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E_1933_Zeitung_Nr.055

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag. 30. Juni 1933 Mit Strandbad-Autler und „Gelbe Liste' Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 55 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtllche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autoievue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif; Inseratensehluss 4 Tana vor Erscheinen der Nnmmern Die Front der Automobilisten Lange bevor die politische Entwicklung zur Bildung von Fronten geführt hat, erkannten die Automobilisten die Notwendigkeit eines festeren Zusammenschlusses und einer solidarischen Interessenvertretung. In den knapp vierzig Jahren schweizerischen Automobüismus hat die damit verbundene Bewegung eine wechselvolle Entwicklung durchgemacht. Sie, die in den dreissig Jahresbänden der « Automobil-Revue » ihren Niederschlag gefunden hat, liest sich fast wie ein Roman, und die heutige Generation der Automobilisten darf sich füglich des Erreichten freuen. Mit Neujahr ist durch die Einführung des eidgenössischen Motorfahrzeuggesetzes ein neues Kapitel in der Geschichte des schweizerischen Strassenverkehrswesens eröffnet worden. Mit begreiflicher Erleichterung haben alle diejenigen, welche am Zustandekommen des Gesetzes irgendwie mitgewirkt haben, dessen endgültige Annahme begrüsst. Auch die Motorfahrzeugbesitzer wussten den damit erzielten Fortschritt zu schätzen, wenngleich in ihrem Lager angesichts der vielen neuen Verpflichtungen, welche der moderne Strassenkodex mit sich brachte, nicht nahmen hemmt. Das kam anlässlich der Fest- des Netzes von Durchgangsstfassen, etwa eitel Freude herrschte. Aber manlegung glaubte doch allgemein, nach einer ausgesprochenen Sturm- und Drangperiode in eine Breite geöffnet sind, wieder drastisch zum welche den Schwerfahrzeugen bis 2,4 m Zeit geruhsamer Entwicklung hinüberzuwechseln, für welche das Bundesgesetz die internationaler Bedeutung nicht benützt wer- Ausdruck, indem durchgehende Routen von solide und eherne Grundlage bilden Werde. den können, weil mitten auf der Strecke ein Diese Erwartung hat sich vorläufig in nur Kanton seinen Schlagbaum zumachte. Noch sehr bescheidenem Masse erfüllt. Allerdings fehlt auch die Bezeichnung der Durchgangsstrassen, die Bestimmung der Haupt- soll nicht vergessen werden, dass ein solches Gesetz nicht von heute auf morgen seine strassen, wodurch endlich die Frage des Vortrittes geregelt werden könnte. vollständige Verwirklichung finden kann und man deshalb nach kaum halbjähriger Wirmng noch keineswegs ein abschliessendes Wem das wirtschaftliche Wohl unseres Urteil fällen darf. Dies um so weniger, als ja Landes am Herzen liegt, der ist besorgt, ob für die Durchführung von manchen Bestimmungen, Uebergangsfristen bis Ende dieses Förderung des Fremdenverkehrs. Mit schwe- all der Halbheit in den Massnahmen zur Jahres gesetzlich vorgesehen wurden. Was ren Bedenken um die künftige Stellung der aber die Begeisterung für das neue Werk erheblich gedämpft hat, das ist die Erkenntnis, che erfüllen, dass in grosszügiger -Strassen- Schweiz als Reiseland muss uns die Tatsa- dass der moderne Zug und freie Geist, welcher dem Gesetz doch in mancher Hinsicht niger als nichts geleistet wird, während alle baupolitik in der Schweiz vom Bund aus we- innewohnt, angesichts der kantonalen Eng- unsere Nachbarländer Millionen und Millio- herzigkeit neuerdings zu verkümmern droht. Hand dazu bot freilich auch die oberste Landesbehörde, die es in mancherlei Hinsicht an der nötigen konsequenten Vertretung des im Gesetz zum Ausdruck kommenden Willens zur Freizügigkeit des Verkehrs fehlen Hess. Denken wir nur an Nachtfahrverbote oder andere Verkehrseinschränkungen auf wichtigen Routen, die dem Sinn und Geist der neuen Vorschriften bestimmt widersprechen. auf der Strasse bedacht ist, der muss leider ' Aber auch auf kantonalem Boden ver-dispürt man noch wenig von der neue Aera. ziehung und das Verkehrsverständnis vieler Feststellung machen, dass es am die Er- Was die Vollzügsverordnung an Vorschriften für die Automobilisten enthält, das ist ge- Fahrzeug; noch recht bescheiden bestellt ist. Strassenbenützer, seien sie zu Fuss oder im treulich und dem Buchstaben nach befolgt Wenn die Polizei nicht durch geeignete worden. Wo aber der Staat oder die Verwaltung nun auch ihrerseits einen Schritt in der modernen Richtung unternehmen sollen, da wird bedenklich gezögert. So konnten sich bis heute nur wenige Kantone dazu verstehen, für die Besteuerung des Motorfahrzeuges auch nur einen einigermassen gerechteren Modus einzuführen. Von Steuererleichterungen irgendwelcher Art will die Mehrzahl der Stände überhaupt nichts wissen. Nach wie vor besteht ein kantonaler Eigensinn, der jede Grosszügigkeit in Verkehrsmass- Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (26. Portsetzung) «Bitte, fahr fort, lieber Freund. Also Georg war sehr böse auf mich?» «Fuchsteufelswild, ja! Und» — er dämpfte seine Stimme wieder vertraulich — «Richard, wenn ich dir eins raten kann, sei auf deiner Hut!» «Wieso, was kann er mir?» «Er will Rache nehmen, Vergeltung! Er hat es ja nur mir gesagt. Oh, das erstemal, als er hörte, dass du an seinem ganzen verpfuschten Leben schuld sein sollst —» «Von wem hörte er denn das?» «Irgendein Ohrenbläser muss es ihm gesteckt haben —» «Ein Ohrenbläser. So. Na und —» «Da schäumte er direkt, kann ich dir sagen! Kain nannte er dich und Betrüger, du solltest ihm sein Lebensglück wiedergeben und seine Liebe und seine Heimat, lauter so geschwollene Redensarten.» «Na, und was sagtest du dazu?» «Ich suchte es ihm natürlich auszureden!» «Wackerer Freund! Aber wie reagierte er darauf?» «Sauer! Als er dann wohl merkte, dass ich auf deiner Seite stand —» «Also — das merkte er?» «Gewiss — da wurde er schweigsamer. Und dann kam auf einmal ein Kriegsgefangener aus Deutschland, ein gewisser Penkun. Kennst du den?» «Penkun? Ja, gewiss.» «Die Welt ist klein, wirklich! Da waren wir alle drei nun aus derselben Gegend, das heisst Penkun nicht, der war hier ja wohl nur mal in Stellung gewesen.» «Sogar bei mir. Er war jahrelang mein Diener.» «Ach nein? merkwürdig! Ja, und dieser Penkun, übrigens ein unangenehmer Mensch, Heuchlergesicht — als der den Namen Nicola hörte, ich war dabei, als er ankam, machte er solche Stilaugen. Und nachher haben die beiden dann immer miteinander getuschelt. Und ich glaube, der hat ihm was erzählt, was ihn furchtbar beunruhigt hat. Und das Merkwürdige war, dass er seitdem gar nicht mehr von der Sache sprach, wenigstens zu mir nicht. Aber umso eher glaube ich, dass er im stillen damals schon seine Pläne gemacht hat. Und eben weil er entschlossen war, sprach er nicht mehr drüber.» nen für die Schaffung neuer Durchgangsrouten kreditieren und hauptsächlich die Bergund Alpenwelt dem Strassen- und Reiseverkehr erschliessen. Die Propaganda für den Autotourismus im Ausland wird auf ein lächerliches Minimum beschnitten und deren Durchführung gar noch dem Gutdünken von Eisenbahnkreisen überlassen, obwohl der noch bestehenden Lücken zu schliessen. Un- werden wir nach besten Kräften Autoreiseverkehr der einzige war, der insererseits den .letzten Jahren noch eine nennenswerte Zunahme aufzuweisen hatte und manches zur Linderung der Not im Hotelgewerbe beitrug. Wer auf die Disziplin und die Sicherheit Massnahmen vorbeugend und erziehend einzugreifen in der Lage ist und anderseits das überlebte System der schematischen Kontrollen nicht wieder aufkommen soll, dann hilft nur noch der Selbstschutz und die unbedingte Solidarität der korrekten Fahrer, um den minderwertigen und gefährlichen Elementen unter den Fahrern das Handwerk gründlich zu legen. Dazu gilt es, bei der Jugend mit der Aufklärung einzusetzen, damit ihr später korrektes Verhalten als Automobilist oder Fuss ganger zur zweiten Natur werde. Leider wird aber der Verkehrsunterricht der Initiative der einzelnen Lehrer, den Verbänden-und der Presse überlassen, anstatt behördlicherseits überall alle Kräfte zu sammeln, damit vereint und systematisch der Jugend geholfen werden kann. Schaue der Automobilist also nach vorne oder blicke er rückwärts, so wird er zur Ueberzeugung gelangen müssen, dass es noch zahlreiche Standesinteressen zu wahren und zu vertreten gilt. Solidarität sei deshalb die Parole, damit sich auch ohne ausdrückliche Bezeichnung die Front der Motorfahrzeugführer bilde. Unser Blatt hat sich seit dreissig Jähren bestrebt, am Aufbau dieser Front mitzuhelfen. Es war das Organ von allen, die in Gemeinschaftsarbeit und richtiger Erkenntnis der Verkehrsbedürfnisse am Zustandekommen dieses Werkes mitgewirkt haben. Wie wir unentwegt für das Automobilwesen in all seinen zahlreichen Anwendungsformen und «Was für Pläne denn? Uebrigens Prosit!» Plath unverwandt, aber ruhig ansah, «war «Prosit, wir wollen auf die alte Schulkameradschaft anstossen. Prosit, Richard!» Er den zweiten oder dritten — nein den dritten sehr ausführlich. Georg beschreibt mir da trank sein Glas aus und hielt es mit um-Abenständlich eckiger Bewegung hoch. «Seine eures Zusammenseins. Ich weiss auch Pläne? Ich sagte es ja schon! Nach Deutschland zurückzukehren. Er muss hier sein! Er ist am 3. Februar mit dem Dampfer Liverpool von der Amerikalinie aus New York nach Bremen abgereist.» «Das kann nicht stimmen. Ich habe nämlich, damit du es weisst, Ende März — oder war es Mitte März? einen Brief von ihm aus Amerika bekommen.» «Ausgeschlossen!» «Nicht ausgeschlossen! Ich kann ihm dir zeigen. Habe nur noch meine Sachen nicht alle hier, sie kommen in den nächsten Tagen. Er ist statt nach Deutschland nach Südamerika gefahren und hat mir von Buenos Aires geschrieben!» «Das kann ich mir gar nicht denken.» «Ist aber Tatsache!» Georg machte eine Pause und füllte die Gläser, um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen. «Er schreibt, er hätte allerdings die Absicht gehabt, nach Deutschland zu fahren, hätte sich aber kurz vor der Abreise in eine deutschamerikantsche Witwe vergafft und will sie heiraten. Den Entschluss nach Deutschland zurückzukehren, habe er auch nur gefasst, weil du ihm erzählt hättest, ich wäre an seinem ganzen Unglück schuld!» «Ich? Aber das heisst denn doch die Tatsachen auf den Kopf stellen,» rief Plath entrüstet. «Im Gegenteil, ich habe deine Partei genommen!» «Der Brief,» fuhr Georg fort, indem er nicht, wie er dazu kommt, alles so haarklein zu erzählen. Er bildete sich ja freilich immer ein, schriftstellerisches Talent zu haben.» «Er ist ja auch zweifellos sehr begabt! Und dann hatte er den Bücherfimmel! Da war ein kleiner Schullehrer, Bischoff hiess er, in unserer Baracke, mit dem hat er über Nietzsche und was weiss ich gesprochen —». «Bischoff! — Ja, was ist aus dem geworden?» «Kennst du ihn denn auch?» «Nicht persönlich natürlich. Georg erwähnte den Namen und nannte ihn seinen Freund.» Interessenverbindungen eintraten, so hat auch uns der grosse Harst von gesinnungstüchtigen Automobilisten durch all die Jahre Treue gehalten. Wir zählen auch im kommenden Semester und in fernerer Zeit auf sie und freuen uns, wenn sie uns weitere Freunde zuführen, um all die in der Front weiterhin am Ausbau des Blattes arbeiten und glauben, mit der Vielseitigkeit in der Berichterstattung den verschieden gerichteten Interessen am besten zu dienen. Durch eine rege Mitarbeit aus dem weiten Leserkreis und einen recht umfangreichen Briefwechsel durch unsere verschiedenen Sprechsaalabteilungen konnten wir den Kontakt mit den im praktischen Leben stehenden Fahrern noch enger gestalten und uns um so besser ein Bild über deren Wünsche und Begehren machen. Dank der wertvollen Bereitwilligkeit vieler behördlicher Instanzen Hessen sich in erspriesslicher Zusammenarbeit zahlreiche Fragen lösen und Unklarheiten richtigstellen. Die «Automobil-Revue» wird nach wie vor die freie Plattform für einen sachlichen Meinungsaustausch über alle Probleme des modernen Strassenverkehrs sein. Der Unterhaltungsteil, für den nunmehr eine eigene verantwortliche Redaktion zeichnet, wird einen weiteren sorgfältigen Ausbau erfahren. Die Flugseite, welche so regem Interesse begegnet, soll entsprechend dem zur Verfügung stehenden Raum erweitert werden, während die übrigen Sparten, wie auch die Sprechsaaldienste, in der seit Jahren verfolgten Richtung weiter zu fördern sind. Der Inseratenteil soll im Interesse der Inserenten, wie der Leser, insofern eine Aenderung erfahren, als durch eine schärfere Trennung zwischen der deutschen und französischen Ausgabe eine weitgehende Einsprachigkeit auch im Reklameteit erreicht wird. » Wir hoffen deshalb, dass die kommende Abonnementseinladung überall angenommen werde, denn nur durch den engen Zusammenschluss und die geistige Verbundenheit mittels eines unabhängigen Presseorganes wird die Front der Automobilisten zu erreichen sein, derer wir in diesen Zeiten mehr denn je bedürfen. Verlag u. Redaktion der «Automobil-Revue». «Der arme Kerl ist im Elend gestorben. Er fand nach dem Kriege keine Anstellung.» «Armer Kerl!» sagte Georg für sich. Er nahm nachdenklich sein Glas und leerte es langsam, im stillen des guten Kameraden gedenkend. Dann fuhr er fort: «Ja also — was wollte ich doch sagen? — ich kann mir nur denken, dass Georg da eine Art novellistische Stilübung von sich geben wollte. Er beschrieb mir ganz genau: es sei eine wundervolle Sternennacht gewesen nach einem unerträglich heissen Tage und ihr hattet vor Tausenden von Mücken nicht schlafen können, und da habt ihr beide euch dann am Fenster zusammengehockt und immer auf die Sternschnuppen aufgepasst. Und jedesmal wenn eine gefallen war, habt ihr beide geseufzt. «Das stimmt freilich!» sagte Plath mit rotem Kopf. «Aber —» «Und da seid ihr dann auf die gemeinsame Schulzeit zu sprechen gekommen, und du hast mit wahrer Empörung mich als seinen Verleumder, als seinen Scharfrichter sozusagen — hingestellt. Ohne mich wäre die ganze Geschichte damals unterdrückt worden und kein Hahn hätte danach gekräht.» «Das ist alles nicht wahr,» rief Plath entrüstet. «Das heisst,» fügte er leise hinzu und sah Georg mit nicht verschämtem Augenblinzeln an, «das heisst, die Sache selbst — wir sind ja unter uns, Richard — die Sache selbst stimmt schon! Nicht wahr? In Wirklichkeit hast du doch — ich will natürlich nicht sagen allein — aber doch hauptsächlich hast d u doch die Geschichte damals an die grosse Glocke gehängt.»