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E_1933_Zeitung_Nr.067

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BERN, Freitag, 11. August 1933 Gellte Liste Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N« 67 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag nnd Freitag Monatlich „Gelbe List«" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Hecnnuna III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Fahrt in die Alpen Hundstage, Ferientage. Ueber den Steintnassen der Städte flimmern die Hitzewellen. Wer irgendwie kann, entflieht ins Freie, sucht sich vor der lähmenden Uebermacht einbrechender Kalorien in Sicherheit zu bringen. Wer hat es dabei besser, als Avir Schweizer Automobilisten? Eine Fahrt von wenig Stunden oder gar nur Stunden-Bruchteilen bringt uns aus brütender Hitze in die kristallklare, eisund schneegefilterte Atmosphäre unserer Berge, die weit besser noch als ein Bad den Körper erfrischt und belebt und den Geist zu neuen Taten anregt. Kein noch so griesgrämiger, ausgekochter Grossstädter wird sich gerade jetzt dem gewaltigen Stimulans einer Fahrt in die Alpenwelt verschliessen können. Freilich will der Genuss auch diesmal verdient sein. Ueber die Alpenstrassen ziehen gerade jetzt Karawanen, mit denen die Strassenerbauer niemals gerechnet hatten. Wohl wurden alle wichtigeren Pässe in den letzten Jahren soweit ausgebaut, dass sie vom Automobilisten gefahrlos und ohne akrobatische Kunstfertigkeit und Schwindelfreiheit benützt werden können. Mit wirklichen Autostrassen halten sie jedoch noch in den wenigsten Fällen einen Vergleich aus. Dementsprechend grösser sind die Rücksichten, welche die F-hrer aufeinander zu nehmen haben. Jeder Fahrer hat sich bewusst zu sein, dass ein reibungsloser und ungefährlicher Passtrassenverkehr nur dann möglich ist, wenn er sich in den ganzen Verkehrsablauf diszipliniert einreiht. Privatliebhabereien hinsichtlich Tempo, Ueberholungen und Parkierungsstellen haben in den Hintergrund zu treten. In jeder Sekunde hat sich jeder Fahrer bewusst zu sein, dass selbst ein kleiner verkehrstechnischer oder fahrtechnischer Fehler zur Katastrophe führen kann und dass dann vielleicht nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben zahlreicher anderer Personen auf dem Spiel steht. Weder auf der Rennbahn, noch im 130- km-Tempo auf freier Landstrasse lässt sich die Qualität eines Fahrers besser beurteilen als daran, wie er sich unter den strengen, verantwortungsvollen Verhältnissen einer Fahrt auf Hochalpenpässen zu benehmen und zu behelfen weiss. Zeige mir, wie du Alpenpässe fährst, und ich sage dir, wer du bist. Dieser Satz gilt ebensogut für die Fähigkeiten des Automobilisten, wie dessen allgemeinen Charakter. Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (38. Fortsetzung und Schluss.) Währenddessen hatte er einen Rain am Ufer ins Auge gefasst, der von kleinen eingegrabenen Grenzsteinen kaum sichtbar abgesteckt, etwa zehn Morgen gross, einen sanften Hügel anstieg, welchen oben ein Wäldchen kränzte. Dies war das Grundstück, das er nicht mit den übrigen verkauft hatte, hier sollte ein schöner Garten mit Spielplätzen entstehen, an den sich das kleine Waldstück als Park schloss, hier sollte fünfzig Meter vom Ufer das stattliche Gebäude der «Brüder Nicola-Stiftung» sich erheben. Er liess das Boot am Ufer auflaufen, zog einen Grundriss und Bauplan aus seiner Mappe und malte sich den Eindruck des fertigen Projekts aus. Es war ein schöner Platz mit Sandstrand und saftiggrünem Ufer; die vereinzelten Bäume, die zerstreut auf dem Grundstück standen, würden dem Garten ein würdiges Ansehen geben. Heiter wanderte er eine Weile auf dem friedlichen Platz umher, Hinter jeder scharf abbiegenden, unübersichtlichen Kurve lauert die Gefahr. Wenn im Flachland mancher Fahrer sich in ähnlichen Situationen gegen die Gefahr eines Zusammenstosses damit retten zu können glaubt, dass er rechts oder links über den Strassengraben ausweicht, so versagt diese Taktik hier in den meisten Fällen vollständig. Einmal wird ihn die geringe Breite der Strasse fast immer am Ausweichen hindern, und zum zweiten ist bei der Schärfe der Kurven die Zeit zum Ueberlegen und Reagieren viel zu kurz. Viele Fahrer machen sich auch ein ganz falsches Bild von der wirklichen Länge des Bremsweges, den ihr Wagen oder das entgegenkommende Fahrzeug zum Abstoppen im Gefälle benötigt. Wir haben erst kürzlich im technischen Teil dargelegt, um wie erstaunlich viel länger der Bremsweg im Gefälle wird. Es kommt hinzu, dass die Strassenoberfläche häufig vor stärkeren Kurven durch die grössere Beanspruchung der bremsenden Fahrzeuge aufgerissen oder wellig geworden ist, so dass dann eine intensive Bremsung erst recht unmöglich wird. Gegen Ueberraschungen dieser Art gibt es nur zwei Hilfsmittel: Sorgfältigste Bemessung der Fahrgeschwindigkeit und unbedingtes Einhalten der rechten Strassenseite. Besteht beim Begegnen zweier Fahrzeuge Ungewissheit, ob die Strassenbreite ein Kreuzen erlaubt, so hat das von oben kommende Fahrzeug anzuhalten. Diese Regel ergibt sich schon aus dem Anstandsgefühl heraus, dem Schwächeren den Vortritt zu lassen. Sie ist aber neuerdings auch im Bundesgesetz enthalten. Das Befahren von Spitzkehren, das so oft noch den bergungewohnten Automobilisten abschreckt, bietet in Wirklichkeit bei einiger Uebung, Umsicht und Ruhe kaum irgendwelche Schwierigkeiten oder Gefahren. Von der Regel, nie eine Kurve zu schneiden, muss hier allerdings abgegangen werden, denn ohne ein Schneiden der Kurve wird sich eine wirkliche Spitzkehre in den seltensten Fällen in einem Zug nehmen lassen. Biegt die Kurve nach links ab, so fährt der routinierte Automobilist auf dem äussersten rechten Strassenrand in sie ein, vollführt, auf der Höhe der links vorspringenden Landzunge angelangt, in einer möglichst raschen ununterbrochenen Drehung den nötigen Lenkradeinschlag, schneidet dadurch die Kurve in ihrem inneren Scheitelpunkt, und während Strolch ein Kaninchen in den Wald verfolgt hatte. Plötzlich bemerkte Georg, wie das Boot, das er nur leicht mit der Spitze auf den Sand geschoben hatte, sich zu bewegen begann. Es hätte nicht viel gefehlt, und es wäre fortgetrieben. «Nicht so ungeduldig!» rief Georg, hinzueilend. «Wir kommen noch zur Zeit!» Indessen bemerkte er, dass die Sonne schon schräg stand, er pfiff dem Hund und wollte gerade ins Boot steigen, als er zwei der rechtkantigen Grenzsteine an einem Weidenbusch liegen sah. Offenbar waren sie übrig geblieben, und man hatte sich nicht weiter damit schleppen wollen. Er nahm sie auf und legte sie ins Boot. Der Wind war etwas abgeflaut, aber seltsam: Das Boot schien mit gleicher Geschwindigkeit weiter- zu gleiten. Wie von unsichtbarer Hand getrieben, zog es nach dem Südende des Sees, auf den Kanal zu, der nach dem Kolmanzer See führte. Ein Schauder überlief Georg. Und doch fand er den Vorgang nicht verwunderlich. War es nur ein Gedanke, oder war es ein Schluss, der im Unterbewusstsein schon lange vorbereitet, bei ihm jetzt feststand? Lief das Boot weiter im Hauch einer unsichtbaren kommt schliesshch wieder m der Nähe des rechten Strassenrandes aus der Kurve heraus. Analog verhält er sich beim Befanren einer Rechtskurve. In beiden Fällen ist es aber unratsam, eine allzu enge Kurve auf einmal erzwingen zu wollen. Nur zu leicht gerät man dabei in eine Lage, die nachher weder ein Vorwärts- noch ein Rückwärtsfahren mehr erlaubt, ohne dass zum Wagenheber und anderen Notbehelfen gegriffen wird. Bei derart engen Kurven hält man sich besser mehr am äusseren Strassenrand, lässt den Wagen, wenn es nicht weiter geht, um 1 bis 2 Meter zurückrollen und gewinnt dann meist die Ausfahrt ohne Schwierigkeiten. Das richtige Urteil, darüber, ob eine Kurve auf diese oder die oben erwähnte Art angegriffen werden soll, lässt sich nur durch Uebung erwerben. Jahr für Jahr kommen Unfälle als Folge des Verwechselns der Pedale vor. Gerade beim Befahren exponierter Spitzkehren hat schon mancher Automobilist in der Aufregung versehentlich auf das Gaspedal anstatt auf die Bremse getreten und dadurch schlimmste Folgen heraufbeschworen. Das allererste Gebot gilt für alle irgendwie kitzligen Situationen im Passstrassen verkehr: Absolute Ruhe. Kein J\i nsch kann einen unsicher gewordenen .Automobilisten zu unüberlegten Manövern zwingen. Drohen angesichts einer Gefahr die Nerven zu versagen, so bringe man mit der Handbremse den Wagen zum Stillstand und unternehme konsequent erst dann neue Manöver, wenn man genau weiss, was man tun will und tun kann, manche Fahrer empfinden es als Erleichterung und Sicherung, beim Manöverieren in Spitzkehren anstatt des Bremspedals, nur den Handbremshebel zu benützen. Andere lassen den Handbremshebel beständig so stark angezogen, dass der Wagen im Gefälle nicht von selbst ins Rollen kommt, dass aber trotzdem beide Hände am Lenkrad, der eine Fuss auf dem Gaspedal und der andere Fuss beständig auf dem Kupplungspedal bleiben können. Entschieden gefährlicher ist es, wie oft empfohlen, den Motor mit Handgas ein für allemal auf höhere Tourenzahl einzustellen, damit man die Füsse nicht zum Kupplungs- bzw. Bremspedal wegzunehmen braucht. Im Falle eines Abgleitens vom Kupplungspedal kann bei diesem Vorgehen der Wagen leicht einen verhängnisvollen Sprung vollführen. Ganz allgemein spielt aber die Methode an sich eine viel geringere Rolle als die Art und Weise, wie sie angewandt wird. Wir wiederholen deshalb: «Nume nid gschprängt». Schicksalsmacht? Führte ihn eine Geisterhand bestimmtem Ziele zu? Er schüttelte den Kopf. Das Boot war inzwischen in den Kanal gekommen und hier lag es, als der Seewind es nicht mehr fasste, beinahe still. Es war vorhin also doch wohl ein leiser Windhauch noch gewesen, der es weiter getrieben hatte? Georg holte das schlaff hängende Segel herunter, nahm einen «Riemen» und bewegte damit sein Fahrzeug langsam weiter, bis er in den Kolmanzer See hinauskam. Er hatte es nicht eilig. Frösche quakten an den Ufern nah und fern, ein Rohrsänger schmetterte im Röhricht. Langsam glitt das Boot auf die Mitte des Sees hinaus. Ein wohltuendes Gefühl der Freiheit und des Friedens kam über Georg. Hier war er geborgen. Kein Boot ringsum, nur weitab zog ein Fischerkahn am Röhricht entlang, der einsame Fischer war mit seinen Reusen beschäftigt und pfiff ein Lied dazu. Welch ein Frieden hier, empfand Georg. Und doch: War nicht von diesem stillen Wasser der letzte Ruf in der Nacht gekommen? Nach einer Weile tauchte drüben an der Bucht Priebenow auf. Georg konnte es sich INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentari!. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Bereits eingangs wurde auf den Einfluss des Gefälles auf die Länge des Bremsweges hingewiesen. Es ergibt sich daraus, dass ein und dieselbe Strasse bei Bergabfahrt lange nicht so schnell befahren werden darf wie bergauf, wenn der Fahrer den Wagen jederzeit beherrschen können soll. Die Bremsarbeit ist soweit wie möglich dem Motor zu überbinden, indem man einen kleinen Gang einschaltet. Unter allen Umständen sind Freilauf- Vorrichtungen jeder Art ausser Funktion zu setzen. Die Vernichtung der grossen, bei der Bergabfahrt freiwerdenden Energie ausschliesslich mit Hilfe der Radbremsen bedeutet nicht nur eine sinnlose Abnützung von Material, sondern geradezu sträflichen Leichtsinn. Bemerkt ein Fahrer, dass seine übermässig beanspruchten Bremsen in der Wirkung nachzulassen beginnen, so ist sehr oft jede Sicherungsmassnahme zu spät. Das nachträgliche Einschalten eines kleineren Ganges erfordert grosse Kunstfertigkeit, und misslingt es, so wird die Gefahr erst recht erhöht. Die Handbremse ist bei manchen modernen Wagen für Bremsungen von längerer Dauer ganz unbrauchbar und versagt deshalb als Sicherung alsbald auch. In einem solchen Fall besteht die einzige Rettung darin, dass man den Wagen, bevor er noch zu hohe Geschwindigkeiten erreicht hat, schräg gegen den Berg auflaufen lässt oder der Begrenzungsmauer der Strasse entlang schleifen lässt. Er wird dadurch allerdings nicht schöner werden, aber es besteht doch einige Aussicht, dass seine Insassen schadlos davonkommen. Wir haben hier nur einige besonders wichtige Punkte aus der Praxis des Alpenfahrers herausgegriffen. Zahlreiche andere Regeln lernt jeder Automobilist noch aus eigener Erfahrung kennen. Wenn wir beim Hinweis auf die Gefahren vielleicht etwas schwarz gemalt haben, so soll sich ein gewissenhafter Fahrer dadurch nicht etwa von Passtouren abhalten lassen. Unsere Zeilen richten sich nicht nur an ihn, sondern vor allem auch an die allzu sorglosen Lenker, die sonst nicht eher klug werden, als dass sie am eigenen Leib die Folgen ihrer Unvorsichtigkeit zu spüren bekommen haben, m. Unser neuer Roman Der geheime Kampf behandelt in überaus spannender Weise das dunkle Gebiet der internationalen Kriegsspionage. Wir beginnen in einer nächsten Nummer mit dem Abdruck des ausserordentlich interessanten Werkes. nicht versagen, näher zu fahren und das alte Schloss, in dem sich sein Schicksal entschieden, noch einmal zu betrachten. Ihn konnte ja niemand erkennen, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Da hörte er über sich das Knattern eines Flugzeuges. Er sah flüchtig hinauf. Es flog ziemlich niedrig und machte einen Bogen um die Seebucht. Dann kehrte es um, fuhr direkt über Georg hinweg und beschrieb eine grosse Ellipse über dem ganzen See. Georg ruderte näher an die Bucht, zog die Ruder ein und blickte nachdenklich auf das alte, vom Nachmittagslicht klar beleuchtete Schloss. Die neuen Besitzer hatten es mit Oelfarbe streichen lassen; obwohl die dunkelgelbe Farbe gut aussah, fand Georg es doch geschmacklos, den alten Bau so aufzuschminken. Während er noch in Gedanken versunken die Ruder schleifen Hess, ratterte das Flugzeug wieder über ihm. Was wollten die Flieger? Wurde er etwa wieder verfolgt? Unmöglich, niemand konnte ihn hier vermuten. Aber der Pilot steuerte jetzt auch schon geradeaus in Richtung auf Priebenow zu. Georgs Augenbrauen zogen sich zusammen, als er jetzt mit letztem Blick Abschied nahm von dieser Schicksalsstätte. Während