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E_1933_Zeitung_Nr.062

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BERN, Dienstag, 25. Juli 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 62 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Bnchtint Jeden Dtowtaf and FT*UM MomtHch „Gen» Usto« Halbjkhrlleh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschkc toten nicht postamtllch bestellt. Zuschlag für postamtliehe BetteUuME 30 REDAKTION «.ADMINISTRATION: Brettenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon 33.223 TNenunm-Adreo«: Antorevne, Barn Bremsweg und Reaktionszeit Im Getriebe der Grossstadt und auf den Landstrassen gibt das Motorfahrzeug das Tempo des Verkehrs an, es ist deswegen bei der Besprechung des Gefahrbremsweges und der Reaktionszeit von besonderer Bedeutung. Wenn in den folgenden Ausführungen zwar hauptsächlich das Motorfahrzeug berücksichtigt ist, so muss doch beachtet werden, dass sinngemäss die gleichen Überlegungen für alle andern Wegebenützer gelten und auch für das Fahrpersonal der Strassenbahnen in Betracht kommen. Jedes Fahrzeug ist, um est zum Halten zu bringen, mit einer Bremsvorrichtung versehen. Diese Bremse hat im Augenblick plötzlich eintretender Gefahr den Zweck, das Fahrzeug auf möglichst kurzem Wege zum Halten zu bringen und auf diese Weise einen Unfall zu verhüten. Der Weg nun, welchen ein Fahrzeug vom Augenblick des Inkrafttretens der Bremsvorrichtung bis zum Stillstand zurücklegt, heisst technischer Bremsweg. Die Länge dieses Weges wird in der Hauptsache abhängig sein von der Geschwindigkeit und der Masse des Fahrzeuges; eine wesentliche Rolle spielt aber auch die Beschaffenheit der Fahrbahn. Ist die Oberfläche der Fahrbahn rauh, so gelingt es, das Fahrzeug eher zum Halten zubringen als bei glatter -und schlüpfriger Beschaffenheit, wie sie nach Regen, Schnee oder nach Kälte durch Eisbildung vorhanden sein kann. Auch die Neigung der Fahrbahn hat Einfluss auf den Bremsweg, denn bei abfallender Strasse ist das Halten schwerer als bei ansteigender. Die Art der Bremse und ihre sorgfältige Bedienung kann ebenfalls dazu beitragen, den Bremsweg möglichst kurz zu gestalten. Die technische Bremsstrecke, d.h. der Weg, den das Fahrzeug vom Beginn des Ansetzens des Bremshebels bis zum Stillstand des Wagens zurücklegt, ist von allen diesen Faktoren abhängig und beträgt für das Motorfahrzeug bei 10 Stundenkilometern wenigstens 1 m, bei 20 Stundenkilometern wenigstens 3,2 m, bei 30 Stundenkilometern 7 m, bei 40 Stundenkilometern 12.5 m und bei 50 Stundenkilometern 20 m. Diese Zahlen gelten für gerade horizontale Fahrbahnen, in trockenem Zustand und für Vierradbremsen; sie geben den überhaupt möglichen kürzesten technischen Bremsweg an; Wenn die Strasse glatt und schlüpfrig ist, so. wirkt sich diese Eigenschaft sehr nachteilig auf den Bremsweg aus und kann den kürzesten Bremsweg um das Drei- bis Vierfache verlängern. Dazu kommt noch, dass die F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (33. Fortsetzung) Als die Schneiderfrau des Nachts noch einmal aufstand und, alter Gewohnheit treu, einen kontrollierenden Blick durch die Küchentür auf die stark durchlässige Türritze des vermieteten Stübchens warf (vor das Schlüsselloch hatte Plath nach erprobter Gepflogenheit eine Mütze gehängt), sah sie zu ihrem Aerger noch immer Licht bei ihm, obwohl es nahe an zwei Uhr war. Ohne ihr Neglige zu vervollständigen, tappte sie an seine Tür und rief durch das dunkle Schlüsselloch: «Licht nach zwölf Uhr wird extra berechnet, merken Sie sich das, Herr Plath!» Sie erhielt, wie gewöhnlich, keine Antwort. Gegen seine ursprüngliche Absicht ging Plath am nächsten Tage doch zum Staatsanwalt Wachshöfer. Aber seine Aussagen waren diesmal noch unbrauchbarer als das erstemal. Und schon nach der dritten Frage erbat er die Erlaubnis zu einer Mitteilung. «Ihr Scharfsinn, Herr Staatsanwalt, womit ich Ihnen keine Schmeichelei sagen will, sondern nur eine Tatsache feststelle, scheint Schlüpfrigkeit ein Gleiten und Schleudern des Wagens herbeiführen kann. Wird die Bremse so fest angezogen, dass die Räder zum Stillstand kommen, d.h. blockiert sind, so ist das gefahrvoller, als wenn sie sich eben noch drehen, weil sie blockiert auf dem Fahrdamm dahingleiten und die Reibung verringern. Der Bremsweg eines Motorfahrzeuges wird aber noch bedeutend verlängert, wenn ein sogenannter Gefahr-Bremsweg in Betracht kommt, d. h. der Weg, den der Fahrer mit seinem Wagen vom Beginn der Wahrnehmung eines gefährlichen Hindernisses bis zum völligen Stillstand zurücklegt. Jeder Führer eines Fahrzeuges braucht eina gewisse Zeit, in welcher er überlegt, wie eine vorhandene Gefahr abzuwenden oder abzuschwächen ist, er bereitet sich für die Reaktion vor. In dieser Reaktionszeit, welche vielfach auch Schrecksekunde genannt wird, eilt das Fahrzeug dem Hindernis, d. h. der Gefahr mit unverminderter Geschwindigkeit entgegen, und erst nach Ablauf der Reaktionszeit beginnt die Abwehr der Gefahr, also dann auch können die Bremsen erst in Tätigkeit gesetzt werden. Die Beobachtung hat nttrr^ehjhrt,- «Ja&sNüte Reaktionszeit bei Willensuntersuchungen ungefährt ein Fünftel Sekunde beträgt, wenn auf einen schon vorher bekannten Eindruck eine einzige Bewegung zu erfolgen braucht. Diese Zeitdauer wird natürlich erheblich verlängert, wenn bei mehreren Eindrücken unbekannter Art eine zugeordnete Bewegung ausgeführt werden soll. Man muss dann mit einer halben bis drei Viertel Sekunde rechnen; kommt aber eine seelische Erregung, die ja bei einem Gefahrenmoment immer mehr oder weniger vorhanden ist, noch in Betracht, so wird die Reaktionszeit auf eine Sekunde und mehr erhöht. Der Weg, den der Führer mit seinem Wagen vom Beginn der Wahrnehmung eines Hindernisses bis zum Beginn der Reaktion zurücklegt, d. h. der Reaktionsweg, ist durchschnittlich meist ebenso lang, wie der kürzeste Bremsweg, so dass also die durchschnittliche Reaktionszeit den technischen Bremsweg um 100 % verlängert. Wenn ein langsam reagierender Fahrer den Wagen bedient so muss man sogar mit einer 200 bis 300prozentigen doch das Rechte getroffen zu haben. Ihre Annahme, dass Herr Georg Nicola nach Erreichung seines Zweckes wieder nach Amerika zurückgekehrt sei —» «Eine Annahme war das keineswegs,» bemerkte in korrekter Richtigstellung der Staatsanwalt. «Ich wollte nur Ihre Meinung darüber hören. Ich bin gewohnt, bei meinen Ermittlungen jede Möglichkeit restlos zu sieben, selbst wenn sie unwahrscheinlich ist.» «Das ist sie nun in diesem Fall nicht,» erwiderte Plath bescheiden und verzog seine faltigen grauen Backen, die diesmal ohne Gummieinlage waren, zu einem liebenswürdigen Lächeln. Ich habe nämlich zufällig neulich ein Schreiben aus Neuyork von einem Bekannten erhalten, der Georg Nicola tatsächlich in einer Tram hat an sich vorüberfahren sehen. Er hat ihm noch zugewinkt, und Nicola hat mit einem Kopfnicken geantwortet.» Der Staatsanwalt sah ihn nachdenklich an. «Darf ich den Brief einmal sehen?» «Gewiss.» Er fasste in die Brusttasche. «Es war übrigens nur eine Postkarte — und — Jetzt fällt mir ein: ich habe sie während der Eisenbahnfahrt zerrissen und aus dem Fenster geworfen, weil ich die Tasche ohnehin voll belangloser Papiere hatte. Aber ich Verlängerung des kürzesten Bremsweges rechnen. Die Technik hat zwar mit der Entwicklung des Motorfahrzeuges und aller anderen Beförderungsmittel mechanische Bremsmöglichkeiten geschaffen, um den technischen Bremsweg nach Möglichkeit zu verkürzen; aber erst seit verhäftiMsmässig kurzer Zeit wird der Verkürzung der psychischen Bremsstrecke Beachtung geschenkt. Es gilt vor allen Dingen, langsam reagierende Menschen nach Möglichkeit auszuschalten und zwar durch Vornahme einer Reaktionsprüfung. Ferner muss auch der schnell reagierende Fahrer alles vermeiden, was seine Reaktionszeit verlängern kann. Für die Unfallverhütung ist es von besonderer Bedeutung, dass der Fahrer einsieht: Jede Verzögerung in seiner Reaktionszeit kann semem Mitmenschen und ihm Unheil zufügen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, der Reaktionszeit und dem Gefahrenbremsweg nach Alkoholgenuss besondere Beachtung zu schenken. Alle Genussgifte sind Gehirrtgifte, welche auf das Zentralnervensystem des Menschen meistens eine rein lähmende Wirkung in vielseitiger Schattierung ausüben. So erzeugt z. B; Haschisch Ideenflucht und Steigerung der Phantasie, mexikanische Kakteengifte zaubern Farbenorgien hervor. Die Gifte der Nächtschattengewächse veranlassen visionäre Zustände. Der Alkohol ist wohl das älteste Genussgift der Menschheit. Er verändert in seiner Eigenschaft als Hemmungslähmer den Willen des Ätenschen, welcher die Muskeltätigkeit kontrolliert und durch seine hemmende Eigenschaft - dafür sorgt, dass der Muskel sich nicht vollständig verausgabt, sondern noch Reserve zurückbehält. Da nun die Reservekraft nach Alkoholgenuss geringer ist als im nüchternen Zustand, so erfährt der Muskel auch eine Schwächung, die aber unter der Alkoholeinwirkung nicht zum Bewusstsein kommt, denn der Alkohol macht nicht allein mitteilsam und vertrauensselig, sondern auch selbstzufrieden; der Schüchterne wird gesellig, der Schweiger geschwätzig, der Zaghafte unternehmungslustig. Durch die Hemmungslähmung entsteht eine Steigerung des Gefühls der Individualität. Der Alkohol erzeugt selbst in geringen Dosen feinere Lähmungsgrade der geistigen Vorgänge. Der Körper steht mindestens 4 Stunden nach einmaliger wirksamer Dosis .unter Alkoholwirkung; soviel Zeit gebraucht der Organismus, um den Alkohol zu unwirksamen Abbauprodukten zu zerstören. Man muss also wissen, dass die vom Alkoholgenuss gewollte Hemmungslähmung mit einer Verminderung geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit bezahlt wird, die etwa 6—8 Stunden dauern kann. kann Ihnen die Bestätigung schriftlich vorlegen, ich brauche nur nach Amerika zu schreiben, in vierzehn Tagen bis drei Wochen ist die Antwort da.» «Es wäre natürlich von grösster Wichtigkeit,» erwiderte der Staatsanwalt, «nicht nur diese immerhin unkontrollierbare Begegnung, sondern den wirklichen Aufenthalt Georg Nicolas dort festzustellen. Ich werde meinerseits die nötigen Schritte tun, aber in einer Stadt wie Neuyork kann natürlich die Polizei auch nicht alles wissen. Es wäre mir daher immerhin lieb, auch auf Ihre erprobten Nachforschungen rechnen zu können, Herr Plath.» «Das können Sie, Herr Staatsanwalt, können Sie bestimmt.» Damit war die Zeugenvernehmung Plaths für diesmal beendet. Kaum drei Wochen später erhielt der Staatsanwalt ein Schreiben von Plath, dem ein Brief seines Neuyorker Freundes Glasgow beilag mit 'der Bestätigung, er habe Georg Nicola tatsächlich im Vorüberfahren gesehn und deutlich erkannt, sie hätten sich sogar gegrüsst. Plath selber teilte in diesem Schreiben dem Staatsanwalt mit, dass er eine notwendige Reise nach Ostpreussen vorhabe, von der er jedoch schon in vierzehn Tagen zurückkehren werde. INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erieheinen der Nummern (Schluss Seite 2) Auto - Reisepläne Eine Reise im Automobil will gut vorbereitet sein. Unsere Abteilung für Autotouristik steht den Abonnenten kostenlos mit detaillierten Reisevorschlägen zur Verfügung, sie arbeitet bei gegebenem Fahrtziel Itinerare für die lohnendsten Strecken aus. Für eine Autotour sind indessen Spezialkarten und automobilistische Reiseführer gleichwohl eine unumgängliche Notwendigkeit. Unter der persönlichen Leitung von O. R. Wagner sind im Laufe der letzten Jahre nicht nur über unser bevorzugtes Reiseland erstklassige autotouristische Orientierungsmittel entstanden, sondern diese Abteilung wurde auf internationaler Basis ausgebaut. In allen Buchhandlungen der Schweiz und des Auslandes finden Sie die durch ihre rote Farbe gekennzeichneten Führer des Hallwag-Verlages, nämlich: Die praktischen Taschenbände. CH-Touring Frankreich-Führer Deutschland-Führer Italien-Führer Spanien-Führer Automobilführer durch die Alpen Den unentbehrlichen Fährer für grosst Auslandsfahrten: Europa-Touring. 33. Etwa zwei Wochen später, einen Tag nach der Rückkehr und Verhaftung Georgs, war Frau Käthe Wegner nicht wenig überrascht, als sie ein Telegramm mit bezahlter Antwort aus Berlin, Zentralhotel, erhielt: «Soeben eingetroffen. Erbitte Nachricht, wann Richard aus Süden zurückkehrt. Herzliche Grüsse. Wiedersehen. Georg Nicola.» Es war gegen Mittag, als das Telegramm eintraf. Käthe befand sich allein zu Hause, da Anni in der Stadt Besorgungen machte. Eine Weile stand Käthe und starrte auf die Depesche mit einem Gesicht, das sonst ein wenig gescheiter auszusehen pflegte. Dann Hess sie sich in einen Stuhl fallen und sass ratlos, von hundert Gedanken und Erwägungen bestürmt. So fand sie Anni, als sie mit einer Anzahl kleiner Paketchen, die an Bindfäden baumelten, zurückkehrte. Wortlos reichte die Mutter ihr das Telegramm, wortlos las sie es. Nun begann das Rätselraten zu zweien. Was bedeutete dies geheimnisvolle «Soeben eingetroffen». War es etwa eine Finte Georgs, der, seine Rolle als Richard weiterspielend, dem Gericht plötzlich seinen Bruder Georg in irgendeiner Gestalt präsentieren und damit allen Nachforschungen die Spitze abbre-