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E_1933_Zeitung_Nr.015

E_1933_Zeitung_Nr.015

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 21. Februar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 15 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freit«« Monatlich „Gelbe Liste" Halbjahrlieh Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag tür postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheek-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Weltparlament des Motorfahrzeugverkehrs Berlin, 17. Februar 1933. Von einem solchen kann man füglich sprechen, denn die Weltproduktion des Automobils, wie sie das veranstaltende Bureau Permanent International des Constructeurs d'Aumobiles verkörpert, fand sich in den Tagen des 15. und 16. Februar in Berlin zusammen mit den Prominenten des Strassenbaues, des Motorwesens, der Verkehrsregelung, den Behördenvertretern und allem, was Beziehung zum Kraftfahrwesen hat. Wieder einmal (es geschieht viel zu selten !) sollte die grosse Oeffentlichkeit aufmerksam gemacht werden, dass es nicht angeht, einen Wirtschaftszweig von der Bedeutung des Automobilverkehrs auf Kosten anderer Teile der Wirtschaft so zu belasten, wie es in den meisten Ländern der Fall ist. Wieder sollte, wiewohl die tägliche Erfahrung es deutlich genug vor Augen führt, die Bedeutung und die Wichtigkeit des Motorwesens in Erinnerung gebracht werden, diesmal mit ganz besonderer Betonung des Wettbewerbes zwischen Eisenbahn und Motorfahrzeug. Die ersten beiden Weltkongresse, der eine rn London, der andere in Rom 1928. hatten dieses modernste der Verkehrsprobleme schon aufgegriffen, sich aber wesentlich nur mit den andern Fragen des Kraftverkehrs befasst, der Berliner Kongress aber war vor allem der Behandlung des Fragenkomplexes Schiene und Strasse gewidmet und offenbarte, dass alle grossen Länder sich diesem Wettkampf gegenübergestellt sehen, ohne dass bisher eine Lösung, die beiden Teilen gerecht wird, gefunden worden wäre. Ausser Amerika waren von europäischen Ländern durch Delegierte vertreten : Belgien, Deutschland, England. Frankreich, Holland, Italien, Oesterreich, Schweiz. Spanien, Tschechoslowakei und andere Staaten. Der Kongress wurde am 15. Februar im Herrenhaus zu Berlin in Anwesenheit des Reichsverkehrsministers und anderer Behördenvertreter durch den Präsidenten des Bureau International des Constructeurs d'Automobiles. Acutis (Italien) eröffnet. In seiner F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (18. Fortsetzung) Unterdessen war die Kugel langsamer geworden und die Spieler diskutierten laut, wo sie stehenbleiben würde. Sie geht noch mal rum — ih wo! — 5 kommt — nein, sie geht vorbei — na, dann 6... Tod und Teufel, 8! — er gewinnt! Und wahrhaftig, es sah aus, als sollte der Schuhmacher gewinnen, die Kugel taumelt förmlich zwischen den Löchern, schlängelt sich an 5 und 6 vorbei, schwankt an der Kante von 7 und fällt endlich, mit einem schweren Aufplumpsen, in 8 nieder. Da, wie durch ein Wunder, scheint sie neue Kräfte zu bekommen, erhebt sich aus dem Loch und rollt weiter, an Nummer 9 vorbei, zu Nummer 1, wo sie hinfällt und liegen bleibt. Im selben Augenblick, als Philipp ein bedauerndes Wort zu Herrn Woerz sagen will, fliegen dessen Arme nach rückwärts, seine Hände greifen in die Tasche, und im nächsten Augenblick ist sein Revolver draussen und mit gespanntem Hahn quer über den Tisch gerichtet. «Stopp, Schiemann, und du, verfluchter Chinese!» brüllte Herr Woerz. «Ruhig, keine Flosse gerührt, oder ich drücke los! Und Muttersprache gab er. auf den römischen Strassenbau zurückgreifend, die Geschichte des Automobils und der Eisenbahn und betonte, dass sich in der Zeit des wirtschaftlichen Aufstieges der Nationen der Wettstreit noch nicht fühlbar gemacht habe, dass vielmehr erst die Zeit der Depression die Konkurrenz Eisenbahn gegen Auto hätte zu einer so scharfen werden lassen. Die Eisenbahn durch das Auto ersetzen zu wollen, wäre heute eine absurde Forderung, vielmehr müsse eine gegenseitige Einstellung dieser Hauptverkehrsträger aufeinander platzgreifen, zum Wohle der Allgemeinheit. Vizepräsident Fritsch des Automobil-Clubs von Deutschland, zugleich Vizepräsident der Association Internationale des Automobile- Clubs Reconnus (A. I. A. C. R.), überbrachte im Namen des am Erscheinen verhinderten Präsidenten Comte de Vogue die Qrüsse der Association, worauf der Reichsverkehrsminister das Wort nahm. Dann begann die Reihe der eigentlichen Referate mit einem Vortrag des Generalsekretärs des Bureau Permanent, de Nercy, Paris, über das Thema « Allgemeiner Ueberblick über die Kraftverkehrswirtschaft als Ausschnitt aus den nationalen Volkswirtschaften » (wir bringen die Referate auszugsweise in späteren Ausgaben). De Nercy gab einen reich mit statistischen Angaben unterstützten Ueberblick über die Durchsetzung unseres ganzen Lebens durch das Motorfahrzeug, seine immer mehr wachsende Bedeutung für die Siedelungen, die Lebensmittelversorgung, Landwirtschaft, Industrie und Handel, das Postwesen, den gesamten Reiseverkehr usw. und wie es eine Verbilligung der Gütererzeugung bringt, Neuland erschliesst und soziale Bedeutung erlangt habe. Das Referat des belgischen Industriellen Joassart, der nach Ablauf der Amtsperiode Acutis nunmehr Präsident des Bureau Permanent geworden ist, behandelte « Die auf dem Kraftfahrzeug ruhenden Lasten und Abgaben», während der österreichische Delegierte Dr. Hanel die «Lasten der Kraftverkehrswirtschaft aus Zöllen und Sondersteuern auf Ruhe im Saal! Wer will, soll herkommen, dann wird er sehen, wie bei Schiemanns der Boden der Löcher aussieht. Findet ihr nichts darin, könnt ihr mich am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen.» Ein unbeschreiblicher Lärm entstand rings um Philipp und den unerschrockenen Schuster. Der Croupier und Schiemann schienen allerdingst von Angst vor dem Revolver gelähmt. Aber verschiedene der zweifelhaften Elemente, die nicht davon bedroht wurden, suchten sich vorzudrängen, um Herrn Woerz rückwärts anzugreifen. Mit geballten Händen musste sich Philipp gegen sie werfen, bis einige Ruhe entstand und es ihm gelang, drei Männer — dem Aussehen nach deutsche Seekapitäne — auszusuchen, um die von Herrn Woerz gewünschte Untersuchung vorzunehmen. «Ein Messer, nehmt ein Federmesser,» rief er ihnen zu, «ich will Gift drauf nehmen, dass es ein Gummifaden ist, vielleicht eine Feder.» Man tat, wie er gesagt hatte; rings um Philipp reckten sich die Spieler den Hals aus, um das Resultat sehen zu können, und plötzlich brach ein Orkan von polyglotten Flüchen und Schreien los. Denn über der Messerklinge, mit der der eine von Philipps Helfern den Grund des Loches von Nummer 8 erforscht hatte, hob er einen dünnen, schwarzen Gummifaden; eine rasche Untersuchung zeigte, dass alle Löcher mit einem solchen versehen waren — standen für Herrn Schiemann zu hohe Einsätze auf dem Spiel: ein Ruck und der Ball verliess das für ihn ungünstige Loch! Was zunächst auf die Entdeckung folgte, zog wie in einem Traum an Philipp vorbei. Ein Revolverschuss knallte — vermutlich unfreiwillig — aus Herrn Woerz' Sechsläufigem; eine der Gaslampen wurde mit einem Krach zerschmettert, und das Gas begann zischend aus dem Rohr zu strömen* Plötzlich fühlte sich Philipp von einem Arm erfasst und blitzschnell zur Eingangstüre hinausgezogen. Die Wache' war von dort verschwunden. «Rasch, rasch, wie der Teufel,» rief Herr Woerz ihm Treibstoffe» behandelte, ein Thema, das wohl mit internationalen Seufzern überall in Europa viel diskutiert wird. Joassart stellte unter allgemeinem Beifall festi dass das Kraftfahrzeug in Europa als eine der ergiebigsten und am meisten ausgenutzten Steuerquellen angesehen wird und dass dieser Zustand sich wohl ändern müsse! Wird der Wunsch des Kongresses in dem heute von Finanzkrisen geschüttelten Europa gehört werden? Nach Dr. Hanel sprach der Präsident der schweizerischen Chambre Syndicale, Herr Dechevrens. Thema: Gesetzliche Massnahmen und Beschränkungen, eine vortreffliche und fleissige Studie, die Verhältnisse in allen Ländern wiedergebend und im speziellen jene der Schweiz. «Um den Fortschritt des Kraftverkehrs aufhalten zu wollen,» sagte der Redner, «waren alle Mittel gut genug!» und schloss mit den Worten: «Wenn in der Vergangenheit die Eisenbahn die Strasse besiegt hat, so, weil sie damals den Fortschritt darstellte; augenblicklich enthält das Motorfährzeug die lebendigsten Kräfte des Fortschrittes!» Am Abend des ersten Tages waren die Kongressisten Gäste eines Galafestes in der Berliner Staatsoper und hernach vom Automobil- Club von Deutschland zu seinem Ball ins Hotel Esplanade geladen. Der zweite Sitzungstag, unter abwechselndem Vorsitz des Baron Petiet (Frankreich), Lanchester (England) und Joassart (Belgien), brachte wieder eine Reihe überaus interessanter Referate, fast alle das Hauptthema des Kongresses betreffend. Präsident Acutis begann die Reihe mit der in seinem Referate «Eisenbahn—Automobil in Italien» enthaltenen Ins Ohr, «Schiemann — der andere Schiemann — gefährlicher Kerl.» Im Laufmarsch flogen sie durch den Korridor, zu einer Türe hinaus, die aussen keine Klinke hatte, und durch ein enges; stinkendes Gässchen. Im Lanfmarsch bogen sie um eine Ecke nach der anderen, bis sie auf einer breiteren Strasse schwer atmend den Schritt verlangsamten. «Sie haben sich drinnen fein gehalten,» keuchte Herr Woerz, «ich wäre verraten und verkauft gewesen, wenn Sie mir nicht zu Hilfe gekommen wären.» Philipp nickte stumm, und sie trabten weiter. Endlich blieben sie in einer dunklen Strasse stehen, deren Namen Philipp erst später kennenlernte, sie hiess Truthahngasse. Der Wintermorgen war kalt und schwarz; es wehte, und in Philipps Adern pochte das Blut. Was würde der nächste Akt dieses Abenteuers aus Tausendundeiner Nacht bringen? dachte er; denn dass der Vorhang schon jetzt fallen sollte, war unmöglich, es war kaum fünf Uhr, und in Tausendundeiner Nacht muss das Abenteuer doch die ganze Nacht dauern! Der Grossfürst hatte sich umgedreht und gehorcht, ob sie verfolgt würden; aber es war nichts zu hören, und indem er sich an Philipp wendete, zog er aus seiner Brusttasche eine Buddel von niedlichen Proportionen und servierte sich einen Schnaps, den er mit Wohlbehagen hinuntergoss. Dann forderte er Philipp auf, sich zu erfrischen, aber dieser schüttelte lächelnd den Kopf; Herrn Schiemanns teuflischer Whisky brannte ihm noch im Magen. Philipp fragte, ob sie nicht weitergehen sollten. «Warten Sie einen Augenblick,» sagte Herr Woerz, «ich muss erst meine Strümpfe in Ordnung bringen.» Wirklich waren seine INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grossere Inserate nach Seitentaril. Inseratensebluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Schilderung der diesbezüglichen Verhältnisse seines Landes. Trotz der höheren Kosten habe sich das Automobil in Italien durchgesetzt und es sei eine starke Steigerung des Bestandes zu erhoffen. Ueber die Verhältnisse in England auf diesem Gebiete berichtete der Generalsekretär der Society of Motor Manufacturers and Traders, London, Mr. Col. Hacking. Die vortrefflichen englischen Strassen hätten den Bahnen manchen Güterverkehr abspenstig gemacht, die englische Wirtschaft ziehe aus dem Kraftverkehr in mancher Hinsicht mehr Vorteile als aus dem Schienenverkehr. Nun war ein Strassenfachmann an der Reihe: Professor Otzen, der Schöpfer des Projektes Autostrasse Hamburg—Basel, nunmehriger Präsident des staatlichen Materialprüfungsamtes in Berlin. «Einflüsse des Kraftfahrwesens auf den Strassenbau und -betrieb» war Gegenstand seiner Ausführungen. Leitsatz: «Wie muss die Strasse aussehen, die die Bestform für den Verkehr von Kraftwagen darstellt?» «Die Veredelung des vorhandenen Strassennetzes muss allen anderen Plänen vorangehen!» Professor Otzen kam auch auf die bestehenden Autostrassen, die Avus in Berlin, die Köln—Bonn-Autostrasse und den Nürburg-Ring, zu sprechen und betonte, dass, abgesehen von diesen Bauten, der Kraftverkehr, aus dem der Staat Hunderte von Millionen an Abgaben zöge, wenigstens beanspruchen dürfe, dass diese Mittel für Strassenbauzwecke Verwendung finden. In dem Referat des Baron Petiet über Eisenbahn und Auto in Frankreich tritt der Redner für Beseitigung der seit Erstehen des Automobils unüberlegt gebauten Eisenbahnlinien und ihren Ersatz durch Lastwagen und Omnibusse ein. Die Einmischung grosser Körperschaften wie der Parlamente in den Fragenkomplex Eisenbahn—Auto habe zu vielen Irrtümern Anlass geboten. Direktor Schippert sprach über den «Feldzug der Eisenbahn gegen das Motorfahrzeug und seine schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen in Deutschland». Der Titel besagt schon, wie sehr das Auto als Gütertransportmittel in Deutschland gehemmt wird. Und die Stimme aus Amerika ? Der Delegierte der National Automobile Chamber of Commerce, New York, Mr. Mooney, referierte über * Die Verringerung der Steuerlast — ein wirksames Mittel zur Wiederbelebung der Wirtschaft ». « Die Abgaben sind so gestiegen, dass der Eigentümer heute an jährlichen Leistungen schon 24 Prozent des durchschnittlichen Wertes eines Wagens bezahlt ! » « Man sollte erkennen, dass die Interessen der Automobrlindustrie und der Regierungen die gleichen wären!» Ueberaus interessant gestaltete sich die Diskussion, besonders durch das Eingreifen Strümpfe beim Laufmarsch herabgerutscht, er stellte das Bein auf einen Eckstein und begann sie hinaufzuziehen; zu seinem Staunen merkte Philipp, dass er keine Unterhosen trug. Herr Woerz ist konsequent in seiner Kostümierung, dachte er und machte ein paar Schritte die Strasse hinunter. Dann wendete er sich um, um zu sehen, ob der Schuster noch nicht fertig war. Er fand ihn ausgestreckt, dem Anschein nach leblos, auf dem Trottoir liegen. Ein paar Sekunden stand Philipp wie gelähmt vor Staunen da, während verblüffte Fragen in seinem Kopfe wirbelten. Hatte Herrn Woerz der Schlag getroffen? Hatte Herrn Schiemanns Whisky andere Dinge enthalten als Fusel? Gewiss hatte Herr Woerz stark davon getrunken, aber als sie eben miteinander sprachen, war er zweifellos nüchtern gewesen. Endlich gelang es ihm, sich zu sammeln, und er eilte auf den Schuhmacher zu. Dieser war schräg vornüber gefallen, und so plötzlich, dass er nicht einmal Zeit gehabt hatte, den Stoss mit dem Arm zu mildern, der schlaff eingebogen unter ihm lag. Philipp richtete seine schlotterige Figur zu sitzender Stellung gegen die Hausmauer auf, sie sah wunderlich grotesk aus, mit dem hängenden Kopfe, aus dessen Munde es auf die rote Krawatte tropfte. Er riss ihm den Kragen auf und wollte eben seine Wiederbelebungsversuche beginnen, als er zufällig aufsah. Das nächste, was er tat, war, blitzschnell die Hände in Herrn Woerz' rückwärtige Tasche zu stecken und mit einiger Mühe seinen Revolver herauszuziehen. Denn sich vorsichtig an der Hausmauer entlangdrückend, kamen zwei verdächtige Gestalten heran, die er sofort aus Schiemanns Bierhalle erkannte; auf