Aufrufe
vor 11 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.063

E_1933_Zeitung_Nr.063

BERN, Freitag, 28. Juli 1933 Mit Bundesfeier-Sondernummer Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 63 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Er»chelnt jeden Dienstag tmd Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr« 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Aütorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct*. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Tagesfragen Vom Fremdenverkehr. F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (34. Fortsetzung) Nach den einlaufenden Meldungen aus unseren Kur- und Fremdenorten scheint es, als ob sich die Saison doch noch etwas günstiger gestalten werde als man ursprünglich befürchten musste. Zu Jubelrufen gibt aber diese bescheidene Besserung noch keinerlei Anlass, denn selbst wenn uns das Reisepublikum wohl will, so werden die letztjährigen Besucherzahlen kaum überschritten .werden. Das ist für unsere Hotellerie und für unsere Aussenhandelsbilanz eine bittere Tatsache. Wie ganz anders lesen sich da die Zahlen, welche die Agenzia di Roma über den Fremdenzustrom nach Italien bringen kann! Per Bahn reisten allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres 258 004 Personen aus dem Ausland zu, d. h. rund 68 000 oder 36 % mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Im Motorfahrzeug kamen 1933 insgesamt • 322 318 Ausländer nach Italien, also 157 000 oder 94 Prozent mehr als in den ersten vier •Monaten des Vorjahres! Bezeichnend ist dabei die beinahe phantastisch anmutende Zunahme des Autotourismus und die neuerliche Bestätigung der Vorrangstellung des Strassengegenüber dem Eisenbahnverkehr. Wie erinnerlich, waren 1932 von 1,9 Millionen Fremden, die Italien besuchten, 0,70 Millionen mit der Eisenbahn und 1,10 Millionen per Automobil eingereist. Wenn man damals noch vermuten konnte, dass es sich vielleicht um eine ausnahmsweise und einmalige Verschiebung in der Struktur des Reiseverkehrs handle, so werden nun die vielversprechenden Zahlen für das erste Dritteljahr 1933 den Zweiflern die Augen geöffnet haben. Italien heimst nun bereits die Früchte der grossartigen und weitsichtigen Strassenpolitik eines einzigen Dezenniums ein, das unter dem Regime Mussolinis stand, der von allem Anfang an der Strasse eine besondere Bedeutung in der ' nationalen Verkehrswirtschaft zumass. Man mag unserem südlichen Nachbar diesen Erfolg wohl'gönnetl, denn er ist verdient und ihm nicht einfach schlafend in den Schoss gefallen. Dieses Gefühl wäre bei uns um so unbeschwerter, wenn der schweizerische Reiseverkehr eine ähnliche Entwicklung aufzuweisen vermöchte. Leider ist dem nicht so. Und nun kommt bei uns allmählich die Besinnung und die Klage. So jammert die «Neue Bündner Zeitung» unter dem Titel « Die Schweiz hinkt nach » über die bisherige armselige Verkehrsförderung von Seiten der Eidgenossenschaft, der gegenüber sich die italienische Strassenpolitik als weitsichtig und gnosszügig ausnehme. «Noeh haben sich unsere Behörden », schreibt das Blatt weiter, «nicht einmal dazu aufgeschwungen, auch nur eine der grossen Alpenstrassen durchgreifend zu modernisieren! » « Und dabei sind es doch gerade die Alpenstrassen, die den ausländischen Automobilisten irls Land ziehen. Andere Staaten — beispielsweise Oesterr reich — haben das längst begriffen und führen grosse Modernisierungen durch. Haben wir bei uns nicht Arbeitslose genug, die man beim Umbau der Alpenstrassen einsetzen könnte? Auch mit dem Geldmangel soll man nicht kommen, solange auf den Banken derartige Summen liegen, die froh wären* zu einem wenn auch nur bescheidenen Zins Verwendung zu finden. Mit guten Worten, durch ApP e " an den Patriotismus oder, Der Justizrat stand auf. «Gott sei Dank, Ja! Ich schlage vor, wir fahren sogleich nach Moabit, Herr Nicola, damit Ihr Herr Bruder nicht länger auf das Wiedersehen wartet.» «Gewiss,» stimmte Wedemeyer zu. «Ich will nur vorher den Staatsanwalt anrufen, damit wir ihn auch antreffen. Bei der Wichtigkeit der Sache wird er Sie natürlich sehr bald empfangen.» «Bitte,» sagte Wedemeyer und wies auf sein Zimmertelephon. «Danke sehr! Ich habe noch ein anderes Gespräch zu erledigen und möchte die Herren nicht so lange stören. Ich werde unten telephonieren und schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten im Vestibül. Auf Wiedersehn! Sie, Herr Plath, haben vielleicht die Güte, sich hier auf etwaigen Anruf bereitzuhalten.» Kaum hatte der Justizrat die Tür geschlossen, als die beiden Bundesgenossen sich starr vor Verblüffung ansahen. Die einleuchtende Notwendigkeit, sich jetzt mit schnellem Entschluss der Lage anzupassen, veranlasste sie, sich unwillkürlich bei den Armen zu fassen. «Nur Ruhe!» flüsterte Plath zweimal kurz hintereinander. «Verloren ist dadurch nichts. Im Gegenteil.» «Im Gegenteil,» lachte Wedemeyer ironisch, seinen Arm fahren lassend. «Ein schönes Gegenteil! Ich habe Lust, während der Justizrat in der Telephonzelle ist, auszuwitschen.» «Bist du verrückt?» rief Plath ausser sich. »Nichts ist verloren, sage ich dir. Ich bin sicher, dass Richard seinen Bruder umgebracht hat. Wusste es schon immer. Und jetzt glauben es sogar die Richter! Richard wird heilfroh sein, wenn er so plötzlich von allem Verdacht gereinigt ist. Er wird dich mit offenen Armen empfangen, Junge, und bestimmt anerkennen! Lässt sich ein grösserer Glücksfall für einen wegen Mordes Angeklagten denken, als dass der .Ermordete' plötzlich vor ihm steht und ihm die Hand schüttelt? Also nur Mut, my boy! Und frech wie Oskar! Du musst noch ein bisschen weniger schlacksig in deinen Bewegungen sein und die Konsonanten schärfer sprechen. Behalte immer den Georg im Auge, wie du ihn kennst. Also spiele deine Rolle gut, dann ist alles gewonnen.» Er wollte ihm noch nähere Instruktionen geben, als das Telephon klingelte. Der Justizrat wartete. «Also ich bleibe hier. Falls Schwierigkeiten sind, rufe mich gleich hin,» sagte Plath, während Wedemeyer seinen Ueberzieher anzog. «Und nun Hals- und Beinbruch, Junge. Mach gleich, wenn du unter vier Augen mit Richard bist, zur Bedingung: Teilung des Vermögens. Und wir machen auch halbpart. Ehrenwort und Handschlag drauf! Ein Mil- IiÖnchen fällt für jeden von uns ab.» «Ehrenwort und Handschlag!» erwiderte Wedemeyer. Plath sah aus dem Fenster, ohne es zu öffnen, die beiden abfahren. 34. Sie betraten durch den Eingang in der Turmstrasse das gewölbte Vestibül. Als sie an den Gang gelangten, der zu dem Untersuchungsgefängnis führt, kam ihnen ein Aufsichtsbeamter entgegen. Der Justizrat kannte ihn. «Ich habe dem Herrn Staatsanwalt Wachshöfer telephonisch mitgeteilt, dass ich ihn dringend zu sprechen wünsche.» «Deswegen bin ich hier, Herr Justizrat. Der wenn dies nichts fruchten sollte,„untex, Anwendung, von « sanftem*J Druck musste es dem Staat gelingen, die notwendigen Mittel zum Bau der dringend nötigen, durch Graubüntten. gehenden gtossetf NoVd- Süd-Autostrasse aufzubringen, die auch im Winftsi fahrbar ist. Statt planmässig an das der ganzen Eidgenossenschaft dienliche Werk zu gehen und wenigstens die "Wallenseestrasse in Angriff zu nehmen, doktert man in üblicher, kirchturmpolitischer Weise am Kerenzerberg herum, so lange, bis die Schweiz den richtigen Moment in tragischer Weise gänzlich verpasst und' abgefahren wird. Es ist unbegreiflich, dass dieser gesamteidgenössischen Frage einer -modernen; die Alpen durchquerenden Nord-Süd-Autostrasse bisher nicht mehr Beachtung geschenkt worden ist. Höchste Zeit, die Hände endlich aus dem Hbsensack herauszunehmen, um sich energisch für die bündnerischen und schweizerischen Lebensinteressen einzusetzen! Oder steht es in den Sternen geschrieben, ist es Schicksal, dass unser Verkehrsland par excellence hintenherhinken muss? Nein! Also heisst es unverzüglich, alle Interessen, zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschliessen und nicht zu ruhen, bis die Sache auf guten Wegen ist. » In ähnlichem Sinne kommentiert ein weiterer Teil der Presse die Lage. Unsere Kollegen von der Tageszeitung sind wirklich spät aufgestanden. Vor zehn, ja vor zwanzig Jahren haben wir schon die Notwendigkeit eines eidgenössischen Strassenbauprogrammes dargelegt und damls schon vor einer heranziehenden Gefahr der Umfahrung der Schweiz, von einer schweren Konkurrenz des weitsichtigeren Auslandes gewarnt. Die Scheinkorijuhktur der ersten Nachkriegsjahre hat diese Warnungen überdeckt und es erging uns beinahe wie dem Rufer in der Wüste. Zufällig haben wir gerade den Band unseres Blattes zur Hand, der die Sammlung des Jahrganges 1923 enthält, also zehn Jahre zurückliegt. Damals schrieb A. Qamma, der damalige Präsident des kantonalen Verkehrsvereines Uri, in- einem Leitartikel, betitelt «Schweizerische Alpenstrassenpolitik»: Nach mehr als hundertjähriger überragender Behauptung droht der Verkehrsentwicklung auf unseren Alpenstrassen durch die Rührigkeit der benachbarten Alpenstaaten der Rang abgelaufen zu werden. Während andere Alp-enländer fieberhaft am Bau von neuen zeitgemässen Autostrassen und am Umbau von bestehenden Alpenstrassen arbeiten, ruht in der Schweiz jede grosszügige Verkehrsverbesserung auf diesem Gebiete. Die Zeit ist gekommen, wo der Bund die Ergänzung un