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E_1933_Zeitung_Nr.060

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BERN, Dienstag, 18. Juli 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 60 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portomsehtag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtUche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Brcitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rectinung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das Konkurrenzproblem Die Schweizerischen Bundesbahnen zeigen 1931 ein Defizit von 10 Millionen Franken, 1932 von 45 Millionen und für 1933 wird eines von wieder 45 Millionen errechnet. Ob dieses errechnete Defizit für 1933 nicht noch wesentlich überschritten wird? In drei Jahren also ein Defizit von mindestens 100 Millionen Franken! Und dagegen hatten die S. B. B. selbst im Rekordjahr. 1929 bloss einen Ueberschuss von 15 Millionen! Auf eine Bilanzsumme von 3 Milliarden macht dies 5 pro Mille auf auf die Brutto- Einnahmen von 420 Millionen 3,6%; und das in einem Jahre intensivsten Verkehrs, einer in Treibhausluft gezüchteten Hochkonjunktur, die sobald nicht wieder kommen wird. Der kleinste Rückschlag der Konjunktur musste mit zwingender Notwendigkeit Defizite bringen. Die Bahnen jammern : Die Konkurrenz des Automobiles ist unbillig, weil es im Kampfe gegen die Bahn eine bevorzugte Stellung inne hat. Eine Gleichheit der Existenzbedingungen muss geschaffen werden, dann können Bahn und Auto in friedlichem Wettbewerb ihre Kräfte messen. Frage: Soll untersucht werden, ob die Vögel oder die Fische an und für sich gesündere Wesen sind, hat es da einen Zweck, den Sperling ins Wasser zu legen oder die Forelle in die Luft zu hängen, nur um für beide die gleichen Bedingungen zu 'Schaffen? Bahn und Auto betätigen sich wirtschaftlich nicht auf derselben Ebene; sie haben beide ihre eigenen volkswirtschaftlichen Aufgabenkreise, die voneinander gesondert sind. Wohl überschneiden sich diese Kreise gegenseitig, aber sie decken sich nur auf einem unbedeutenden Teilstück. Die Aufgabe der Bahn liegt für den Güterverkehr auf dem Gebiete des typischen Ferntransportes, sowie des Transportes für Massengüter, für den Personenverkehr ebenfalls für Massentransporte, besonders zu den Arbeitsplätzen; die Organisationsform ist deshalb die des Grossunternehmens. Dagegen ist das Automobil gewissermassen ein «Lückenfüller»; seine Aufgabe liegt darin, den Verkehr zu F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (31. Fortsetzung) .Nemesis? fragte sich Georg. Will das Leben mir den Gläubiger schicken, wie er mich einst als Gläubiger zu Richard schickte? Aber noch sehe ich seine Sendung nicht beglaubigt^Und bevor es dazu kommt — wer weiss...' Georg traf seine Vorbereitungen zur grossen Erholungsreise sehr eifrig und ganz still für sich. Die beiden Damen waren nicht ohne Sorge. Seit jener Silvesternacht zeigte er ein seltsam verschlossenes Wesen. Er sprach eigentlich nur, wenn man das Wort an ihn richtete, und antwortete dann mit einer Aufmerksamkeit in Miene und Haltung, der man das Gezwungene deutlich anmerkte. Solange die Leiche der Mutter noch im Hause war, hatte er sich fast überhaupt nicht gezeigt und seine Mahlzeiten allein eingenommen. Am Tage des Begräbnisses hatte Käthe vorher einen kleinen Imbiss, kalte Küche und eine Tasse Fleischbrühe bei sich anrichten lassen und Georg auch dazu gebeten. Er kam und ass ein paar Bissen. Aber obwohl er es sonst an keiner Höflichkeit fehlen Hess, war sein Schweigen so bedrückend, dass Käthe während der peinlichen Viertelstunde ihre Einladung mehr als einmal bereute. Otto versuchte eine Unterhaltung in Gang zu bringen und wurde darin von Anni lebhaft unterstützt, während Käthe, die sich die Schuld am Tode der Frau Nicola beimass und die ergänzen, dessen «Lücken auszufüllen», da es eine hohe individuelle Anpassungsfähigkeit besitzt. Die Form der Organisation des Kraftwagenverkehrs ist deshalb ziweckmässig individualistisch kleinbetrieblich. Wo nun allerdings die Eisenbahn zuviele « Verkehrslücken » übrig lässt, kann sicn dos Automobil zum eigentlichen Gegner der Bahn auswachsen. Der Kraftwagen hat aber auch durch seine Ergänzung befruchtend gewirkt, indem er neue wirtschaftliche Möglichkeiten erschlossen und damit der Bahn wieder neue Tätigkeit zugeführt hat. Damit ist wohl schon alle Konkurrenz wettgemacht, die der Kraftwagen der Bahn bereiten kann, üherall da, wo die gesonderten Aufgabenkreise der beiden Verkehrsmittel sich überdecken. Nicht zu vergessen sind auch die Transporte, die der Bahn zufallen für Brennstoffe. Oele, Automobilbestandteile und fertige Wagen, die ebenfalls eine Zuführung neuer Tätigkeit für die Bahn durch den Kraftwagen bedeuten. Zum Teil hat nun allerdings das Automobil der Bahn Transporte weggenommen, doch sind dies solche, zu denen die Bahn nicht besonders geeignet ist, für die sie aber mangels eines geeigneteren Mittels vor dem Aufkommen des Autos in Anspruch genom-' men worden war. Zum andern Teil hat dä£ Auto der Bahn Transporte abgenommen, die zwar natürlicherweise von der Bahn auszuführen wären, denen aber die Bahn mangels technischer Vervollkommnung sich nicht mehr gewachsen zeigte. Als ein solcher Mangel ist die Tatsache zu betrachten, dass die S. B. B. den sonst in vielen Ländern mit grösstem Erfolg aufgenommenen Personen- Verkehr mit leichten, sich rasch folgenden Zugsemheiten bis heute noch nicht durchgeführt hat. Dies ist zweifellos eine technische Rückständigkeit, die nur dem Mangel an Konkurrenz zugeschrieben werden kann. paar Tage ganz verstört gewesen war, immer schweigsamer wurde und schliesslich langsam und still zu weinen begann. Ihre Tränen fielen gleichsam in sie hinein, kein Laut verriet sie. Zuerst bemerkte es nur Anni. In der Hoffnung, noch ein Gespräch in Gang zu bringen, fragte sie Otto, der vor dem Frühstück in der Zeitung gelesen hatte, ob etwas Neues darin stände. «Nichts von Bedeutung,» erwiderte er und fügte ein paar Worte über politische Neuigkeiten hinzu. Käthe benutzte die Gelegenheit, sich zu erheben und hinauszugehen, als habe sie etwas zu besorgen. Georg schien es nicht zu bemerken. «Aber etwas Merkwürdiges stand doch in der Zeitung, im Feuilleton,» fuhr Otto zur Unterbrechung des Schweigens fort, «eine englische Geschichte über die .Schicksalsgemeinschaft der Zwillinge'. Im selben Augenblick fiel ihm ein, dass dies Thema in Gegenwart Georgs nichts weniger als angebracht war, und er wollte schon darüber hinweggehen, als ihn Georg fragte: «Was ist es damit?» «Oh,» erwiderte Otto in wegwerfendem Ton: «Ein Schwindel meiner Meinung nach. Demnach sollen Zwillinge, auch wenn sie gar nichts voneinander wissen und sogar auf verschiedenen Erdteilen wohnen, die gleichen Schicksale erleiden.» «Das ist doch sicher Humbug,» warf Anni ein, die einen aufmerksamen Zug bei Georg bemerkte. «Sind denn bestimmte Tatsachen angeführt?» fragte Georg. Auf dem Gebiete des Frachtverkehrs stand bis vor kurzem, nämlich bis zur Einführung des Automobilgesetzes, dem Kraftwagen die Möglichkeit offen, die Bundesbahn zu konkurrenzieren. Von dieser Konkurrenz wurde denn auch reichlich viel gesprochen und geschrieben. Da lohnt es sich wohl, dem Problem mit Zahlen auf den Leib zu rücken. In der Schweiz wurden im Jahre 1931 1102 Lastwagen zu 4 Tonnen Ladegewicht und 1480 Lastwagen zu 5 Tonnen und mehr gezählt, dazu kommen 2524 Anhänger. Zusammengenommen mögen diese Transportmittel eine gesamte Tragkraft von 20 bis 25.000 Tonnen haben. Nehmen wir nun an, dass die vorhandenen Motorlasfczüge älJe 4 Tage mit 100% ihrer Tragkraft ausgenützt werden könnten," so würde dies eine tägliche Gesamtlast von 5000 bis 6000 Tonnen ausmachen, d. h. täglich könnten maximal 5 bis 6000 Tonnen durch Motorlastzüge transportiert worden sein. Setzen wir noch in Anrechnung, dass mindestens zwei Drittel der Transporte, die durch Lastwagen ausgeführt werden, gar nicht von der Bahn ausgeführt werden könnten, weil es Zubringerdienst, Camionnage, Verkehr mit Orten ohne Bahnanschluss ist, so ergibt sich, dass das Automobil der Bahn maximal 1500 bis 2000 Tonnen täglichen Güterverkehrs abspenstig machen könnte. Zu einem ähnlichen Ergebnis führt eine zweite Berechnung;, welche auf dem Vergleich der verfügbaren Laderäume fusst. Das Ladegewicht sämtlicher S. B. B.-Güterwagen beträgt 272.000 Tonnen; mit diesem Laderaum wurden täglich etwa 5O.000 Tonnen öüter befördert, d. h. etwa 5%mal weniger kte die Lactekapazität beträgt. Demgegenüber stehen an Ladekapazität bei Lastwagen 20 bis 25.000 Tonnen zur Verfügung. Wird, was anzunehmen ist, bei den Lastwagen ebenfalls nur ein Fünftel der Kapazität täglich genützt, so ergibt dies 4 bis 5000 Tonnen. Davon gehen zwei Drittel für Zubringerdienst, Camionnage usw. ab. Somit können die Lastwagen nach dieser Berechnung etwa 1300 bis 1600 Tonnen der Bahn wegnehmen. Nach beiden Berechnungen kann der Lastwagen der Bahn für maximal 1300 bis 2000 Tonnen Transporte wegnehmen. Bei täglichen Transporten der S.B.B, von rund 50.000 Tonnen sind dies 2,6 bis 4% des Güterverkehrs oder 1,2 bis 2% der gesamten Verkehrseinnahmen. Das ist die äusserste Grenze bis zu der der Lastwagen die Bundesbahn konkurrenzieren könnte! «Das schon, aber natürlich ganz unkontrollierbare.» Otto stand auf, nahm die Zeitung vom Nebentisch und las: «Schicksalsgemeinschaft der Zwillinge.» Die beiden Zwillinge Gordon und Frederick Crowhurst aus London gerieten in zwei weit voneinander liegenden Stadtteilen Londons zu genau der gleichen Stunde je unter ein Auto. Der Fall steht nicht vereinzelt da. Im Jahre 1920 wurde Clarence Marsh, aus Akron im amerikanischen Bundesstaate Ohio, in ein Krankenhaus gebracht mit schweren inneren Blutungen. Ihre Schwester Florence, die in Maryland, also vierhundertvierzig Kilometer entfernt wohnte, erlitt zur selben Stunde einen Blutsturz. Der englische Gelehrte Ealton erzählt von Zwillingen, die stets zur gleichen Zeit Zahnschmerzen bekommen haben, und es waren immer dieselben Zähne, die entfernt werden mussten. Eine drollige Geschichte passierte — nach Ealton — einem anderen Zwillingspaar, George und John Smith. George war auf Reisen in Schottland und wollte seinem Bruder ein Geschenk mitbringen. Er kaufte eine Champagnergarnitur in einer bestimmten Ausführung. Als er in London seine Wohnung betrat, stand auf dem Tisch — eine Champagnergarnitur von ein und derselben Ausführung wie diejenige, die er gekauft hatte. Es war ein Geschenk von seinem Bruder...» Otto faltete lächelnd die Zeitung zusammen. Georg lächelte geringschätzig. Währenddessen kam Käthe wieder herein. Es war Zeit, aufzubrechen, und man vergass die Zeitungsnotiz über ernsteren Dingen. INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Aluland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Ein Vergleich zu andern Ländern zeigt, wie wenig in der Schweiz schon von einem Ueberhandnehmen des Lastwagens, von einer Motorisierung des Gütertransportes gesprochen werden kann. In der Schweiz kommen auf je 100 km Geleise der S. B. B. 279 Lastautomoibile von über 2 Tonnen Tragkraft; dagegen kommen auf 100 km Bahngeleise in den Ländern: Niederlande Grossbritannien 902 » U. S.A. 856 » Prankreich 776 » Belgien 502 » Dänemark 460 » Italien 305 » Deutschland 271 » 1077 Lastwagen Die Errechnung der absoluten Zahlen für die Transporte, die die^ Kraftwagen den Bundesbahnen wegnehmen könnten, wie auch die relativen Zahlen des Vergleiches zwischen der Anzahl Lastwagen und der Länge der Bahngeleise ergeben, dass der S. B. B. eine ernst zu nehmende Konkurrenz durch den Lastwagen nicht erwachsen ist. Von Seiten der S.B.B, wird auch die Unmöglichkeit erwähnt, die Tarife zu erhöhen, um damit eine Deckung der Kosten zu erreichen; dabei wird gerade diese Unmöglichkeit der Konkurrenz durch das Automobil in die Schuhe geschoben. Dem ist entgegenzuhalten, dass es keine Monopolstellung geben kann, bei der die Preisgestaltung im ausschließlichen Belieben des Monopolisten stände, da jede Preiserhöhung unter sonst gleichen Umständen die Nachfrage mengenmässig einschränkt. Eine Tariferhöhung müsste die Tendenz zur Verringerung des Waren- und Personenverkehrs auslösen. Da bereits die heutigen Tarife sehr hoch liegen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass der Verkehrsrückgang einen Einnahmeausfall mit sich brächte, den die Mehreinnahmen aus der Tariferhöhung bei weitem nicht zu dekken vermöchten. Die Vermutung, dass die Tarife der S.B.B, um die äusserste Grenze des von der Wirtschaft noch Tragbaren pendeln, wird gestützt durch die Tatsache, dass bei einem schweizerischen Großhandelsindex von 91 % (gegenüber 1914) die Einnahmen der S.B.B. pro Tonne Güterverkehr noch immer auf 155 % (gegenüber 1913/14) stehen. Dies bedeutet eine Ueberbelastung des Handels durch Transportspesen von Am folgenden Tage reiste Georg nach Triest. Die drei begleiteten ihn zum Bahnhof und verabschiedeten sich in seinem Abteil. Käthe hatte es nach dem ganzen Benehmen und der sich gleichbleibenden Stimmung Georgs seit der Katastrophe nicht anders erwarten können, als dass sein Abschied kühl ausfallen würde. Dennoch schmerzte es sie tief, zumal als sie beim Verlassen des Wagens sich umblickte« und bemerkte, dass er Anni noch einmal herzlicher Lebewohl sagte. Ein tiefer Seufzer hob Käthes Brust; sie erkannte die Wahrheit, dass nicht der Tod, dass nur das Leben zwei Menschen, die sich lieben, zu scheiden vermag. 31. Georg hatte versprochen, seine Adresse mitzuteilen, so bald er sich für einen längeren Aufenthalt entschieden hätte, aber er hielt nicht Wort. Von seiner ganzen Reise kamen nur drei Postkarten, je eine aus Kairo, Jerusalem und Athen. Er schien absichtlich nur die Hauptstädte als Richtlinien seiner Reise angeben zu wollen. Seit Anfang März hatte wiederholt ein älterer unbekannter Herr nach Georg gefragt. Ein wortkarger, glattrasierter Fünfziger, der sich als «Rat Schubring vorstellte und äusserte, er müsse den Herrn Direktor Nicola in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Seitdem hatte er sich alle zwei bis drei Tage telephonisch nach Georgs Rückkehr erkundigt, war auch noch einmal persönlich dort gewesen und hatte beinahe etwas wie einen Verdacht geäussert, dass ihm die Adresse absichtlich verheimlicht würde, worauf ihm