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E_1933_Zeitung_Nr.018

E_1933_Zeitung_Nr.018

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 3. März 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 18 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Diensinn und Freltafl Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoraschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Kechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIOIVS-l'Rfcl!"»: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. lür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitentaril. lnserKleosi-hluss i Taoc »or Erscheinen der Nummern Achtet auf den Sinn des Gesetzes! halten mit der Zeit dazu zwingen werden, den alten, unbeliebten Poiizeiknüttel wieder hervorzuholen, oder den Bundesrat gar daran denken zu lassen, von seinem ihm nach Absatz 3 des Artikels 25 zustehenden Rechte, auch für andere als die schweren Motorwagen Vorschriften über die Höchstgeschwindigkeiten erlassen zu können, Gebrauch zu machen. Die eine Gruppe, welche den Sinn des vorzitierten Artikels noch nicht erfasst hat, ist unserer Sache kaum gefährlich, denn es handelt sich nur darum, die Betreffenden aufzuklären. Sie haben aus ungenügender Kenntnis der neuen Gesetzesvorschriften die nunmehrige Regelung der Geschwindigkeiten ein- Zu Artikel 25 des Automobilgesetzes betr. Geschwindigkeit. fach missdeutet und aus der früheren regen Diskussion um diesen Paragraphen nur die Tatsache zurückbehalten, dass die zahlenmässigen Einschränkungen gefallen sind. Dass dem so ist, illustriert mit aller wün- Eine der modernsten Errungenschaften des neuen Gesetzes ist gewiss der Wegfall von zahlenmässig festgelegten Geschwindigkeiten, die zur Zeit des Konkordates die' Verkehrsregelung zu einer unwirksamen, als schikanös empfundenen Schablone werden Hessen und eine verständige Zusammenarbeit zwischen Polizei und Verkehrsinteressenten zur Erzielung einer erhöhten Sicherheit und weitgehenden Disziplinierung des Verkehrs immer wieder unterminierte. Das eidgenössische Verkehrsgesetz brachte endlich die Freiheit von diesem unwürdigen Joch, dagegen überband es dem Motorfahrzeugführer die grosse, aber auch heikle Pflicht, ein gesteigertes und urteilfähiges Verantwortungsgefühl gegenüber sich selbst und den übrigen Strassenbenützern walten zu lassen. Der Führer wird verpflichtet, sein Fahrzeug ständig zu beherrschen und die Geschwindigkeit den gegebenen Strassenund Verkehrsverhältnissen anzupassen. Die langjährigen und die sorgfältigen Fahrer haben den Sinn dieser Vorschrift richtig verstanden und die Verpflichtung im Bestreben übernommen, das Zutrauen zu rechtfertigen, das ihnen durch die Neuregelung der Geschwindigkeitsvorschriften vom Gesetzgeber und dem Volke entgegengebracht worden war. Mit ihnen brauchen wir uns über die Bedeutung von Artikel 25 nicht auseinanderzusetzen. Es zeichnen sich aber innerhalb der Gemeinde der Motorfahrzeugführer allmählich zwei Gruppen ab, die wegen Missachtung dieses Paragraphen 'nicht nur sich und andere Leute auf der Strasse gefährden, sondern die Behörden durch ihr Ver- schenswerten Deutlichkeit ein uns vom Polizeivorstand einer grösseren Stadt der Ostschweiz zur Kenntnis gebrachter Fall. Ein Verkehrspolizist beobachtete nämlich ein Personenauto, das sich mittags 12 Uhr bei äusserst stark begangener Strasse, in einem vom Fahrer nachträglich nicht bestrittenen Tempo von etwa 70 km, rücksichtslos den Weg durch den übrigen Verkehr bahnte oder vielmehr erzwang, wobei einzelne Passanten noch mit knapper Not sich durch einen Seitensprung retten konnten. Die durch die Polizei erfolgte Rückfrage bei dem Chauffeur und dessen Arbeitgeber brachte die Bestätigung der vom diensttuenden Polizisten gemachten Beobachtungen. Der Chauffeur sah sich zu der stark beschleunigten Fahrt deshalb veranlasst, als er den Auftrag hatte, mit einem Passagier unbedingt noch einen bestimmten Zug zu erreichen, wobei für die Fahrt bis zum Bahnhof nur wenige Minuten zur Verfügung standen. Auf das Unstatthafte einer solchen Fahrweise aufmerksam gemacht, verteidigte sich der Auftraggeber und Meister damit, dass überhaupt kelrie Geschwindigkeiten mehr vorgeschrieben seien und jeder fahren könne, wie er wolle! Zu dieser völlig irrigen und für den Verkehr; recht gefährlichen Meinung äussert sich das betreffende Polizeiamt in einem Schreiben wie folgt: . « Der Gesetzgeber wollte ohne Zweifel dem Fahrer grössere Freiheiten gewähren; die Aufhebung der zabienmässig fixierten GeschwindigJceit-Maximas ist durchaus erwünscht und berechtigt. Das bedeutet aber keineswegs die restlose Abstreifung jeglicher Hemmung hinsichtlich des Tempos, sondern eine sinngemässe Anpassung desselben -m die jeweiligen Verhältnisse.. Wir haben durchaus Verständnis dafür, dass es einmal pressieren kann, aber der blosse Umstand, dass das Verfehlen eines Bahnzuges durch eine Einzelperson dazu berechtigen soll, durch ein übersetztes Tempo Hunderte von Strassenbenützern zu gefährden und zu belästigen, scheint uns doch fraglich zu sein. Zum mindesten in diesem besonderen Moment. Wir werden den Fahrer, der als Angestellter glaubte seine Pflicht tun zu müssen, nicht bestrafen, dagegen seinen Prinzipal über die Sache aufklären. Es gäbe letzten Endes für jeden Fall eine Entschuldigung, sogar für 200 km! > Wir können uns diesem Standpunkt nur voll und ganz anschliessen und sind überzeugt, dass die grosse Mehrheit der Fahrer dieser vernünftigen Denkweise ebenfalls beipflichtet. Dass es der betreffenden Polizeibehörde tatsächlich nur um die Sicherheit des Verkehrs und nicht etwa um eine vermeintliche Pedanterie oder Schikane zu tun ist, geht aus der Tatsache hervor, dass sie dieses Mal Gnade für Recht ergehen lässt und Chauffeur samt Meister nur aufgeklärt werden sollen. Wir geben zu, dass die besonderen Umstände zu raschem Fahren verleitet, ja gedrängt haben mögen und im — allerdings — falschen Bewusstsein, eine durch das Gesetz gewährte neue Freiheit zu geniessen, das vorgenannte Tempo eingeschlagen wurde, ohne dass man sich einer Gesetzesübertretung bewusst war. Das ändert aber kein Jota an der Tatsache, dass einmal die Geschwindigkeit von über 60 km im städtischen Stossverkehr bei weitem nicht den « gegebenen Strassenund Verkehrsverhältnissen» angepasst ist, wozu aber der Fahrer laut Gesetz unbedingt verpflichtet ist. Der Artikel 25 ist, wir wiederholen das für die im Gesetz ungenügend Bewanderten neuerdings mit allem Nachdruck, kein Freibrief, um nach eigenem Gutdünken frei und sorglos in der Welt herumzukutschieren, sondern es besteht der moralische und der gesetzliche Zwang, die Fahrweise den augenblicklichen Umständen auf der Strasse anzupassen. ' Leider scheint die Zahl dieser Leute, welche den Geschwindigkeitsparagraphen im jetzigen Gesetz falsch auslegen, nicht so gering zu sein, wie man dies im Interesse des Ansehens der Motorfahrzeugführer wünschen möchte. Anders können wir uns die kürzlich erfolgte Interpellation im Grossen Stadtrat von Zürich nicht erklären, in welcher der Stadtrat angefragt wurde, ob er nicht der Ansicht sei, dass Massnahmen getroffen werden müssten, um eine gewissenhaftere Einhaltung der Verkehrsvorschriften durch die Führer von Motorfahrzeugen und Fahrrädern gewährleisten zu können. Die unmittelbare Veranlassung zu der Interpellation gab, wie wir erfahren, ein Unfall, der ebenfalls durch die Rücksichtslosigkeit eines Fahrzeugführers verursacht wurde, welcher an einer Tramhaltestelle sein Fahrzeug weder beherrschte, noch seine Fahrweise den Verhältnissen anpasste. Diese Anfrage an die oberste Behörde einer unserer verkehrsreichsten Städte muss für alle Automobilisten und Motorradfahrer ein Fingerzeig sein, dass es gilt, auf strenge Disziplin in den eigenen Reihen zu halten, wenn wir nicht das Verständnis der Oeffentlichkeit für unsere Sache verscherzen und uns unter das alte, verhasste Regime der Höchstgeschwindigkeiten zurückversetzt sehen wollen. Lassen wir es deshalb nicht an gegenseitiger Aufklärung fehlen und helfen wir mit, dass beabsichtigte oder ungewollte Missdeutung des seinerzeit umstrittensten Artikels des neuen Gesetzes nicht neuerdings eine unerquickliche Diskussion heraufbeschwröt, die für den Motorfahrzeugverkehr unerfreuliche Folgen haben könnte. Was nun die zweite und gemeingefährliche Gruppe der unbelehrbaren Rowdies und Strassenlümmel anbetrifft, die weder durch Vorschriften noch durch ein modernes Gesetz zu belehren sind, so kann nur schärfste Verachtung und Bekämpfung durch das Heer der verantwortungsbewussten Fahrer und unnachsichtliche Ahndung der Vergehen durch das Gericht endlich Remedur schaffen. Angesichts der vielen Fehlurteile, die wegen mangelnder Kenntnis der heutigen Verkehrsvoraussetzungen von verschiedenen Instanzen kantonaler Gerichte in Verkehrssachen gefällt wurden, sind wir gewiss die letzten, weiteren Urteilen dieser Art Vorschub zu leisten. Gilt es aber, klar erwiesene und krasse Missachtung von wichtigen Verkehrsbestimmungen zu bestrafen, so halten wir es mit dem strengsten Richter. Für ausgesprochene Rohlinge des Verkehrs sind nach unserer Auffassung nur die strengsten Strafen gut genug. So haben wir es begrüsst, als aargauische Gerichte dem gewissenlosen Fahrer, der in der Kurve der Zürcher Ueberlandstrasse bei Spreitenbach die Vorfahrt erzwang und damit ein schweres Unglück eines korrekt rechts fahrenden Automobils verursachte, die Fährbewilligung auf zehn Jahre entzogen. Leute seines Schlages gehören eben unter dem neuen Gesetz, das charakterfeste Leute am Steuer verlangt, nicht mehr als Fahrzeugführer auf die Strasse. Um so unverständlicher ist der Spruch eines St. Galler Gerichtes, das kürzlich einen Fall zu beurteilen hatte, der ebenfalls ein bedenkliches Schlaglicht auf die Mentalität einzelner Personen, denen ein Fahrzeug anvertraut ist, wirft. Der Angeklagte hatte einen fünfjährigen Knaben überfahren und machte sich auf und davon, obwohl er den Verunglückten auf der Strasse liegen sah. Er konnte sich, nachdem die erste Verwirrung und Bestürzung vorüber war, auch später nicht entschliessen, sich den Behörden zu stellen. Als seine Verhaftung erfolgte, versuchte er es sogar noch mit zähem Leugnen, bis er sich schlussendlich unter dem F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (21. Fortsetzung) «Der Herr kennt Dackemala! Ist s die Möglichkeit! Und ich bin seit vierzehn Jahren nicht da gewesen. Kennt der Herr die Leute dort? Vielleicht den Herrn Baron, oder am Ende den Herrn Stationsinspektor? Nein, nicht? 0 Gott, o Gott, wie oft hab' ich doch schon hinfahren wollen...» Philipp zuckte zusammen. In seinem Innern fühlte er die Geburtswehen einer plötzlichen Idee. Mr. Smedley hatte ihn schlecht behandelt, mit Kenyon hatte er auch noch ein Hühnchen zu pflücken, wie wäre es, wenn ... «Aber, Mr. Johnson,» sagte er, «ein Mann in Ihrer Stellung muss doch in der Lage sein, nach Hause zu fahren!» Mr. Johnsons Augen betrachteten ihn mit wiedererwachtem Misstrauen. Das war offenbar ein Landsmann von jener Sorte, die sich an Patrioten herandrängt, um sie zu begaunern. «Ein bisschen,» sagte er vorsichtig, «legt man ja schliesslich zurück (Mr. Johnson hatte schon 8000 Kronen schwedischer Münze zurückgelegt), aber viel ist's nicht, mein lieber Herr.» Philipp merkte, wo der Schuh drückte und schlug sofort einen anderen Ton an. «Sie missverstehen mich, Mr. Johnson, ich meine, Sie müssen doch im Sommer sehr viel Zeit haben.» «Na ja, das schon,» gab Mr. Johnson zu, «zu tun hat eins nichts, den ganzen Tag, die ganze Woche, den ganzen Sommer, gerade nur die Bäume zu giessen, das ist alles, denn die Herren sind doch nach Norway und Kanada gefahren. Oft und oft habe ich mir gedacht: jetzt gehst du auch abroad, fahr' einmal nach Hause nach Schweden und besuch deine Leute in Dackemala ...» Philipp warf einen raschen Blick auf Mr. Johnson; in seinen wasserblauen Augen war eine wortlose Sehnsucht nach dem Lande zu lesen, in dem er das Licht der Welt erblickt hatte. Er reichte ihm rasch eine Zigarre aus seinem Futteral und sagte: «Sind Sie heute abend frei, Mr. Johnson?» «Na ja, das schon,» gab Mr. Johnson zögernd zu. offenbar neue Tücken von Seiten des unbekannten Herrn befürchtend. «Dann kommen Sie doch mit mir nach Hause,» sagte Philipp herzlich. «Essen Sie bei mir ein einfaches belegtes Brot mit Schnaps und trinken Sie ein Glas Punsch. Ich habe auch so manches liebe Jahr nicht mehr schwedisch gesprochen, Mr. Johnson, und ich kann Ihnen sagen, mir schmeckt's auch. Kommen Sie! Es ist gleich hab 9 Uhr.» Mr. Johnson betrachtete den eleganten Herrn mit Augen, in denen die Worte belegtes Brot, Schnaps, Punsch einen Funken entzündet hatten, aber aus denen gleichzeitig die angeborene Wachsamkeit den Fremden mit scharfen Scheinwerfern beleuchtete. Ein kurzer Kampf spielte sich in seinem Innern ab, und sich mit dem Gedanken beruhigend, dass er keine Wertsachen bei sich trug, verbeugte er sich hölzern und sagte: «Ich danke auch recht schön, das ist aber schon sehr liebenswürdig von dem Herrn! Aber ich bin ja nicht angezogen, so kann ich doch nicht kommmen. Ein anderes Mal.» Der Instinkt, sich nötigen zu lassen, stirbt zuletzt von allen angeborenen Trieben; aber auch er erlag den kräftigen Axthieben von Philipps Ueberredungskunst, und artig nebeneinander rauchend, gingen die beiden Herren schweigend zum Hyde Park hinaus. Zwei Tage später sass Mr. Johnson in einer milden Sommernacht auf dem Verdeck eines Dampfers, der von Harwich nach Esbjerg in Dänemark ging, und in seiner Tasche hatte er ein Billett nach Malmö. Und den Grund dafür wusste er selbst kaum. In Gesellschaft des fremden Herrn hatte er den Hyde Park verlassen und war in einer Droschke zu ihm nach Hause gefahren. So fein, wie es dort war, hatte Mr. Johnson es noch, nie «gesehen, weder bei Mr. Smedley, noch bei einem seiner Herren. Der fremde Herr hatte ihm sein Haus gezeigt und seine Autos — er hatte zwei, ein blaues und ein grünes — und dann waren sie ins Rauchzimmer gegangen. Hatte Mr. Johnson schon gegessen? Nein, das hatte er nicht, nicht viel, beeilte er sich im Widerspruch mit der Wahrheit hinzuzufügen. Wollte er einen Whisky vor dem Speisen nehmen? Mr. Johnson wollte es. Sie tranken also einen Whisky im Rauchzimmer, während sie über Mr. Smedley sprachen, der eigentlich ein rechter Geizkragen war, und über seine Mieter. Mitten drinnen wurde gemeldet, dass serviert war, und sie gingen in einen feinen Speisesaal. Da war ein schwedischer «Smörgasbord» hergerichtet, mit Hummer und Anchovis, Fleischpasteten, Omeletten und Radieschen; da war gebratener Hering und geräucherter Hering in Lauchsauce und eingelegter Fetthering. Und dazu nahmen Mr. Johnson und der fremde Herr viererlei verschiedene Schnäpse, es war auch Aquavit und Ungebleichter da, und dann fragte der fremde Herr, ob sie nun eine richtige schwedische Hausmannskost essen wollten. Mr. Johnson, der ganz krank vor Sehnsucht nach Schweden war, sagte ja, ja, und ass sich pumpsatt an braunen Bohnen und gebratenem Speck und gedünsteter Ochsenzunge mit Kartoffelpüree und Pfannkuchen mit Marmelade und Obersschaum. Als er nicht mehr essen konnte, und sein Bier ausgetrunken und den Wein abgelehnt