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E_1933_Zeitung_Nr.053

E_1933_Zeitung_Nr.053

: Deutsche Scfaräc BERN, Freitag, 23. Juni 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 53 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Pertozuschteft REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern lolern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Posteheck-Rechnung II1/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Medizin und Verkehr Zur Frage der Blutprobe. Die Feststellung der Trunkenheit aus dem Alkohol im Blut ist eine sowohl in juristischen als medizinischen Kreisen lebhaft umstrittene Frage. In der Diskussion stehen sich immer noch die Meinungen zum Teil diametral gegenüber. In Nr. 48 der « A.-R. » veröffentlichten wir einen Aufsatz, der sich mit den Blutalkoholbestimmungen nach der Methode des schwedischen Forschers Widmark befasste und zum Schlüsse kam, die Anwendung der Blutprobe sei bei allen Verkehrsunfällen anzuordnen. Aus berriischen Aerztekreisen geht uns hiezu nachstehende Erwiderung ein, die wir • gerne im Interesse einer weiteren Abklärung der Diskussion veröffentlichen, obwohl hier wiederum grösste Vorsicht bei der Anwendung des Verfahrens gefordert wird und damit die Lösung des Knotens neuerdings in weitere Ferne gerückt scheint: «Durch die neueren Arbeiten über den Alkoholnachweis ist es gelungen, Methoden zu erfinden, mit welchen es möglich geworden ist, den Alkohol im Blute nachzuweisen. Es existieren eigentl'ch schon lange verschiedene Methoden, die aber nicht zuverlässig genug waren, so dass verschiedene Forscher den Angaben über das Vorhandensein von Alkohol im Blute überhaupt keinen Glauben schenken wollten. Dank den Arbeiten des Franzosen Nicloux wissen wir jetzt mit Bestimmtheit, dass Alkohol ein konstanter Bestandteil des Blutes ist. Die Methode von Nicloux ist aber nur eine indirekte Methode, mit der nicht der Alkohol an sich, sondern überhaupt Stoffe gefasst werden, die reduzierende Eigenschaften besitzen. Bei der Destillation, die übrigens auch von Kionka für die intereferometrische Methode benützt wird, werden alle flüchtigen Stoffe mitgefasst. Und Kionka verlangt ausdrücklich, dass das Blut frei sein muss von anderen im Blute auch rege!- mässig vorkommenden flüchtigen Bestandteilen, wie Azeton u. a. • Somit sind alle diese Methoden nur indirekte Nachweismethoden und dürfen nur mit der notwendigen Kritik angewendet werden. F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (24. Fortsetzung) Es kam zu einem heftigen Auftritt, in dessen Verlauf die alte Nicola ihr Hauspersonal als Zeugen herbeirief, Fräulein Tölsch dreimal aufforderte, ihr Haus zu verlassen und feststellte, dass Hausfriedensbruch vorlag. Eine Anzeige bei der Polizei erfolgte sogleich telephonisch, im Beisein der Versammelten. Da war denn Fräulein Tölsch abgezogen, wenn auch unter lebhaftem Protest und heftigem Schimpfen — wobei sie der Mutter gegenüber beiläufig erwähnte, dass sie sich nicht aufregen dürfte, da sie ein Kind unter dem Herzen trage. Sie hatte sich im «Landhaus» einquartiert. Dorthin schickte ihr Georg durch seinen Diener einen Brief mit zweihundert Mark als Ersatz der Reisekosten und mit der entschiedenen Aufforderung, jeden Versuch einer weiteren Annäherung zu unterlassen. Die Anzeige wegen Hausfriedensbruches gehe ihren Gang. Fräulein Tölsch rächte sich durch zwei ebenso eilige wie beleidigende Drohbriefe. Immerhin wirkte ein Verhör auf der Polizei wegen des Hausfriedensbruches entschieden lindernd auf ihren Gemütszustand und veranlasste sie zu ungesäumter Abreise unter Mitnahme ihrer sieben Sachen. Georg hatte gerade dieser stürmische Zwischenfall wieder heiter und sicher gemacht. Es wirkte auf ihn nicht anders als der Sturm da draussen, der noch immer nicht nachliess Der Schwede Widmark hat die Nicloüxsche Methoden doch noch nicht, als dass man jetzt ner Menge Ausgangsmaterial von 0,1 cem Blut auskommen. Mit dieser Menge Blut ist es aber unmöglich, noch Kontrollversuche anzustellen, und so zuverlässig sind diese Methode doch noch nicht, als dass man jetzt schon nur auf Grund eines Untersuchungsresultates die Schuldfrage aufwerfen dürfte. Die Blutalkoholmengen, die mit den verschiedenen Methoden festgestellt, ja sogar die Mengen, die mit der gleichen Methode, aber von •verschiedenen Untersuchern, gefunden wurden, sind zu stark voneinander abweichend, als dass man die Methode als etwas Sicheres schon gelten lassen dürfte. und hier gerade, nahe der Küste, mit doppelter Heftigkeit tobte. Die Landschaft schien zu wanken unter den pauselosen Stössen der Luftgewalten. Die Bäume rangen in Wehklagen und Verzweiflung die mageren Zweige, und nordwärts über das Wehr des angeschwemmten Steindammes, des «Heiligen», drang ein stetes Brausen, Donnern und Brüllen, die Stimme des empörten Meeres. Georg empfand dies alles als den rechten wohltuenden Gegensatz zu der Behaglichkeit im stillen Hause, das von Wärme und Licht erfüllt war. Das Einrichten der hübschen, wenn auch nicht grossen Räume, besonders die Anordnung der Bücherei, das Kaminfeuer, das Beieinandersitzen abends mit der so lang entbehrten Mutter in den Sesseln unter der grossen Stehlampe wirkten eine behagliche Stimmung in ihm aus, wie er sie kaum jemals gehabt hatte. Er freute sich im stillen, wie die kleine Frau sogleich auflebte, nun sie wieder einen eigenen Haushalt hatte. Kerzengerade, die Starbrille auf der leichtgekrümmten Nase, den Handstock mit Gummistumpf tapfer aufsetzend, stapfte sie durch Zimmer und Garten, sah überall nach dem Rechten und kommandierte in dem Wohlgefühl, wieder ein kleines Reich beherrschen zu können. Ein unerklärlich beunruhigendes Gefühl, das er seit der Ausführung seines Planes immer nur auf wenige Tage los wurde stellte sich wieder ein, als er eine abermalige Vorladung nach Berlin zur Zeugenvernehmung: in der Untersuchung des Falles Nollet erhielt. Was wollten die Leute von ihm? Er hatte doch alles gesagt, was zu sagen war! Ich denke gar nicht daran, eine Aussage zu wiederholen oder zu beschwören, dividuelle und die besonderen Umstände in jedem einzelnen Fall zu berücksichtigen.» Wir sind leider noch zu wenig orientiert über dieses Problem, als dass man jetzt schon die Alkoholblutprobe zum Nachweis der Schuldfrage der Justiz zur Anwendung empfehlen könnte.» Der Herzkranke als Motorfahrzeugführer. Für die Verkehrssicherheit im allgemeinen und die Frage der Prüfung der Fahrschüler im besonderen ist das Problem von erheblicher Bedeutung, ob solche Krankheitsformen für den Fahrer eine besondere Gefahrzone- bilden, an denen ein Mensch im Laufe seines Lebens u n merklich erkranken kann. Jahrelange Beobachtungen haben mir gezeigt, so schreibt Dr. med. Fahrenkam in der «Verkehrswarte», dass die Erkrankungen des Herzens und der Blutgefässe etwa zwischen dem dreissigsten und sechzigsten Lebensjahr sich vielfach so schleichend entwickeln können, dass der einst gesunde Fahrer eines Tages durch seine Erkrankung am Steuer in Gefahr geraten kann. Man kann von seltenen Einzelbeobachtungen absehen, dass z. B. ein älterer Fahrer am Steuer eine echte Herzlähmung — einen Herzschlag — erleidet, oder dass bei stark erhöhtem Blutdruck während des Fahrens im Hirn ein Blutgefäss zerreisst und der Betroffene einen Schlaganfall davonträgt. Denn es ist merkwürdigerweise nicht so, dass die schweren organischen Herzmuskelveränderungen einen Kranken am Steuer besonders gefährden, sofern man solchem Kranken, wenn er es nicht von selbst.lässt, das Autofahren grundsätzlich verbieten musste; es sind vielmehr «scheinbar» leichter Kranke gefährdet, die sich nicht einmal für ernst herzkrank halten und sich geradezu wegen ihrer Beschwerden angeblich «zur Erholung» ans Steuer setzen**— und sich dabei sehr wohl fühlen. Das sind Menschen, bei denen der Arzt einen erhöhten Blutdruck und sichere Zeichen einer Erkrankung des Blutgefässsystems feststellt, die sich aber selbst mehr für nervös erkrankt halten, und die so gut wie nie die Warnung des Arztes befolgen, vom Steuer wegzubleiben. Leichte Schwin- die ich gar nicht gemacht habe. Mag der Tote auf dem Grund des Sees seine Hand hochheben. Als sollte er für diesen Gedanken, dessen Vater der Aerger, dessen Mutter die Furcht war, bestraft werden, quälte ihn in der nächsten Nacht ein Traum, in dem er eine fleischlose Hand sich langsam aus einem Sack herausarbeiten sah. Sie streckte sich, ein Arm wuchs nach und bewegte sich im Wasser hin und her wie eine Pflanze, die am Grund des Sees wurzelte. Er erwachte mit jähem Schreck. Er musste an die letzte Armbewegung des sterbenden Bruders denken ... An diesem Tage rief ihn der Sturm hinaus. Er rief so ungestüm, dass, als Georg die Haustür öffnete, sie ihm beinahe aus der Hand geflogen wäre. An den Bäumen des Gartens flatterte nur noch ein kleiner Rest gelber Blätter, die anderen lagen schon nass auf dem Rasen oder wirbelten wie irrsinnige Schmetterlinge in den Lüften. Georg schlug die Kapuze seines Lodenmantels hoch, fasste den Handstock fester und schritt über die Chaussee dem immerfort brausenden Walde zu. Er musste an in Bild denken, das er neulich in München in der Schackgalerie gesehen: Böcklins «Ritt des Todes». Welch ein gewaltiges Wehen in jenen hohen Alleebäumen mit ihrem gelben Herbstprunk. Ein Schauder geht durch die Welt, der noch im fliegenden Mähnenhaar des Rappen zittert, alle Elemente sind in Aufruhr, und ein greller Blitz bringt das Ross zum Scheuen. Aber der unheimlichste aller Reiter sitzt fest im Sattel, er spornt das erschreckte Tier mit langen Knochenschenkeln, und sogleich wird INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Ct». für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts, Grässere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern delanfälle in der Ruhe oder nach einer Ueberanstrengung muss der Arzt ursächlich auf die Blutgefässerkrankung zurückführen. Verliert durch eine eingeleitete Behandlung ein solcher kranker Fahrer seine Beschwerden, so vergisst er nicht nur bald die Warnung des Arztes, sondern auch das Bewusstsein des Krankseins. Im Gegenteil, er errichtet in sich ein Gesundheitsgefühl, das dem objektiven Krankheitsbefund diametral gegenübersteht. Grundsätzlich kann" ärztlicherseits nur mit allem Nachdruck im Interesse der Fahrer selber, wie seiner Umwelt, erklärt werden, dass jeder Autofahrer, der an Schwindelanfäl'len bis zu leichten Bewusstseinsstörungen leidet, durch eine unglückliche Verkettung von Umständen, sowohl sich, wie seine Umgebung auf das schwerste gefährden kann. Hierher gehören alle älteren Kranken, die an den Zeichen der Arteriosklerose — Adernverkalkung — mit und ohne erhöhten Blutdruck leiden. Es ist eine eigentümliche Erfahrung mit Herzkranken, dass die wirklich organisch erkrankten Menschen ihr Krankheitsbewusstsein immer wieder verlieren, teils bewusst, teils unbewusst, vielleicht aus dem natürlichen Instinkt, nicht krank sein zu wollen. Viellach entziehen sie sich'der Behandlung und Beratung durch den Arzt und erklären, das Autofahren sei ihre grösste Erholung. Ferner gibt es Herzkranke, bei denen durch eine besondersartige Erkrankung der Blutgefässe im Herzmuskel selber zeitweise eine Blutarmut des Herzmuskelfeisches bis zu einer teilweisen Blutleere für Sekunden oder Minuten eintritt. Dieser krankhafte Vorgang kann aus scheinbar völliger Gesundheit den Fahrer befallen. Da er sehr häufig mit Schmerzen und Todesangst einhergeht und auch in eine wirkliche Herzlähmung enden kann, bildet er nicht nur für den Betroffenen ein ausserordentlich schweres Krarikheitserlebnis, sondern er kann auch zur grössten objektiven Lebensgefahr werden. Die Anfälle können oft oder selten auftreten. In der anfallsfreien Zeit kann der Kranke, auch bei sorgfältiger Untersuchung, den Eindruck eines gesunden Menschen machen, zumal, wenn er seine Anfälle nicht exakt schildert oder womöglich für rheumatisch hält. Verheimlicht er seine Beschwerden, Ebenso unrichtig ist es, die Tabelle anzuführen, bei welcher sichere Trunkenheit, Angetrunkensein, Rausch usw. diagnostiziert werden könnte. Bei Erfüllung aller Katitelen kann man nur die eine Frage beantworten : Nüchternheit oder nicht. Aber auch diese mit allen nötigen Einschränkungen. Hingegen ist es völlig irreführend anzugeben,. dass aus der Blutmenge auch der Grad der Zurechnungsfähigkeit abgelesen werden könnte. Nach Widmark sind 1,6 g; im Liter genügend, um die Führungssicherheit auszuschliesseiT. Nach Goldhahn ist dieser Wert zu hoch. Wie kann die Polizei oder der Richter sich an eine Zahl halten, wenn die Autoren selber nicht einig werden können? Dabei handelt es sich um die Grenzzahlen, denn bei hohen Alkoholdosen im Blute braucht man keine Alkoholbestimmung mehr. Und eben bei diesen Grenzzahlen ist die Diagnose, unmöglich, ja man darf sie gar nicht stellen, denn ein Menschenschicksäl steht auf dem Spiel. Diese Autoren unterlassen es, die Frage der Gewöhnung aufzurollen, die gerade in den Grenzfällen allein von ausschlaggebender Bedeutung ist. Und diese zu bestimmen sind wir nicht in der Lage. Remund, ein Mitarbeiter des bekannten Zürcher Gerichtsmediziners Zangger, schreibt selber in seiner ausgezeichneten Studie: «'Man darf nicht einfach ein zahlenmässiges Resultat als Beweis aufführen, ohne das Iner, schneller als der Sturm, auf ihm dahinbrausen. Den Ritt des Todes meinte Georg auch hier zu spüren. Aber diese Empörung der Natur tat dem Schreitenden wohl, sie kühlte das Blut. Und wie ihm im rüstigen Fortwandern durch die tosende Wildheit der Windsbraut innerlich leichter ums Herz wurde, so kühlten auch seine Gedanken zu grösserer Klarheit ab. Die furchtbare Frage, die schon oft während dieser Tage leise bei ihm angeklopft und um Gehör gebeten hatte, ohne dass er sie ganz in ihrer Grosse erkannt hätte, stand jetzt auf einmal riesenhaft und greifbar vor ihm; die Frage: «Wirst du deinem Unternehmen auch gewachsen sein?» Vielleicht stand diese Frage nur deshalb so plötzlich vor ihm, weil er gestern abend ein philosophisches Buch vom «bleichen Verbrecher» gelesen. «Gleichwertig war er seiner Tat, als er sie tat, aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie getan war.» Er fühlte sich nicht als Verbrecher, aber... War nicht sein Traum vom erhobenen Arm am Seegrund ein Zeichen dafür, dass er das Bild seiner Tat fürchtete? Er schüttelte energisch den Kopf: nein! das sollte, das durfte nicht sein. Mit langen Schritten stürmte er durch den Jahreskehraus, den Tumult der Vernichtung, auf das immer lauter den Sturm übertönende Donnern des Meeres zu. «Nein, nein,» wiederholte er mit starker Stimme vor sich hin. «Ich juble euch zu, ihr empörten Elemente! Es ist der Zorn de; Verjüngung, der so durch die Weh schnaubt