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E_1933_Zeitung_Nr.014

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 17. Februar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 14 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ericheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, lotern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Hechnung 111/414. Telephon 28.222 Tel««nunm-Adresse: Autorevue, Bern Das dringende Problem Die Angleichung der Konkurrenzbedingungen. Drei mögliche Auswege aus der heutigen Lage bieten sich zunächst theoretisch dar. 1. Die Eisenbahn bekämpft mit allen Mitteln (unter Zuhilfenahme der Staatsgewalt) das neue Verkehrsmittel auf der Strasse. Dieser Ausschluss des Autos bedeutet die Hinderung eines technischen und wirtschaftlichen Fortschrittes. Wäre der Fortschritt nur technisch, so könnte eine solche Stellungnahme unter Umständen wohl wirtschaftlich gerechtfertigt werden; denn wir sind der Ueberzeugung, dass es in hohem Masse das Anbeten des rein technischen Fortschrittes, dass es die Herrschaft des Ingenieurs ohne Befragung des Kaufmanns war, die uns einen Teil der heutigen Massenarbeitslosigkeit geschaffen und damit die heutige Krisenlage verschärft haben. Der Fortschritt, den der verbesserte Strassenzug durch die Motorisierung brachte, ist aber kein bloss technischer, sondern auch ein wirtschaftlicher. Das Auto hat einen nützlichen Verkehr geschaffen, der früher nicht bestanden hat. Das Auto hat die Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Wirtschaft verfeinert, es hat die Kosten hoher Lagerhaltung vermindert, es hat den Verteilungsprozess ökonomischer gestaltet. Das Auto hat insbesonders im Nahverkehr wirtschaftliche Vorteile, auf die wir nicht mehr verzichten können. Deshalb muss diese erste und radikale Lösung: das Auto nicht aufkommen lassen, wegfallen. 2. Die zweite Lösung ist ebenso radikal und heisst: aufgeben der überlebten und überholten Eisenbahnen, Umstellung auf die Autostrasse und den Automobiltransport. Auch . diese Lösung ist unerwünscht, weil sie die plötzliche Annullierung eines beträchtlichen Teils des schweizerischen Volksvermögens bedeuten würde. Die Lösung ist auch deshalb unerwünscht, ja unmöglich, weil der heutige Verkehr durch das Auto allein gar nicht bewältigt werden könnte. Diese Feststellung führt logisch zum Schlüsse, dass es weder volkswirtschaftlich richtig wäre, das Aufkommen des Autos zu hindern, noch die *) Aus einem Vortrag von Prof. Dr. P. Keller, St. Gallen. Siehe in der « A.-R. » Nr. 13. Abschaffung der Bahnen zu fordern und durchzuführen. Das Problem heisst deshalb nicht « Eisenbahn oder Auto », sondern in jedem Falle « Eisenbahn und Automobil». Dieser dritte Ausweg ist volkswirtschaftlich allein zulässig. Es stellt sich die Frage nach der richtigen Arbeitstellung zwischen beiden. Man wird hier vielleicht nach liberaler Maxime erklären: überlassen wir diese Arbeitsteilung dem freien Wettbewerb der beiden Verkehrsmittel. Aus der Konkurrenz wird sich auf die Dauer die angemessene Arbeitsteilung zwischen Schiene und Strasse ergeben. Diese Ueberlegung wäre dann richtig, wenn nicht grosse volkswirtschaftliche Gefahren mit dem Wettbewerb verknüpft wären und der Start der beiden Konkurrenten der gleiche wäre. Wir wissen schon, dass dem in unserem Falle nicht so ist. Deshalb ist zunächst eine Angleichung der Kotikurrenzbedingungen zu versuchen. Was bedeutet das in wenigen Worten? Das bedeutet auf Seiten der Eisenbahn die Entlastung von all jenen Leistungen und Auflagen, die dem eigentlichen Transportwesen nicht zugehören, sondern ihm wesensfremd sind. Das bedeutet, dass die Eisenbahn-, mehr privatwirtschaftlichen Spielraum erhalte, dass nicht bloss einer der beiden Konkurrenten in die volkswirtschaftliche Politik und ihren Dienst eingespannt sei, währenddem der andere solche Lasten nicht oder in viel geringerem Masse kennt. Das bedeutet weiter eine vorangehende Sanierung der Kapitalverhältnisse bei der S. B. B. Sie darf nicht mit Kapitallasten beschwert in den Wettbewerb mit dem Auto gestellt werden, die unter der Voraussetzung des Monopols tragbar einst schienen, nach dem tatsächlichen Wegfall des Monopols aber als hohe Ueberkapitalisierung erscheinen müssen. Angesichts der neuen Lage der Dinge wird man um eine Sanierung der S.B.B, auf die Dauer nicht herumkommen. Zu voller Angleichung der Konkurrenzbedingungen wäre es weiter notwendig, dass man der Bahn gestattet, jene Linien abzustossen, die reine Verlustlinien im privatwirtschaftlichen Sinne sind, dass man ihr die Post- und Militärbeförderung voll bezahlt und sie von der Beförderungspflicht befreit, die die Bereitstellung einer Transportkapazität bedingt, welche höchst selten voll genutzt werden kann. Das alles aber heisst im Grunde nichts anderes, als auf die Leistungen der Bahn im gemeinwirtschaftlichen Interesse verzichten, als das massgebende Verkehrsmittel aus dem Rahmen der Volkswirtschaftspolitik lösen — und dies erscheint uns im nationalen Interesse nicht wünschbar. Die Angleichung der Konkurrenzbedingungen durch eine Entlastung der Bahn von ihren gemeinwirtschaftlichen Pflichten ist somit nicht in einem Masse möglich, die zum gleichen Start mit dem Konkurrenten «Automobil » führen könnte. Es bleibt die letzte Möglichkeit einer Angleichung von seiten des Automobils her, durch dessen höhere Belastung, durch dessen stärkere Einbeziehung in den volkswirtschaftlichen Pflichtenkreis. Die Berechnungen über die heutige Belastung des Autoverkehrs durch fiskalische Abgaben: Zoll bei der Einfuhr des Wagens, Benzinzoll, Abgaben für die Fahrbewilligungen, Steuern auf dem im Auto investierten Kapital gehen weit auseinander und wir sind nicht in der Lage, die Zahlen nachzuprüfen. Es dürfte aber im Sinne einer Angleichung der Konkurrenzbedingungen sein, wenn die Forderung erhoben wird, dass das Auto alle jene Aufwendungen im Strassenbau und Strassenunterhalt, sowie für Sicherungsmassnahmen twie Bahnunterführungen) tragen solle, die aus seiner Existenz fHessen (und soweit das Motorfahrzeug diese Aufwendungen nicht heute schon leistet, was zum grössten Teil der Fall sein dürfte. Die Red.). Man kann noch einen Schritt weiter gehen und im Sinne der jüngsten Gesetzgebung erklären: wenn der Eisenbahnverkehr unter verschärften Sicherheitsvorschriften steht (Sicherungseinrichtungen, hohe Haftpflicht), so sollen diese auch für den Strassenverkehr Geltung haben (was durch das neue Gesetz in bezug auf die Haftpflicht auf alle Fälle bereits geschehen ist! Die Red.). Lösungs-Versuche. Trotz aller solcher Einzelmassnahmen, wie sie heute versucht werden, wird jedoch der Konkurrenzkampf zwischen Eisenbahn und Auto kein ausgeglichener Kampf werden, den INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitentarif. Inserntenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern man sich selbst überlassen könnte. Haben wir einmal festgestellt, dass der'heutige Strassenverfcehr nicht in der Lage ist, den gesamten Gütertransport zu bewältigen, so müssen wir daraus notwendig den Schluss ziehen, dass dann jenes andere Transportmittel, die Eisenbahn, die neben ihm notwendiger Bestandteil unseres modernen Verkehrswesens bleibt, auch lebensfähig erhalten werden muss. Das bedingt besondere Massnahmen zu einer Arbeitsteilung zwischen Einsenbahn und Auto, bedingt die sog. «geregelte Konkurrenz •» der beiden Verkehrsmittel. Hier den richtigen Weg zu finden, wird die Aufgabe der nächsten Zukunft sein. Die Auseinandersetzung zwischen Eisenbahn und Automobil ist eine sehr delikate Angelegenheit, welche nicht mit groben, generellen Massnahmen durchgesetzt werden darf. So erscheint der Versuch, den Deutschland durch seine Notverordnungen unternommen hat, nicht glücklich zu sein. Diese Massnahmen sind zu primitiv. Sie bestehen im Prinzip in der Uebertragung der höchsten Eisenbahntarife auf den Ferngüterverkehr der Strasse. Man glaubte, durch die Unterwerfung des Autos unter die Tarifbestimmungen der Bahn das Konkurrenzproblem radikal zu lösen. Die Praxis zeigt aber bereits, dass diese Lösung keine ideale ist. Für uns interessanter erscheint die englische Erfahrung und der englische Lösungsversuch. In England spielt der Personentransport auf regelmässigen Kursen der Strasse eine viel bedeutsamere Rolle in der Konkurrenzierung der Eisenbahn, als dies bis heute auf dem Kontinent der Fall ist. Autotransportgesellsohaften haben in England ein dichtes Netz von regelmässigen Autobuslinien zwischen den Städten geschaffen. Sie haben keine Auslagen gescheut, haben Luxuswagen, sogar Schlafwagen auf langen Strecken eingeführt und unterboten die Eisenbahn mit Tarifen, welche nur 40—70% derjenigen der Bahnen betrugen. Die Eisenbahnen antworteten mit Spezialbilletten zu reduzierten Preisen, was nicht viel nützte. Sie verlangten vom Staat das Recht, die Autobuslinien durch Autokurse der Eisenbahnkompagnien konkurrenzieren zu können und erhielten es durch das Gesetz des Jahres 1928 (Railway Road Transportation Act). Die Eisenbahngesellschaften haben aber von diesem Recht faktisch keinen direkten Gebrauch gemacht, sondern es dazu benützt, um sich an den bestehenden privaten Autobuslinien kapitalmäs- F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (17. Fortsetzung) Ein leeres Treppenhaus wurde zur Garderobeloge erkoren, und einige Minuten später hatte Herr Woerz mit ein paar Handgriffen, etwas Saft seiner schauerlichen Zigarette und ein wenig Strassenschmutz den cand. jur. Philipp Collin in das schönste Exemplar eines Hafenstrolches verwandelt, das man sich nur wünschen konnte. Philipp hatte Herrn Woerz' grosskarierten Ulster übernommen, der ihm bis zu den Fussknöcheln reichte, sowie seinen Melonenhut, während dieser sich mit Philipps Zylinder geschmückt hatte, nachdem derselbe entsprechend eingetrieben worden war. Dann setzten sie ihre Wanderung fort, bis Herr Woerz in einem zwei Meter breiten Gässchen vor einem roten Ziegelhaus, dessen Fenster erleuchtet waren, stehen blieb. Von drinnen hörte man singen und schreien. Plötzlich sprang die Türe auf, und ein Mann kam kopfüber auf die Strasse geflogen, mit einer Geschwindigkeit, die ihm offenbar von aussen aufgedrängt war. Ehe sich die Türe noch schliessen konnte, stand Herr Woerz mit Philipp an der Hand davor. «Abend!» hörte Philipp ihn flüstern. «Woerz, zum Teufel... Woerz! — Kein Schwindel» eine Münze klirrte sachte, und Philipp wurde von Herrn Woerz in ein dunkles S.tiegenhaus gezogen. In der nächsten Minute ging eine Türe auf, und sein Begleiter schob ihn in ein Zimmer, dessen Temperatur und Luft ihm jäh den Atem benahm wie ein Hauch aus dem Vesuv. Seine Augen begannen zu rinnen, und erst nachdem er ein paar Minuten nach Luft geschnappt hatte, gelang es ihm, sich so weit zu sammeln, dass er seine Umgebung betrachten konnte. Er fand sich in einem ziemlich grossen Lokal, mit Eichentischen und langen Bänken möbliert; grelle Affichen schimmerten undeutlich von den Wänden, und sechs Gaslampen keuchten asthmatisch in der furchtbaren Atmosphäre. Der Rauch war so dick, dass er in breiten Strömen hinter den Kellnern herfloss, die im Saal hin und her liefen. Er erhob sich stossweise aus Dutzenden von Pfeifen rings an den Tischen; Philipp musste an Photographien von vulkanischen Gegenden in Island denken, wo die Schwefelgase aus den Löchern des Bodens strömen. Er wandte sich von dem Publikum ab, das durch diesen Rauchschleier nur undeutlich sichtbar war und hauptsächlich aus Seeleuten zu bestehen schien, und erblickte rechts von sich einen grossen Schanktisch und einen Mann, der dahinter arbeitete. Philipp hatte noch selten einen ähnlichen Kerl gesehen. Grob wie ein Schwergewichtsringer, hatte er einen ganz kahlen Schädel, der unter der Gasflamme über dem Schanktisch blutrot funkelte; ein Walrossschnurrbart hing über seinen Mund, der unaufhörlich nach Luft schnappte, und seine blauen Augen waren in dicke Fettpolster eingebettet. Seine Arme waren bis zum Ellbogen nackt, und seine ungeheuren, rotgeschwollenen Hände befanden sich in ständiger Bewegung. Leere Biergläser wurden von den Kellnern auf die Schank geworfen, sie beschrieben eine rasche Kreisbewegung in seiner Hand, hinunter in ein Schaff mit rotbraunem Wasser und wurden in der nächsten Sekunde unter einem der strömenden Hähne gefüllt, um sofort von den Kellnern wieder fortgerissen zu werden. Wenn er einen Augenblick unbeschäftigt war, hielt er seine Hände unter die tropfenden Bierhähne. Herr Woerz, der grinsend Philipps Staunen beobachtet hatte, zog ihn zu der Schank hin. Sie wurden von dem rotgedunsenen Mann mit einem schrillen Pfiff begrüsst. «Na, grüss Gott, Herr Woerz! Verdammt lange hat sich der Herr Woerz nicht sehen lassen. Auf Reisen gewesen?» fragte er mit einer halb servilen, halb unverschämten Verbeugung. «Und dieser Herr? Der Herr ist neu hier, das sieht man gleich. Womit kann man so feinen Herren dienen? Etwas Starkes, nicht wahr?» «Gin, Schiemann,» sagte Herr Woerz. «Aber von der richtigen Sorte!» Das war also Schiemann, dachte Philipp; er war des Lokals würdig, und dieses seiner! Herr Woerz zog ihn auf einen Stuhl neben dem Schanktisch nieder, und drei Gläser Gin wurden eingeschenkt. «Na also, was sagt der Herr zu Schiemanns Bierhalle?» fragte Herr Woerz. «Das ist was anderes als Ihre Papilotte, was? Prost, mein lieber Herr!» Philipp trank einen Schluck von seinem blauweissen Gin, der ihm den Hals ärger als Feuer verbrannte. Er bekam einen heftigen Hustenanfall, worüber sich Herr Woerz und Schiemann vor Lachen schier zerkugeln wollten. Herr Woerz, der gänzlich unberührt ein ganzes Glas des unheimlichen Gebräus hinabschüttete, sagte: «Wird's dem Herrn hier zu schwül?» Er beugte sich vor und flüsterte: «Wollen wir in die andere Abteilung gehen? He? Will der Herr spielen?» «Spielen?» wiederholte Philipp verständnislos. «Na ja, Roulette, zum Teufel!» Roulette, hier, dachte Philipp. Immer schöner und schöner! Ich bekomme wirklich Respekt vor Schiemanns Bierhalle. «Roulette!» sagte er laut. «Gefährliche Sachen, Herr Woerz, gefährliche Sachen!» «Warten Sie,» sagte Herr Woerz. «Schiemann — Herr Schiemann, kommen Sie her! Prost!» Der rotgedunsene Wirt näherte sich, nahm sein Ginglas und schleuderte mit unglaublicher Sicherheit dessen ganzen Inhalt in seinen schnappenden Mund, worauf er es mehr auf den Tisch fallen Hess, als dass er es niederstellte. «Was ist denn los?» sagte er. «Ja, hören Sie, Herr Schiemann!» sagte Schuster Woerz und zog ihn am Hemdärmel zu sich heran. Eine Konversation im Flüsterton wurde geführt, eine gelbe Münze passierte rasch den Weg aus Herrn Woerz' Tasche in die Herrn Schiemanns; und einem der Kellner — einem untersetzten, hinkenden Kerl mit Stiernacken und Stieraugen — zurufend, sich um das Service zu kümmern, zog Herr