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E_1933_Zeitung_Nr.048

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 6. Juni 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N" 48 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, •ofern nicht postamtlicli bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION? Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Der Alt-Wagen als wirtschaftliches Problem Mit einem wohlüberlegten und herzhaften Entschluss hat die neue deutsche Regierung vor einigen Wochen die Automobilindustrie des Landes aus dem Zustande der drohenden Erstarrung gelöst und Tausende von hochqualifizierten Arbeitern wieder Brot gegeben, indem sämtliche neuen Personenautomobile von jeder Steuer beireit werden. Der Erfolg war durchschlagend : Trotz der schlechten Wirtschaftslage konnten die Fabriken umfangreiche Neubestellungen buchen. Und nunmehr folgt die zweite Verordnung in der gleichen Linie: Auch für die gebrauchten Kraftwagen, deren Wert und Verkäuflichkeit natürlich gegenüber den steuerfreien neuen Wagen stark gedrückt worden war, wird die Möglichkeit geschaffen, dass sie sich von der künftigen Steuerpflicht freikaufen können. Je nach dem Zeitpunkte ihrer ersten Zulassung brauchen sie nur das zweieinhalb-oder dreifache einer Jahressteuer (in zwei Raten) zu zahlen, und sie sind für die ganze Dauer ihrer Dienstfähigkeit von der Verkehrssteuer befreit. Wenn sich eine staatliche Behörde ent- Schliesst, von sich aus auf Einnahmen zu verzichten, so muss —das dürfte wohl unbestritten sein — schon ein schwerer, nicht mehr übersehbarer Notstand vorhanden gewesen sein. Der Bruch mit der üblichen Behördenauffassung, dass das Motorfahrzeug und sein Besitzer eine dankbare und wehrlose Quelle für Luxussteuern sei, bedeutet einen so grossen Fortschritt, dass man die deutschen Wagenbesitzer beneiden könnte. Allerdings ist die Zahlung des Lösegeldes für den Grossteil der deutschen Altwagenbesitzer heute noch eine Last, dass die Verordnung kaum ganz die erwartete Wirkung haben wird. Bleibt damit aber der Markt der gebrauchten Wagen sogar in Deutschland ein ernstes wirtschaftliches Problem, so auch in Ländern wie die Schweiz, wo die allgemeine Wirtschaftskrise die Kaufkraft der bisherigen Automobilistenschicht heruntergedrückt hat. Die Entwicklung des Automobilmarktes in •der Krise hat ja weitgehend bewiesen, dass die übliche Besteuerungsmethode (neben den sonstigen starren Belastungen) absatz- und betriebsfeindlich ist. Der wesentliche Denkfehler in dem gültigen Steuersystem liegt ja F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (19. Portsetzung) Wermstedt schüttelte den Kopf. «Der Bolschewismus wird auf dem Mutterboden unserer Kultur niemals dauernde Wurzeln schlagen. Aber mein Ideal wäre wohl der neue Brudermensch —» Georg zuckte zusammen und sprang auf. Brudermensch! Wie seltsam ihn das Wort traf. Und dieser junge Mann meinte das Wort Bruder nicht einmal im wirklichen Sinne. «Bin ich gerichtet?» fragte sich Georg. «Ist jener da wirklich ,der bessere Mann', wie man drüben sagt? Das wollen wir doch sehen.» Eine Weile ging er schweigend auf und ab, dann blieb er stehen und nahm sein Glas. «Auf Ihre Ideale!» sagte er freundlich. «Nun aber mal eine ganz andere Frage, Herr Wermstedt. Sie lieben Fräulein Anni. Lieben Sie sie so, dass Sie für sie sterben könnten?» Wermstedt sah ihn mit grossen Augen an. «Was soll das? Daran habe ich noch nie gedacht.» «Schön! Nun wollen wir mal annehmen — es ist nur eine Hypothese, beachten Sie das wohl! — Der Teufel, der ja auch einen Grösseren, als wir beide sind, einmal auf einen Aussichtspunkt geführt haben soll, käme zu Ihnen und sagte: »Sehen Sie, Herr Ingenieur, darin, dass die Besteuerung nach der Zahl der Brems-PS (d. h. nach dem Hubraum) sich als Besitzsteuer auswirkt, anstatt eine Verbrauchs- und Betriebssteuer zu sein. Die Folge ist, dass die Last dieser unveränderlichen Steuer einen wachsenden Anteil im Unkosten-Etat des in seinen Einnahfnen beschränkten Wagenbesitzers ausmacht. Und die zweite Folge, die man ohne weiteres in den Kaufangeboten im Inseratenteil der Blätter, aber auch in den Lagerräumen der Händler feststellen kann, ist, dass immer mehr Wagen stillgelegt werden und dass schliesslich selbst Schleuderangebote den grossen, aber auch schon den mittleren Wagen Gebrauchtwagen nicht davor bewahren können, «arbeitslos» zu werden. Ausserdem ist es in der Praxis so, dass neue. Wagen nur dann zu verkauefn sind, wenn ein gebrauchter Wagen zu einem verhältnismässig hohen Preise in Zahlung genommen wird und dass der Händler dann oft monatelang darauf sitzen bleibt, um ihn schliesslich mit Verlust abzustossen. Grundsätzlich kann man sagen, dass jeder gebrauchte Wagen, wenn er zum Verkauf angeboten wird, in der Regel den Absatz eines neuen Wagens verhindert oder mindestens seinen Preis drückt. Leider liegen- zuverlässige Statistiken über die Anzahl der stillgelegten und der noch nicht abgemeldeten, aber aus dem Betrieb genommenen und zum Verkauf stehenden Wagen nicht vor. Man wird aber wohl nicht zu hoch greifen, wenn man etwa 10% der in der Schweiz befindlichen Personenwagen, also rund 7.000, zu dieser Gruppe rechnet. Legt man jedem dieser Fahrzeuge eine Leistung von durchschnittlich 30 PS und einen heutigen Marktwert von durchschnittlich 2000 Franken zu- hier habe ich einen Säckel mit baren zweihundertfünfzigtausend Mark. Würden Sie dafür wohl auf Ihre Liebe verzichten unter der Bedingung, dass die junge Dame, mit der Sie ja übrigens noch gar nicht verlobt sind, sicher in gute Hände käme?'» Wermstedt holte mit Mühe Atem, seine Augen blitzten. «Das ist eine ganz infame Frage!» stiess er heraus. «Was denken Sie sich, Herr!» schrie er auf einmal und sprang auf, als wollte er Georg an der Kehle packen. «Sachte! Sachte!» sagte der mit einer so überlegenen und ruhigen Handbewegung, dass Wermstedt sich unwillkürlich wieder setzte. «Es ist ja nur eine Hypothese, eine Frage, die mich rein psychologisch interessiert.» Wermstedt nahm sein volles Glas und stürzte es auf einen Zug hinunter. «Erlauben Sie mal,» sagte Georg lächelnd, «trinken Sie den mit Verstand, das ist ein zwanziger Forster Ungeheuer, Spät- und Auslese!» Der Wein hatte Wermstedts Blut aufs neue in Wallung gebracht: «Es gibt, scheint mir, noch andere Ungeheuer, es braucht ja nicht immer Auslese zu sein! Wenn auch Spätlese nicht abzustreiten ist.» «Danke! Sie sind ja ein kapitaler Grobian, Herr Wermstedt. Sagen Sie mal, wann haben Sie Geburtstag?» «Interessiert Sie das?» «Ich wollte Ihnen Knigges Umgang mit •Menschen schenken!» «Den kenne ich ohne Ihren verstaubten und grunde, so ergibt sich, dass nicht weniger als 210,000 Pferdekräfte mit einem Bilanzwert von rund 15 Millionen Franken heute als «arbeitslos», also im Wirtschaftsprozess nutzlos geworden sind. Dass dies ein ungesunder wirtschaftlicher Zustand ist, nicht weniger ungesund wie der der unbeschäftigten Uhrenfabriken und Webstühle, sollte einleuchten und die verantwortlichen Persönlichkeiten anregen, nach Mitteln zur Abhilfe zu suchen. Man braucht hier nicht einmal die kritische Lage des Autohandels gesondert ins Auge zu fassen, da es um die Gesamtheit des in dem Produktionsmittel Auto investierten Kapitals geht. Das Mittel zur Lösung des Problems ist einfach und längst bekannt. Es ist auch bereits in vereinzelten kantonalen Vollzugsverordnungen zum Automobilgesetz berücksichtigt worden und besteht in der fiskalischen Vorzugsbehandlung der älteren Wagen. Eine solche darf natürlich nur für Wagen gewährt werden, die allen Anforderungen in bezug auf Verkehrssicherheit noch entsprechen, sonst gehören sie eben auf den Schro