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E_1933_Zeitung_Nr.036

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Ausgab«: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 25. April 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 36 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dientag nnd Freltn« Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. inseratensehlnss 4 Tage TOT Erscheinen der Nummern Der Automobilverlad durch den Gotthardtunnel Der allgemein gesteigerte Osterverkehr dieses Jahres hat auch im Bahnverlad von Automobilen durch den Gotthard überraschende Frequenzen gebracht. Es war vorauszusehen, dass der Verkehr dieses Jahr noch grösser würde als letztes, aber mit den tatsächlich eingetroffenen Rekordziffern hatte doch niemand gerechnet. Die Sektionen Zürich des A. C. S. und T. C. S. hatten für Donnerstag vor Ostern Extrazüge für den Nord-Süd-Verkehr von Göschenen nach Airolo organisiert und am Ostermontag solche für den Süd-Nord-Verkehr von Airolo nach Göschenen. Die guten Erfahrungen, die in den letzten zwei Jahren mit diesen Extrazügen gemacht wurden, mögen auch wesentlich zur Frequenzsteigerung beigetragen haben. Donnerstag und Karfreitag wurden von Göschenen nach Airolo total 393 Automobile verfrachtet. Für die fünf Ostertage erhöht sich diese Zahl sogar auf 497. In umgekehrter Richtung wurden am Ostermontag nnd Dienstag 349 Wagen verladen, eine Ziffer, die sich für die gesamten Ostertage noch auf 448 erhöht, insgesamt also ein Bahntransport vo'm 13.—18. April von beiläufig 945 Automobilen. Diese gewaltige Verkehrssteigerung gerade in einem Zeitpunkt, in welchem die Gotthardstrecke sowieso durch eine Menge Extrazüge sehr stark belastet war, stellte an die Bahnverwaltung in organisatorischer Hinsicht keine leichte Aufgabe. Wie uns aber von verschiedener Seite mitgeteilt wurde, ist der Sondertransport durch den Gotthard im grossen und ganzen reibungslos vor sich gegangen. Dass beim Verlad kleinere Unzukömmlichkeiten vorkommen konnten, war selbstverständlich kaum vermeidbar. Es ist aber anerkennend festzustellen, dass die Bahn ihr Möglichstes getan hat, um zwischen den fahrplanmässigen Extrazügen noch die Spezialzüge für den Automobiltransport möglichst rasch abzufertigen. Die Verlademöglichkeiten in Göschenen sind recht günstig. Neben der kleinen Rampe am Bahnhof selber besteht noch die grosse Militärrampe, zu deren Benützung das Festungskommando St. Gotthard auch in verdankenswerter Weise seine Einwilligung gab. So konnte denn, obschon in Göschenen am 13. April 273 Automobile abgefertigt werden mussten, dieser Verlad schlankweg durchgeführt werden. Etwas schwieriger gestalteten sich aber die Verladeverhältnisse am Ostermontag in Airolo. Leider stehen dort nur zwei kleine Rampen zur Verfügung. Zudem sind die Anlagen derart, dass ein reibungsloser Verlad bei dem grossen Andrang wie, er am Ostermontag war (243 Automobile), kaum möglich ist. Wenn deshalb der eine oder andere Automobilist am Ostermontag in Airolo etwas länger warten musste als ihm angenehm war, so ist in diesem Falle sicher den Bundesbahnen die geringste Schuld zuzumessen, denn sie mussten mit den bestehenden Bahnanlagen auskommen, denen der gewaltig gesteigerte Osterverkehr gegenüberstand. Wie uns von seiten der S.B.B, mitgeteilt wird, sind nun Studien im Gange, um im kommenden Jahre die Verlademöglichkeiten zu verbessern, um eine schnellere Abwicklung zu gewährleisten. Kreisdirektor Labhardt und Betriebschef Liebi haben denn auch schon an den Ostertagen die Frage an Ort und Stelle studiert, so dass anzunehmen ist, dass im nächsten Jahr schon mit wesentlichen Verbesserungen zu rechnen ist. Den springenden Punkt bei dem Automobiltransport durch die Alpentunnels bilden heute noch die unbegreiflich übersetzten Tarife. Für den Osterverkehr hatten die Verbände erreicht, dass die Benutzer ihrer Extrazüge ihre Wagen zur Frachtguttaxe von Fr. 18.— befördern konnten. Dazu kam pro Person noch ein ermässigtes Billet von Fr. 1.05. Wie uns mitgeteilt wurde, konnten dann am Ostermontag beim Rücktransport von Airolo nach Göschenen die sämtlichen Automobilisten, also auch diejenigen, die nicht für die Extrazüge der beiden Clubs angemeldet waren, ihre Wagen für Fr. 18.— spedieren lassen. An den übrigen Ostertagen aber war diese reduzierte Taxe nicht in Kraft. So erhalten wir von einem Automobilisten, der am Ostersonntag von Airolo nach Göschenen fuhr, eine Zusammenstellung der ihm für den Bahnverlad erwachsenen Kosten. Es wurden bezahlt: Autotransportkosten Airolo^Göschenen Fr. 41.— Drei Billets III. Klasse ä Fr. 1.75 » 5.25 Ausladegebühr (Sonntagstaxe in Göschenen) » 10.— Total für 16 km Fahrt Fr. 56.25 Somit kostet der Transport pro Kilometer Fr. 3.51. Als Gegenbeispiel mag der Tarif der P. L. M. erwähnt werden, der über die Osterfeiertage Propaganda machte für den Verlad von Automobilen auf ihren Bahnlinien und dabei für 1000 km, inkl. Billette für drei Personen, den Betrag von 303.45 franz. Franken verlangte, was 62 Schweizerfranken ausmacht oder pro Kilometer 6,2 Rappen. Der Unterschied zwischen den 6 Rp. auf den französischen Bahnen und den Fr. 3.51 pro Kilometer durch den Gotthard erübrigt jeden Kommentar. Die erste Forderung, die wir immer wieder stellen müssen, ist die, dass die Transportkosten durch den Gotthard-Tunnel unverzüglich stark reduziert werden müssen. Fr. 18.— für Eilgutbeförderung, wie sie für die Extra- züge an Ostern bezahlt werden mussten, scheint uns ein Maximum dessen, was man das ganze Jahr durch von den Automobilisten als Taxe verlangen kann. Dazu kämen dann noch die normalen Bahnbillette für die Reisenden. Wir sind vollends überzeugt, dass die Bahn dadurch nicht nur keine Einbusse erleidet, sondern ganz im Gegenteil eine Frequenzsteigerung erfährt, die ihr auch wesentlich erhöhte Einnahmen bringt. Ein ganz düsteres Kapitel bei der Verladerei von Automobilen auf die Bahn durch den Gotthard bildet die Sonntagstaxe, welche die Gemeinde Göschenen verlangt und die unverschämte Höhe von Fr. 10.— erreicht. Auch die Gemeinde Erstfeld verlangt eine solche durch nichts begründete Sonntagstaxe, die allerdings um die Hälfte niedriger ist als in Göschenen, aber immerhin noch mit Fr. 5.— hoch genug, wenn man bedenkt, dass die Gemeinde hierfür gar nichts leistet. Wieso diese beiden Ortschaften überhaupt dazu kommen, solche Taxen zu erheben, ist nicht erfindlich. In einer Zeit, wo man die äussersten Anstrengungen macht, um den Verkehr in jeder Beziehung zu heben und zu fördern, sind solche Spezialsteuern ein Unding. Göschenen und Erstfeld wären wirklich gut beraten, wenn sie diese Sonntagstaxen schnellstens abschaffen würden. Aehnlich wie am Gotthard liegen selbstverständlich die Tarif-Verhältnisse auch beim Simplon und Lötschberg, ja sie sind sogar noch ungünstiger, und von den Tarifen auf der Albulastrecke wagt man überhaupt nicht zu sprechen. Wenn die Bahnen in ihrer Tarifpolitik kein Entgegenkommen zeigen, so sind wir sicher, dass es nicht mehr lange gehen wird, bis die in Frage kommenden Alpenstrassen Gotthard und Simplon und in Graubünden der Julier ganzjährig freigehalten werden. Dass die Bahnen dann den einmal abgewanderten Verkehr überhaupt nicht mehr zurückgewinnen können, dürfte leicht auszurechnen sein, weshalb es doch bedeutend klüger wäre, heute die Tarife für Bahnverlad von Automobilen schon so zu senken, damit eine Offenhaltung der Passstrassen im Winter sich gar nicht mehr lohnt. Den momentanen Zustand auszunutzen, und die Tarife hochzuhalten ist unklug, und zeugt vor allem nicht für ein besonderes Verständnis für die äussersten Anstrengungen, die gemacht werden müssen, um unserm gesamten Fremdenverkehr wieder einen neuen mächtigen Auftrieb zu geben. Lr. Frühzeitige Oeffnung der Ootthardstrasse. Wie bereits an dieser Stelle mitgeteilt, setzt sich dieses Jahr die Vereinigung Gotthardstrasse energisch dafür ein. dass die Gotthardstrasse möglichst frühzeitig dem Verkehr geöffnet werden kann. Es wurde denn auch sofort mit den zuständigen Behörden der Kantone Uri und Tessin Fühlung genommen, wobei sich ergab, dass die Freimachung des kleinen urnerisehen Abschnittes von Hospenthal bis zur Tessiner Grenze keine merklichen Schwierigkeiten bieten werde. Anders lag es aber beim Tessiner Abschnitt, der jeweils erheblich grössere finanzielle Mittel für die Schneefreimachung erfordert, besonders was das Teilstück vom Beginn der Tremoloschlucht bis zum Hospiz anbetrifft. Es fand nun letete Woche in Bellinzona eine Unterredung einer Delegation des Vorstandes der Vereinigung Gotthardstrasse mit dem Leiter der Tessiner Baudirektion statt. Dabei konnte die erfreuliche Lösung gefunden werden, dass die Schneefreimaehung definitiv an einen Tessiner Interessenten vergeben wurde und zwar mit der Bedingung, dass die Gotthardstrasse auf Tessiner Boden spätestens am 15. Mai dem Verkehr freigegeben werden muss. Sollten sich süäter erneute Schneefälle einstellen, so ist es dem F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (8. Fortsetzung) Er leuchtete noch flüchtig einige Wandgestelle und Etiketten ab und widerstand der Versuchung, eine Flasche mitzunehmen. Es ist besser, ich behalte einen klaren Kopf, sagte er sich, als er die Treppe wieder emporstieg. Er schloss die Kellertür ab und steckte den Schlüssel ein. Sollte noch ein zweiter Schlüssel vorhanden sein? Das wollte er morgen früh bald herausbekommen. Während er hinaufging, überfiel ihn eine grosse Mattigkeit. Die Last seines Unternehmens drückte ihn schon jetzt. Er hatte doch wohl ein zu schwieriges Werk auf sich geladen. Sein Herz war nicht gehärtet genug dazu. Nachdenklich humpelte er — denn er wollte diese Täuschung zur Uebung beibehalten, auch wenn er nicht beobachtet wurde — in das Schlafzimmer. Er sah nach der Uhr. In zehn Minuten fünf. In dreiviertel Stunden etwa musste die Sonne aufgehen. Als er im Schlafzimmer Licht machte, überkam ihn zum erstenmal seit der furchtbaren Begebenheit ein wohliges Gefühl. Dies grosse, weisse Bett, so einladend aufgeschlagen, mit dem feinen Linnen und gestickten Kissen — es schien ihn heranzuwinken. Ihn überfiel eine Stimmung, der er sich später, wenn er daran zurückdachte, schämte; eine fast rührselige Weichheit, Mitleid mit sich selber. Ja, ja, sagte er zu dem einladenden Lager, ich komme. Ich lege meinen heissen Kopf in deine weiche Kühle, ich verstörtes Menschenkind, träume mich in ein anderes Land... Er riss sich die Kleider vom Leibe. Das tat wohl! Wie schwer hatten sie ihm die Glieder bedrückt, diese Kleider des Toten, noch warm von seinem Leben... Wie hatten sie ihn umklammert mit ihren Polypenarmen, als wollten sie ihn hinabziehen... Er warf die Kleider zu Boden und setzte sich, eine Weile verschnaufend, auf den Bettrand. Ein neues Bedenken stieg in ihm auf. Ob Richard abends seine Stiefel und Kleider zum Reinigen hinausgetan hatte, oder ob, wie das in alten Häusern üblich war, der Diener sie morgens aus dem Zimmer holte? Eine Nebensächlichkeit, gewiss! sagte er sich, aber drei, vier solcher Nebensächlichkeiten genügten, Aufsehen und Verdacht zu erregen. Er entschloss sich, die Kleider liegen zu lassen Er konnte ja vergessen haben, sie hinauszulegen. Aus dem Wäscheschrank in dem Ankleidezimmer nebenan holte er sich reines Unterzeug, auch einen anderen Anzug für morgen. Endlich schien alles erledigt. Er wickelte sein altes Unterzeug um seine Stiefel und versteckte das Bündel unten im Spind, um es morgen beiseite zu schaffen, denn «Hille Bobbe» schien ja jedes Kleidungsstück zu kennen. Als er endlich ins Bett sank, war es schon so hell, dass man alle Gegenstände deutlich erkennen konnte. Er löschte sogleich das Licht. Einen Augenblick lag er erschöpft und spürte mit Behagen die kühle Weichheit der sauberen Bettücher an seinem Körper. Muskeln und Sehnen entspannten sich; in tiefem Wohlgefühl streckte er die Beine aus. Er hoffte, gleich einschlafen zu können. Und wirklich stieg auch in Kopf und Nakken die Empfindung einer wonnigen Ruhe auf. Die geschlossenen Augen schienen gekühlt zu werden von einer linden Hand. Nur im Hirn tickte es noch hastig und heiss. Aber auch dort würde die Unrast sich hoffentlich bald legen. Er drehte sich auf die andere Seite — wie wohl diese neue Lage seinen Gliedern tat! Er kuschelte den Kopf ins kühle Kissen und erwartete den Schlaf. Aber die Gedanken blieben munter. Und sobald er sich darüber ärgerte, wurden sie noch munterer. Sein Gehirn flimmerte unaufhörlich von Bildern dessen, was geschehen war, und was nun folgen würde. Das hättest du dir gestern nicht träumen lassen, armer Bruder Richard, dass du heute nacht im Keller unter Strohhülsen und ich hier unter deiner Daunendecke liegen würde. — Aber lange hättest du es ja doch nicht mehr gemacht! Dein Herz war zu schlecht!... Ob im Keller Ratten sein mögen?... In der Nähe des Wassers ziehen die Wasserratten, sagt man, bei Beginn des Winters in die Hauskeller... Hoffentlich hat die «Hille Bobbe» keinen Schlüssel zum Weinkeller! Zuzutrauen ist es ihr schon... Diese verdammte Schlüsselgeschichte... Wie ist es denn übrigens mit dem Geldschrank, der in Richards Arbeitszimmer steht? Ob ich den wohl aufbekomme? Die Schlüssel habe ich ja, aber — wenn der Mechanismus nun ein anderer ist, als der bei Mister Macomber in New Jersey, wo ich Prokura hatte. Sicher ist es ein ganz anderes System... Wenn da nun heute etwas herausgeholt werden muss!... Himmel — der anbrechende Tag ist ja Sonnabend! Also sicher Lohntag für die Gutsarbeiter! Erschrocken stand er wieder auf, nahm den Schlüsselbund, den er in den Nachttisch gelegt hatte und eilte, ohne, etwas anderes als die Morgenschuhe anzuziehen, in das Arbeitszimmer seines Bruders. Vergebens versuchte er, den Schrank zu öffnen. Er drehte ah den Rosetten, probierte an den Kombinationsschlössern, dass ihm trotz der Kühle, die im Zimmer herrschte, der Schweiss auf die Stirn trat. Endlich wurden ihm die Beine kalt. Inzwischen regte es sich im Hause. Schnell eilte er zurück und schlüpfte wieder in das Bett. Was war da zu tun? Ich werde morgen die Schlüssel «verloren» haben. Alles Suchen hilft nichts. Infolgedessen telephoniere ich an die Fabrik und bitte um sofortige Aenderung des Mechanismus, damit niemand die verlorenen Schlüssel missbrauchen könne. Das war der einzige Ausweg, indessen hatte ihn die Sache so aufgeregt, dass jetzt an Schlaf erst recht nicht zu denken war. Ueberdies horchte er unwillkürlich auf jedes Geräusch im erwachenden Hause. Er hörte, dass das Seitenportal aufgeschlossen wurde, Stimmen erklangen und verstummten. In den Zimmern des Erd-