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E_1933_Zeitung_Nr.066

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BERN, Dienstag, 8. August 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 66 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Diensten und Fnltag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern lotern nicht pottamtllch bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegrjunm-Adresse: Autorevue, Bern Feststellungen und Vergleiche Ein öfters im benachbarten Auslande weilender Automobilist stellt uns die nachstehenden Ausführungen über seine im Verlaufe dieses Sommers auf einer italienischen, österreichischen und jugoslawischen Passfahrt gemachten Beobachtungen automobilistischer Natur zur Verfügung. Seine Feststellungen und Vergleiche mit inländischen Verhältnissen wollen wir namentlich aus dem Grunde unseren Lesern nicht vorenthalten, als sie auf manche Lücke im schweizerischen Strassenverkehrswesen hinweisen Ṙed. Zurzeit machen durch die Tagespressen Meldungen betreffend dem Ferienaufenthalt von Schweizer Bürgern im Ausland, speziell in Italien, die Runde. Oft werden bissige Bemerkungen damit verbunden, wobei namentlich den mit dem Automobil nach dem Süden reisenden Kreise gerne eine Lektion vom «Verbleib in der Heimat» erteilt wird. Die überwiegende Mehrzahl der Reisenden, welche die lockenden italienischen Eisenbahntaxen ausnützen, übergeht man hingegen stillschweigend. Nimmt man diese Leute etwas näher unter die Lupe, so kann man feststellen, dass es unter ihnen geradezu von Eisenbahn-, Post-, Zoll- und anderen Staatsbeamten wimmelt. In die Heimat und an die Futterkrippe wieder zurückgekehrt, wird bei Verwandten und Bekannten für das Ausland stille aber zügige Propaganda geleistet. Wohl niemand wird dagegen etwas einzuwenden haben,:.wenn, dann und wann auch Staatsangestelltö ihren geistigen Horizont in Italien oder? Deutschland, in Frankreich oder Oesterreich, oder vielleicht in noch entfernteren Ländern zu erweitern versuchen; denn auch diese Leute wollen einmal andere Sitten und Gebräuche, fremde Gesichter und Berge, einen blauern oder einen nebligeren Himmel sehen. Automobilist an der Verschlechterung des einheimischen Fremdenverkehrs schuld sein soll, muss wieder einmal mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden. Kein Hahn Tcräht danach, wenn Bahnangestellte, wie dies jahrelang praktiziert wurde, mit Kind und Kegel regelmässig über das europäische Eisenbahnnetz rollen und bald im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ihre ausländischen Ferien verbringen. Abgesehen davon, dass ein eventueller offizieller oder inoffizieller Druck gegen den ausländischen Ferienaufenthalt nur Abwehrtnassnahmen auslösen würde, ist noch darauf hinzuweisen, dass viele Ausländer zu uns kommen, weil auch der Schweizer zu ihnen geht, und wenn die ausländischen Eisenbahngesellschaften durch grösseres Entgegenkommen die im Menschen schlummernde Reiselust etwas besser zu wecken verstehen als die inländischen Bahnunternehmungen, so soll man seine Bemerkungen dort anbringen, wo sie am Platze sind, und nicht immer das Automobil als ständigen Sündenbock für eine Entwicklung verantwortlich machen wollen, die eben einmal durch die verschiedensten Faktoren ausgelöst worden ist und die man nicht mehr zurückdrehen kann. Was speziell den einheimischen Automobilisten reizt, seinen Wagen mehr als früher über die Grenze zu führen, dürfte vielfach im besseren ausländischen Strassenzustand begründet liegen. Mit dem sich rapid entwickelnden Autotourismus kommt dem Strassenverkehr -immer grössere Bedeutung zu, so dass sich auch unser Land nicht mehr länger gegen einen grosszügigen Ausbau der internationalen Nord-Süd-Verbindung wehren kann, will es nicht im Ausland als rückständig bezeichnet werden. So wie einst die Schweiz sich unter der Herrschaft der Eisenbahnen zur verkehrspolitischen Drehscheibe Europas heraufgearbeitet hat, so hat unser Land heute F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. " (37. Fortsetzung) «Ich weiss es und Annis Mutter weiss es auch. Und da ich nur noch einen Wunsch auf Erden habe, diese beiden Menschenkinder glücklich zu machen, so verschwinde ich ebenso plötzlich und spurlos, wie ich vor Jahresfrist gekommen war.» Wermstedt schwieg und sah Georg nachdenklich an. Er bemerkte, dass er alt und müde aussah. «Aber kamen Sie denn nicht herüber,» fragte er mit veränderter Stimme, «um Frau Käthe zu — zu heiraten? Verzeihen Sie diese offene Frage.» «Sie können schon so fragen, da Sie den beiden Damen am nächsten stehen. Mir ist eben mein ganzer Plan missglückt.» «Aber — entschuldigen Sie — ich weiss doch, dass Frau Käthe Sie über alles verehrt, um kein anderes Wort zu gebrauchen.» Georg stand auf und öffnete das Fenster. Milde Vorfrühlingsluft strömte herein. Er atmete tief und trat vor den Ingenieur hin. «Herr Wermstedt, dies ist unsere letzte Unterredung. Niemals werden wir uns wiedersehen.» «Hoffentlich doch —» «Bestimmt nicht! Glauben Sie mir. Also darum sollen Sie den Grund wissen. Ich kann nicht Annis Stiefvater werden. Und für das Persohenäutomobil die nämlichen Funktionen zu erfüllen. Wie ein Magnet wirken die Namen unserer bekannten Alpenpässe auf den ausländischen Fahrer. Mit dem Gotthard oder dem Simplon, dem Julier oder dem St. Bernhardin verbinden sich bestimmte Vorstellungen, die der Ausländer einmal in Natur ansehen möchte. Der ewige Zug der Nord- Dass aber immer nur der länder nach dem Süden dokumentiert sich in der starken Frequenz der nach Italien führenden Passstrassen durch deutsche, holländische und britische Automobile. Aber auch die Franzosen und die Italiener findet man immer zahlreicher auf den Hochstrassen der Alpen ihre Kurven ziehen. Selbst das österreichische Fahrerkontingent vermehrt sich zunehmends, da man bei unseren östlichen Nachbarn vielfach noch eine ganz falsche Vorstellung von der Steilheit unserer Bergstrassen hat und glaubt, mit Katschbergsteigungen rechnen zu müssen. Der zum Teil grosszügige Ausbau des übrigens — Sie würden auch nicht sonderlich beglückt von dem Schwiegervater sein.» «Oh» — wehrte Wermstedt mit einem ersten Anflug von Höflichkeit ab. «Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich gegen mich?» fragte Georg. Wermstedt schwieg. Georg fuhr fort: «Sie werden nie wieder Gelegenheit dazu haben. Also bitte. Nur Mut.> «Mut,» sagte Wermstedt verächtlich. «Die Sache ist sehr einfach: ich verurteile Ihr ganzes Vorgehen gegen Ihren Bruder. Denn Sie gleichen ihm allzusehr.» «Nanu?» entfuhr es Georg. «Ich bin nicht einseitig. Ich will gern glauben, dass Sie ,der bessere Mann' von beiden sind, jedenfalls begabter, auch gütiger, Sie haben gewiss höhere Ziele, freilich hat Sie das Leben auch in strengerer Zucht gehabt.» «Sie sprechen ja wie Nestor,» spottete Georg. «Erstaunlich: in dem Alter.> «Ich habe viel über Sie nachgedacht, Herr Nicola, der Grund liegt ja nahe, und ich fand, dass Sie Ihrem Bruder, soweit ich ihn vom Hörensagen kenne, im Grunde sehr ähnlich sein müssen. Denn auch Sie glauben, alles durch Geld machen zu können. Sogar in Herzensangelegenheiten.» Georg fuhr auf. «Lassen Sie doch endlich diese betrunkene Geschichte. Glauben Sie denn wirklich, dass ich damals —» Er sprang auf und durchmass das Zimmer. «Das ist ja unerhört. Ich wollte Sie prüfen! Das war das Ganze.» Wermstedt betrachtete die Fingernägel Strassennetzes im Ausland schafft bei vielen Automobilisten die Ueberzeugung, in der Schweiz mit ähnlichen Verhältnissen rechnen zu können, um so mehr, als unser Land nicht durch drückende. Kriegslasten von der Erfüllung strassenbautechnischer Aufgaben abgehalten worden sei. Wenn dann die Ausländer das Mittelland durchfahren haben und zur eigentlichen Passfahrt ansetzen, so können sie vielfach nicht begreifen, wie schlecht oft der Strassenzustand ist, wie Kurven ausgefahren und nicht ausgebaut und wie verhältnismässig schmal und gezwängt die Alpenstrassen angelegt sind. Der einheimische Fahrer, der mit diesen Verhältnissen mehr oder weniger vertraut ist, staunt dann allerdings, wenn er über die französischen, italienischen und zum Teil auch über die österreichischen Alpenstrassen fährt. Dann geht ihm erst ein Licht auf, in welch mittelalterlichem Zustand sich der Ausbau unseres Alpenstrassennetzes befindet. Betrachten wir z. B. die von Meran durchs Va>l Passiria über den Passo del Giovo (2094 Meter) nach Vipiterno führende Strasse, so kann diese Route hinsichtlich Markierung und Zustand im Vergleich zu unsern internationalen Hauptdurchgangsstrassen als geradezu vorbildlich ausgebaut bezeichnet werden, obwohl diese Route nur als Hauptstrasse aufgeführt ist. Auf der ganzen Strecke sind seiner rechten Hand. «Möglich, auch das! Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Aber in allen anderen Fällen haben Sie auch auf die Allmacht des Mammons vertraut. Sogar Ihren Hauptfeind, den Dvorap, haben Sie durch Geld erledigt.» «Gerade dieser Fall kann Ihre summarische und schon darum halblose Verurteilung des Kapitals widerlegen. Denn was einem gewaltigen staatlichen Apparat mit tausend Beamten in Jahrzehnten nicht gelungen war, nämlich einen gerissenen Verbrecher zu überführen, das gelang auf einen Schlag durch eine ungewöhnlich hohe Belohnung.» «Belohnung auf Verräterei. Ein schönes Ziel. Wozu haben Sie sich übrigens alledem ausgesetzt? Warum mussten Sie sich mit diesen Leuten einlassen?» «Warum, warum!» Georg schlug die Hände über dem Kopf zusammen. «Fragen Sie das Schicksal, warum es uns an dem Faden führt und nicht an jene m. Es fehlt nur noch, dass Sie mit erhobenem Zeigefinger sagen : ,Hätten Sie! Hätten Sie dies so gemacht und jenes so!' Es ist zum Lachen.» «Halten Sie mich bitte nicht für so — einfach,» sagte Wermstedt nachdenklich. Georg trat an das geöffnete Fenster, er glaubte auf dem Balkon nebenan ein Geräusch gehört zu haben. Als er hinausblickte, sah er nur noch den Rücken eines Herrn im Paletot, der in sein Zimmer zurücktrat. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Brückenpfeiler und Wehrsteine schwarzwe.iss gestrichen, und zwar nicht nur oberflächlich oder sogar unordentlich, wie man es nicht -Seifen bei uns antrifft, sondern systematisch ist jeder Wehrstein, jeder Brückenpfeiler und jede hervorspringende Hausecke durch eine weisse Fläche mit schwarzem Querstrich hervorgehoben. Durch diese Markierung ist es den Fahrzeugen speziell zur Nachtzeit möglich, sich mit grösster Sicherheit innerhalb der durch das Scheinwerferlicht klar sich abhebenden Fahrbahn zu bewegen. Namentlich für den l>andesunkundigen Fahrer ist die in Italien praktizierte Ortsbezeichnung eine bedeutende Erleichterung, indem durch die grosse Aufschrift am Eingang resp. Ausgang jeder Ortschaft eine leichte Orientierung möglich ist. Sehr übersichtlich sind Abzweigungen, Kurven, Kreuzungen und Strassenbauarbeiten kenntlich gemacht, so dass man wirklich den Eindruck bekommt, dass die Bezeichnungen nicht für die ortskundigen, sondern speziell im Hinblick auf die fremden Autofahrer so übersichtlich angebracht werden. Speziell hervorgehoben zu werden verdient die Ausrüstung vieler Warnungstafeln mit reflektierenden Zeichen, wodurch das Fahren während der Nacht über die Pässe und durch die Ortschaften mit weniger Gefahren verbunden ist als bei uns. Angenehm fällt besonders in Italien eine durchgehende Säuberung der grössern Verkehrsadern von den die Fahrer ablenkenden Reklametafeln auf. In dieser Hinsicht dürften unsere Behörden ruhig eine gründliche Säuberungsaktion unternehmen und auch dem Schweiz. Heimatschutz stünde hier ein dankbares Gebiet zur Bearbeitung offen. Ueberhaupt erhält man den Eindruck, als ob der Strassenbau im Ausland viel sorgfältiger gepflegt werde als bei uns, ohne etwa verkennen zu wollen, dass viele Kantone und manche Gemeinden ganz erhebliche Mittel auswerfen, um der modernen Verkehrsentwiekhmg gerecht werden zu können. Die zur Instandhaltung der Strassen notwendigen Einrichtungen tragen namentlich bei unserem südlichen Nachbarn viel mehr als bei ums den Charakter von Dauereinrichtungen, indem beinahe kein grösserer Abschnitt befahren werden kann, wo nicht Arbeiter oder auch Soldaten damit beschäftigt sind, die Strassen •auszubauen, zu verbreitern oder Brücken zu verstärken. Vielfach trifft man auch Genietruppen an, die in kleine Bautrupps aufgeteilt, zu Strassenbauarbeiten, im besondern zu Brückenbauten herangezogen werden. So wird zur Zeit von Truppen die Strasse von Tarvisio nach der jugoslawischen Grenze (Podkoren) stark verbreitert und zu einer richtigen, auch für den Schnell-Autoverkehr sich eignenden Durchgangsstrasse ausgebaut. Tüchtig wird auch an der dem Tagliamento entlang führenden Route gearbeitet, so dass diese über den Passo di Mauria das Tal der Piave erreichende Strasse sich heute schon weitaus mit allen unseren Passstrassen messen kann, obwohl sie keine internationale Durchgangslinie darstellt. Ununterbrochen sind Zivilarbeiter am Weiterausbau der drei Dolomitenpässe, Falzarego (2177 m), Pordoi (2242 m) und Costa Lunga (1753 m) beschäftigt. Der derzeitige Zustand der ersten beiden Passstrassen, welche auch bei uns übliche Scheitelpunkthöhen erreichen, weist mit aller Deutlichkeit den schweizerischen Behörden den Weg, den sie in unserem Lande einzuschlagen haben, sofern die Schweiz nicht in wenigen Jahren in internationalen Automobilistenkreisen hinsichtlich Gebirgsstrassenzustand noch mehr in Verruf kommen Handeln wohl zunächst aus einem gewissen romantischen Zug, von dem ich schon früher einmal sprach.» «Eine Redensart!» warf Georg verächtlich ein. Wermstedt fuhr unbeirrt fort. «Auch erzählten Sie einmal den Damen, als ich dabei war, dass Ihnen Ihr mimisches Talent oft Freude gemacht hätte. Es reizte Sie wohl, eine andere Rolle zu mimen?» «Geben Sie sich keine Mühe, den Psychologen zu spielen. Um mich zu verstehen, müssten Sie erst einmal zweiundzwanzig Jahre drüben in Not und Heimweh gelebt haben.» Wermstedt schwieg. «Ueberhaupt: wir können das Leben und Handeln eines anderen Menschen gar nicht verstehen, das ist ein fremder Kreis.» «Und in diesen fremden Kreis wollten Sie hineinschlüpfen?» «Das ist es,» sagte Georg dumpf. «Das war mein Irrtum. Mein grosser Irrtum.» Er atmete tief. «Man kann natürlich diesen Fall so wenig wie einen anderen verallgemeinern und summarische Theorien aus einem Einzel - Schicksal herausdestillieren. Aber eins habe ich doch an dem harten Lehrmeister, dem Leben, gelernt Man soll das Du heilig halten. Denn man kennt es nicht. Man kennt den grossen Zellenstaat des andern Menschen nicht, der ganz für sich abgeschlossen eir eigenes Leben aus eigenem Keim lebt. Da? Georg schloss das Fenster und zog dengilt für Völker wie für einzelne Menschen.» Vorhang zu. Wermstedt schwieg. *Ich verstehe», fuhr der Ingenieur fort, «Ihr «Sie werden einige Wochen später, wenn