklappe ganz oder teilweise offen ist, so wird beständig Benzingas, durch den oder die Zylinder hindurchgepumpt. Dieses Benzingas verdünnt zuerst den Oelfilm an den Zylinderwänden und spült ihn mit der Zeit ganz weg, so dass di^ Schmierung sohliesslich ganz aufhört. Die Möglichkeit zur Entstehung von Anfressungen ist dann ohne weiteres vorhanden. All daß trifft sowohl für Schtebermotoren wie für Ventilmotoren zu. Bei Schiebermotoren ist die Gefahr aber grösser, weil die Schmierung der Schieber ohnehin empfindlich ist. Vorsichtshalber soll man also beim Aussetzen eines Zylinders sofort anhalten und die Zündung wieder in Ordnung bringen. Längeres Fahren mit einem oder mehreren aussetzenden Zylindern schadet dem Motor auch in anderer Hinsicht! Die Kurbelwelle und alle Uebertragungsorgane werden dann starken ungleichmässigen Torsions-Impulsen ausgesetzt, die unter Umständen Brüche herbeiführen können, auf alle Fälle sich aber in einer stärkeren Abnützung auswirken. Dass es der eine oder andere Fahrer schon fertig gebracht hat, 30 Kilometer weit oder noch weiter mit einem aussetzenden Zylinder zu fahren, ist kein Beweis dafür, dass jeder Wagen eine solche Kraftprobe aushält. at. schlage macht. Handelt es sich da um einen Fehler? Die Lenkung sollte doch vollkommen selbsthemmend sein? W. E. in S. Antwort: Bei der grossen Mehrzahl aller modernen Automobile ist die Lenkung nicht ganz, sondern nur nahezu selbsthemmend konstruiert. Ist die Lenkung vollkommen selbsthemmend, die Bewegung also nicht umkehrbar, so entsteht der Nachteil, dass der Fahrer das Gefühl über die jeweilige Wirkung eines Lenkeinschlages verliert und deshalb den Wagen nicht mehr so sicher in der Hand hat. Zudem stellt sich eine vollkommen selbsthemmende Lenkung nach dem Durchfahren von Kurven nicht mehr selbsttätig auf Geradeausfahrt ein, wie die meisten nicht selbsthemmenden Lenkungen, der Lenkmechanismus wird weiter leicht zu stark übersetzt, so dass man das Lenkrad unbequem stark betätigen muss, um einen genügenden Radeinschlag zu erzielen, und schliesslich ist bei vollständiger Selbsthemmung die Gefahr grösser, dass Flatterschwingungen der Vorderräder auftreten. Natürlich darf andererseits die Selbsthemmung der Lenkung auch nicht zu klein sein, weil sonst unter Umständen die sich auf das Lenkrad übertragenden Strassenstösse unangenehm werden. at. Frage 8545. Bruch von Leitungsrohren. Woher kommt es, wenn Oel- und Benzinleitungsrohre aus Kupfer nach wenigen Monaten so brüchig werden, dass die Gefahr von Defekten besteht, trotzdem sie gar nicht besonders stark durchgebogen oder erschüttert werden? F. I. in T. Antwort: Benzin- und Oelrohre müssen, wenn sie einigermassen bruchfest sein sollen, aus weichem und nicht etwa hartgezogenem Kupfer bestehen. Mit dem Kauf weicher Rohre ist es aber nicht getan. Es muss auch dafür gesorgt werden, dass das Material seine Weichheit bei der Bearbeitung beibehält. Kupfer verhält sich dabei umgekehrt wie Stahl. Nach einer Erhitzung wird es hart bei langsamer Abkühlung und weich bei rascher Abkühlung. Hierauf ist beispielsweise beim Anlöten der Nippel Rücksicht zu nehmen, indem man die noch möglichst heissen Nippel in ein kaltes Wasserbad taucht. Jede Leitung sollte überdies auf ihrer ganzen Länge auch periodisch ausgeglüht und durch rasches Abschrecken weich gemacht werden, da sie mit der Zeit durch die Vibrationen von selbst hart und brüchig wird. An und für sich lässt sich die Wirkung der Vibrationen vermindern, indem man das Rohr in Windungen verlegt und dadurch nachgiebiger macht. at. Frage 8544. Selbsthemmung einer Lenkung. Bei meinem Wagen ist es möglich, durch seitliches Ziehen oder Schieben an den Vorderrädern das Lenkrad zu drehen. Die Lenkung ist also nicht selbsthemmend, was sich daran zeigt, dass das Lenkrad beim Ueberfahren von Strassenunebenheiten Aussich das heissete Wasser immer im oberen Teil des Sammelbehälters des Kühlers und ausserdem ist die Skala dauernd im Gesichtskreis des Fahrers. Eine zweite Ausführung ist daa Fernthermometer. Dieses besteht aus einem Messorgan und einem Registrierorgan. Das Messorgan ist ein mit Flüssigkeit gefüllter, kleiner Behälter, das Registrierorgan ein Druckmesser. Wird das Messorgan erhitzt, so dehnt sich die in ihm befindliche Flüssigkeit aus, der dadurch entstehende Druck überträgt sich auf eine dünne Rohrleitung, und der Zeiger des Registrierorgans macht einen gewissen Ausschlag. Je höher die Temperatur, um so stärker die Ausdehnung deT Flüssigkeit, um so höher deshalb auch der Flüssigkeitsdruck und letzten Endes der Zeiger-Ausschlag. Beide Ausführungen arbeiten im allgemeinen mit fast absoluter Zuverlässigkeit, da Störungsquellen ja sozusagen keine vorhanden sind. + s,» >ecfa und vor dem Einfahren in die erwähnte Halbkurve Anfrage 230. Versicherungsprämie. Kann eine ein Auto vor einer Staubwolke in übersetztem Versicherungsgesellschaft ab 1. Januar 1933 dieTempo in entgegenkommender Richtung bemerkte. neue Police auf 10 Jahre Dauer forcieren, oder wie Ich stoppte deshalb ab und reduzierte die Geschwindigkeit auf zirka 4—6 Stundenkilometer (Kurve und mir von dieser mitgeteilt wurde, im Falle der Versicherung nur auf ein Jahr, die Police, d. h. die Kreuzung). Der entgegenkommende Wagen hingegen Prämie, um 10% erhöhen? F. B. in C. konnte nicht rechtzeitig bremsen und rutschte, soviel wir bemerken konnten, etwas nach rechts, ohne Antwort: Es ist bei allen Versicherungsprämien so, dass für den Abschluss eines mehrere Schaden zu nehmen. In diesem Wagen sass die Jahre dauernden Versicherungsvertrages ein Prämienrabatt gewährt wird. Wenn Sie statt auf 10 Jahre den Versicherungsvertrag nur auf 1 Jahr abzuschliessen wünschen, erhöht sich eben die Prämie um 10%. * Anfrage 231. Gewährleistung wegen Mängel der Kaufsache. Unsere Limousine fuhr gestern mit massiger Belastung und in massigem Tempo (40 bis 5D km) eine breite Autostrasse. Die Bereifung war neu oder sozusagen neu. Vorne zwei Pneus, Marke X., und hinten zwei solche der Marke Y. Einer davon platzte an einer Stelle mit leichtem Gefälle. Wir konnten ohne Schaden rasch halten. In unserer Garage wurde Zirkular-Riss nahe am Felgenrand konstatiert und an gleicher Stelle war auch der Schlauch zirkulär aufgerissen. Der Lieferant, mit dem wir sonst sehr zufrieden waren, klagte bloss über die Fabrik, sprach aber nicht von Ersatzlieferung. Liegt unter solchen Umständen eine Ersatzpflicht vor und in welchem Masse? Der Qualitätsfehler ist ohne weiteres zugestanden worden. Welches sind normalerweise die zulässigen Ansprüche Frage 8546. Kühlwasser-Thermometer. Hat es einen praktischen Wert, an einem Wagen nachträglich noch ein Kühlwafiserthermometer einzubauen? Gibt es dabei verschiedene Systeme? des Fahrers? H. B. in L.« R. S. in A. Antwort: Der Verkäufer haftet dem Käufer Antwort: Fraglos gehört ein Kühlwasserthermometer heute mit zu dem erforderlichen Zu- dafür, dass die Sache nicht körperliche oder recht- sowohl für die zugesicherten Eigenschaften als auch behör eines Automobils, gibt es doch dem Fahrer liche Mängel habe, die ihren Wert oder ihre Tauglichkeit zu dem vorausgesetzten Gebrauche aufheben jederzeit Aufschluss über die Betriebetemperatur seiner Maschine. Welche Rolle die Betriebstemperatur für den wirtschaftlichen Betrieb eines Autos wenn er die Mängel nicht gekannt hat. Daraus geht oder erheblich mindern. Er haftet auch dann, spielt, dürfte hinreichend bekannt sein. Es eind hervor, dass Ihnen zweifellos der Verkäufer der Bereifungen für deren Qualität haftbar ist. Er ist verschiedene Thermometer-Ausführungen auf dem Markt, die alle dem gewünschten Zweck einer Ihnen zum Ersatz verpflichtet, sofern Sie die bestehenden Mängel unverzüglich gerügt haben. Dem dauernden Temperaturkontrolle genügen. Am gebräuchlichsten ist die Ausführung als Kühlerverschluss. Diese Ausführung ist in zweierlei Hin- die Fabrik resp. deren Lieferanten zu. Wir empfeh- Verkäufer steht dann seinerseits der Rückgriff auf eicht als geeignet zu betrachten. Erstens befindet len Ihnen also, dem Verkäufer Frist zur Lieferung einer neuen guten Bereifung zu setzen oder Ihnen den Kaufpreis zurückzuerstatten. Sollte er sich weigern, Ihrer Aufforderung innerhalb der gesetzlichen Frist nachzukommen, so müssen Sie ihn gerichtlich einklagen. * Anfrage 232. Geschwindigkeitsübertretuno. Am 19. August letzten Jahres fuhr ich vormittags 9 Uhr gegen die Gemeinde Cevio mit zirka 40 Stundenkilometer. 250 Meter vor der Wohngemeinde (abitato) ist eine Halbkurve. Vor dieser Kurve ist ein Bahnübergang in zirka 70 Meter Distanz. An dieser Halbkurve soll — wie die Anzeige sagt — das Vergehen der Uebergeschwindigkeit begangen worden sein. Die erste Mitteilung sagt, dass gegen mich die Bussenanzeige erstattet wurde, weil ich am 19. August, vormittags 8 Uhr 30, in der Gemeinde Cerio mit dem Auto in einer Halhkurve in übersetzter Geschwindigkeit gefahren wäre. Auf diese Anzeige antwortete ich, dass ich an genanntem Tage um genannte Zeit, morgens 8.30 Uhr, überhaupt nicht auf dem Gebiete der Gemeinde Gevio mich befand, weiter, dass ich an genanntem Tage erst gegen 9 Uhr vormittags nach Cevio kam anzeigende Polizeikontrolle. Nach zwei Monaten erhielt ich eine Bussenverfügung von Fr. 30.—, mit dem üblichen Trick, dass bei Bezahlung ohne Rekurs 40 Prozent von d«r Busse abgezogen würden. Können Sie mir, bitte, meitteilen, ob eine solch« Busse rechtskräftig ist: a) wenn der Zeitpunkt nicht stimmt; b) in einer Kurve von 25 Grad und 250 Meter vor dem Dorfeingang, mit einer Geschwindigkeit von 6 Stundenkilometer; c) ist eine ungefähre Geschwindigkeitsabschätzung von einem in entgegenkommender Richtung fahrenden Auto, das in übersetztem Tempo in die Kurve einfährt, massgebend? W. in L. Antwort: Wir empfohlen Ihnen, unverzüglich gegen die Strafverfügung Einsprache «u erheben. Sie haben hiezu eine Frist von 14 Tagen. Daraufhin wird ein Gerichtsverfahren stattfinden, in welchem Sie durch Ihre Zeugen die Unrichtigkeit der Anzeige werden nachweisen können. Was den unrichtigen Zeitpunkt anbelangt, so glauben wir nicht, dass dieser Irrtum wesentlich sein wird, da selbstverständlich der Anzeiger berechtigt ist, seine Anzeige zu berichtigen. Anders wäre es natürlich, wenn die Zeitdifferenz grösser wäre. Eine Geschwindigkeitsabschätzung aus einem in entgegenkommender Richtung fahrenden Auto halten wir für ausgeschlossen. Mit Rücksicht auf die Ihnen zur Verfügung stehenden Zeugen halten wir dafür, dass in einem Gerichtsverfahren die Aufhebung der Busse möglich sein sollte. • Am 31. Januar läuft die Eingabefrist für unsern technischen Wettbewerb ab. Wer alle 17 Lösungen gefunden hat, verpasse diesen Termin Ja nicht! Einzelne, fehlende Lösuneen lassen sich bis dahin noch finden. KELLENBERGER No.26B (EIGENER KESSELBAU) vormMbrfm StAmamtfße Luftig ZOFINGEN-STGALLEN-BERK-LUZERM GALLEN- BASEL Neue Zylinder-Bohr- und Honing-Maschine zum Ausbohren und Honen von Motorzylindern jeder Art, wie von Automobilmotoren, Rohölmotoren, Gasmotoren, von Kompressoren- und Pumpenzylindern usw. L. KELLENBERGER & Co. - ST. GALLEN Werkzeugmaschinenfabriken Gebr. A. & P. Käsermann, Bern Tel. 29.564 Schwarztorstr. 79 Kühlerfabrikation und Autospengierei, + Pal. Nr. 134460 1532*6 DRP. Nr. 551313. 551319 _„. 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Bern, Dienstag, 24. Januar 1933 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 7 Schnee Nacht. Es schneit. Der Himmel eine grau-schwarze Wand, die Erde eine weisse, blasse Decke. Die Strasse hat sich in ihr verloren, ihre Linien sind von der Farblosigkeit dieser lautlosen Welt aufgeschluckt. Einzelne kleine Sträucher kauern geduckt am Rand, erwürgt von der Last des Schnees. Der Raum ist voll einer unendlichen Stille, einer Tonlosigkeit, die jeden Laut erschlägt, bevor er sich erhoben hat. Die Spuren einsamer Autos verlieren sich im schimmernden Dunkel. Wir versuchen, die Räder unseres Wagens in diese weichen Geleise zu zwingen. Sie malmen im Brei des hohen Schnees und fassen vergeblich nach Halt. Von den Scheinwerfern stürzen die Strahlen ins weissliche Dunkel, das alle Helle rasch erdrückt. Nur ganz in der Nähe des Autos leuchten die Flocken, die unaufhörlich niederstürzen, in zartem Glänze auf. Sie sind ein jagendes, hüpfendes Gewimmel, folgen dem Luftstrom und entfliehen zu beiden Seiten des Wagens. Auf der Windschutzscheibe wächst eine dünne, weisse Decke, in die der Scheibenwischer mit stöhnendem Knarren eindringt und sie unaufhörlich zerstört. Ueber dem Kühler bauscht sich die flaumige Decke, weiss und blind starrt er in das Gewimmel der Nacht. Durch die Ritzen des Wagens dringt ein scharfer, kalter Luftzug. Das Summen des Motors ist wie erstickt, aufgeschluckt von der grenzenlosen Lautlosigkeit ringsum. Wie grosse, schwere Lacken schlagen die Nacht und der Schnee Dunkelheit und Grau um uns. Der weisse Glanz vor dem Wagen ermüdet und macht blind. Rechts und links verschwimmt alles in einen grauen, schattigen Brei, kaum dass die fallenden Flocken zu sehen sind. Nirgends reisst ein Loch auf in dieser schweren Stille. Kein Stern wird sichtbar, kein Licht eines Hauses. Die schneeüberdeckten Tannen stehen im kalten Nachtwind. Der Wald naht wie eine weissübertünchte Mauer. Tastend gleitet der Wagen den halbverschneiten Autospuren entlang. Die kleinen Sträucher sind wie winzige weisse Hügel, die aus dem Boden schössen. Ausserhalb des Waldes wird es ein wenig lichter. Zu beiden Seiten der Strasse fallen die Felder etwas ab. Ein schwaches, dünnes Licht schwimmt in der weiten Mulde. Durch die weisse Wand der Flokken kämpft sich das rötliche Licht einer ersten Strassenlampe. Wie das Gewimmel von Ameisen ist der Flockentanz um diese kärgliche Helle. Die breiten, schweren Dächer des Dorfes lasten unter weissen Mauern. Alles Licht ist ausgelöscht. Der Himmel scheint auf die Erde herabzukommen. Im Stalle hört man das leise Klirren einer Kette. Wie wir den Wagen verlassen, fallen uns dicke, kalte Flocken auf Gesicht und Hände. bo. Der kleine Herr Marcus Von Heinrich Eduard Jacob. Der Exerzierplatz auf der Wiener «Schmelz», auf dem tagsüber so oft in strenger Linie ausgerichtet die blauen Hosen und weissen Waffenröcke der österreichischen Infanterie sich rauschend bewegten, pflegte wenigstens des Nachts in Sternenstille zu liegen. An einem Frühjahrsabend des Jahres 1864 gab es dort aber einen Teufelslärm: ein führerloser Wagen, neben dem ein kleiner Mann einherlief, puffte und donnerte im Dunkeln herum, dass selbst aus den entferntesten Fenstern sich die Leute angstvoll herausbogen. Der Mann war der kleine Herr Siegfried Marcus, der, wie alle Leute, damals sein Gesicht mit den drei Bartknebeln Kaiser Napoleons des Dritten versehen hatte; der Wagen aber, den er mit vielem Hüh und Hott wieder einfing, dieser Wagen war... Nun, davon später! Wenige Wochen darauf hatte der kleine Herr Marcus es sich ausgedacht, wie man den Wagen und sein unsichtbar bleibendes Pferd durch « Draufsitzen » lenken könne — und so fuhr er damit von seinem Wohnort, der Mariahilferstrasse im sechsten Bezirk, in den zweiten Bezirk, in den Prater. Ganz gelangte er freilich nicht hin. Denn das bockende und rumorende Wesen, das bald links eine Laterne umrennen wollte und rechts einen Fleischerladen bedrohte, das nach vorne zischte oder wohl auch ein Hinterrad hob, um unverschämte Darmgase entweichen zu lassen, war schliesslich von einer drohenden Menschenmenge umringt. Als das Tier sah, dass die Lage ernst wurde, bewies es nicht allzuviel Mut: es öffnete einen blasenähnlichen Hohlraum und befleckte die Strasse mit grünem Benzin. Kurz darauf war's um seine ganze Schrecklichkeit geschehen, es seufzte nur noch ein paarmal und war gewissermassen tot. Seile und Pferde brachten es nach Hause. Drei Tage später sollte der Wagen abermals mit grünlichem Blute vollgepumpt und auf die Strasse losgelassen werden: da aber legte sich die Polizei ins Mittel. Schriftlich und mündlich. Was der Herr Marcus den Wienern wohl zumuten wolle? Diese Kette von steten Explosionen sei ja schlimmer als das dänische Pelotenfeuer gegen das in Schleswig-Holstein unter Führung des Feldmarschalls Gablenz vorrückende österreichisch-preussische Heer; wenn auch nicht ganz so arg wie der Lärm in den letzten Opern Richard Wagners. In des Kaisers Haupt- und Residenzstadt habe man jedenfalls das Trommelfell der Bürger zu schonen — und hageln werde es Strafmandate gegen denjenigen, der, unausgesetzt ruhestörenden Lärm erzeugend, hier «die pflichtgemässe Obsorge vernachlässige». Der kleine Herr Marcus sah ein, dass er soviel überflüssiges Geld nicht habe, um die Strafmandate zu bezahlen (pro Fehlzündung vielleicht einen Gulden?), vor allem aber nicht soviel überflüssige Zeit. Das Ganze freute ihn nicht mehr, er stellte den Wagen in den Stall und wandte sich anderen Dingen zu. Siegfried Marcus war zu Malchin geboren, im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, und das am 18. September 1831. Im Sturmjahr 1848 kam er nach Berlin, zu Siemens und Halske, und arbeitete an der ersten Telegraphenlegung zwischen Berlin und Magdeburg mit. 1852 übersiedelte er für den Rest seines Lebens nach Wien, aus einem Grunde, den man nicht kennt. Vielleicht war Marcus, wie so viele Norddeutsche, von der Austro- Manie ergriffen worden, jener frohen und herrlichen Wahnvorstellung, dass in Wien unter allen Umständen alles schöner sei als anderswo... Kurz, er erwarb die österreichische Staatsbürgerschaft und vergnügte sich als Erfinder. Jedes Jahr meldete er jetzt beim K. K. Patentamt seine Erfindungen an. Jedes Jahr? Nein, im Durchschnitt erwarb er das Jahr mindestens vier «technische Privilegia». Da gab es jene Verbesserung der Sicherheitsventile an Dampfkesseln und jene Verbesserung an den «dreibackigen Schraubenschneidekluppen ». (Ihr wisst natürlich nicht, was das ist; aber darauf kommt's hier nicht an.) Die Erfindungen hüpften ihm nur so aus Hirn und Hand: da kam beispielsweise die Erfindung eines «elektromagnetischen Induktors in Verbindung mit einem Taster und eigentümlichen Relais.», welcher die Patentanmeldung eines «eigentümlichen Feldtelegraphen» auf dem Fusse folgte. Es erschien der «Apparat zur Karbonisierung der atmosphärischen Luft», der «automatische Bilderappa'rat, genannt Revue», zu geschweigen von der « neuen, direkt rotierenden Maschine, die man sowohl als Pumpe, wie auch als Motor für tropfbare und gasförmige Flüssigkeiten verwenden könnte». Mit blosser Erwähnung vorübergehen wollen .'wir an jener gasentwickelnden Lampe, deren Aufgabe es war, «Inkandeszenzkörper in leuchtende Glut zu versetzen » — nicht aber an dem Umstand, dass Siegfried Marcus im Jahre 1875 schon wieder einen selbstlaufenden Wagen schuf, um es getrost so zu nennen: ein Automobil, mit eingebautem Viertakt-Motor. Einen Wagen, dessen konstruktive Grundzüge tatsächlich die gesamte spätere Entwicklung vorwegnahmen, einen Motorwagen mit Wasserkühlung und elektrischer Zündung! Ein Mensch, der täglich mit Händen und Füssen erfand, ein Mensch, der in Kaffeehäusern die Marmortische vollzeichnete: solch einer war Herr Siegfried Marcus. Ein Mann, in dessen Gehirn sich tageweise buchstäblich eine Repetierpistole mit einem eben erfundenen lautsprechenden Mikrophon herumschlug, bis die Erfindung der « Marcus'schen Bogenlampe» beide beschwichtigte: solch ein Mann hatte natürlich gar keine Zeit, sich um die Industrialisierung seiner Pläne zu kümmern. Der Gang zum Patentamt — das war das letzte Stückchen Vaterschaft, das der „Ecke des guten Beispiels " Das schlechte und das gute Beispiel. Vor einigen Jahren fuhr ich mit Frau und Tochter von Aigle bis Gletsch das Wallis hinauf, nachdem wir von Bern über den Pitton diesen Kanton erreicht hatten. Bei den Kehren zwischen Grengiols und Laax begegnete uns ein Wagen, gerade nach einer Schleife, da, wo die Strasse wieder enger wird. Anstatt in der breiteren Kehre anzuhalten, wartete er an einer so schmalen Stelle, dass ich, weil der Strassenrand dazu noch gegen aussen abfiel, mich weigerte, weiter zu fahren und den Führer des Wagens bat, einige Meter zurückzugehen, um die breitere Stelle auszunützen. Mit der grössten Mühe nur gelang es, ihn dazu zu bringen. — Doch dies soll nicht das gute Beispiel sein, es kommt erst jetzt. Als wir etwas später zwischen Oberwald und Gletsch in ganz ähnlicher Lage einen italienischen Wagen kreuzen mussten, hielt ich wieder an. Der Führer des fremden Wagens und sein Begleiter stoppten ebenfalls; ich Hess Frau und Tochter aussteigen, die Italiener verliessen den Wagen auch und halfen mir, durch Beobachtung und Ratschläge, an ihrem Wagen vorbeizukommen, worauf sie mit höflichem Gruss wieder einstiegen und wir beide ruhig weiter fahren konnten. Wenn bei schwierigen Kreuzungen die Führer der Wagen sich immer so höflich, ruhig und dienstbereit erweisen würden wie diese Italiener, dann würden wohl oft Unfälle vermieden werden, und heikle Situationen leichter ihre Lösung finden. Dr. R. v. F. in B. Mensch Siegfried Marcus den Kindern widmete, die er in wilder Ehe mit dem eigenen Genie gezeugt hatte. Was sozial aus ihnen wurde, es kümmerte ihn nicht viel. Stand er doch täglich in neuer Umarmung, lechzte er doch stündlich dem unendlichen Meer des technischen Träumens und Zeugens entgegen* Aber gestaunt mag er doch haben, als plötzlich, es war im Jahre 1866, ein gewisser Garl Friedrich Benz durch die Strassen von Mannheim einen eigenen Motorwagen steuerte, und als dann im Jahre 1890 die Daimler- Motorwagen-Gesellschaft gegründet wurde. Eine Vereinigung von hundert Gehirnen also, eine Burg aus Werkstätten und Schreibtischen, etwas ganz Geordnetes und gar nicht Träumerisches, mit einem Stab von Ingenieuren und Arbeitern, bewacht von Paragraphen! Da konnte Siegfried Marcus nicht mit und wollte es auch gar nicht. Das war ja Industrie — und die interessierte ihn nicht. Er hielt es mit Schillers berühmtem Distichon, in welchem ein Jünger der Technik dem Archimedes zu seinen Erfindungen gratuliert. « Göttlich nennst Du die Kunst? Sie war's! » versetzte der Weise. Ehe sie nämlich, meint Schiller, praktisch, ein «Omnibus», das heisst: allen zuteil wurde. Die Wiener.aber sind honette Leute. Auf dem Karlsplatz, neben ihr allerschönstes F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer Roman von Frank Heller. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Wie hatte sich das am hellichten Nachmittag in einer grossen Londoner Strasse abspielen können? Ja, wie zum Teufel! Und wer konnte so frech gewesen sein, einen solchen Coup zu wagen? Ja, wer zum Teufel! Und warum, warum zum Geier? Was war die Absicht, der Sinn des Ganzen? Drei Fragen, die Mr. Isaacs' Gehirn unaufhörlich wiederkäute, und die alle in der zweiten enthalten waren: Wer, wer steckte dahinter? Er hatte versucht, die Männer im Auto zu bedrohen und zu bestechen, keine Antwort. War es ein Gegner auf der Börse, der ihn aus dem Wege räumen wollte? In London! Eine Räuberbande? Das Wahrscheinlichste — aber wie hatte es gelingen können? Steckte Daisy dahinter? Dann" sollte sie der Teufel holen. Professor... hatte er auf dem Türschild gelesen, was zum Kuckuck hatte ein Professor mit ihm zu schaffen? Er kannte doch keinen Professor. Vielleicht — grausiger Gedanke — war es ein Vivisektor, der seine teuflischen Künste an ihm ausüben wollte, ein Antisemit? Mr. Isaacs zitterte vor Entsetzen, und sein lockiges Haar sträubte sich auf seinem Kopfe. Seine Gefangenschaft in dem fremden Räume wurde durch regelmässige Ausbrüche der Raserei markiert, in denen er heulte und sich gegen die Tür warf. Gegen halb 8 Uhr hatte er sogar die Scheiben des einen Fensters eingeschlagen — ob es auf die Strasse oder den Hof ging, wusste er nicht, so völlig desorientiert war er. Die einzige Folge davon war, dass das elektrische Licht erlosch, worauf Mr. Isaacs dreiviertel Stunden in abgrundtiefer Finsternis verbringen musste. Auf seine lautgerufenen Beteuerungen, sich zu bessern, flammte das Licht wieder auf, und Mr. Isaacs, der plötzlich rasenden Hunger verspürte, stürzte sich auf einen gedeckten Mittagstisch, der im Zimmer stand, und dinierte vortrefflich. Bei der Zigarre — eine Kiste Henry Clay stand da — verbrachte er ein paar Stunden in dumpfen Grübelelen, die um Mitternacht von einem letzten Wutanfall abgelöst wurden. «Bringt ihn nur her, euren verdammten Professor,» brüllte Mr. Isaacs, «ich will ihn schon lehren, Respekt vor einem Christenmenschen zu haben! Kommt her, ihr feigen Schurken! Kommt her, wenn ihr euch traut!» Die einzige Folge war, dass das elektrische Licht zweimal vielsagend zuckte. Mr. Isaacs, der überaus dunkelscheu war, verstummte augenblicklich und schlummerte kurz darauf auf einer Chaiselongue ein. Am nächsten Morgen fand er, dass Wasser, Toiletteartikel und ein delikates Frühstückstablett hereingestellt worden war, aber von den Verbrechern war keine Spur zu sehen, und nachdem er sein Frühstück verzehrt hatte, nahm er seine Grübeleien wieder auf, indes er unablässig im Zimmer auf und ab ging. Wie? Wer? Warum? wiederkäute Mr. Isaacs' Hirn, Professor... was für ein Professor, ich kenne keinen Professor, bis Mr. Isaacs gegen zwölf Uhr plötzlich bei einem Gedanken in die Höhe fuhr: Doch, ich kenne ja einen Professor! Wie hiess doch dieses Individuum in Monte Carlo? Der, dem'ich die Aktien der Digammagesellschaft verkaufte? — Professor Pelotard. Kann er es sein? — Kann er es sein? fragte sich Mr. Isaacs' Gehirn so lange, bis es sich selbst die Frage beantwortete: Natürlich, zum Teufel, ist er es. Wer sollte es sonst sein? Und beinahe im selben Augenblick, in dem Mr. Isaacs diese Gewissheit erlangt hatte, hörte man Schritte draussen, die Türe öffnete sich und ein Mann trat ein, der Mr. Isaacs ganz unvorsichtig den Rücken zukehrte, während er wieder zuriegelte. Als er sich umdrehte, stiess Mr. Isaacs einen lauten Schrei des Entsetzens aus und sank in einen Klubsessel. Vor sich sah er nämlich sich selbst. Aber im nächsten Augenblick sprang Mr. Isaacs in einem neuen Wutanfall wieder auf und stürzte auf den Neuankömmling los. «Wer zum Teufel sind Sie?» rief er. «Sind Sie Professor Pelotard?» Der Fremde betrachtete ihn überrascht und sagte: «Was meinen Sie? Ich bin Mr. Ernest Isaacs, Mitglied der Londoner Börse.» «Sie? Blödsinn!» heulte Mr. Isaacs. «In diesem Maskeradenkostüm, das nicht einmal gut genug ist, einen Strassenkehrer dranzukriegen!» «Was?» sagte der Fremde mit dem Ausdruck der grössten Verwunderung. «Nicht gut genug, einen Strassenkehrer dranzukriegen? Und war doch auf jeden Fall gut genug, die ganze Börse dranzukriegen!» «Die Börse,» wiederholte Mr. Isaacs erbleichend. «Was haben Sie in diesem Aufzug auf der Börse gemacht, Sie elender Schwindler?» «Nichts Grossartiges, Mr. Isaacs, aber auf jeden Fall etwas, das Sie ganz gewiss billigen werden.» «Heraus mit der Sprache!» schrie Mr. Isaacs. «Was haben Sie getan?» Der Fremde machte unwillkürlich einen Schritt zurück, als er erwiderte: «Ich habe alle Aktien der Digammagesellschaft gekauft.» Mit geballten Fäusten stürzte Mr. Isaacs auf ihn zu und brüllte: «Er redet irre! Er ist wahnsinnig! Ich bin mit einem Verrückten eingesperrt! Alle Aktien der Digammagesellschaft gekauft — die Gesellschaft hat fünfzehntausend Aktien!» «Ich habe sie alle gekauft,» sagte der Fremde ruhig. Und wie von einem Keulenschlag getroffen, sank Mr. Isaacs wieder in