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E_1933_Zeitung_Nr.029

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 31. März 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 29 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ericheint laden Diemtag und Freitttr Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, •«fern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Der Automobiltourismus in Gegenwart und Zukunft. Heute ist für einen grossen Teil des schweizerischen Fremdenverkehrsgebietes der Reiseverkehr eine Funktion der Strasse, ihr Exponent aber das Automobil geworden. Was im Zeitalter der Romantiker für den Fremden den Inbegriff der Schweiz verkörperte, war die Anmut und Lieblichkeit von Hügelland und Voralpen mit den Alpenrandseen. Für das Hochgebirge galt zwar längst nicht mehr das Urteil des Altertums, das sich bei dem aus dem Voralpenland stammenden Livius als «foeditas Alpium — Scheusslichkeit der Alpen» — niederschlug. Indessen stand auch fernerhin, abgesehen von vereinzelten naturwissenschaftlich orientierten Hochtouristen, ein weiterer Kreis überhaupt in keinem Verhältnis zu unserem Hochalpenland — bis zu dessen Erschliessung mit unseren Alpenstrassen. Sehen wir ab von dem 1805 eröffneten Simplon, der seine Entstehung der napoleonischen Devise « pour faire passer le canon » verdankt, so hat die Schweiz zwischen 1821 und 1901 26 durchgehende Alpenstrassen erbaut, hauptsächlich aus verkehrspolitischen Gründen. Der auf ihnen unterhaltene PferdepöstBetrieb war ein Musterbetrieb, zugleich aber ein Sorgenkind der Postverwaltung, die dabei Unsummen zusetzte; nur ein einziges Mal, 1852, brachte ein einziger Pass, der Gotthard, bei einer Jahresfrequenz von rund 70 000 Reisenden, einen kleinen Ueberschuss. Mit der Zeit aber Hess die Konkurrenz der unvergleichlich rascheren Eisenbahnverbindungen die mit Millionenaufwendungen erbauten Kunstwerke des 19. Jahrhunderts veröden. Einen nie geahnten Umschwung, die Renaissance im Alpenstrassenverkehr, hat im 20. Jahrhundert das Motorfahrzeug herbeigeführt. Diese neue Erschliessung des Alpengebietes kann zu einem der wirkungsvollsten Werbemittel für unseren Fremdenverkehr ausgestaltet werden. An Hand statistischer Angaben will ich nachher ungefähr zu berechnen suchen, was ) Auszug aue •dem Vortrag, gehalten am Schweizerischen Kongress für Touristik und Verkehr. Von Dr. 77». Gubler, *) dieser Teil des Fremdenverkehrs unserem Lande einbringt. Statistisch nicht zu erfassen ist die Zahl der Ausländer, die unsere prächtigen Postautomobile benützen. Sicher machen die schweizerischen Fahrgäste einen hohen Prozentsatz aus. Wir freuen uns heute darüber, dass das Bereisen unserer Alpengegenden dank den ebenso demokratischen wie komfortabeln, in ihrer Qualität den teuersten ausländischen Luxusautomobilen ebenbürtigen Postwagen sozusagen jedermann aus unserem Volke möglich geworden ist. Dabei aber darf die Allgemeinheit daran erinnert werden, dass das alles nicht von selber gekommen ist, sondern dass sie dies im Grunde einem Vorläufer, dem privaten Automobilismus, verdankt, vor allem jenen Pionieren, die die erste Entwicklung mitgemacht und ermöglicht haben. Wir sprechen heute vom Siegeszug des Automobilismus. Gegenüber der in allen Verkehrsneuerungen stets reaktionären Majorität war es einst, genau wie ein Menschenalter zuvor beim Fahrrad, eher ein Dornenweg oder ein Spiessrutenlaufen. Man wollte nicht einsehen, dass der Staub von der Strasse kam und dass nicht das Automobil ihn « machte ». Ohne Schimpfwörter» geballte Fäuste, Steinwürfe, Nägelstreueit ging es auch für den anständigsten Automobilisten nicht ab. ; Es blühten die Qeschwindigkeitsmaxima von 15, 10, 8, ja sogar 6 km, verbunden mit regelrechtem Fallenbetrieb, der in der Auslandspresse mit « Wegelagerern » und « Strauchdieben» quittiert wurde. Verbunden ferner mit unverhältnismässig hohen Strafen und dem «Bussenanteil des Verleiders», einem Schandfleck unserer Rechtszustände, alles ; Dinge, die im Jahre 1905 zur Boykottierung der Schweiz durch den Internationalen Automobilverband führen mussten. Eine schwere Schädigung des Automobilfremdenverkehrs bedeutete auch die jahrzehntelange Sperrung unserer Alpenstrassen im Gegensatz zu denen des Auslandes, auf denen sogar schon die Postkurse im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts automobilisiert waren. Durch die Interessenpolitik des I2VSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. tür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nninmern Pferdefuhrhaltereigewerbes ist 1909 jene die Bearbeitung und Herausgabe ihrer grossen internationalen Automobiltourenführer Maienfelder Initiative zustande gekommen, deren Auswirkungen bestimmt waren, zum der Schweiz anvertraut haben. Auch diese Nutzen der Dolomiten das Automobil von internationalen Führer, die man in den Händen der Automobilisten der ganzen Welt Qraubünden bis 1923 bzw. 1927 fernzuhalten. Man muss die Auslandspresse jener Zeit verfolgt haben, um zu ermessen, wie fabelhaft stechenden Abschnitte über die Schweiz als findet, wirken durch die besonders hervor- unbeliebt wir uns damals im Ausland gemacht gutes Reklamemittel. haben. Wiederum sind es die Verbände, die mit 1906 wurde als erster schweizerischer Pass der Initiative für das Triptyk-System und die der Simplon für je drei Tage wöchentlich Ausgabe der Carnets de Passage die praktische Lösung fanden für die reisetechnisch freigegeben, bald auch der Brünig, 1909 der Gotthard. Dann jahrelange Pause bis zur unmögliche Institution der Zollhinterlegung, Mobilisationszeit. Auf den meisten freigegebenen Alpenpässen nun erhoben die Kantone seitige Uebernahme der Zollgarantien geregelt indem sie auf internationaler Basis die gegen- Strassentaxen (die Strecke Furka—Klausen haben. kostete z. B. 23 Fr.), was anerkanntermassen Ebenso lag bis vor kurzem die Strassenmarkierung fast vollständig in den Händen gegen Art. 30 der Bundesverfassung verstiess, aber vom Bundesrat geduldet wurde bis der Verbände. Es gilt dies nicht bloss für zur erstmaligen Ausrichtung des Benzinzollviertels — auch das wieder im Ausland zur Wegweisung durch weither lesbare Aufschrif- die Warnungstafeln, sondern auch für die Stimmungsmache gegen die Schweiz ausgenützt. im Gegensatz zu den praktisch nicht in Beten mit Angabe der grösseren Etappenorte, Geblieben ist eine andere vielköpfige Hydra, tracht fallenden kantonalen Wegweisern mit die fünfundzwanzigfache Vielgestaltigkeit im ihren meist nur den Lokalverkehr interessierenden Miniaturbuchstaben. Ich erinnere Sie Strassenbau und Strassenunterhalt. Wir haben keine « Bundesstrassen ». Was trotz diesem vor allem an die vom A. C. S. und T. C. S. Anachronismus im schweizerischen Strassenwesen die auf sich selber gestellten Kantone Routes», die dem in Frankreich verwirk- fundierte « Societe Suisse du Numerotage des geleistet haben, verdient in Anbetracht dieses lichten Ideal der durchgehenden und offiziellen Numerierung sämtlicher Landstrassen Umstandes nicht nur Anerkennung, sondern Bewunderung. zustrebte. Heute nun fängt der die Automobilsteuern in Empfang nehmende Staat an, Das Werk der Verbände» sich auf seine Pflicht zu besinnen, und glücklicherweise ist auch die ßtrassenmarkierüng, Wenn im übrigen der schweizerische Automobiltourismus wurde, was er heute ist, so und Strassensignalisierung eidgenössisch geregelt worden, so dass, nebenbei gesagt, die dankt er es den am Strassenverkehr interessierten Verbänden. Mit der touristischen Literatur hat der Entwicklung des Automobilis- verschwinden wird. Reklameblechpest, von unseren Landstrassen mus vorgearbeitet der Schweiz. Radfahrer- Bund, der durch eine seiner Sektionen schon Eine von einzelnen erst im Bedarfsfall richtig gewürdigte Einrichtung ist der Strassen- im Jahre 1890 die erste eigentliche, und zwar mustergültige Strassenkarte, neun Blätter in hilfsdienst des T. C. S., dessen uniformierte 1:200 000, mit Distanzangaben herausbrachte, Angestellte mit ihren Sidecars auf unseren auf der die Steigungsverhältnisse graphisch Hauptverkehrsstrassen hin und her pendeln, in fünf Abstufungen dargestellt wurden. stets hilfsbereit als praktische Mechaniker zur Textlich und kartographisch als Musterleistungen hervorzuheben sind die mehrgleich aber auch mit ihrem Sanitätsmaterial ersten Behebung von Wagenstörungen, zusprachig erscheinenden Ausgaben « Offizieller Automobil führer der Schweiz» des selbst zum Abtransport von Verletzten in zur ersten Hilfeleistung bei Unfällen und A. C. S. und « CH-Touring » des T. C. S., und dem hiefür besonders konstruierten Seitenwagen. nicht als blossen Zufall wird man es bezeichnen dürfen, wenn die zwei grossen Was die ausländischen Automobiltouristen Weltverbände, A. I. A. C. R. und L. I. A. T., ! bei uns stets wieder bewundern, ist der vom F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin. (1. Fortsetzung) Inhalt des bisher erschienenen Teils: Der in den besten Mannesjahren stehende Erwin Manthey taucht eines Tages in dem kleinen Dorfe Priebenow am Kolmanzersee in Preussen als Fremdling auf. Erst mietet er eich im Gasthof ein, nachher bezieht er ein Zimmer in einem kleinen Häuschen gegenüber dem bekannten Schloss Priebenow. Mit der Tochter der Vermieterin schliesst er Freundschaft. Eines Tages meldet sich Manthey beim Direktor, der das prachtvolle Schloss ganz allein bewohnt. Der Diener, dem man den ehemaligen Soldaten ansah, schüttelte den Kopf. Es sei das Herz, das mache dem Herrn öfter Beschwerden, namentlich um diese Jahreszeit, — ob er etwas bestellen dürfe. «Nein, danke. Ich kam nur wegen einer kleinen Bauparzelle. Ich werde ein andermal wieder vorsprechen.» Mit gerunzelter Stirn ging Manthey in das Wirtshaus zum Mittagessen. Dort wurden heute ein paar Tische mehr als sonst mit sauberen Decken belegt. Es war Gründonnerstag und am Abend gab es regeren Besuch als bisher. Gäste kamen und gingen. Bauhandwerker, Torfarbeiter, Fischer und Holzfäller, die nur im Vorbeikommen einkehrten und meist bald weitergingen, dazu mehrere Einheimische, die sesshafter waren. Ein hagerer Postbote mit nur einem Arm hatte sich ein Bier am Schenktisch geholt und sah sich nach einem Stuhl um. Manthey, der seinen alten Stammsitz in der Ecke hatte, winkte ihn an seinen Tisch. Der Beamte erzählte, er sei vor dem Kriege Briefträger in Osthavelland gewesen und, nachdem er bei Tannenberg einen Arm verloren, an das hiesige Postamt gekommen, wo es im Sommer viel zu tun gebe. «Ich habe Sie schon öfter da in Ihrem Kahn sitzen sehen, gerade dem Schloss gegenüber.» «Ja, es ist ein hübscher Platz!» «Aber da beissen die Fische nicht so gut wie drüben am anderen Ufer. Der Kolmanzer See hat seine Geheimnisse. Da sind ganz tiefe Stellen, so tief wie in keinem anderen See der Mark, schrieb neulich ein Schulmeister im Beeskower Anzeiger. Ein solches «Deep» ist hier in der Nähe, am Kolmanzer Wasserzeichen, wo der Spiebach einmündet, da sollen drei menschliche Gerippe drin liegen, sagt der alte Fischer Rüden.» Auf ein paar hingeworfene Fragen Mantheys erzählte der Postbeamte, dass Schloss Priebenow, in früheren Jahrhunderten den Grafen gleichen Namens, zuletzt einer Familie von Löpel gehört habe, deren letzter Stammhalter im Weltkrieg gefallen sei. Der jetzige Besitzer, Direktor, oder wie er seit einiger Zeit mitunter auf Briefadressen genannt werde, Generaldirektor Nicola habe das Schloss nach dem Kriege gekauft und ganz «neu renovieren» lassen. «Das hat 'ne Stange Gold gekostet.» Manthey bemerkte, dass ihn seit einiger Zeit ein Mann mit ungepflegtem Bart und graumeliertem Haarsturz verstohlen musterte. Er trug lange Fischerstiefel und trank Schnaps aus einer Flasche, die er sich hatte füllen lassen. Aus dem Wirrwarr von Bartgestrüpp, das kaum zwei Flecken Haut im Gesidst sehen Hess, stachen ein paar unruhige schwarze Augen hervor. Manthey tat, als bemerke er ihn nicht. «Wer war denn das?» fragte er den Postbeamten, als der Mann gegangen war. «Ein Häusler vom See, Dvorak. Nebenbei Fischer. Der wird immer erst zu Nacht munter, wie der Iltis.» «Mögen Sie noch ein Glas Grog trinken?» fragte Manthey. Er sei kein Spielverderber, lachte der Postbeamte, er habe lange keinen Grog getrunken. Die dampfenden Gläser kamen. Manthey trank seinem Gast zu, nippte aber nur. «Wovon sprachen wir doch?» «Von Herrn Nicola.» Manthey gähnte. «Ach ja! Was ist mit dem? Man sieht ihn ja so selten und immer allein. Ist er nicht verheiratet?» «Gewesen! Seine'Frau war eine Amerikanerin. Sie starb im Krieg. Ich kenne die ganze Geschichte,» setzte er mit bedeutsamem Kopfnicken hinzu. «Ich bin nämlich aus Satow.» Manthey fasste gleichmütig nach seinem Tabakschächtelchen und stopfte die Holzpfeife. «Was ist mit Satow? Wo liegt das?» «In Osthavelland. Da stammt Nicola nämlich her. Sein Vater hatte da ein Gut, das er übernahm, als der Alte starb.» «Das hat dann wohl viel eingebracht* er soll doch reich sein?» «Er hat schön geerbt. Aber das meiste stammt wo anders her! Als der Krieg kam, musste er ja mit, kam aber bald schwer herzkrank und mit einem Beinschuss retour. Ist dann auch nicht wieder draussen gewesen. Sie haben den Krieg auch mitgemacht?» Manthey drückte den Tabak in seiner Pfeife mit einem Stöpselchen fest. «Ich war im Ausland. — Leider!» setzte er nachdenklich hinzu, als er die verwunderte Miene des Einarmigen bemerkte. «Also, da hat Herr Nicola das Gut Satow damals verkauft?» «Erst nach dem Tode seiner Frau. Ich kann Ihnen sagen, der hat sein Geld anzulegen gewusst. Kaufte Grundstücke, eine Likörfabrik, ein grosses Weingeschäft und so — es war, wie wenn er 'ne grosse Unruhe hätte! Er hat sich ja auch damals das Trinken angewöhnt.» «Dann ist ihm der Tod seiner Frau wohl sehr zu Herzen gegangen? War jedenfalls eine glückliche Ehe?» «Ach!» Der Einarmige stiess das Wort kurz heraus und drehte den Kopf zur Seite. «Im Gegenteil! Vorher merkte man ja nichts. Aber im Krieg! Krach über Krach! Seitdem die Amerikaner gegen Deutschland losgezogen waren,» erzählte er weiter, «hat es im Hause alle Tage Spektakel gegeben. Einmal bei offenem Fenster. Und geschlagen hat er sie auch, aber sie hat sich gewehrt!» lachte er. «Na, ich könnte da manches erzählen.» Der Wirt, der gerade vorüberging, blieb einen Augenblick stehen. «Lassen Sie gut sein,» sagte Manthey, «mich geht der Mann ja nichts an, und geredet wird viel. Namentlich aus der Kriegsund Nachkriegszeit. Da hat mancher sein Dreckl am Stecken.» «Das ist wahr. Schwamm drüber. Prosit! Uebrigens glauben Sie nur ja nicht, dass ich