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E_1933_Zeitung_Nr.042

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Ausgabe: Deutsche Schwett BERN, Dienstag, 16. Mai 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 42 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE*: Erscheint jeden DIeartag snd Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozusehlag, sofern nicht postamtllch bestellt. Zuschlag für postamtliebe BeateUung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Recbnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: DJe achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. InseratemehluM 4 Tag« vor Erscheinen der Nummern Wo bleibt das Gesetz? Seit etwas mehr als vier Monaten ist nun das Bundesgesetz über den Motorfahrzeugund Fahrradverkehr, auf dessen Auswirkungen die Interessenten am Strassenverkehr so viele Erwartungen knüpften, in Kraft. Dass dem so ist, haben auf alle Fälle die Motorfahrzeugbesitzer mit allem Nachdruck zu spüren bekommen. Als Erstes schnellten die Prämien der Haftpflichtversicherung in die Höhe, dann wurde man darüber belehrt, dass neue Kontrollschilder und Ausweise zu beziehen wären — natürlich nur gegen klingende Münze — fernerhin zeigte schon eine erste Durchsicht der Vollziehungsverordnung, dass an die Fahrzeuge eine Reihe technischer Erfordernisse gestellt werden, deren Beachtung weitere Kosten und Bemühungen durch die Besitzer bedingt. Dem Lastwagenverkehr sind unter dem Einfluss der Bahnen die Hügel mächtig gestutzt worden, zahlreiche andere Erfordernisse haben sich, soweit für deren Berücksichtigung nicht besondere Anpassungsfristen eingeräumt wurden, ebenfalls schon geltend gemacht. Kurzum: Der Motorfahrzeugbesitzer ist keineswegs mehr im Zweifel darüber, dass, was ihn anbetrifft, das Automobilgesetz in Wirkung getreten ist. Nun wenden sich aber Gesetz und Vollziehungsverordnung nicht nur an die Automobilisten, sondern sie bringen für die übrigen Strassenbenützer, wie vor allem auch für die Kantone, eine Reihe Verpflichtungen mit sich. Es wird im Ernste niemand erwartet haben, dass mit dem 1. Januar der Strassenverkehr mit einem Schlag eine neue Prägung annehmen und sich alsbald in den neuen, für ihn vorgesehenen Bahnen abwickeln werde. Gut Ding will Weile haben, und so wurden Uebergangsbestimmungen in die Vollziehungsverordnung aufgenommen, welche die Fristen vorgesehen, innert denen dem Automobilgesetz restlose Nachachtung zu verschaffen wäre. Einzelne Kantone zeigen nun aber keineswegs übertriebene Eile, um zur Durchführung der Verordnung «die notwendigen Massnahmen zu treffen». Andere wiederum haben die notwendigen Vorarbeiten eingeleitet oder gar schon durchgeführt, F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Unerfreuliches zum Automobilgesetz. machen dabei aber alle Anstrengungen, um sich auf dem einen oder anderen Gebiet die bisherige kantonale Hoheit zu wahren, die im Interesse einer endgültigen Vereinheitlichung der Verkehrsvorschriften durch das Bundesgesetz in genau umschriebene Schranken zurückgesetzt werden sollte. So ist ein Teil der Strassenhoheit auf den Bund übergegangen. Vor allem die Kompetenz zur Rechtsetzung über die Benützung der Strassen durch Motorfahrzeuge und Fahrräder. Kantonale Vorschriften, welche dem Bundesgesetz widersprechen, sind daher durch dieses ohne weiteres aufgehoben worden, wogegen den Kantonen die Verpflichtung Überbunden wurde, Ausführungsbestimmungen, welche mit dem eidgenössischen Recht in Einklang stehen, zu erlassen. Die Motorfahrzeugbesitzer haben die schwere Bürde, welche das Automobilgesetz für sie mit sich brachte, wenn auch schweren Herzens, auf sich genommen, in der Meinung, dass das Automobilgesetz doch mancherlei Verkehrsfortschritte bringe, welche die Opfer wenigstens teilweise rechtfertigen. So wurde in der Propaganda für das Gesetz vor allem der Wegfall der .kantonalen Sonderbestimmungen und die damit begründete grössere Freizügigkeit des Verkehrs, als ein eminenter Fortschritt gewürdigt und gepriesen. Auch wir haben im Einklang mit Verbänden und übrigen Strassenverkehrsinteresseriten diesen Standpunkt im Vertrauen auf die Kraft des kommenden Gesetzes vertreten. Als ein besonders wertvolles Unterpfand der eidgenössischen Verkehrsregelung betrachtete man die Aufhebung der noch geltenden Verkehrsverbote im Kanton Graubünden und die Beseitigung der Nachtfahrverbote mit denen der Kanton Bern seine Dekretbahnen zu schützen vermeinte. Nun, da die Zeit zur Einlösung dieser Pfänder heranrückt, sehen sich die Automobilisten, welche ihre Verpflichtung getreulich übernommen haben, unerwartet in ihren berechtigten und im Gesetz verankerten Forderungen bedroht und getäuscht. Das bedenkliche Beispiel hiefür ist die dieser Tage bekanntgewordene Roman von Karl Strecker. (13. Fortsetzung) Aber schnell zog er beide Riemen ein und die eigene Laterne aus der Tasche. «Wer seid Ihr denn? Seht Euch doch vor!» brüllte er sein Gegenüber an, während er gleichzeitig mit der Rechten die Augen vor dem blendenden Strahl schützte und mit der Linken die eigene Laterne aufblitzen liess. Ein Fischerkahn lag vor ihm im Lichtkegel, mit einer Kiste und einem Bottich in der Mitte. Am hinteren Ende sass ein Mann, der das Ruder führte. Er hielt, als der Lichtstrahl ihn traf, schnell die Hand vors Gesicht. Aber schon meinte Georg ihn erkannt zu haben. «Aha, Dvorak! Was machen Sie denn hier nach Mitternacht auf dem See?» «Guten Abend, Herr Direktor! Die Frage geb' ich zurück, Herr Direktor! sagte der Häusler und warf einen forschenden Blick auf den grossen, vom Lodenmantel bedeckten Gegenstand in Georgs Boot. Er hatte die Frechheit, mit seiner Laterne ein paarmal über den Deckmantel hinzuleuchten. «Sie können aber leise fahren, Herr Direktor, alle Achtung!» Georg kochte vor Wut. «So nehmen Sie doch Ihre verfluchte Laterne weg, die sticht einem ja in die Augen wie glühend Eisen!» «Meinen Sie etwa, das tut Ihre nicht?» fragte Dvorak und liess den taghellen Strahl immerfort über das Boot spielen. «Licht weg, oder ich schiesse!» rief Georg jetzt, seiner selbst nicht mehr mächtig, und riss die Pistole heraus. «Na, na,» sagte Dvorak verdutzt und knipste seine Laterne aus. «Das wird ja im-' mer schöner! So was ist mir doch mein Lebtag noch nicht passiert. Wollen Sie nicht wenigstens Ihre Latüchte auch ausmachen, Herr Direktor?» «Sie werden schon wissen, warum ich hier im Dunkeln auf dem See bin,» polterte Georg, sein Licht abstellend. «Nee, das weiss ich gewiss und wahrhaftig nich,» kam es im grollenden Tone aus dem Dunkel hervor. «Dann will ich es Ihnen sagen: um gewissen Fischdieben auf die Spur zu kommen.» «Ick versteh immer Fischdieben? Gibt's denn hier welche? «Das wissen Sie gewiss besser als ich. Ich sage Ihnen nur eins, nehmen Sie sich in acht!» «Was? Wie? So als icke? Na, nu wird's Dag! Meinen Sie etwa mir mit dem Fischdieb?» «Sie werden schon wissen, wen ich meine!» «Hören Sie mal, Herr Direktor, wenn Sie auch Ihr Schiesseisen da haben, beleidigen lasse ich mir deswegen nich! Ich soll der Fischdieb sein? Ich? «Das sagen Sie, ich habe es nicht gesagt.» «Nu machen Se doch bloss mit mir keene Zicken, Herr Nicola. Mit m i r bitte nich ! Da —» Er knipste seine Laterne wieder an und leuchtete über die Kiste und den Bottich, die in seinem Kahn standen. «Bitte überzeugen Sie sich gefälligst! .So leer wie 'ne Schweinsblase!» Botschaft des büddnerischen Kleinen Rates an den Grossen Rat, betreffend die Ausführungsverordnung ' zum Bundesgesetz. Diese Botschaft ist ein untrügliches Dokument für die Absicht eines Kantons, sich in bewussten Gegensatz zum Automobilgesetz zu stellen und damit erneut das Regime der kantonalen Selbstherrlichkeit aufzurichten. Das Justizund Polizeidepartement hat dem Kanton Graubünden schon zu Beginn dieses Jahres auf erfolgte Anfrage über die Auslegung der Artikel 2 und 3 des Gesetzes betreffend die Strassenhoheit von Bund und Kantonen seine Auffassung kundgegeben. Es stellte sich auf den Standpunkt, dass das Bundesgesetz für alle Strassen gelte, soweit sie der Kanton nicht gemäss Art. 3, Abs. 1, dem Motorfahrzeugverkehr als solchem (also nicht bloss für einzelne Kategorien von Motorfahrzeugen) vollständig schliesse, oder soweit nicht bloss zeitliche Beschränkungen im Sinne von Abs. 1 in Frage kommen. Beschränkende Massnahmen auf den dem Automobilverkehr nicht geschlossenen Strassen, dürfen die Kantone nach Auffassung des eidgenössischen Departementes nur noch erlassen, wenn die Voraussetzungen des Abs. 2 gegeben sind, d. h. nur für bestimmte Strassenstrecken, und für diese nur, wenn die Sicherheit des Verkehrs oder die Anlage der Strosse es notwendig mache. Diese Voraussetzungen müssen auch gegeben sein, wenn die Benützung einer Strasse nur einer bestimmten Fahrzeugkategorie verboten werden soll. Andere als die im Gesetz genannten Gründe dürften nicht berücksichtigt werden. Damit war wohl ohne jeden Zweifel die Grundlage umschrieben, auf welcher die kommende kantonale Verordnung, aufzubauen hatte. Die vorerwähnte Botschaft, welche mit löblicher Gründlichkeit und streng sachlicher Darstellung die ganze Vorgeschichte des nun ausgearbeitet vorliegenden kantonalen Entwurfes umfasst, zeigt, wie wenig man die bundesrätliche Auffassung in der ganzen Angelegenheit berücksichtigt hat, sondern vielmehr den Standpunkt der rätischen Bahn und die Meinung von deren Direktion als wegleitend betrachtete. Dies kommt aus den Darlegungen der Botschaft mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit zum Ausdruck und die einseitige Rücksichtnahme auf die Eisenbahninteressen und die damit verbundene «Glaub's schon, glaub's schon,» sagte Georg einlenkend. «Wir werden ja noch ein andermal Gelegenheit haben, uns zu unterhalten. Für heute bin ich müde. Gute Nacht!» Dvorak hatte seine Laterne noch immer nicht ausgemacht. Ihn zwickte die Neugier. Es war das erstemal, dass er den Schlossherrn von Priebenow nachts auf dem See getroffen hatte, wo er doch jede Nacht war. Direktor Nicola galt allgemein als sehr bequem und ängstlich. Auch scheute er sich, wie man wusste, seines Herzens wegen vor jeder Anstrengung. Hm, das war doch wunderlich! Und dieser rätselhafte Ballast da im Boot unter dem Mantel! «Sie haben woll 'nen Hirsch geschossen, Herr Direktor?» fragte er lächelnd. Georg hatte inzwischen seine Geistesgegenwart wiedergewonnen. Den flüchtig aufgetauchten Gedanken, Dvorak niederzuschiessen und gleich mit zu versenken, verwarf er ebenso schnell wieder. Er lachte laut. «Ja, denken Sie bloss, einen Sechzehnender! Er schwamm hier im See, und ich habe ihn mit der Pistole umgelegt. Kopfschuss! Im Stickedustern! 'ne Leistung, was? Nu bring ich ihn nach Hause. Da wird er am Spiess gebraten! Sie sollen 'ne Keule abhaben! Hahaha!» Damit tat er ein paar kräftige Ruderschläge und entfernte sich nach dem Schloss zu. «Wird mit Dank angenommen. Die Keule hol' ick mir, Herr Direktor!» rief Dvorak, scheinbar arglos auf den Scherz eingehend. «Mir machst du nich dumm,» setzte er stillschweigend für sich hinzu. Knebelung des im Automobilgesetz geltenden eidgenössischen Rechtes zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Bericht des Kleinen Rates. So hatte man, als die obenerwähnte Vernehmlassung von Bundesrat Häberlin vorlag, nichts Eiligeres zu tun, als der Direktion der Rätischen Bahn umgehend von dieser Auffassung Kenntnis zu geben, welche Instanz — wie zu erwarten war — die hoheitsvolle Erklärung abgab, sich dieser Interpretation nicht anschliessen zu können. In einem Memorial vom 14. Januar kam die Bahndirektion zu folgenden teilweise recht kühnen Schlussfolgerungen: 1. Die volle oder auf gewisse Durchgangsstrassen eingeschränkte Zulassung des Gesellschaftswagens und des Motorlastwagens bringt der Rätischen Bahn, sowie den andern Bündner Bahnen Verkehrsverluste und Einnahmenausfälle im grossen umfange, die durch gleich grosse Verminderung der Ausgaben nicht kompensiert werden können. 2. Der Ertrag des vom Kanton und Gemeinden, in die Bahnen investierten Geldes wird dadurch gefährdet In erster Linie wird es kaum mehr möglich sein, dem Aktienkapital eine Dividende auszurichten, was zur Folge haben wird, dass auch der Kanton die Tilgung seiner Eisenbahnschuld einstellen oder verlangsamen muss. Schliesslich kann eine Gewähr für die volle und stete Verzinsung der kantonalen Darlehen nicht mehr übernommen werden. 3. Die volle oder auf gewisse Durchgangsstrassen eingeschränkte Zulassung des schweren Motorwagens ist weder notwendig, noch für den einheimischen Handels- und Gewerbestand unbedenklich. 4. Die Gesetzesauslegung, wonach die Schliessung der Durchgangs- und Nichtdurchgangsstrassen nur für bestimmte Fahrzeugkategorien unstatthaft sein soll, es sei denn, dass die Sicherheit des Verkehrs und der Zustand der Strassen dies -erfordern, entspricht weder dem Buchstaben von Verfassung und Gesetz, noch den Zusicherungen, die anlässlich der Vorberatung des Verfassungsartikels den Vertretern von Graubünden gegeben wurden. Die Rätische Bahn stellt sich auf den Standpunkt, es bestehe keine Notwendigkeit, für den allgemeinen internationalen und interkantonalen Durchgangsverkehr von Gesellschafts- und Lastwagen Transitstrassen durch Graubünden zu öffnen. Derartige Zumutungen seien im Interesse der Kantonsfinanzen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Hinsichtlich der Nichtdurchgangsstrassen habe grundsätzlich die bisherige kantonale Ordnung weiter zu gelten. Jedenfalls sollten allfällige Abweichungen vom bisherigen Zustand nur unier Wahrung der Interessen der Bündner Schmalspurbahnen und nach Begrüssung derselben vorgenommen werden.» Etwas populärer ausgedrückt besagen diese Schlussfolgerungen, dass Erwägungen in bezug auf das Automobilgesetz für den Kanton gar nicht massgebend seien, sondern ein- «Tun Sie das, Dvorak, morgen früh,» rief Georg in heiterem Ton zurück. Nun machte er einen Augenblick halt, nahm die Taschenlaterne noch einmal heraus und leuchtete das Ufer ab. «Wo sind wir denn eigentlich?» fragte er laut. «Bei die Bake,» rief Dvorak zurück. Und wirklich schimmerte am Ufer, über dem Röhricht, etwa zwanzig Schritt vorwärts, das weisse Viereck auf. «Na, ich muss nach Hause,» rief Georg und ruderte in gleichmässigen Schlägen in der Richtung auf Priebenow zu, wobei er die Schläge zählte. Zwischendurch machte er ein paarmal halt und lauschte. Nichts war zu hören! Ob Dvorak immer noch an jener Stelle lag? Nicht sehr wahrscheinlich, er würde so leise wie vorher weitergefahren sein. Georg ruderte in gleichmässigem Tempo, nur zuletzt immer leiser, genau hundertzwanzig Ruderschläge. Dann machte er halt. Er lotete mit einem Riemen, die Tiefe betrug hier nur etwas über einen Meter. Er drehte den Riemen um, stiess ihn mit dem Stangenende in den weichen Grund bis er festsass und hielt das Boot daran, denn es hatte sich ein leichter Wind aufgemacht, der es ohne Halt abtreiben würde. So lag er eine gute Viertelstunde still. Ihn fror. Vom ungewohnten Rudern erhitzt und namentlich im Kreuz und Rücken nass geschwitzt, erschauerte er unter dem kalten Morgenwind. Er rieb die frierenden Stellen, steckte sein Taschentuch ins Kreuz und entschloss sich nach einigem Zögern, den Lodenmantel von der Leiche zu nehmen und