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E_1933_Zeitung_Nr.049

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN. Freitag. 9. Juni 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - NM9 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoztuehhg, lOfern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: ßreitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (20. Fortsetzung) »Ich weiss nicht!» «Sie erinnern sich nicht mehr, wie Nullet aussah?» Georg stieg das Blut in die Stirn. Er rief sich innerlich zu: Ruhig, ruhig, alter Hitzkopf! Dein Jähzorn hat dir schon manchen bösen Streich gespielt. Mit beherrschter Stimme begann er: «Herr Kommissar, ich habe mit so vielen Leuten, die dort in die Gegend kommen, zu tun, ich spreche fast täglich mit Fremden, die man auf dem Bahnhof, im Zuge oder am See trifft, meine geschäftlichen Beziehungen sind so verzweigt, dass ich unmöglich alle Gesichter behalten kann.» Er hatte die letzten Worte gereizt und scharf akzentuiert gesprochen, seine Lippen zitterten vor Aerger. Der Kriminalkommissar legte beide Unterarme auf den Tisch und begann in einem erzählenden Ton, offenbar um zunächst einmal abzulenken von dem, worauf es ankam: «Die Sache ist doch diese: Der ziemlich vermögende und sehr rührige Hotelbesitzer Nollet wollte im Oberspreegebiet an einer Stelle, wo reger Wassersport betrieben wird, ein grosses Gast- und Logierhaus mit Bootschuppen und Landungsbrücken bauen und Vom Reisen Man neigt in den jetzigen schwierigen Zeitläufen offenbar leicht zum Fatalismus. So hat ein bekannter Propagandachef kürzlich in einem "Vortrag in Lausanne den Rückgang im Fremdenverkehr damit begründet, dass die Krise eben alle Leute zwinge, ihre Ausgaben einzuschränken und der Tourismus in erster Linie von dieser Zurückhaltung betroffen werde. Wie stimmt diese Erklärung aber mit den aus Italien kommenden Meldungen überein, die besagen, dass der dortige Touristenverkehr bereits in den ersten vier 'Monaten dieses Jahres um 37% grösser ist als im Vorjahre, dass der Reisendenverkehr der Eisenbahnen sich allein im April verdoppelt hat, die Zahl der Kollektivreisen um 100% anstieg, die dabei transportierten Personen aber gegenüber dem letzten Jahre dreifach zugenommen haben! Zugegeben, dass das «heilige Jahr» den Pilgerverkehr animiert haben dürfte, aber dessen Proklamation allein hätte kaum soviel Fremde nach Italien und Rom bringen können. Heute verlangt der Reisende eben ein Maximum von Reiseannehmlichkeiten und Komfort bei einem Miinimum an Ausgaben. Von dieser rein rechnerischen Ueberlegung Iässt sich das Hauptkontingent der Touristen leiten und die Wahl 4es Reisezieles folgt erst in zweiter'Linie. Diesen Zusammenhängen trägt die Interpellation Vallotton Rechnung, welche eine starke Reduktion der Eisenbahntarife anstrebt und die versuchsweise Gewährung grösserer Preisermässigungen für die beiden Hauptreisemonate der Sommersaison vorschlägt. Sie dürfte im Nationalrat bestimmt auf grosses Verständnis stossen und endlich den Stein ins Rollen bringen, denn abgesehen von der erfreulichen und konstanten -Zunahme der Einreise fremder Automobile, i^fet es um den Touristenverkehr bei uns noch recht betrüblich bestellt, obwohl die Saison im Anzug ist... und das Ausland einen regen Besuch aus anderen Ländern meldet. Der Vorsteher des Departements des Innern hat zwar durchblicken lassen, dass der sich aus Taxreduktionen ergebende Einnahmeausfall aus allgemeinen Bundesmitteln werde ausgeglichen werden müssen. Nun steht ja noch nirgends geschrieben, ob die durch billigere Eisenbahnfahrten zu erwartende Mehrfrequenz nicht auch die Preisdifferenz vollständig aufwiege. Zudem wird Ja der Bund so oder anders für die Rechnung der SBB. aufzukommen haben, wenn wegen der Tarifreduktionen eine solche präsentiert werden sollte, so dass diese Möglichkeit, wenn sie Tatsache werden müsste, niemand erschrecken kann. Auf alle Fälle scheint die Anregung von Vallotton auf fruchtbaren Boden zu fallen und ist offenbar auch im Bundeshaus eine gewisse Bereitwilligkeit vorhanden, den Fremdenzustrom zu fördern, selbst wenn dies gewisse finanzielle Opfer erfordern sollte. Wie weit dabei die Bahnen entgegenkommen sollen, wird die Debatte noch abklären. Auf alle Fälle macht die von Nationalrat Gorgerat eingegangene Anfrage gleich positive Vorschläge, indem von einer « durchgreifenden Herabsetzung um wenigstens 30 Prozent für gewisse Kategorien von Fahrkarten der S. B. B. und der Nebentaxen» die Rede ist. Einerseits also Förderung des Fremdenverkehrs der Eisenbahnen um jeden Preis, anderseits aber immer wiederkehrende Versuche, den Autotourismus, der sich bis dato als am krisenbeständigsten erwiesen hat, mit aller Gewalt abzudrosseln. Diese entgegengesetzten Bestrebungen zeigen so recht, wie im Parlament und auch anderswo oftmals hoffnungslos aneinander vorbei geredet und beraten wird. Hier will man der Fremdenindustrie zu Hilfe kommen, dort steht niari schon mit dem Prügel bereit, der dem in Bewegung kommenden Wagen zwischen die Speichen geworfen werden soll. Anders können wir uns die neue Debatte im Ständerat über eine weitere Erhöhung des Benzinzolles nicht erklären. Der Schweizerische Bauernverband (lies Dr. Laur) hat in seiner Kundgebung von Ende April neuerdings unter den indirekten Steuern eine Erhöhung der Benzinzölle angeregt und dabei erklärt, dass «solange es der Bund nicht als notwendig erachtet, das Benzin in erhöhtem Masse zur Einnahmevermehrung beizuziehen, die Landwirtschaft die Ablehnung landwirtschaftlicher Begehren und die Reduktion der Subventionen nicht als stichhaltig betrachten könne». Es gibt eben Leute, die vom ständigen Nehmen immer unersättlicher werden und dabei eine besondere Gabe an den Tag legen, Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie andere für die Kosten ihrer eigenen Zeche aufkommen sollen! Dies nur so nebenbei. Die i suchte dazu das geeignete Wassergrundstück. An jenem Donnerstag früh ist er mit einer grösseren Summe Geldes zur Anzahlung in der Tasche von Hause fortgefahren, hat sich am Bahnhof Wiltersdorf durch den Kolmanzer Gastwirt persönlich im Wagen abholen lassen und ist, nachdem er dort im Kolmanzer Gasthaus eine Viertelstunde verweilt, fortgegangen, und zwar nach dem See zu. Das war am Vormittag. Seitdem hat man von ihm nichts mehr gesehen. Nun wäre es natürlich von allergrösster Wichtigkeit, wenn Ihre Beobachtung, dass Nollet am Nachmittag jenes Tages mit Steinitz im Boot über den See gefahren ist, zuträfe. Nicht wahr?» «Ohne Zweifel. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht mehr besinnen, Herr Kommissar!» «Hm! Es steht so gut wie fest, dass Steinitz einen Helfershelfer gehabt hat.» «Das habe ich auch schon gesagt: wenn es Steinitz getan hat, hat er einen Komplicen gehabt.» «Wann haben Sie Nollet zum letztenmal gesehen, Herr Direktor?» «Das weiss ich wahrhaftig nicht mehr!» «Er war doch Anfang September bei Ihnen?» «Bei mir? Da muss ich wirklich erst nachdenken!» Er legte die Hand über die Augen und wünschte im stillen, dass den Kriminalkommissar der Teufel holen möge. «Er verhandelte doch nach Aussage der Kundgebung mag aber immerhin das Standesbewusstsein des Herrn Moser, der als Vertreter der Bauernpartei im Ständerat sitzt, veranlasst haben, ins gleiche Hörn zu stossen und so wurde dann bereits in der geschäftsprüfenden Kommission durch Stichentscheid des Präsidenten beschlossen, die Benzinzollangelegenheit wieder einmal zu ventilieren. Wie sich aber schon in der Kommission eine ansehnliche Minderheit gegen diesen wenig originellen, dafür aber wirtschaftlich um so gefährlicheren Vorschlag wandte, so zeigte sich auch in der Ratsdebatte, dass die Kehrseite dieser sogenannten Einnahmensteigerung (die sich sehr rasch in das Gegenteil verwandeln könnte!) mancherorts kritisch genug eingeschätzt wird. So wurden Stimmen laut, die davor warnten, den Bogen überspannen zu wollen und daran erinnerten, dass von allen Bedarfsgütern das Benzin weitaus am höchsten belastet ist. Im übrigen ist auch den Herren Parlamentariern bekannt, dass der Zeitpunkt vorbei ist, da einfach über den Kopf der Strassenverkehrsinteressenten hinweg diesen weitere fiskalische Zumutungen aufgebürdet werden können. So hat die schweizerische Verkehrsliga eine Initiative in Aussicht gestellt, in welcher bei einer Zollerhöhung die Abführung der gesamten Nettoeinnahmen an die Kantone für Strassenbauzwecke stipuliert würde. Dann haben auch die an dem Verkehrsabkommen Automobil-Eisenbahn beteiligten Automobilverbände und weitere wirtschaftliche Organisationen erklärt, eine endgültige Ratifikation nicht vorzunehmen, wenn die Frage des Benzinzolles im Sinne einer Mehrbelastung neuerdings ernsthaft in Beratung gezogen werde. Soviel uns bekannt ist, wurde diese Absicht den Ratsmitgliedern in einer von der Zentralstelle für die Autpmobilinteressen verfassten Denkschrift bestätigt. Es scheint, dass all die Argumente, welche gegen eine Revision der betreffenden Zollposition sprechen, nicht ohne Eindruck auf die Kommissionsmehrheit (die nur durch Stichentscheid zustande kam) blieb, denn Herr Moser teilte schlussendlich mit, dass die Kommission keinen formellen Antrag stelle, sondern die Frage nur zur Prüfung anrege. Es steht ausser jedem Zweifel, dass eine Erhöhung des Benzinzolles, die auch die ausländischen Automobilgäste treffen würde, die bisherige aufsteigende Besucherkurve stören müsste, ja sogar unterbrechen könnte, wodurch der Hotellerie und der übrigen natio- l Frau Nollet mit Ihnen wegen der Uferparzelle, die dieser Tage der Justizrat Friedländer gekauft hat?» «Richtig, ja, jetzt erinnere ich mich. Sie müssen schon entschuldigen, Herr Kommissar, mein Gedächtnis ist nicht mehr so frisch wie in jungen Jahren.» «Also an Nollets Aussehen erinnern Sie sich nicht mehr genau?» «Nein, ich weiss nur, die Parzelle war ihm zu teuer!» «Sie sind aber doch damals zu Fuss mit ihm um die Seebucht herum nach jener Parzelle gegän'gen und haben ihn nachher zu einem Vesperimbiss ins Schloss mitgenommen.» «Aber ich bitte Sie, was hat denn das mit der Untersuchung zu tun?» «Das lassen Sie meine Sorge sein, Herr Direktor! Also: dessen entsinnen Sie sich?» «Gewiss, ja!» «Und da behaupten Sie, Sie wüssten nicht, wie dieser Nollet ausgesehen hat! Sie hätten das erst durch jenes Bild in der Zeitung erfahren? —» «Das wäre freilich unerklärlich, Herr Kommissar, wenn ich nicht ein reradezu abnorm schlechtes Gedächtnis für Physiognomien hätte. Das ist bekannt. Schon auf der Schule wurde ich mehr als einmal bestraft, weil ich einen Lehrer nicht gegrüsst hatte.» Der Kommissar machte sich ein paar Notizen. Georg wischte sich verstohlen mit der INSERTIONS-PRElS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odar deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehlns« 4 Tag«" vor Erscheinen der Nummern nalen Wirtschaft ein weit grösserer Schaden erwachsen würde, als durch die eventuelle Mehreinnahme an Zollerträgnissen verantwortet werden könnte. Angesichts der bedeutenden Schwierigkeiten aller Art, die schon heute in der Schweiz bestehen, um die fremden Gäste zu einem Besuche oder längeren Aufenthalt in unserem Lande zu veranlassen und in Erkenntnis der uns immer unbequemer werdenden ausländischen Konkurrenz, ist wahrlich der Zeitpunkt für Experimente auf dem Gebiete des Fremdenverkehrs allzu schlecht gewählt. Unserem Reiseverkehr drohen aber noch andere Gefahren. Bereits haben wir auf Grund von massgebenden Zuschriften aus dem Auslande gezeigt, wie sehr die Bestimmung der Maximalbreite von Gesellschaftswagen und die Beschränkung des Verkehres «überdimensionierter» Omnibusse die fremden Reiseunternehmungen alarmiert und sie schon zur Umfahrung der Schweiz veranlasst hat. Dazu kommen noch die Einschränkungen des Reiseverkehrs durch die Vollziehungsverordnung in Graubünden, das Nachtfahrverbot im Kanton Bern, Vorschriften, die uns im Auslande zu Schildbürgern stempeln. Zu welch lächerlichen Situationen solche kurzsichtigen Paragraphen führen können, zeigt eine im Freien Rätier publizierte Korrespondenz. Eine Reisegesellschaft von 35 Personen kam dieser Tage auf einer grösseren Länderfahrt aus der Tschechoslowakei nach St. Moritz und wollte via Utiterengadin die schweizerische Etappe ausdehnen, um dann über Oesterreich die Heimfahrt anzutreten. Freunde aus der Heimat, welche 1 die Schweiz im eigenen Personenwagen besucht hatten, rieten zu der vorgesehenen Route. Nun wurde den nicht wenig erstaunten Gästen in St. Moritz erklärt, dass die Strasse nach dem Unterengadin für Gesellschaftswagen gesperrt sei, eine Fahrt durch die Schweiz also nicht in Frage komme und nichts anderes übrig bleibe, als umzukehren und über das Ausland, nämlich via Chiavenna- Veltlin-Stelvio oder via Arlberg das nächste Reiseziel zu erreichen! Nachdem sich die Touristen von ihrem ersten Schreck erholt hatten, hielten sie Kriegsrat und kamen zum Schluss, dass wenn die guten Schweizer im Jahrhundert des Verkehrs noch derartig altväterische und hinterwäldlerische Vorschriften aufrecht erhalten können, es nicht schwer fallen müsse, diesen Hirtenknaben auch ein Schnippchen zu schlagen. Gesagt getan! In aller Herrgottsfrühe machte sich am nächsten Hand über die Stirn, die mit Schweisstropfen beperlt war. Der Kommissar hob den Kopf: «Noch eins, Herr Direktor, Sie haben Ihr Gut Priebenow ganz plötzlich verkauft!» «Ganz plötzlich kann man wohl nicht sagen, aber ich habe es verkauft. Ich soll auf ärztlichen Rat wegen meines Herzens irgendwo im Mittelgebirge Aufenthalt nehmen.» «Hatten Sie schon früher die Absicht, zu verkaufen?» «O ja! Schon als ich im Frühjahr von Nauheim zurückkam und merkte, dass die Kur nicht den gewünschten Erfolg hatte, beschloss ich, der ärztlichen Weisung zu folgen.» «Jedenfalls kam der Verkauf für Ihre Bekannten sowohl wie für Ihre Leute völlig überraschend.» «Möglich! Ich pflege nicht über derartige Absichten zu reden, am wenigsten vor meinen Dienstboten!» kam es gereizt heraus. «Und Sie sind dann abgereist, ohne zu sagen, wohin?» Jetzt war die Geduld Georgs zu Ende. Ein jäher Zorn wallte in ihm auf. Er sprang von seinem Stuhl. «Herr Kommissar, das ist ja empörend! Sie tun ja gerade so, als hätte ich den Nollet ermordet!» Er brach in ein höhnisches Gelächter aus. «Ja, da sind Sie auf der rechten Fährte. Hahahah! Ich bewundere Ihren Scharfsinn!» Quade lächelte scheinbar. Nur sein Blick lächelte nicht, als er jetzt mit leiser Stimme