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E_1933_Zeitung_Nr.061

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BERN, Freitag, 21. Juli 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 61 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstan und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtllche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Lerne reisen — ohne zu rasen! Dieser geflügelte Scherz wird in der Praxis bitterer Ernst und erhält in der Reisezeit und bei uns in der Schweiz seit dem neuen Automobilgesetz doppelte Bedeutung. Gerade mit der Ferienreise hat es seine eigene Bewandtnis. Mit grossem Elan und viel Begeisterung werden die Reisepläne geschmiedet, Tourenvorschläge zusammengestellt und diskutiert. Wer kann es dem Wagenbesitzer verdenken, wenn er die Plakereien des Alltags hinter sich lassen will und sein Fahrzeug endlich einmal als ausgesprochenes Mittel zu einer Vergnügungs- und Erholungsfahrt beanspruchen möchte! Aber die Begeisterung und die Vorfreude auf die «grosse Fahrt» verleiten zu einem bedenklichen Fehler: Das Studium der Karten und Reiseführer, die Lektüre all der F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (32. Fortsetzung) Diese Tatsachenreihe brachte Sievers gestaffelt zu Papier und trug sie mit einiger Ausschmückung dem Staatsanwalt Wachshöfer vor, der die Ermittlungen in dem Prozessverfahren leitete. Auf Wachshöfer kam es ihm besonders an, weil er, ohnehin energisch und gescheit, über die Vorgänge zum Teil schon unterrichtet war, besonders aber, weil der Detektiv gerade bei ihm seinen Ruf als findige und zuverlässige Spürnase wieder, befestigen wollte. Wachshöfer war noch in jugendlichem Alter und liebte Fälle, in denen er möglichst selbständig handeln konnte. Ihm leuchtete das Zwingende der Indizien sogleich ein, und er fand in den Eindrücken, die ihm die Zeugenaussagen Nicolas den Akten nach gemacht hatten, eine Bestätigung des Verdachtes. Wie war, fragte sich Wachshöfer, der Umschwung in seinen Angaben zu erklären? Zwischen den beiden Aussagen hatte sich jene nächtliche Szene auf dem See abgespielt, in der Dvorak den Nicola bei der sonderbaren Versenkung überrascht hatte. Offenbar wollte Nicola sich nicht durch seine belastende Aussage Dvorak zum Feinde machen, von dem er annahm oder vielleicht gar wusste, was auch die Richter vermuteten, dass er an dem Morde Nollets mitschuldig war, wenn er ihn nicht selber ausgeführt hatte. Wachshöfer wandte sich an die Münchener Staatsanwaltschaft um Auskunft. Er erfuhr, dass tatsächlich der Aufenthalt Nicolas auch bei seinen Hausgenossen nicht zu ermitteln war. Postsachen, die an die Familie Wegner einliefen, wurden der Staatsanwaltschaft auf verlockenden Berichte und Saisonnotizen lässt den Wunsch aufkommen, möglichst viel zu sehen, die Entdeckungsfahrt möglichst in die Weite vorzutreiben. Das reichhaltige Programm, das endlich allen Wünschen der Familie gerecht wird, würde genügen, um drei bis vier Wochen zu füllen. Zeit oder Mittel reichen aber nur für vierzehn Tage, und nun wird das anspruchsvolle Itineraire in diesen knappen zeitlichen Rahmen hineingezwängt. Man vertraut auf die Leistungsfähigkeit der Maschine, glaubt sich selbst genügend zu kennen, um täglich Etappen von weit über 300 km bewältigen zu können, und so werden Tagesleistungen veranschlagt, die eben mit dem «Reisen» nicht mehr viel zu tun haben. Qewiss, man darf seine Maschine auch einmal voll beanspruchen, und schliesslich lassen sich Etappen bis zu 500 km oder gar noch mehr in einem Tage bewältigen. Diese Möglichkeit ist heute nicht mehr dem grossen Luxuswagen vorbehalten, denn mittlere und selbst kleine Fahrzeuge erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 100 km und mehr. Aber dabei darf manche Voraussetzung nicht übersehen werden! Da sei zuerst an einen ständig wiederkehrenden Ratschlag unseres Sprechsaal- Onkels erinnert, der die Notwendigkeit unterstreicht, ab und zu einmal vom Gaspedal wegzugehen und die Maschine nicht ständig oder doch auf lange Dauer maximal zu beanspruchen. Ist dies dennoch der Fäll, so braucht sich dieser «tüchtige» Fahrer nicht zu wundern, wenn der Motor bald einmal zu streiken anfängt, wenn Reparaturen notwendig sind und diese nach und nach immer häufiger werden. Nach verhältnismässig kurzer Zeit ist die ganze Mechanik so ausgemergelt, dass der Wagen zum Verschrotten reif wird. Dann kommt der Reisesachverständige und wird uns mit Recht sagen, dass derjenige herzlich wenig oder gar nichts von der prächtigen Umgebung und Natur sieht, der durch die Gegend rast, statt reist. Der Fahrer muss sein Augenmerk ausschliesslich auf die Strasse richten, seine Aufmerksamkeit ganz den ständig wechselnden Verkehrsverhältnissen widmen und seine geistige Tätigkeit ausschliesslich auf die Führung des Automobils konzentrieren. Dies gilt umsomehr, je rascher gefahren wird, denn mit zunehmendem Tempo steigt die Gefahr, und zwar viel rascher, als die Reisegeschwindigkeit. Es sind eben ganz erheblich Unterschiede in Ursache und Wirkung, wenn bei 50 oder 90 km Tempo plötzlich gebremst werden muss, wenn bei dieser oder jener Geschwindigkeit der Wagen ins Schleudern gerät oder gar ein Pneudefekt eintritt! Ganz abgesehen von der Gefahr wird der Selbstfahrer beim überhasteten Reisen einfach zum Chauffeur, der berufsmässig den Wagen lenkt, ohne diese Tätigkeit mit einem Vergnügen oder gar einer Erholung verbinden zu können oder zu wollen. Die rechtliche Seite sei nur kurz gestreift! Hoffentlich kennt jeder aus der Sammlung der Paragraphen im Motorfahrzeuggesetz und der Verordnung wenigstens den Artikel 25 des Gesetzes, der über die Geschwindigkeit legiferiert. Wer sein Fahrzeug vorschriftsgemäss ständig beherrschen und sein Tempo stets den gegebenen Strassen- und Verkehrsverhältnissen anpassen will,' der kann nun einmal keinen aussergewöhnlich hohen Reisedurchschnitt erzielen. Besonders dann nicht, wenn er in den Bergen oder in unbekannten Gegenden fährt. Ein weiteres und in der heutigen Zeit mitausschlaggebendes Moment ist das der Wirtschaftlichkeit. Viele wissen nicht, dass wirtschaftlich fahren keineswegs identisch ist mit schnell fahren. Je rascher man vorwärtseilt, desto grösser wird der Verlust, die Minderung des Nutzeffektes, die man erleidet, d. h. um so grösser wird die Spanne zwischen ständig gefahrenem Tempo und tatsächlich zurückgelegten Kilometern. Das scheint im ersten Augenblick höchst paradox und entspricht dennoch den Tatsachen, die durch zahlreiche sorgfältige Versuche bestätigt worden sind und die überraschende Ergebnisse zeitigten. Die nachstehende Tabelle dürfte dies am eindrücklichsten dartun: Nach Möglichkeit Erreichte Durchschnittseingehalttnes Tempo geschwindigkeit Verlust-Prozent 40 km 38 km 5 50 > 43 > 10 60 » 48 » 20 70 » 52 » 20 80 » 60 » 25 90 » 63 > 31 100 » 66 » 35 120 » 70 > 40 Die Zahlen bekräftigen das Vorgesagte. Beim höchsten Tempo von 120 km ist der Verlust gegenüber der tatsächlich erreichten Durchschnitts- oder Reisegeschwindigkeit am grössten und beträgt bereits 40 Prozent. Von einer Wirtschaftlichkeit des Fahrens kann hier wohl kaum mehr die Rede sein. Betrachtet man die ganze Zahlenreihe, so ergibt sich auf den ersten Blick, wie die Verlust-Prozente stetig und verhältnismässig rasch steigen, je mehr das Fahrtempo gesteigert wird, da Aufwand und Nutzen immer weiter auseinanderliegen. Der Automobilist ist daher gut beraten, ihre Anordnung hin vor der Bestellung vorgelegt. Es waren aber nur ein paar Ansichtskarten, auf denen niemals seine Adresse vermerkt war. Seltsam genug. Wachshöfer versäumte nicht, sich mit den Polizeibehörden jener ausländischen Hauptstädte, aus denen die Ansichtskarten abgesandt waren, in Verbindung zu setzen, auch das ohne Erfolg. Bis es endlich gelang, den «Direktor Richard Nicola» bei seiner Heimkehr in München zu verhaften. Im Berliner Untersuchungsgefängnis hatte Georg bald eine lange Unterredung mit seinem Verteidiger. Der sah die Sache sehr ernst an, und bei der Tatkraft Wachshöfers bezweifelte er nicht, dass eine nochmalige Absuchung des Sees nach den Anweisungen Dvoraks in Aussicht stehe. Im stillen wunderte sich der erfahrene Jurist über die Ruhe Georgs. Denn er selber glaubte seit einiger Zeit nicht mehr an dessen Unschuld, so sehr er sich hütete, irgend jemand etwas davon merken zu lassen; Georg meinte, als sich beide im Verteidigungszim-. mer des Gefängnisses gegenübersassen, das Wichtigste scheine ihm zunächst einmal, die Mordsache Nollet aufzuklären. Er beugte sich zum Justizrat vor, als fürchte er, die Wände hätten Ohren, und entwickelte ihm einen Plan, der in einem Auftrag gipfelte und dem alten Juristen sichtlich Achtung einflösste. Am nächsten Nachmittag war an den Berliner Anschlagsäulen zu lesen und wurde durch die Ortsbehörden im Oberspreegebiet bekanntgemacht, dass eine Belohnung von fünfzigtausend Mark in der Mordsache Nollet für Angaben ausgesetzt sei, die zur sicheren Ermittlung des oder der Täter führen. Die Belohnung sei von privater Seite ausgesetzt und dem Angeber werde auf Wunsch strenge Vertraulichkeit zugesichert. «Bei dieser Summe,» hatte Georg zu seinem Verteidiger gesagt, «findet sich immer ein Verräter.» Der Jurist hatte nicht widersprochen. Indessen sollte diesen Vorgängen zur Bestätigung einer alten Liebhaberei des Schicksals das Satyrspiel nicht fehlen. Die führende Rolle darin spielte Herr Plath. Dieser emsige Plänemacher war nicht wenig erstaunt, als er eines Tages — es war noch während der Südlandreise Georgs — von Staatsanwalt Wachshöfer zu sich gebeten und als Hauptzeuge in dem Ermittlungsverfahren gegen den Direktor Nicola vernommen wurde. Schreck und Zorn verwirrten die Gedanken des Vorgeladenen anfangs so, dass er kaum eine vernünftige Aussage machte. Dieser Schuft Doktor Sievers, tobte es in ihm, hatte er ihm nicht Stillschweigen versprochen? Statt dessen war er nicht nur zum Verräter geworden, er hatte seine, Plaths, monatelangen Nachforschungen sich einfach angeeignet, um als Detektiv zu glänzen — ein direkter Diebstahl! Jetzt war zu Plaths Entsetzen die Untersuchung schon im Gange! Sein ganzes Unternehmen, bei dem der kleine Barnum hohe Summen herauszuschlagen hoffte, war hinfällig, statt seiner würde die Staatsanwaltschaft dem Direktor Nicola aufs Dach steigen. Sein Instinkt riet dem gewiegten Manager, jetzt so zurückhaltend wie möglich zu sein. Der Staatsanwalt hatte das Verhör selber übernommen. Als er in dem Bestreben, keine Beleuchtung des Falles ausser acht zu lassen, einmal die vorsichtige Frage stellte: «Halten Sie es für möglich, Herr Plath, dass die Auseinandersetzungen der beiden Brüder einen gütlichen Verlauf genommen hat?» zuckte Plath nur die Achsel. «Georg könnte doch,» fuhr der Staatsanwalt fort, «seinen Vermögensanteil erhalten haben unter der Bedingung, dass er ebenso still und unerkannt wieder verschwinden solle, wie er gekommen INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Gressere Inserate nach Seitentarii. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern der keine Rekorde aufstellen will, über die dann nachträglich am Bier- und Stammtisch noch ein zünftiges Garn gesponnen wird. Lieber beim Abendschoppen, wenn in der Erinnerung an die glückliche Reise geschwelgt wird, etwas stärker auftragen, als beim Fahren ständig auf das Gaspedal drücken! Die Tabelle dürfte schon zur Genüge belegen, dass der hohe Reisedurchschnitt mit unverhältnismässig hohem Aufwand erstritten werden muss, der schliesslich den Einsatz nicht lohnt. Dazu die vermehrte Abnützung von Reifen und Maschine, die Notwendigkeit höchster Konzentration auf die Strasse. Man wird zum Sklaven seines Wagens und kennt die durchrasten Lande nur aus dem Führer, den Postkarten und der Erzählung der Mitreisenden. Aber auch der Genuss der übrigen Reisegesellschaft wird beeinträchtigt. Hauptsächlich dann, wenn sich Gäste darunter finden, die selbst lenken können. Jeder weiss aus eigener Erfahrung, wie viel kritischer man noch zum Verkehr eingestellt ist, wenn der Pilot zum Passagier wird und untätig neben dem Führer oder im Fond sitzen soll. Je rascher gefahren wird, umso mehr konzentrieren sich Sinn und Gedanken dieser fachkundigen Gesellschafter ebenfalls auf die Tätigkeit des Lenkers und anstatt unbeschwert die vielversprechende Fahrt geniessen zu können, kommen sie hundemüde und abgespannt am Tagesziel an und sind von der Fahrt fast noch mehr benommen, als der Führer. Nach der obigen Tabelle wird jeder sein ihm als rationell erscheinendes Tempo selbst am besten bestimmen können. Bei Berücksichtigung aller Umstände dürfte es zwischen 50 und 70, höchstens 80 km liegen, so dass die Verlustprozente ein Viertel nicht übersteigen. Tatsächlich erzielte Durchschnittsgeschwindigkeiten von 45—60 km/Stsind recht ansehnlich und gestatten es noch, das Reisen zum Vergnügen werden zu lassen. Den übrigen Fahrern aber, die nicht mehr zur löblichen Kategorie der Reisenden gehören, wünschen wir nur wenige Tage oder dann überhaupt keine Ferien! — ß war? Könnte sich also jetzt längst wieder in Amerika oder sonstwo im Auslande befinden.» Plath wiegte nachdenklich den Kopf. Er überlegte, dass er, um die Fäden wieder in die Hand zu bekommen, vorläufig einmal sein Opfer Nicola vom Staatsanwalt zu befreien suchen müsste. «Von der Seite habe ich den Fall allerdings noch nicht betrachtet. Das wäre jedenfalls nicht ausgeschlossen. Ja, je länger ich darüber nachdenke, um so wahrscheinlicher wird es mir,» log er. Der Staatsanwalt, sah ihn mit verschleiertem Blick an. Entweder du bist ein grösser Tölpel oder ein ganz geriebener Bursche, dachte er. Auf alle weiteren Fragen gab Plath nur unbestimmte und ausweichende Antworten. Nach Beendigung der Vernehmung fuhr Plath wutschnaubend zu Sievers und überhäufte ihn so ausfallend mit Vorwürfen, dass der Detektiv ihm nach einem kurzen, aber heftigen Wortwechsel die Türe wies. Wenige Stunden später sass der Deutsch- Amerikaner im Münchener D-Zug. Es galt zu retten, was zu retten war. Er musste jetzt va banque spielen. Wenn der Direktor Nicola irgendwie noch zu erreichen war, wollte er ihm seine Lage so schlimm ausmalen, wie nur möglich, und ihn vergewissern, dass auf sein, Plaths, Zeugnis so gut wie alles ankäme. In München erfuhr er von Käthe, die ihn sehr kühl empfing, dass sie selber nichts über den Aufenthalt des Direktor Nicola und über seine Rückkehr wisse. Also ausgekniffen, folgerte der kleine Barnum, als er auf die vom Märzwetter gepeitschte Prinzregentenstrasse hinaustrat. Er hat rechtzeitig Lunte gerochen und sich aus dem Staube gemacht. Und du alter Esel, be-, lobte er sich, hast wieder einmal das Nachsehen. Wie verstört lief er einen Tag in