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E_1933_Zeitung_Nr.064

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BERN, Dienstag, 1. August 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 64 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag nnd Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoruschlag, tofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für jiostamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. INSERTIONS-PBEIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem AusJand 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitentarif. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss i Taue vor Erscheinen der Nummern Verkehrsprobleme Wirtschaftliches Fazit der frühzeitigem Oeffnung der Gotthardstrasse. Es sind seinerzeit ernsthafte Bedenken geltend gemacht worden, ob eine frühzeitigere Oeffnung der Gotthardstrasse, wie sie se.1 letztem Jahr von der Vereinigung Gotthardstrasse angestrebt wurde, den schweizerischen Touristengebieten in wirtschaftlicher Hinsicht wirklich solche Vorteile biete, dass sich die damit verbundenen Auslagen auch rechtfertigen. Ja, einige der beteiligten Verbände gingen soweit, ihren Beitritt zur Vereinigung Gotthardstrasse hinauszuschieben, bis diese Rentabilitätsfrage einigermassen abgeklärt sei. Man wollte nicht die Katze im Sack kaufen! Es ist ja nun zuzugeben, dass die Verhältnisse für eine frühzeitige Oeffnung der Gotthardstrasse diesen Frühsommer insofern günstig lagen, als Ende April in den oberen Abschnitten der Gotthardstrasse nicht mehr sehr hohe Schneeschichten vorhanden waren. Es war denn auch möglich, die Strasse bereits am 5. Mai dem Verkehr zu übergeben, was wohl in der Geschichte des Gotthardverkehrs einzig dasteht. Die vorgenommenen Ver kehrszählungen beim Gotthardhospiz haben ergeben — es ist erfreulich, dass erstmals solche Zählungen auf Veranlassung der Vereinigung Gotthardstrasse vorgenommen wurden —, dass in der Zeit vom 5. Mai bis 9, Juni 1933 rund 6000 Wagen (die Motorräder wurden nicht gezählt) den Gotthard passierten, wovon ca. 2000 auf die eigentlichen Pfingsttage (Samstag bis Dienstag) entfielen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Strasse im Mai wegen nachherigen starken Schneefalls etliche Tage gesperrt und die ungünstige Witterung nicht gerade zu Fahrten über den Gotthard ermunterte. — Leider liegen keine Zahlenangaben über die Nationalität der Wagen vor. Wenn man aber bedenkt, dass von den vier Wagen, welche als F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (35. Fortsetzung) «Das» — erwiderte er stockend, «das — Wort gebrauchen Sie. Ich weiss davon nichts.» «Woher nehmen Sie denn sonst die Frechheit, sich hier in der Maske meines Bruders aufzuspielen? Mit seinen gefälschten Papieren?» «Bitte!» rief Wedemeyer mit rotem Kopf, «da habe ich nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Ihr Bruder hatte meine Papiere gefälscht, hinter meinem Rücken —» «Lüge nicht!» — halblaut raunend und aus tiefer Brust kamen die Worte wie aus einem Brunnen. «Deine Papiere habe ich dir doch für hundert Dollar abgekauft.» Wedemeyer war, als ob sich plötzlich die Wände um ihn drehten. «Du — wir duzten uns ja im Lager —, du wolltest ursprünglich dreihundert haben. Aber auf mein Versprechen, deinen lungenkranken Schwager bei Dramburg zu besuchen und dir Nachricht zu geben, ob du das Gütchen einmal übernehmen könntest, warst du mit hundert zufrieden. Zum erstenmal sprachen wir von der Sache nach dem Begräbnis von Fritz Donalies, dem forschen Leutnant a. D., der nachher unter der Stacheldrahtkrankheit ein so stiller, sanfter Kamerad wurde und sich eines Nachts die Pulsadern öffnete. Zum Abschluss kamen wir an einem Sonntag unmittelbar nach Entlassung aus dem Lager —» Wedemeyer sprang auf. «Georg! Kein Wort weiter! Jeder Ton, den du sprichst, jede Bewegung, jeder Blick sagt mir genug! erste dieses Jahr den Gotthard passierten, drei aus dem Ausland stammten und gerade über die Pfingsttage der Zustrom ausländischer Autotouristen diesmal ein sehr grosser war, so wird man kaum fehl gehen, wenn man den Anteil des Auslandes an der oben genannten Frequenzziffer von 6000 Wagen mit rund 2000 Automobilen in Rechnung stellt. Selbstverständlich ist es nicht möglich, über die Beträge, die diese 6000 Autotouristen auf der Durchreise in die direkt beteiligten Kantone in Form von Bezahlung für Verpflegung, Unterkunft, Brenn- und Betriebsstoffe brachten, genauere Angaben zu machen. Bei einer durchschnittlichen Ausgabe von 20 Fr. pro Wagen Hesse sich eine mutmassliche Ausgabe von 120 000 Fr. errechnen, wobei selbstverständlich die Hotelausgaben der zahlreichen Pfingstausflügler, die im Tessin drei bis vier Tage verblieben, nicht miteingerechnet sind. Und nun die Kosten! Im Winter 1931/32 stellten sich die Ausgaben der Kantone Tessin und Uri für die Schneefreimachung der Gotthardstrasse auf ca. 19 000 Fr. Dieses Jahr dürfte der bezügliche Aufwand kaum mehr als ca. 12 000 Fr. betragen, da es durch Hilfe der Vereinigung Gotthardstrasse dem Kanton Tessin möglich geworden war, ein sehr günstiges Akkordangebot eines Tessiner Unternehmers zu erhalten, wodurch die Durchschnittskosten pro Kubikmeter Schneebruch fast auf die Hälfte früherer Ansätze fielen. Stellt man diese Gesamtkosten von rund 12 000 Fr. dem oben genannten erhaltenen Verdienst gegenüber, so wird auch der pessimistisch eingestellte Verkehrsfachmann gestehen müssen, dass sich diese frühzeitigere Strassenöffnung dieses Jahr sehr gelohnt hat. Speziell der Kanton Tessin hat hievon enorm profitiert, denn bei den hohen Transporttaxen der S. B. B. wären trotz verbilligter Extrazüge durch die Clubs sicherlich keine 2000 Autos mehr während der Pfingsttage nach dem Süden gezogen. Wo hatte ich bloss vorher meine Augen! Georg — verzeih mir!» Georg schien es zu überhören. «Wegen des Mordes kannst du beruhigt sein. Meinen Bruder Richard, der schwer herzleidend war, hat der Schlag gerührt damals. Indirekt bin ich gewiss nicht ohne Schuld daran gewesen, es war der Schreck, der den Schlaganfall hervorrief. Aber von Totschlag und dergleichen kann keine Rede sein. Oder traust du mir das zu?» «Nein, Georg, wahrhaftig nicht.» Wedemeyer sah in die offenen Augen des alten Leidenskameraden jener schweren Zeit, den er im Grunde immer hochgeschätzt hatte. Er warf sich auf einen Stuhl. «Dass ich mich zu so was hergeben konnte!» rief er in fast weinerlichem Ton. «Aber ich dachte ja, es wäre dein Bruder, und es war wohl das heimliche Gefühl, dich zu rächen, das da ein wenig mitsprach.» «Mich zu rächen durch Stillschweigen über meine vermeintliche Ermordung,» sagte Georg mit bitterem Lächeln. Wedemeyer presste .die Lippen zusammen. Einen Augenblick straffte sich sein Oberkörper, als hätte er einen Stich empfangen, dann brach er in einen Weinkrampf aus, legte Arm und Kopf auf den Tisch und schüttelte sich schluchzend. Georg erhob sich. Langsam ging er einmal durch das Zimmer und blieb dann vor dem Erschütterten stehen. Sehr ernst und wie der Gegenwart entrückt war seine Miene, als er auf den ehemaligen Kameraden niederblickte. Fest schlössen sich seine Lippen aufeinander. Er hatte niemals Menschen weinen sehen können. «Lass gut sein, Wedemeyer,» sagte er mit einer Stimme, als spräche er wirklich zu einem Bruder. Er legte seine Hand sanft auf Den Bahnen dürfte die frühzeitige Befahrbarkeit der Passstrasse allerdings nicht so gelegen gekommen sein. Man darf wohl annehmen, dass bei späterer Oeffnung des Passes von den genannten 6000 Autos immerhin deren 2000 den Gotthard mit Hilfe der Bahn traversiert hätten (vom Oktober 1931 bis Juni 1932 waren es deren 3800). Nimmt man für die Transporte einen mittleren Frachtsatz von 27 Fr. pro Auto an, so ergibt dies für die S.B.B. einen Ausfall von ca. 54 000 Franken. Man hat seinerzeit den Vertretern des Automobilclubs von Seiten der Generaldirektion der S. B. B. erklärt, dass eine Herabsetzung der viel zu hohen Transporttaxen für Autos durch den Gotthard erst dann in Frage komme, wenn die Gotthardstrasse stets fahrbar sei. Nachdem nun die frühzeitigere Oeffnung der Strasse angebahnt und in den kommenden Jahren der Pfingst- und Frühsommerverkehr meist mit eigener Kraft über den Gotthardpass gehen dürfte, wird man sich in Kreisen der Schweizer. Bundesbahnen doch ernstlich fragen dürfen, ob der Moment nicht gekommen sei, eine Herabsetzung der Taxen durch Einführung einer verbilligten Einheitstaxe ohne Unterschied ob Frachtgut-, Eilgut- oder Gepäckguttransoort vorzunehmen. Es möge hierbei das Vorgehen der österreichischen Staatsbahnen als Vorbild dienen, die für den Transport von Autos durch den Tauerntunnel neuerdings eine reduzierte Einheitstaxe von 28 Schilling oder 19 .Fr-- eingeführt haben (bei sofortigem Transport in Speziahvagen, sobald jeweilen 4—5 Autos zum Transport bereitstehen). Die frühzeitigere Oeffnung der Gotthardstrasse hat unserem Lande zahlreiche ausländische Autotouristen zugeführt, die sonst ihren Weg 1 um die Schweiz herum genommen hätten. Sie hat aber auch eine vorzügliche Propaganda für unser Land geleistet, beides Feststellungen, die nachdrücklich zeigen, wie sehr all diese Anstrengungen für Verkehrsverbesserungen die tatkräftige Unterstützung aller interessierten Kreise verdienen. V die bebende Schulter: «Ein grosser Menschenkenner hat einst die Bitte ,Und führe uns nicht in Versuchung' in sein tägliches Gebet geschlossen. Wohl dem von uns, der ihr niemals erlegen ist. Eigenes Verdienst ist es nicht. Er kann nur Gott danken, wenn die Not und Verzweiflung ihm nicht so hart an die Kehle gesprungen sind, dass er fiel.» Wedemeyer schluckte. «Die verfluchte Million,» rief er, noch immer den Kopf auf dem Tisch. Dann sich aufrichtend: «Die hat mich immer wieder umgestimmt.» «Nun,» sagte Georg, von einem Lächeln übersonnt, «die wird ja freilich nicht dabei abfallen. Aber immerhin bin ich ein bisschen in deiner Schuld. Die abgelassenen zweihundert Dollar von damals habe ich nicht verdient. Ich bin, offengestanden, nicht bei deinem Schwager in Hinterpommern gewesen. Ich hatte es vergessen. Ich hatte zu viel anderes zu bedenken. Hast du Nachricht von ihm?» Wedemeyer nickte, während er sich über das Gesicht wischte. «Er liegt auf den Tod und sein Hof ist ganz verschuldet.» Er stand auf. «Aber das ist ja jetzt Nebensache.» «Durchaus nicht. Wenn du da mit dreissigbis vierzigtausend Mark bar einspringst, wird es ihm sicher recht sein und dem Gütchen auch. Du hast ja als Farmer Erfahrung im Landbau.» «Georg!» «Still! Also vierzig- bis fünfzigtausend Mark. Aber einen Gefallen tu mir. «Jeden!» «Halt mir den Plath vom Halse. Ich will ihn nicht mehr sehen. Niemals. Damit er wieder festen Boden unter die Füsse bekommt und eine anständige Tätigkeit suchen kann —» er zog sein Scheckbuch und schrieb —- «gib ihm diese fünftausend Mark. Er soll sich Nochmals: Konkurrenzproblem. Zu 'dem in No. 60 der A. R. erschienenen Aufsatz' « Das Konkurrenzproblem », ging uns aus Eisembahnkreisen die nachstehende Erwiderung zu: Kann der Presse ein gewichtigerer Vorwurf gemacht werden als der, sie erhebe unaktuelle Dinge in den Rang von Ereignissen, deren Erörterung die Oeffentlichkeit mit brennendem Interesse erwartet? In der «Automobil-Revue» vom 18. Juli erhebt ein Herr Dr. O. E. Imhof diesen Vorwurf, indem er in längeren Ausführungen nachzuweisen sucht, der Wettbewerb zwischen Strasse und Schiene beruhe nur auf Einbildung, und alle Anstrengungen, eine gesetzliche Ordnung der Konkurrenzverhältnisse herbeizuführen, seien deshalb höchst unzeitgemäss. Obwohl nicht anzunehmen ist, dass dieses schiefe Urteil, das von einer Weltfremdheit sondergleichen oder von einer bewussten Irreführung des Publikums zeugt, von irgend einer Seite ernst genommen wird, sollen hier einige Punkte jener Beweisführung zur Sprache kommen. Der Verfasser versucht zunächst, dem Konkurrenzproblem mit Zahlen auf den Leib zu rücken und kommt dabei zu dem überraschenden Resultat, dass der Lastkraftwagen den S.B.B, maximal 1,2 bis 2 Prozent der gesamten Verkehrseinnahmen entziehe. Das sei die äusserste Grenze der Einbruchsmöglichkeiten des Lastwagens in den Verkehrsbesitz der Bundesbahnen! Da wir angesichts des Fehlens jeglicher amtlichen Statistik über den Automobilgüterverkehr von der Problematik aller bisherigen Verkehrsausfallrechnungen überzeugt sind, ersparen wir uns eine eingehende Kritik des mit rohen Schätzungen arbeitenden Verfahrens von Dr. Imhof. Immerhin ist zu bemerken, dass es natürlich nicht angeht, nur die Tragkraft der Lastwagen von vier und mehr Tonnen zusammenzuzählen, diesen Frachtenraum als nur zu einem Drittel mit der Bahn in Konkurrenz tretend anzunehmen und den verbleibenden Rest wiederum nur zu einem Viertel als ausgenutzten Frachtenraum zu betrachten. Nimmt man derartige gewaltige und willkürliche \bzüge vor, so muss man anständigerweise von dem aber nicht wieder sehen lassen, auch bei meinen Freunden in München nicht. Du selbst wirst am besten als Georg Nicola wieder nach Amerika hinübergehen, wenigstens bis Hamburg oder Bremen, und verschwinden. Auf den Haferstoppeln bei Dramburg wird man dich ja nur als Wedemeyer kennen. Und damit Gott befohlen!» Wedemeyer wollte ihm in plötzlicher Aufwallung die Hand küssen. Rasch entzog Georg sie ihm. «Du bist wohl närrisch!» tadelte er mit mildem Lächeln und schob ihn sanft zur Tür. «Schreib mir, wohin ich dir das Geld überweisen soll. Lebewohl!» 36. Georg öffnete ein Fenster. Die herbe Aprilluft, die hereinwehte, ein paar Strähnen bläulichen Zigarettenrauchs entgegen, die hinauszogen, tat seinem heissen Kopf wohl. In tiefen Gedanken blickte er hinaus. Die Autos hupten und blockten. In den schüchtern knospenden Linden zirpten schwärzliche Grossstadtspatzen. Georg trat an den Schreibtisch zurück und las den Brief, den er kurz vor dem Eintreffen der beiden geöffnet hatte: «Geehrter Herr! (Georg lächelte.) Leider erfahre ich jetzt erst, dass Sie sich gestattet haben, mir durch die Bank sechzehntausend Mark zu überweisen unter dem Vorgeben, der Absender sei ein früherer Schuldner meines Vaters. Ich weiss nicht, was Sie zu diesem sonderbaren Märchen veranlasst hat, vielleicht ist es, wenigstens Ihrer Ansicht nach, sehr edlen Motiven entsprungen, aber jedenfalls muss ich höflichst dankend ablehnen. Ich nehme kein Almosen, am wenigsten von einem Herrn, gegen den doch immerhin allerhand vorliegt. Leider habe ich, in dem guten Glauben, das Geld sei mein Eigen-