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E_1933_Zeitung_Nr.071

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BERN, Freitag, 25. August 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 71 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Lifte'* Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, «•fern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag ig für rar postamt nostamtliehe REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Ulche Bestellung 30 Telephon 28.222 Talecramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinet! der Xnmmern Aktuelle Wirtschaftsprobleme Zur Entstehung der „Wirtschaftskorporation des Schweiz. Benzinmarktes" Die nachstehenden kritischen Ausführungen gingen uns aus zürcherischen Axitogewerbekreisen mit dem Vermerk zu, dass hier die Angelegenheit « von einem kleineren Garagebetriebe aus gesehen » behandelt sei. Aus weiteren Aeusserungen und persönlicher Rücksprache mit Vertretern des interessierten Gewerbes konnten wir aber feststellen, dass es sich hier nicht nur um eine persönliche Meinung des Verfassers handelt, mit der er vereinzelt dasteht, sondern dass sich -ssein Urteil mit dem mancher Berufskollegen und Konsumenten deckt. Die Darlegungen sind daher als Beitrag zur Diskussion über das Problem der Reglementierung des Benzinmarktes und dessen korporativer Organisation sehr wertvoll, um so mehr, als eine Erwiderung aus * zuständigen Kreisen bereits in Aussicht gestellt ist und nur besonderer Umstände halber nicht gleichzeitig erscheinen kann. — Die Red. Die folgenden Ausführungen mögen vielleicht einige Irrtümer und Unrichtigkeiten enthalten, da ja die Vorbereitungen für die Korporation unter völligem Ausschluss der Oeffentlichkeit und selbst weiter beteiligter Kreise getroffen wurden. Das Sekretariat der Korporation wird aber sicher so freundlich sein, die nötigen Berichtigungen und Ergänzungen anzubringen und mag dann auch auf die noch offenen Fragen antworten. Die grosse Oeffentlichkeit muss ja Klarheit auch über die Hintergründe erhalten, vor denen die Gründung der ausdrücklich als «erster Versuch der korporativen Durchgliederung eines wichtigen schweizerischen Wirtschaftszweiges» und bestimmt als Präzedenzfall betrachteten «Wirtschaftskorporation des schweizerischen Benzinmarktes» sich abgespielt hat. Im Anfang war die «Garbura», gegründet am 22. Juni 1932, für «so lange, als die Einfuhrbeschränkungen gemäss dem Bundesbeschluss vom 6. Mai 1932 in Kraft sind, es sei denn, dass die Generalversammlung nach deren 'Aufhebung die Fortsetzung des Vereins beschliesst.» «Der Verein bezweckt die Durchführung der ihm vom eidg. Volkswirtschaftsdepartement auf Grund der Einfuhrbeschränkungen übertragenen Aufgaben betr Einfuhr von Benzin und Benzol, Petroleum rückstände zu Feuerungszwecken und Petroleum.» Mitglied der «Carbura» können nur Händler und Firmen sein, die solche Produkte im Jahre 1931 von im Ausland ansässigen Verkäufern gekauft und direkt in die Schweiz eingeführt haben. Die Geschäftsstelle der «rCarbura» stellt ihren Mitgliedern Einfuhrbescheinigungen zur Verfügung, die den vom eidg. Volkswirtschaftsdepartement genehmigten Ausweis zur Einfuhr darstellen. Hier bleibt schon die erste Frage offen: Wie konnte das Departement dieser Form zustimmen, die nichts anderes darstellt als ein privates Monopol für die Einfuhr, lebenswichtiger, nur aus dem Ausland zu beziehender Produkte? — Die Monopolwirkungen zeigten sich denn auch sofort nach der Gründung der «Garbura»: der «offizielle» Tankstellen-Literpreis wurde von 35 auf 38 Rappen erhöht. Aber hier wenigstens reagierte das Departement eindeutig zum Schütze der Konsumenten, indem trotz dem Monopol der «Carbura» auch Outsidern, von denen bestimmt feststand, dass sie ganz wesentlich unter dem «offiziellen» Preis verkaufen würden, grosse Einfuhrkontingente freigegeben wurden. Dann kam das Gutachten Colijn, veranlasst vom Departement. Es stellt im wesentlichen fest: «Die heutigen Benzinpreise von Fr. 13.80, Engrospreis in Zisternen, und von 38 Rappen Pumpenpreis sind im Hinblick auf die Verhältnisse des Weltmarktes nicht übersetzt. Dagegen besteht in der Schweiz mit Bezug auf das Verteilungssystem eine beträchtliche Ueberorganisation und es sind auch die Entschädigungen an die Pumpenhalter viel grösser als in andern Ländern.» Dazu ist lediglich zu bemerken, dass die von Colijn viel höher als in andern Ländern gefundenen Entschädigungen an die Pumpenhalter wahrscheinlich nur an relativ geringen Mengen Benzin verdient wurden, nämlich eben nur da, wo zum «offiziellen» Preis von 38 Rappen verkauft werden konnte — die Automobilisten wandten sich aber selbstverständlich vorzugsweise an die Säulen, wo sie billiger bedient wurden. Offenbar wurde nun die ganze Angelegenheit im Volkswirtschaftsdepartement der Preiskontrollstelle übergeben, bei der wohl von Anfang an der Wunsch bestand, Umwälzendes zu leisten, und die nun den Moment zum tatkräftigen Vorgehen gekommen sah. Ueber die Kompetenzen besteht allerdings auch heute noch kein klares Bild. Auf das Gutachten Colijn folgte die «Rahmenkonvention betreffend Regelung des schweizerischen Benzinmarktes» vom 15. Mai 1933. In aller Eile waren von der Preiskontrolle Sitzungen über Sitzungen mit den wichtigsten Importeuren und dem Auto-Gewerbeverband einberufen worden, bis endlich diese Rahmenkonvention zustande kam, deren erster Artikel den Zweck unzweideutig definiert (Art. 1): «Die Vertragsparteien sind gehalten, das Benzin an ihren oder an den von ihnen belieferten Säulen nicht unter den offiziellen Preisen zu verkaufen oder verkaufen zu lassen. Die offiziellen Preise dürfen auch nicht indirekt, z. B. durch Abgabe von Bons-Heften oder Gewährung einer Toleranz, durchbrochen werden. Diese Rähmenkonvention, die ein Preiskartell in seiner schärfsten Form begründet, ist also unter aktivster Mitarbeit, wenn nicht auf Initiative der Preiskontrollstelle des eidg. Volkswirtschaftsdepartements zustande gekommen. Schon sehr früh und zu wiederholten Malen wurden in Zürich und wahrscheinlich auch anderswo alle Inhaber von Benzinsäulen, an denen nicht der sofort «offiziell» erklärte Detailpreis von 38 Rappen angeschlagen war, von aus mehreren Vertretern der Importeure und Grosshändler zusammengesetzten Kommissionen besucht und bearbeitet, wobei das Hauptargument war: «Bern» verlangt es, Widerstand ist zwecklos und hat sofort Sperre zur Folge! Sperreversuche wurden auch in Szene gesetzt, scheiterten aber daran,' dass sich auch unter den Importeuren und Grosshändlern Outsider befanden (die erst vor wenigen Tagen dem Druck des Departements, der Korporation und der Trusts nachgegeben haben, nachdem sie sich für die Deckung ihres unvermeidlichen Verdienstausfalles von den Trusts sichere Garantien verschaffen konnten). Der Auto-Gewerbe-Verband befand sich bei den Verhandlungen über die Rahmenkonvention in einer Zwangslage. Jahrelang hatte er seine Mitglieder aufgefordert, die Verträge mit den Trustgesellschaften zu kündigen und eigene, unabhängige Säulen aufzustellen. Der Erfolg war gering, denn einmal braucht die Errichtung einer eigenen Säule etwas Kapital und ausserdem waren die Trusts in ihrer Kreditgewährung oft sehr large, so dass viele kleinere Betriebe einen erheblichen Teil ihres Betriebskapitals aus Benzinschulden schöpfen konnten. Und als nun die freien Säulen durch ihre billigeren Verkaufspreise einen grossen Teil des Benzinumsatzes an sich reissen konnten, waren es im Autogewerbe eben gerade die Halter von Trustsäulen, die eine Vereinheitlichung der Preise forderten, und ihnen zuliebe hat der Verband die Konvention gutgeheissen. Diese Einstellung ist sehr bedauerlich, aber zu begreifen. Weniger verständlich aber ist, dass weder das Departement noch sogar die angeblich gewerbefreundlichen " korporativen Kreise die wahren Interessen des Autogewerbes einsahen und schützten, sondern offenbar unbesehen die Wünsche der von den Trusts abhängigen Säulenhaltern als massgebend betrachteten. Dann kam die erste Intervention der Konsumenten bzw. des Automobil-Clubs der Schweiz, der unterdessen Kenntnis von der Rahmenkonvention erhalten hatte. Am 23. Mai versprach Herr Minister Stucki, im Beisein des Chefs der Preiskontrolle, Herrn Dr. Lorenz, die Konsumenten würden eine Vertretung in der von der Rahmenkonvention vorgesehenen paritätischen Kommission erhalten und übrigens in der allernächsten Zeit zu einer Konferenz eingeladen werden. Die Preiskontrolle beschloss dann allerdings anders, nämlich zuerst eine Einigung unter den Interessenten, unter Ausschluss der Konsumenten, herbeizuführen, und eine vorläufige Orientierung einiger (nicht aller) Konsumentenverbände fand erst am 12. Juli statt. Unterdessen wurden die in der Rahmenkonvention vorgesehenen Spezialkonventionen von den Importeuren (!) vorbereitet und unter dem Vorsitz von Herrn Dr. Lorenz und unter offizieller Teilnahme der Preiskontrolle m verschiedenen gemeinsamen Sitzungen der Importeure, der (verhandlungstaktisch selbständig erklärten) Grosshändler und des Auto-Gewerbe-Verbandes durchberaten, die paritätische Kommission ohne Konsumentenvertreter und die (ohne Rekursmöglichkeit endgültig beschliessenden) Fachausschüsse sofort bestellt. Die Rahmenkon-vention sieht vor: «Zur Behandlung und Entscheidung aller Fragen des Schweiz. Benzinmarktes, welche die an dieser Konvention Beteiligten betreffen, wird eine paritätische Kommission eingesetzt, deren Vorsitz eine neutrale Person, vorläufig ein Vertreter der eidg. Preiskontrolle, übernimmt.» Wie schon angedeu- tet, hat die paritätische Kommission selber nur administrative und überwachende Befugnisse und ist nicht einmal Rekursinstanz für die Beschlüsse der ihr unterstellten Fachausschüsse. Und hier erfolgte der Sprung ins Neue: Von der Rahmenkonvention ist heute kaum mehr die Rede. Was mit ihr erreicht wer- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. 1. Fortsetzung. Inhalt des bisher erschienenen Teils; Der deutsche Grai Eberhard Hatzberg, der vor dem Kriege wegen eines Fehltrittes aus dem preüssifichen Offizierkorps ausgeschlossen worden war und sich viele Jahre in Amerika aufgehalten hatte, kommt während des Krieges nach Berlin zurück, und besucht dort seinen Bruder, den Major Graf Hatzberg. Dieser schlägt dem Heimgekehrten vor, sich in den Dienst der internationalen Kriegsspionage zu stellen. «Gewiss.» eich glaube, dass auch Oberst Nicolai kommen wird, besonders wenn ich ihn ersuche. Ist es dir recht, oder möchtest du dich zunächst etwas ausruhen?» «Ich bin ausgeruht genug.» «Du siehst übrigens glänzend aus!» «Danke. Ich kann dir das Kompliment leider nicht voll zurückgeben.» Der Major lächelte dünn. «Kann ich auch nicht verlangen. Mit einem Loch in der Lunge ist das nur eine halbe Sache. Aber das wird sich geben. Wenn der verdammte Arzt nicht wäre — ich ginge lieber heute als morgen aus diesem bedrückenden Steinkasten heraus zn meinem Regiment.» «Also gegen acht Uhr bei Bergner!» «Gut! Wenn du schön gehen willst — aber es ist wirklich nicht so eilig!» «Ich habe auch noch einiges zu besorgen.» Eberhard Hatzberg reichte dem Major die Hand. «Auf Wiedersehen also!» «Auf Wiedersehen, Eberhard! Du hast mir eine sehr, sehr grosse Freude gemacht! Aber — einen Augenblick! Allein kannst du nicht gehen; man würde dir Schwierigkeiten machen!» Der Major drückte auf eine Klingel; eine Ordonnanz erschien. «Führen Sie den Herrn durch die Sperre!» 2. In der kleinen Weinstube von Bergner war knapp die Hälfte der Tische besetzt, als Eberhard Hatzberg gegen acht Uhr abends eintrat. Und die Gäste waren fast ausschliesslich Feldgraue. Subalternoffiziere, die noch den stumpfen Blick des Schützengrabens hatten, Verwundete zumeist, Urlauber, Rekonvaleszenten. Der Mangel an Beleuchtung, der Eberhard schon in den Strassen aufgefallen war, zeigte sich auch hier: spärliche Lampen gaben ein fahles Licht und Hessen den kleinen Raum, in dem kaum halblaut gesprochen wurde, fast gespenstisch erscheinen. In einer Ecke entdeckte Eberhard seinen Bruder, der allein an einem runden Tische sass und eben sein Abendbrot eingenommen hatte — der alte Kellner räumte das Geschirr weg und stellte eine Weinflasche zurecht. Der Major stand auf, als Eberhard herantrat und reichte ihm die Hand. «Der Oberst wird jeden Augenblick erscheinen. Hast du schon gevespert?» «Jawohl. Im Hotel. Aber es ist nicht ganz einfach gewesen ...» «Allerdings. Fleisch ist knapp — fast so knapp wie Brot. Na — das Hinterland hat auch nicht mehr so zu lachen! Aha — da kommt der Oberst!» Ein Offizier war eingetreten und steuerte, nach rechts und links abwinkend, auf den Tisch los, an dem der Major sass, während Eberhard noch damit beschäftigt war, seine Garderobe unterzubringen. Herzliche Begrüssung zwischen dem Oberst und dem Major, der seinen Bruder vorstellte. «Ich bin unterrichtet», sagte der Oberst nach einer kurzen Verbeugung, indem er Eberhard die Hand reichte, «wir wollen aber vorerst, das heisst hier, nicht von dem Wesentlichen sprechen. Kennt Sie einer von den Herren hier im Lokal?» «Ich glaube nicht, Herr Oberst.» «Gut Man kann nicht vorsichtig genug sein!» Der Oberst und Eberhard nahmen Platz. Jeder bestellte sich eine Flasche Wein. Es wurden nur belanglose Redensarten gewechselt. Man sprach nicht vom Krieg und von Amerika, sondern von allgemeinen Dini gen, und Eberhard stellte fest, 'dass der Oberst ein sehr vielseitig gebildeter Mann mit durchaus sympatischen Zügen war. Er hatte allerdings eine sehr intensive Art, einen anzusehen, aber das hing wahrscheinlich mit seinem Beruf zusammen. Gegen zehn Uhr sah der Major auf die Uhr. «Die Herren werden mich entschuldigen müssen», sagte er, «ich bin schon über die Zeit ausgeblieben. Wenn mein Arzt das wüsste!» «Ich denke, wir wollen auch gehen», wandte der Oberst sich an Eberhard. Als man auf der Strasse stand, nahm der Major die Trambahn, um nach Hause zu fahren, obwohl der Weg zur Königgrätzer Strasse verhäitnismässig kurz war. «Armer Kerl», sagte der Oberst, als der Major sich verabschiedet hatte. «Er wird wohl nie wieder ganz gesund werden. Er hofft natürlich, und sein Arzt bestärkt ihn darin, aber ich glaube nicht, dass er den Kriegsschauplatz noch einmal sehen wird. Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, Herr Graf, möchte ich Sie bitten, noch auf ein Glas Wein In meine Wohnung zu kommen. Dort können wir uns ungestört über wesentlichere Dinge unterhalten, als über Havannazigarren und Theater und Literatur.» Eberhard nickte. Der Oberst hatte seine Wohnung am Schöneberger Ufer. Die beiden