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E_1933_Zeitung_Nr.052

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN. Dienstag, 20. Juni 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 52 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ericheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag. •ofera nicht postamtlich bestellt. Zuschlag (Ur postamtlicne Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Der Stadtverkehr fordert systematischen Strassenumbau Aus stadtzürcherischen Verkehrskreisen erhalfcn "wir zu diesem Thema nachfolgende Zuschrift: Schon mehrmals wurde an dieser Stelle auf Unzulänglichkeiten im städtischen Strassenverkehr hingewiesen. In Anbetracht der zunehmenden Notstandsarbeiten im Strassennetz der Stadt Zürich, durch welche in erster Linie der Automobilverkehr ununterbrochen gestört wird, sehen wir uns veranlasst, prinzipiell zu den eigentümlichen Strassenbaumethoden dieser Stadt Stellung zu nehmen. Zum grossen Teil liegen die nicht gerade von Zielbewusstheit zeugenden Umbauten im Mangel ungenügender Fühlungnahme der einzelnen Verwaltungszweige untereinander begründet. Entweder gönnen die Direktionen des Bauwesens, der Strassenbahn oder des Gas- und Elektrizitätswerkes einander das Wort nicht, oder jede derselben erhebt Anspruch darauf, nach ihrem Ermessen Strassendecken aufzureissen. Schienen auszuwechseln und Leitungen zu verlegen oder reparieren zu können. Obschon die in Betracht fallenden Verwaltungszweige des öftern auf Studienreisen in die Verkehrsverhältnisse ausländischer Grossstädte Einblick zu erhalten versuchen, hat es doch den Anschein, als ob man bei uns von zielbewussten Strassenbau- und Umbauprojekten, an welchen alle an den Strassen interessierten Verwaltungszweige beteiligt sind. Abstand nehme. Zürich, das sich so gerne den Ruf einer Grossstadt beilegt, steckt, wie nur die Beispiele der letzten beiden Jahre beweisen, betreffend Strassenbau in geradezu kleinstädtischen Verhältnissen. Bei einer schwa- F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (23. Fortsetzung) Nicht lange darauf, die Uhr schlug gerade halb acht, trat ein lang aufgeschossener Herr in Pluderhosen, gestricktem Pullower und mit wehender Künstlerkrawatte ein. Er begrüsste die hinter dem Schanktisch thronende Wirtin durch ein Zuwinken seiner knochigen Rechten, bestellte dann gleichfalls etwas zu essen, trat, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, als ob er einen anderen Platz suchte, schliesslich an den gedeckten Tisch und fragte den dort sitzenden Herrn höflich, ob ein Platz frei sei. Der nickte gleichgültig, ohne sich im Essen stören zu lassen. «Es gibt anderes Wetter,» sagte der Maler, sich setzend, «die Sonne zog heute Wasser.» Der Reisende erwiderte etwas Gleichgültiges, und die Herren setzten nun ihr Gespräch während des Essens fort. Inzwischen kamen und gingen einige einheimische Gäste, laute Stimmen, gewohnt im Freien zu sprechen, schwatzten und lachten, die Tür klappte, Gläser klirrten, das Grammophon schnarrte, ein Spitz bellte. Die beiden Herren unterhielten sich unauffällig, aber mit gedämpfter Stimme weiter, bis der Einspänner vorfuhr und der Reisende chen oder mittelmässigen Verkehrsdichte fällt die Frage einer Strassenabsperrung nicht derart ins Gewicht wie im Grossstadtverkehr. Um nur auf das Beispiel Londons hinzuweisen, das den verschiedenen Stadtbehörden der Schweiz speziell zur Nachahmung empfohlen werden kann, sei erwähnt, dass die Bauprogramme für mindestens 5 Monate zum voraus festzulegen und in gemeinsamen Konferenzen über die Durchführung der diesbezüglichen Arbeiten zu beraten. Abgesehen von Notfällen (Leitungsoder Schienenbrüche) dürfen Strassenzüge, welche einer grössern Reparatur unterzogen wurden, innerhalb der nächsten 12 Monate nach Beendigung der Umbauarbeiten nicht mehr aufgerissen werden. Wenn also Stadtverwaltungen von der Grosse Londons ihre verschiedenen Verwaltungszweige zum rationellen und gemeinsamen Vorgehen anhalten können, so sollte dies doch auch in schweizerischen Städten möglich sein. Es zeugt wirklich von einer kurzsichtigen, für die Beschäftigung von Arbeitslosen aber langfristigen Baupolitik, wenn der Steuerzahler und vor allem auch der Automobilist, den man in der Schweiz bekanntlich nicht gerade als Steuerobjekt von nebensächlicher Bedeutung behandelt, täglich zusehen muss, wie durch die mangelnde Zusammenarbeit einzelner Verwaltungszweige seine Gelder «investi&rt» werden. . • In Berücksichtigung der heutigen Zeitverhältnisse muss mit aller Entschiedenheit verlangt werden, dass sich die einzelnen städt Axntsstellen nicht länger auf diesen: selbstherrlichen Standpunkt stellen. Auch in der Einsetzung von Kommissionen, Direktionen und andern unpersönlichen Stellen krankt nicht nur das Verkehrswesen, sondern das gesamte Verwaltungswesen. Bei irgendwelchen Leerläufen, Unfällen oder Doppelarbeiten kann man Niemanden zur Rechenschaft ziehen, weil jeder aufgerissene Graben und jedes umgebaute Strassenbett vorher von einer durch den Stadtrat eingesetzten Kommission auf das Genaueste überprüft und begutachtet wurde. Von niemandem wird eine auf etwas weitere Sicht eingestellte Strassenbaupolitik mehr anerkannt als vom Automobilisten. Die Notwendigkeiten für Aenderungen und Umbauten werden wahrscheinlich am meisten von dieser Seite verstanden und deren Ausführung auch geschätzt. Dagegen lehnt sich dieser Strassenbenützer über die vielen Absperrungen und teilweise ungenügenden Verkehrsumleitungen auf, die bei einer zielbewussteren Strassenbaupolitik bedeutend reduziert werden könnten. Der Automobilist anerkennt in vollem Masse die seitens der Stadt Zürich unternommenen Anstrengungen auf dem Gebiete des Strassenbaues, sei es durch grosszügige Um- oder Neubauten, durch die Erzielung übersichtlicher Linienführung sowie durch angenehm auffallende Reinlichkeit der Strassen und Gassen. Durch diese anerkannten, gebotenen Vorteile beweist die Behörde ja gerade, dass sie im Stande ist, weitblickend zu handeln. Vielleicht gelingt es mit der Zeit auch, in das sich mit einer kühlen Verbeugung verabschiedete. Der Maler Hillinghaus — die Wirtin hatte einigen Gästen erzählt, wer er war — behielt recht: es kam ein Witterungsumschlag. In der Nacht setzte ein Sturm ein, warf klatschende Regenschauer an die Fenster und wirbelte die welken Blätter von den Bäumen. Die Giebelstube bei Dvoraks war nicht heizbar. Kein Wunder, dass der Maler seinen Aufenthalt, der ohnehin schon drei Tage länger gewährt hatte, als er ursprünglich beabsichtigte, abbrach. Er bezahlte seine Rechnung und wollte nur noch den nächsten Tag abwarten, vielleicht, dass es dann klar genug geworden war, ein kleines Pastellbild noch zu vollenden. Am Abend war das Haus Dvorak schon früh dunkel. Der Maler, der wie gewöhnlich zwischen halb neun und neun Uhr aus dem Wirtshause zurückkehrte, wo er seine Mahlzeiten einnahm, hatte eine Flasche Rum zum Grog mitgebracht und mit den Dvoraks unten noch ein halbes Stündchen plaudernd bei dampfenden Gläsern gesessen. «Es ist ja der letzte Abend, da wollen wir noch einmal anstossen!» Gegen zehn Uhr war man zu Bett gegangen. Der Maler hatte sich noch eine wollene Decke ausgebeten und war dann hinaufgegangen. Die alte Dvorak schürte die Asche im Herd zusammen und folgte dann ihrem Mann Strassenumbauwesen mehr Klarheit und Wirtschaftlichkeit hineinzubringen, sind es doch nicht in letzter Linie die einzelnen Verwaltungszweige selbst, welche von einer derartigen Zusammenarbeit profitieren würden. Um unsere vorstehenden, allgemeinen Ausführungen an Hand einiger typischer Beispiele zu illustrieren, möchten wir in erster Linie den zürcherisohen Bahnhofplatz einer nähern Betrachtung unterziehen. Von diesem, für das Verkehrsleben der Stadt wichtigsten Platz, darf man ruhig behaupten, dass er mehr gesperrt und versperrt ist, dass um und auf ihm in letzten Zeit mehr gebaut und verbaut wird, als auf irgendeinem andern Platze der Stadt. Diese neben dem Paradeund Bellevueplatz am dichtesten belebte Verkehrsader (11 Tramlinien in verschiedenen Richtungen), die von verschiedenen Seiten durch das den Bahnhof benützende Reisepublikum geschnitten werden muss, ist in ständiger Umgestaltung begriffen, so dass sich kaum der Einheimische, geschweige denn der ausserkantonale oder gar der ausländische Fahrer zurechtfindet. Obschon in der Endetappe begriffen, dürften bezüglich der im Verlaufe der vor ca. 2 Wochen vorgenommenen Schienenauswechslungen einige Bemerkungen angebracht werden. Noch waren kaum 6 Monate verstrichen, seitdem die Limmatseitig gelegene Platz-Anlage eine vo"kommene Umgestaltung erfahren hatte, und man glaubte endlich, mit einer festgelegten. Fahrbahn rechnen zu können. Mit nicht gerade bescheidenen Mitteln wurde gleichzeitig die Tramhaltestelle vor dem Restaurant du Nord ausgebaut, so dass sie für die nächsten" Jahre allen Ansprüchen zu genügen in der Lage war. Einige Monate später, d. h. mit dem Inkrafttreten des neuen Fahrp'anes der Strassenbahn, wurde diese Ha'testelle aufgehoben. Ohne vom Standpunkte des tratnfahrenden Publikums aus gegen diese Neuerung Stellung zu nehmen, stellen wir fest, dass die durchgehende Linienführung des Trams auch für den Automobilverkehr gewisse Hindernisse mit sich gebracht hat. Der von der Stadt über die Ausfallstrassen Richtung Ostschweiz oder Baden zirkulierende Verkehr hat an dieser Stelle nicht weniger als 9 durchgehende Linien zu kreuzen, während vorher durch die Haltestelle eine weitaus grössere Sicherheit geschaffen war. Die ständige Postierung eines Verkehrspolizisten an dieser Stelle, die früher nur bei grossem Verkehrsandrang besetzt war, weist deutlich auf das als «Verbesserung» geschaffene Gefahrenmoment hin. in die Schlafstube. Bald hintereinander erloschen die beiden Lichte, oben und unten. Das ganze Haus schien zu schlafen. Der Regen klatschte und der Wind heulte. Am Dach neben dem Schornstein klappte unaufhörlich ein Bodenfenster. Kurz nach elf Uhr knipste ein Fingernagel an den Fensterladen. Der alte Dvorak, vollständig angekleidet, kam auf Wollstrümpfen und öffnete. Er Hess einen schlanken Mann in grauem Regenmantel mit einem Fahrrad ein. Eine Viertelstunde später pochte es abermals. Nichts rührt sich im Hause. Das Pochen wird wiederholt. Niemand öffnet. Nur leise tut sich ein Fensterspalt unten auf, und plötzlich blitzt das Licht einer Taschenlaterne, auf die Gestalt des Klopfers da draussen. Ein hochgewachsener Mann im dunklen Regenmantel. Er ist allein. Gleich darauf fragt eine rauhe Stimme durch den Spalt: «Wer ist da?» «Wohnt hier ein Kunstmaler Hillinghaus?» «Was soll der?» «Ich muss ihn dringend sprechen.» «Er schläft schon.» «Dann wecken Sie ihn, oder vielmehr, ich werde ihn selber wecken. Machen Sie, bitte, auf.» «Sind Sie allein?» «Das haben Sie ja bei Ihrer freundlichen Beleuchtung gesehen.» Der Schlüssel drehte sich in der Tür. Der INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wenn man auch die durch den Bau dieser Inselperrons ermöglichte Kanalisierung des Strassenverkehrs nur begrüssen kann, so haben die zur Zeit so kurz nach diesen Arbeiten ausgeführten Geleiseerneuerungen an der gleichen Stelle um so stärker befremden müssen. Es muss als eigentümliches Verhalten öffentlicher Dienstzweige qualifiziert werden, derart wichtige Verkehrsadern durch planloses Draufloswirtschaften für eine reibungslose Verkehrsabwidklung zu blockieren. Jeder Zürcher weiss, wie zahllos die Fälle sind, in denen in einer ausgebesserten oder neuerstellten Strasse oder Gasse bald wieder das Geräusch der Kompressoren ertönt, weil ein anderer Verwaltungszweig es für nötig findet, seine Leitungen, Rohre oder Schienen später verlegen zu müssen. Im obigen Falle kann die Leitung der städtischen Strassenbahn, resp. diejenige der industriellen Betriebe der Stadt Zürich dies nicht mit Unkenntnis der betreffenden Bauarbeiten begründen, denn sie wurden durch beide Arbeitsausführungen direkt berührt. Auf Grund der letztjährigen Verkehrskalamitäten, welche durch die langandauernde und gleichzeitige Absperrung verschiedener wichtiger Strassen und vor allem der Cuaibrücke hervorgerufen wurden, hat man in Automobilkreisen angenommen, dass die zuständigen, städtischen Behörden sich bei zukünftigen Umbauarbeiten vor nämlichen Fehlern hüten würden. Ohne weiter auf die gleichzeitige Abschliessung der Parallel- odör Entlastungsstrassen eintreten zu wollen, welche ebenfalls den Beweis fehlender Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen städtischen Verwaltungszweigen erbrachten, möchten wir noch auf das Umbaubrojekt Bürkliplatz eintreten, weil dadurch deutlich bewiesen wird, dass man in Zürich den Strassenverkehr als eine Angelegenheit zweiter Ordnung betrachtet. Für die Umgestaltung dieses Platzes verlangte der Kleine Stadtrat vom Grossen Stadtrat vor einigen Tagen einen Kredit von Fr. 191.000.—. Wenn wir auch gegen das Umbauprojekt prinzipiell nichts einzuwenden haben, so erscheint es doch um so eigentümlicher, dass anlässlich der langandauernden Absperrung der Q'uaibrücke im letzten Jahre, wobei gleichzeitig der grösste Teil des Bürkliplatzes ebenfalls für die Brückenarbeiten abgesperrt werden musste, nicht gleichzeitig dieser Umbau durchgeführt wurde. Seinerzeit waren die Geleise der Strassenbahn aufgerissen und später wieder verlegt worden. Es wäre sicherlich in einem gegangen, wenn die definitive Fremde trat ein, setzte sogleich seinen Fuss zwischen Tür und Schwelle, so dass nicht geschlossen werden konnte, zog jetzt seinerseits eine blendende Taschenlaterne, beleuchtete Dvorak und sagte: «Ich habe einen Verhaftungsbefehl gegen den Maler Hillinghaus.» «Ihre Legitimation?» «Bitte!» Während er im Lichtkegel der Laterne seine Marke vorzeigte, räusperte er sich stark. Sogleich kamen von draussen drei Männer herein, die sich bis dahin hinter der Hausecke verborgen gehalten hatten. Gleichzeitig traten aus der Sehlafstubentür der junge Mann, der vorhin gekommen war, und die alte Dvorak. Der Kriminalkommissar rief : «Hände hoch!» Im selben Augenblick erhielt er einen scharfen Schlag auf die Hand, so dass die Laterne zu Boden fiel und erlosch. Aber schon blitzten zwei andere Laternen der Hilfsmannschaft auf, gerade früh genug, um die rasche Bewegung einer Mehrladerpistole, die der etwas zurück an der Treppe stehende Steinitz auf den Führer richtete, zu erkennen. Im Augenblick, als er abdrückte, wurde die Pistole aber nach oben geschlagen,, so dass der Schuss in die Decke ging. Gleichzeitig umspannten zwei grosse knochige Hände von hintenher die Faust mit der Pistole und entrissen sie ihr.