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E_1933_Zeitung_Nr.017

E_1933_Zeitung_Nr.017

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 28. Februar 1933 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 17 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcitenrainstr. 97. Bern Rappen. Postcheck-Kechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesetzliche Massnahmen und Beschränkungen des Motorfahrzeugverkehrs Herr Gh. Dechevrens, Genf, Präsident der Chambre Syndicale Suisse de l'Automobile, hielt als Vertreter der Schweiz über dieses Thema am Inter nationalen Kongress der Kraftverkehrswirtschaft in. Berlin ein Referat, das auszugsweise nachstehend wiedergegeben sei. Es wäre ein gewagtes Unternehmen, Ihnen in den kurzen Minuten, die mir zugestanden sind, ein ins einzelne gehendes Bild aller Massnahmen und Vorschriften geben zu wollen, die im Verlauf der letzten Jahre getroffen worden sind, um den Kraftverkehr und seine reiche Entwicklung zu behindern. Um diesen Fortschritt aufzuhalten — mag auch das Motorfahrzeug ein Mittel wirtschaftlicher Durchdringung sein, mag es die entlegensten Dörfer mit den grossen Mittelpunkten verbinden, mag es sozusagen die geographischen Grenzen auslöschen —, waren alle Mittel gut genug. Ich werde versuchen, Ihnen in grossen Zügen die hauptsächlichsten Hindernisse darzustellen, die der Entwicklung des Motorfahrzeuges in den Weg gelegt wurden. Der Internationale Eisenbahnkongress von 1929 war der Ausgangspunkt einer grossangelegten Aktion der Schiene gegen die Strasse, und wir müssen eingestehen, dass diese Aktion, die mit den enormen Mitteln unternommen wurde, über die die Eisenbahnen verfügen, bereits ihre Früchte getragen hat. In allen Nachbarländern machen sich die Schwierigkeiten, die dem Kraftverkehr in den Weg gelegt werden, bemerkbar. Es gibt vielerlei Spielarten dieser Schwierigkeiten, aber überall zeigt sich der Einfluss der Eisenbahnen. Die Massnahmen sind besonders schroff in den Ländern, wo der Staat Besitzer der Eisenbahcen oder an ihnen stark interessiert ist, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich, der Tschechoslowakei, der Schweiz usw. Eine relative Freiheit wird den Ueberlandtransporten dort gelassen, wo der Staat nur als Kontrollinstanz fungiert. Während man in Ländern mit staatlichen Eisenbahnen das Motorfahrzeug drosselt oder seine Rendite durch Gesetze und Vorschriften aller Art F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (20. Fortsetzung) Eine Stunde später verliessen Philipp und der Kammerherr das Polizeikommissariat am Gänsemarkt in Gesellschaft eines langhaarigen, wildbiiekenden Herrn in grauem Anzug. Vor dem Kommissar hatte Philipp die Ereignisse der Nacht erzählt, der Kammerherr hatte die erforderlichen Papiere vorgewiesen und die Identität des Grossfürsten eidlich beschworen, worauf ihnen allerdings nichts weniger als gnädig gestattet wurde, sich mit diesem zu entfernen. Beim Ausgang folgten Seiner Hoheit die sehnsüchtigen Blicke zweier Schutzleute. Philipp, der sie von dem Morgenabenteuer in der Truthahngasse wiedererkannte, musste ihre Gefühle billigen., Nachdem der Grossfürst in einigen tiefen Atemzügen die kühle Abendluft eingeatmet hatte, fand er endlich die Sprache wieder — während des ganzen Verhörs beim Kommissar war er stumm wie ein Fisch gewesen — und mit heiserer Stimme sprach er das Wort: «Bier!» Man ging in das nächste Wirtshaus, und am Schanktisch stehend, erfrischte sich Seine Hoheit mit Fassbier ad libitum, während Philipp und der Kammerherr ihn ehrfürchtig beobachteten. Endlich schob der Grossfürst das Seidel fort — das fünfte — und sagte: «Ah, ich war schon halbtot von dieser gottverdammten Wasserkost!» «Warum haben Hoheit Ihre Identität nicht heruntersetzt, begnügt man sich in den anderen Ländern, mit steuerlichen Massnahmen zum gleichen Ziele zu gelangen. Üeberall ist es Ziel des Staates, nicht nur der Schiene, sondern auch der Staatskasse zu helfen. Bleibt auch das gesetzte Ziel überall das gleiche, so ist doch die Form des Vorgehens in jedem einzelnen Lande anders; ich muss mich hier damit begnügen, die Hemmnisse zusammenzufassen, die der freien Entwicklung des Kraftverkehrs in der Schweiz entgegengestellt werden, während ich am Ende meines Exposes einen kurzen Ueberblick über die gleiche Frage in den übrigen Ländern zu geben gedenke. Es mag überflüssig erscheinen, Ihnen zu sagen, dass eine scharfe Wirtschaftskrise in der Schweiz wütet. Wenn auch dieses Land später als die anderen Länder von dieser Geissei getroffen worden ist, so befindet es sich nichtsdestoweniger augenblicklich in einer so kritischen Periode, dass die Regierung ihr Budget nur mit den drakonischsten Massnahmen ausgleichen kann, — Massnahmen, die oft genug in ihr Gegenteil umgeschlagen und letzten Endes ohne irgendeinen spürbaren Nutzen für die Volkswirtschaft geblieben sind. Zu diesen, Massnahmen gehören jene, die gegen das Motorfahrzeug getroffen worden sind; bei einem Defizit im Budget von nahezu 75 Mill. Fr., dem ein wahrscheinlicher Verlust der Eisenbahnen in Höhe von 45 Mill. Fr. hinzuzufügen ist, ergibt sich der gebieterische Zwang, im Rahmen deflationistischer Massnahmen die Lebenshaltungskosten auf ein annehmbares Niveau zurückzuführen, sowie eine Einschränkung der Löhne und Gehälter der Staatsbeamten und der Eisenbahnbeamten bekanntgegeben?» wagte der Kammerherr einzuwenden. «Und Sie glauben, man hätte mir geglaubt! Vivitz, verzeihen Sie mir, Sie sind ein Esel! Uebrigens dachte ich, dass ich unter meinem Schusternamen freikommen würde. Aber warum haben Sie so lange dazu gebraucht, mich zu finden?» «Hoheit!» protestierte der Kammerherr. «Ich wusste doch kaum, ob Hoheit in Deutschland seien, schon gar nicht, ob in Hamburg. Ich habe alles getan, was ich konnte. Der Hafen ist mit Dreggankern abgesucht worden, man hat die Leichenhalle durchforscht, die minderen Schenken in St. Pauli...» «Vivitz, Sie sind zu liebenswürdig...» «Und die anderen in Betracht kommenden Lokale,» fuhr der Kammerherr unerschütterlich fort. «Alles war vergebens. Und dabei gab es die ganze Zeit einen, der wusste, wo Hoheit sich befanden.» Er wies auf Philipp, dem es etwas flau zumute wurde. Der Grossfürst betrachtete ihn mit einem Lächeln und sagte dann: «Der dort, ja. Feine Nummer! Dolles Fest bei Schiemann, was? Wo haben wir uns doch getrennt?» «Recht doll,» sagte Philipp. «Wir trennten uns in der Truthahngasse, wo Hoheit Ihre Strümpfe ordneten. Gestatten mir Hoheit übrigens, Ihnen zu einer exzellenten Gesundheit zu gratulieren.» «Was meinen Sie? Mir geht es wie den drei Männern in dem brennenden Ofen.» «Ich meine, da Hoheit zur Winterszeit ohne Unterhosen gehen zu können glauben. Das rief bei den Schutzleuten, die Hoheit festnahmen, grosses Staunen hervor. Genug, als vorzunehmen, damit die Privatwirtschaft ihren Platz im Kreislauf der Weltwirtschaft wieder einzunehmen in der Lage ist. Wenn man bedenkt, dass der Lebenshaltungsindex im Augenblick um 35 Prozent höher liegt als im Jahre 1913, so befremdet, dass gleichzeitig die Bezüge der Eisenbahnbeamten im Durchschnitt auf 137 Prozent des Vorkriegsniveaus liegen. Bei aller Objektivität wird man feststellen müssen, dass die Regierung zurzeit kein anderes Mittel zur Rettung der Eisenbahn gefunden zu haben scheint als die 'Vernichtung des Kraftverkehrs. Es muss mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass es nicht der Wettbewerb des Automobils ist, der das Darniederliegen der Eisenbahnen verursacht hat, sondern einerseits die Verringerung der Transportmengen, die ihrerseits durch die Konsumkrise hervorgerufen wurde, und anderseits die Kapitalfehlleitungen der Eisenbahnunternehmen selbst. Diese beiden Punkte sind für das Eisenbahndefizit verantwortlich zu machen. Einige Zahlen über die Bundesbahnen werden diese Erklärung beleuchten: Das investierte Kapital ist seit 1913 verdoppelt worden, die fixen Zinslasten sind trotz staatlicher Garantie auf 116 Prozent gestiegen, die Betriebsunkosten haben sich verdoppelt, die Löhne und Gehälter haben sich um 137 Prozent erhöht, während anderseits die Einnahmen nur um 80 Prozent gestiegen sind. Diese beweiskräftigen Tatsachen haben die Bahnen nicht von der Meinung abgebracht, alles Unglück käme vom Motorfahrzeug, und so erlassen die öffentlichen Machthaber Gesetze oder dekretieren Massnahmen zum einzigen Zweck der Behinderung des Kraftvetkehrs oder einer ins Ungemessene gesteigerten Erhöhung seiner Gestehungskosten. Die Eisenbahntarife sind in der Schweiz unerhört hoch und betragen etwa das Doppelte der deutschen Tarife. Jede Ermässigung der Tarife in den letzten Jahren ist durch das Motorfahrzeug erzwungen worden, sei es direkt durch die Ueberlandtransporte, sei es indirekt durch die Tatsache, dass die Eisenbahnen genötigt waren, ihre Frachtsätze zu ermässigen. Wenn die Ueberlandtransporte durch regierungsseitige Massnahmen verteuert werden, wie das heute in breitestem Umfange üblich ist, so trägt die Volkswirtschaft diese Lasten in Form erhöhter Transportkosten, und es erscheint uns unmöglich, unseren Behörden Verständnis dafür beizubringen, dass die Hoheit leblos von dem Schlage des Apachen dalagen, wusste ich mir keinen anderen Rat, als eine Droschke zu suchen, um Hoheit heimzubefördern, bevor es hell wurde. Als ich jedoch darin zurückkam, hatten Hoheit sich aber schon ermuntert und traktierten eben die Schutzleute mit einer Kollektion der schönsten Schimpfworte, die ich je gehört habe. Ich beabsichtigte zuerst, Hoheit zu retten, aber meine Kostümierung verhinderte dies, sie machte sich fein bei Schiemann, aber im übrigen Hamburg weniger gut. Ich musste mich folglich damit begnügen, zu sehen, wo Hoheit einquartiert wurden. Apropos, hier ist Ihr Revolver, Hoheit, und die Brieftasche; ich fand es am besten, sie einstweilen in Verwahrung zu nehmen. Es fehlt ein Schuss im Revolver, ich musste ihn einem der Apachen aufpfeffern.» «Tod und Teufel,» sagte der Grossfürst, der lachend und voll kindlichen Stolzes die Geschichte seiner Taten angehört hatte. «Aber der Rest der Erzählung ist weniger amüsant,» fügte Kammerherr Vivitz hinzu. «Beim Frühstück fand sich der Professor bei mir ein und erbot sich, Hoheits Adresse gegen zehntausend Pfund bekanntzugeben. Ich weigerte mich natürlich...» «Vivitz, Sie sind ein Geizkragen. Mein Morgendurst war den vielfachen Betrag wert.» «Und nahm meine Untersuchungen vor. Wie Hoheit wissen, erfolglos. Und am Nachmittag war ich bereit, den Betrag zu bezahlen...» «Das war wahrhaftig nicht zu früh! Vor Abend wäre ich tot gewesen, wenn ich kein Bier bekommen hätte!» «Unterdessen ordneten wir die Sache mit INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. lnseratenscblnss 4 Tage vor Erscbeinen der Nummern Güter der Volkswirtschaft wertvoller sind als die Unterstützung der Eisenbahnen. Anstatt einzusehen, dass eine blühende nationale Wirtschaft durch reichere Einnahmen, durch bessere Steuereingänge in der Lage ist, das Defizit der Eisenbahnen auszugleichen, versucht man mit Polizeimassnahmen das Problem Schiene—Strasse zu lösen. Unseres Erachtens müssten die Eisenbahnen wie jedes Privatunternehmen sich jeder gegebenen Situation anpassen, sie müssten aufhören, ein Staat im Staate zu sein, und müssten ihre Ausgaben, gleichgültig, um welche es sich handelt, in ein angemessenes Verhältnis zu den Einnahmen bringen können. Wenn wir in der Schweiz von Ueberlandtransporten sprechen, d. h. von Transporten gegen Entgelt, so müssen wir zwischen Personen- und Güterbeförderung unterscheiden. Die Verfassung von 1848 gewährte der Post durch Regal die Konzession für den regelmässigen Personenbeförderungsdienst. Die Post besitzt ein Transportmonopol für Reisende. Die Postverwaltung hat sich als Grossunternehmen aufgemacht und führt die Personenbeförderung auf eigene Rechnung durch oder tritt Konzessionen ab. Im Gegensatz zur Regelung anderer Länder besitzt hier der Hauptkonzessionär eine eigene Organisation für seine Krafttransporte. Dieser Dualismus hat bis heute zu keinerlei Schwierigkeiten geführt da die Post mit dem Betrieb der eigenen Linien erst im Jahre .1919 begonnen hat. Auch hat sie niemals dem Betrieb privater Linien Schwierigkeiten in den Weg. gelegt und erteilt Konzessionen, so dass sich bald eine bedeutende Anzahl von konzessionierten Unternehmungen in unserem Lande entwickelt hat. Die konzessionierten Unternehmen müssen gemäss den gesetzlichen Bestimmungen auch die Auslieferung von Postgut übernehmen und werden dementsprechend entschädigt. Zurzeit betreibt die Postverwaltung 400 Linien, davon 100 mit eigenem Wagenpark und eigenem Personal, während die 300 anderen seitens der Postverwaltung Privatunternehmern anvertraut worden sind, die ihrerseits die Transporte mit eigenem Wagenpark und eigenem Personal betreiben und nach einem Kilometersatz, sowie mit einer Beteiligung an den Einnahmen entschädigt einer Partie Billard. Ich setzte zehntausend Pfund, der Professor Hoheits Adresse. Ich gewann.» «Das war ja eine feine Partie,» sagte der Grossfürst. «Nun, und was werden Sie jetzt mit mir anfangen, Vivitz?» «Ich dachte, Hoheit hätten vielleicht Lust, nach Hause zu reisen...» «Nach Jekaterinoslaw? Nie im Leben. Da sitze ich noch lieber jede Nacht im Kotter.» «Nach Petersburg, Hoheit! Der Zar hat seinen Ukas zurückgenommen. Die Nachricht kam drei Stunden nach Hoheits... Abreise.» «Und jetzt weiss die ganze Welt davon, und...» «Niemand weiss es noch. Hoheit sind offiziell auf der Jagd. Soll ich also Fahrkarten für heute abend bestellen?» «Jawohl, Vivitz! Aber zuerst habe ich noch eine Angelegenheit mit diesem Herrn zu ordnen.» «Ganz richtig,» sagte der Kammerherr. «Er verdient eine gründliche Strafe. Wenn er in Russland wohnte ...» «Vivitz, er ist schon gestraft, er wohnt in England,» sagte der Grossfürst und wandte sich an Philipp: «Wie sind die Wohnungsverhältnisse in England?» «So ziemlich, Hoheit. Etwas verschieden.» «Ich meine, Ihre eigenen?» «Ah — nun, leidlich ... aber ... das ist doch nicht möglich? Dürfte ich auf die Freude hoffen, Hoheit in England bei mir zu sehen?...» «Ich? Nach England fahren! Sind Sie verrückt?» rief der Grossfürst mit einem Schauer. «Dort werden ja alle Gasthäuser um 12 Uhr