Aufrufe
vor 6 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.040

E_1933_Zeitung_Nr.040

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 9. Mai 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 40 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und FrtltM Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung m/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Automobilismus und Von einem gründlichen und kompetenten Kenner der schweizerischen Wirtschaftsverhältnisse erhalten wir die nachfolgenden beachtenswerten Ausführungen. Politik ist und soll auch die publizistische Domäne der politischen Tagespresse bleiben. Wenn wir aber den nachstehenden Darlegungen Raum gewähren, so deshalb, weil sie nicht nur die bestehenden Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaft aufweisen, die auch das Verkehrswesen beeinflussen, sondern gleichzeitig die Stimmung widerspiegeln, die heute in weiten Kreisen des Automobilismus vorherrscht. Die Red. Die nationalen Revolutionen in Italien und Deutschland haben auch bei uns die Geister wachgerufen. In das Parteigetriebe ist plötzlich Leben gekommen. Neue politische Gebilde sind entstanden, die «Fronten», und sie haben zweifellos einen erheblichen Erfolg zu verzeichnen. Stärkung des nationalen Gedankens, Hebung des Mittel- und Bauernstandes usw. sind Programmpunkte, die werbend wirken. Zwar haben die historischen Parteien mehr oder weniger ähnliche Ziele aufgestellt, aber das Volk beginnt den Glauben an ihre Verwirklichung zu verlieren. Immer mehr setzt sich die Ueberzeugung durch, dass es auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete nicht mehr so weitergehen kann. Die schwankende Haltung einzelner unserer bürgerlichen Parteien in der Frage der Anpassung der Beamtengehälter hat in den Kreisen der Wirtschaft eine tiefgehende Missstimmung hervorgerufen, und es sind nicht nur junge Stürmer, sondern auch besonnene ältere Leute, die jahrzehntelang treu zur Demokratie und zu ihrer Partei gestanden sind, die nach neuen Lösungen suchen. Das zielund haltlose Schwanken, das Fehlen einer klaren Wirtschaftspolitik rufen geradezu nach der Schaffung einer neuen Partei. Da darf man sich nicht wundern, wenn sich die Blicke unserer Bevölkerung allgemach nach dem Ausland richten und jeder Erfolg, der dort von den nationalsozialistischen Regierungen erzielt wird, auch bei uns grösste Beachtung findet. Politik Die «Automobil-Revue» ist politisch neutral und wir haben nicht die Absicht, für irgend jemand Stimmung zu machen. Es kann uns aber nicht gleichgültig sein, wenn wir zusehen müssen, wie im Ausland das uns naheliegende Wirtschaftsgebiet, der Automobilismus, wieder aufzublühen beginnt, während unsere Industrie, unser Handel und Gewerbe langsam dem Untergang zutreiben. Uebertreibungen, wird man sagen. Nein, wir halten uns an die Statistik und diese sagt uns folgendes: In den Monaten Januar und Februar dieses Jahres hat die Zahl der Neuanmeldungen von Lastautomobilen in der Schweiz 253 betragen, gegenüber 310 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Schlimmer als dieser Rückgang ist aber die Feststellung, dass er fast ausschliesslioh auf Rechnung unerer einheimischen Industrie erfolgt ist. Von den 253 Wagen stammen noch 54 aus den einheimischen Werkstätten, 199 dagegen sind importiert worden. Im Monat Februar setzten unsere Werke noch ganze 12 Wagen ab, während sie für eine Monatsproduktion von etwa 150 Wagen eingerichtet sind. Der Absatz erreichte also weniger als 10% der Leistungskapazität. Das sind bedenkliche Zahlen. Bedenklicher aber ist die Feststellung, dass die Ursache dieses katastrophalen Rückganges nicht nur bei der Krise, sondern noch mehr bei der Einstellung unserer Behörden zum Lastwagen liegt. In geradezu erschrekkender Weise machen sich jetzt die Folgen der unglücklichen Bestimmungen der Vollziehungsverordnung zum Automöbilgesetz fühlbar, durch die der Lastentransport mit schweren Motorwagenzügen unterbunden worden ist. An Stelle der einheimischen Wagen treten ausländische Fahrzeuge, die, für andere Verhältnisse gebaut, bei geringe Eigengewicht grössere Lasten befördern. Die Behörden sind vor dem Erlass der Vorschriften gewarnt worden. Es hat nichts genützt, der Schutz der Bahnen war wichtiger als die Rücksicht auf die Lebensfähigkeit der Wirtschaft. Die Behörden werden noch zu ernten haben, was sie säten. Mitgeholfen zum Produktionsrückgang unserer Fabriken hat auch die Unsicherheit über die Gestaltung der Brennstoffpreise. Immer noch schwebt das Gespenst der Erhöhung der Benzin- und Rohölzölle In der Luft. Der Bundesrat aber kann sich, trotz der Nöte unserer Industrie, zu keiner klaren Stellungnahme verstehen. Und das Ergebnis des Gesetzes und der drohenden Zollerhöhungen? Die Lastwagenfabriken sind, nachdem bereits über 500 Mann entlassen werden mussten, zu weiteren Personalentkssungen gezwungen. Die Verdienstmöglichkeit bei den Garagen und Werkstätten geht zurück, eine der grössten schweizerischen Karosseriefabriken im Tessin musste die Tore schliessen, wodurch 120 Mann brotlos wurden, und unsere einzige Personenwagenfabrik musste mangels behördlicher Unterstützung schon vor längerer Zeit die Produktion einstellen. Wie anders sind dagegen die Verhältnisse in unsern Nachbarstaaten im Süden und Norden, wo in letzter Zeit eine grosszügige Verkehrspolitik Platz gegriffen hat. Die meisten der italienischen Automobilfabriken sind vollbeschäftigt. In den Monaten Januar und Februar dieses Jahres wurden 4235 Motorfahrzeuge in Dienst gestellt, gegen 2074 in den beiden gleichen Monaten von 1932. Die Zahl der Lastwagen hat um 497 gegen 459 im nämlichen Zeitraum des Vorjahres zugenommen. Noch eindringlicher für die italienische Politik spricht aber die Tatsache, dass von den im Monat Februar neu angemeldeten 249 Lastwagen nicht weniger als 233 einheimischer und nur 16 ausländischer Produktion waren. In Deutschland wurden in den beiden ersten Monaten dieses Jahres 867 neue Lastwagen registriert, gegen 706 in der gleichen Zeit des Vorjahres. Von 443 im Februar eingetragenen neuen Wagen waren 363 deutscher und SO ausländischer Fabrikation. Das •deutsche Konjunkturinstitut schreibt die Zunahme des Absatzes neuer Fahrzeuge den angekündigten und seither in Kraft getretenen Steuerermässigungen zu. Nach einer Aufstellung dieses Institutes wurden werktäglich im Mittel an neuen Fahrzeugen zugelassen: Personenautomobile Lastwagen 1932 1933 1932 1933 Januar 57,5 80,8 13,5 16,3 Februar 81,9 91,3 14,8 18,5 März 125,3 174,1 17,9 26,1 Im März wurden also nahezu 40 Prozent mehr neue Wagen abgesetzt als im Vorjahr. Ueber die Auswirkungen der Steuerermässigung und Steuerbefreiung geben die Berichte der Automobilfabriken Auskunft. Mercedes-Benz konnten in der letzten Zeit 1500, Opel 1200, Auto-Union A.-G. 500, Hanomag 500 usw. Arbeiter neu einstellen, wie dies auch aus dem in der «Automobil-Revue» kürzlich erschienenen Aufsatz: « Aus der internationalen Automobilindustrie» hervorging. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. lür die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitental«. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Darf man sich da wundern, wenn man bei uns Vergleiche zu ziehen beginnt und diese nicht zu unsern Gunsten ausfallen? Kann man sich über die mehr und mehr um sich greifende Verärgerung aufhalten, wenn man hört, dass Bern die Kantonsbehörden aufgefordert hat, die Vorschriften des Gesetzes bezüglich der Gewichte mit aller Schärfe zu handhaben und keine Uebersohreitungen mehr zu tolerieren? Aber nicht genug damit, hat sich das eidg. Justiz- und Polizeidepartement an das Post- und Eisenbahndepartement und an das Zolldepartement gewandt und angefragt, ob nicht deren Organe bei der Feststellung von Gewichtsüberschreitungen mithelfen könnten. Während man im Ausland mit dem Spitzelsystem zur Kontrolle der Automobile abgefahren ist, will nun die schweizerische Demokratie ein solches System neu einrichten. In Regierungskreisen hat man vergessen, wie im November letzten Jahres die Automobilisten getäuscht worden sind und will ihnen nun die Macht des Staates zu fühlen gebea Wir aber haben die damaligen Vorgänge noch gut Im Gedächtnis und werden uns ihrer bei passender Gelegenheit wieder erinnern. Unsere Fremdenindustrie liegt darnieder und der Bund muss sie mit Subventionen stützen. Vor wenigen Wochen noch hatten wir-nahezu 100,000 Vollarbeitslose, für deren Unterstützung Bund und Kantone im Jahr nahezu 100 Millionen Fr. aufwenden dürften. In Deutschland, Frankreich und Italien und selbst im armen Oesterreich baut man das Strassennetz in grosszügister Weise aus, nicht allein um produktive Arbeitsmöglichkeit zu schaffen, sondern auch mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr. Bei uns überlässt der Bund den Strassenbau den Kantonen, die nicht in der Lage sind, in grosszügiger Weise für den Ausbau unserer Alpenstrassen etwas zu tun. Und so sehen wir, wie sich die Strassen in Italien und in den französischen Seealpen mit Automobilen bevölkern, während unser Fremdenverkehr zurückgeht. Aber nirgends taucht von behördlicher Seite ein grosszügiges Strassenprojekt auf. Wollen wir in dieser Beziehung etwas erreichen, so wird wohl nur der Weg über die Initiative offen bleiben. Unsere Behörden haben Wichtigeres zu tun, als sich um derartige 'Arbeitsbeschaffungsprojekte zu bekümmern. Sie müssen für die minutiöse Durchführung des Automobilgesetzes sorgen! Und dabei wundert man sich, wenn die Par- F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (11. Fortsetzung) Es verlangte ihn nach einem Spaziergang. Er ging hinunter, setzte den graugrünen Schlapphut auf und nahm den handfesten Eichenstock, der ihn seines «schwachen Beines» wegen stützen musste. Langsam humpelte er um das Schloss herum, warf im Vorbeigehen einen prüfenden Blick auf das Fenster des Weinkellers, das mit drei eisernen Gitterstäben versehen war, ging dann um die östliche Schlossecke, wo an der Seeseite in Manneshöhe das Fenster zur Trinkstube lag: ohne Traljen, aber dafür mit einer eingelassenen Rolljalousie aus Stahlplättchen gesichert, die jetzt heraufgezogen war und bleigefasste Butzencheiben sehen liess. Georg blieb einen Augenblick stehen, blickte nach dem See hinaus und warf dabei einen unauffälligen abschätzenden Blick von dem Fenster bis zum Bootsschuppen. Plötzlich stand Friedrich neben ihm: «Das Mittag ist angerichtet, Herr Direktor!» Georg fuhr zusammen. «Aber Friedrich, Sie können einem wirklich einen Schreck einjagen, kommen Sie doch nicht so leise angeschlichen! Ist es schon so weit?» Er sah nach der Uhr. «Richtig, na, dann wollen wir —» «Was soll ich für Wein heraufholen, Herr Direktor?» «Gar keinen. Mir ist heute nicht so ganz extra im Magen. Ich werde bloss ein Glas Sherry trinken, da ist ja noch die Flasche oben. Was gibt's denn heute Schönes?» «Linsensuppe mit Rebhuhn und nachher gefüllte Plinsen.» «Linsen und Plinsen, das reimt sich ja,* lachte der leutselige Schlossherr, sichtlich bemüht, seine vorherige Grobheit wieder gutzumachen. «Also ein Linsengericht! Sie wissen doch aus der Bibel die Geschichte mit dem Linsengericht?» «Jawohl, Herr Direktor, daran erinnere ich noch aus der Schulzeit her.» «Na, erzählen Sie mal, wie das war!» «Allzuviel weiss ich ja nicht mehr,» grinste der gutmütige Diener, neben Georg hergehend. Ich weiss bloss noch: Jakob undEsau, die waren doch Brüder —» «Zwillinge, Friedrich, Zwillinge.» «So, Zwillinge, das erinnere ich mich gar nicht mehr, Herr Direktor. Kann denn das stimmen, der eine war doch der ältere, darum ging die ganze Geschichte doch?» «Aber, Friedrich,» sagte Georg mit nachsichtigem Lächeln, «auch bei Zwillingen muss doch der eine älter als der andere sein, wenn auch nur um ein paar Stunden. Oder dachten Sie, die spazieren so Arm in Arm in die Welt?» «Ich weiss da nicht mit Bescheid mit Zwillingen,» entschuldigte sich Friedrich kleinlaut, aber ihm kam plötzlich ein Einfall. «Herr Direktor sind ja wohl auch ein Herr Zwilling?» «Freilich, mein armer lieber Zwillingsbruder Georg ist leider in Amerika verschollen.» Welche Verrücktheit von mir, das Gespräch darauf zu bringen? Was zwang mich nur dazu, dachte Georg. «Oh, schade!» sagte der Diener mit Gefühl. Er öffnete das Seitenportal, vor dem sie angekommen waren. Georg hörte nicht mehr. Bei Tisch sass er ganz in Gedanken versunken. Stumm nickte er seinen Dank, wenn Friedrich ihn bediente, aber seine Augen schienen etwas ganz anderes zu sehen als diese gute Linsensuppe und das weisse Brustfleisch des Rebhuhns darin. Auch von dem Wein nippte er nur. Während er sich eine Zigarre anzündete, beauftragte er den abräumenden Diener, ihm Flinte und Rucksack zu bringen, «Ich will sehen, ob ich noch einen fetten Erpel morgen zum Sonntagbraten umlege.» Friedrich machte, ein sehr erstauntes Gesicht, denn seit Jahr und Tag hatte sein Herr nicht mehr gejagt. Er hütete sich aber, etwas zu erwidern. «Und, Friedrich!» rief Georg dem Abgehenden nach, «ein Ende Bindfaden, so bis acht Meter lang.» Im Begriff selber hinauszugehen, überlegte er eine Weile, ob er noch einmal «Hille Bobbe» besuchen sollte. Er schüttelte den Kopf. Wozu dieses gefährliche Komödienspiel? Es war ja jetzt alles eingeleitet, der Sache hier ein Ende zu machen, da brauchte er sich nicht mehr zu bemühen. 11. Je schwerer die Herbstsonne sich über Mittag durch rhissgünstige Nebel hatte hindurchkämpfen müssen, um so leuchtender lag sie jetzt auf dieser freundlichen märkischen Landschaft, flimmerte sie auf dem See. Georg liess sich Flinte und Patronentasche in das Ruderboot reichen und das Steuer herausnehmen. «Werden Herr Direktor mit der schlimmen Hand denn auch rudern können und schiessen? Soll ich zum Rudern mitkommen?» «Nein, danke, Friedrich, es wird schon gehen. Eigentlich wollte ich ja auch bloss ein bisschen spazierenfahren bei dem schönen Wetter, Schiessen werde ich vielleicht gar nicht. Bin ja auch ein bisschen aus der Uebung. Die Köchin soll nicht auf 'nen Entenbraten rechnen, lieber einem prallen Hähnchen den Hals umdrehen,» lachte er, die Riemen in die eisernen Dollen schiebend. Mit ein paar leichten Schlägen entfernteer sich vom Ufer. Einen Augenblick hielt er die Riemen still, blickte sich um und mass seinen Kurs ab. Dort hinten am Ufer leuchtete das weisse, durchbrochene Quadrat der Kolmanzer Bake auf. Er konnte die Stelle nicht verfehlen, wenn er immer in etwa hundert Meter Abstand vom Röhricht geradeaus fuhr. Einen Augenblick genoss er noch das farbenheitere Bild auf dem See. Heute, am Sonnabend nachmittag, war eine Anzahl Berliner Wassersporrleute angekommen. Sie tummelten sich mit ihren Fahrzeugen aller