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E_1933_Zeitung_Nr.076

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BERN, Dienstag, 12. September 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang — N° 76 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, lotern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtllche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. tns«ratenschlus8 4 Tage vor Erscheinen der Nummern In seinem vielbeachteten Buch «Das Spektrum Europas» hat bekanntlich Graf Hermann Keyserling über den Durchschnittsschweizer ein alles andere als erfreuliches Urteil gefällt. Dem Weisen von Darmstadt zufolge gehen uns fast alle jene Eigenschaften ab, die man irgendwie als «erhaben » bezeichnen könnte. Aber Keyserling schreibt und spricht soviel, dass man ihn nicht allzu tragisch zu nehmen braucht. Glücklicherweise kennen wir selbst uns auch besser, als dieser Weltreisende es kann. Unserer Rasse fehlt wohl im allgemeinen die ausgesprochene Eleganz des Geistes. Und ganz bestimmt fehlt es uns an Talent zu eindrucksvollen, theatralischen Gesten, zum marktschreierischen Propagieren unserer Gesinnung und unserer Werte. Unsere Geschichte, und ganz besonders die Geschichte der neuesten Zeit, lehrt jedoch, dass man auch ganz gut ohne diese Eigenschaften bestehen kann. So oberflächlich es ist, wenn Aussenstehende unsere Rauheit als Knotenhaftigkeit taxieren, so töricht ist es aber auch, wenn manche Schweizer jeden Schliff grundsätzlich ablehnen oder sich wenigstens so benehmen, als ob sie es täten. Das Bewusstsein, ein «freier Schweizer» zu sein, veranlasst manchen unter uns, Rücksichten seiner Mitwelt gegenüber überhaupt nicht in Betracht zu ziehen, sondern in jedem Falle eben einfach zu tun, was ihm gerade passt. Andere wieder benehmen sich absichtlich grob und ungehobelt aus dem Ungewissen Schamgefühl heraus, vielleicht sonst als allzu geschniegelt zu gelten. Das «urchige» Benehmen in allen Ehren. Es entspricht unseren ganzen Lebensverhältnissen, unserer Vererbung und Veranlagung. Ein urchiger Schweizer ist aber bei weitem kein Knot und kein ungezogener Lümmel. Er hat ein sicheres Gefühl für seine Verantwortung der Mitwelt gegenüber, während ein Knot immer nur an sich selbst denkt und ausser für seine eigenen Wünsche keinen Respekt kennt. Wie es höher- und minderwertige Menschen in allen Bevölkerungsschichten gibt, so gibt es natürlich auch Rüppel unter den Automobilisten. Diese Menschensorte macht sich hier sogar besonders unangenehm be- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (5. Fortsetzung) Eberhard trat in ein Geschäft, um seine Garderobe zu vervollständigen. Ehe er überhaupt gefragt wurde, was er wünsche, hatte ihm der Verkäufer bereits eine lange Rede über das glorreiche Italien gehalten, das den Weltkrieg zu einem raschen Ende bringen und die unterdrückten Brüder jenseits der Grenze befreien werde. Erst als er seine Begeisterungsarie zu Ende gesungen hatte, war mit dem Mann über einen Sommeranzug, über leichte Wäsche und einen Strohhut zu reden. Da Eberhard seine Adresse nicht angeben wollte, Hess er sich das Gekaufte in einem Karton verpacken und fuhr in einer Droschke nach der Piazza Pergolese. Er empfand wieder, dass Rom nicht nur auf sieben, sondern auf einer ungezählten Menge von Hügeln erbaut sei, landete aber schliesslich doch wohlbehalten im Albergo Michele. Es war Mittagszeit, als Eberhard eintraf. Eben, als er sein Zimmer betreten wollte, traf er die Wirtin. Nun, nachdem ihm Signore Falieri so interessante .Einzelheiten über die Frau erzählt hatte, sah Eberhard sie mit anderen Augen an und fand, dass der Polizei- Manieren merkbar. In dem Mass, wie die Geschwindigkeit und damit das Machtgefühl steigt, nimmt beim autofahrenden Knoten meist auch die Rücksichtslosigkeit zu. Ja, sogar mancher zu Fuss ganz umgängliche Mensch wird zum widerlichen Lümmel, wenn er nur einmal über einige Dutzend Pferdestärken regiert und auf seiner fahrenden Insel nicht mehr sofort zur Rechenschaft gezogen werden kann. Jedem, der ihm vorfahren will, versperrt der Autoknot den Weg. Er selbst aber schäumt vor Wut, wenn ihn ein anderer Automobilist nicht sofort vorfahren lässt, vielleicht nicht vorfahren lassen kann. Strassenbenützer, die sich ungeschickt benehmen, sind für ihn Idioten; alte Leute und Gebrechliche haben seiner Meinung nach auf der Strässe überhaupt nichts zu suchen; wer nicht genau die Verkehrsregeln einhält, würde von ihm am liebsten über den Haufen gefahren; und jeder, der ihm in den Weg kommt, wird irgendwo in Brehms Tierleben eingereiht. Macht man den Strassenschreck kollegial darauf aufmerksam, dass sein Schlusslicht nicht brenne, so lautet die Antwort, das gehe einem einen an. Wünscht man von ihm eine kleine Hilfe, ist er taubstumm. Verursacht der Rüppel einen Unfall, so besteht keine Frage» dass «der andere» schuld ist. Niemand wage, es, ihn eines Bessern belehren zu wollen, ihn, den unfehlbaren Meister des Lenkrades, gegen den alle anderen Automobilisten blutige Anfänger sind. Stösst einem anderen ein Unfall zu, dann hat er natürlich alles kommen sehen und empört sich, dass man solche Leute überhaupt fahren lässt. Nachts hingegen ziehen er und seine Gesinnungsgenossen ihre feinsten Saiten auf. Sie machen sich schön, ziehen ein freundliches Lächeln ins Gesicht und gehen mit dem Wagen auf den... Abendspaziergang. Dass sie sich mit ihrem langsamen Auf- und Abwärtsfahren an den belebten oder beliebten Strassen lächerlicher machen als mondsüchtige Kater und verächtlicher als Dirnen, kommt ihnen nicht im entferntesten in den Sinn. Der richtige Autolümmel findet auch gar nichts Anstössiges dabei, einer Frau minutenlang auf den Fersen oder zur Seite oberst Faruccio im Grunde gar keinen schlechten Geschmack hatte. Signora Felicia war zwar bereits über die erste Jugend hinaus, hatte sich aber, im Gegensatz zu ihren Volksgenossinnen, sehr gut erhalten. Das etwas breite, römisch-derbe Gesicht mit dem dunklen Haar und den dunkelbraunen Augen hatte einen gewinnenden Zug von einfacher, bescheidener Güte. Signora Felicia teilte ihrem jüngsten Mieter mit, dass der Pass ordnungsgemäss zum Revier gebracht worden sei; am Abend würde Signore Farnaglia ihn zurückerhalten. Signora Felicia fragte auch an, ob der Signore an dem gemeinsamen Mittagsmahl, zu dem sich alle sonstigen Hausgenossen zusammenfanden, teilnehmen wolle. Eberhard war im ersten Augenblick willens, diese Gemeinsamkeit abzulehnen, dachte aber dann, Herr Stöckner würde ihm das als Furcht auslegen und sagte- sein Erscheinen im Speisezimmer zu. Auf die Dauer würde er die Gesellschaft, in die er hier geraten war, ja doch nicht meiden können. Und in irgendeinem dunklen Schacht seines Herzens war ein klein wenig Neugierde nach der interessantesten Persönlichkeit unter den Hausgenossen: der Dame Mercedes Farere. Als Eberhard Hatzberg den eben gekauften Konfektionsanzug angezogen hatte und sein Aeusseres im Spiegel musterte, kam er sich ziemlich lächerlich vor. Der Anzug sass ihm, wie der Verkäufer gesagt hatte, «sehr bequem», das heisst, er war ihm zu weit. Er sah wirklich aus wie ein brasilianischer Farmer in Zivil: wie ein Bauer, der aus Versehen in städtische Kleidung geraten war. .Durch besondere Eleganz werde ich nicht nachzufahren, wenn sie nicht sofort «richtig» reagiert. Wie unerzogen und hirtenknabenmässig manche Menschen bei uns noch denken und handeln, geht auch daraus hervor, dass man abends kaum eine grössere Ueberlandfahrt machen kann, ohne brave Eidgenossen anzutreffen, die auf dem Heimweg vom abendlichen Jass in aller Unschuld und Selbstver- Im Hinblick auf die in verschiedenen Ländern unternommenen Versuche, sich vom ausländischen Treibstoffimport unabhängig zu machen, kommt dieser chemischtechnischen Produktionsmethode steigende Bedeutung zu. Grundlegende Forschungen sind namentlich von deutschen Gelehrten gemacht worden, und später war es der deutsche Chemietrust, der durch seine Finanzkraft der neuen Produktionsmethode den Weg des Erfolges, vorzubereiten verstand. Heute sind es 4 der hauptsächlichsten Repräsentanten kapitalintensiver Weltunternehmurigen, die durch Zurverfügungstellung reichlicher Mittel an der Vervollkommnung der verschiedenen Hydriermethoden interessiert sind. In Deutschland ist es die bereits erwähnte I. G. Farbenindustrie, in Grossbritannien die ImperiaJ Chemical Industries in Verbindung mit der Royal-Dutch-Shell-Gruppe und in Amerika die Standard Oil Company of New Jersey, die sich der neuen Betriebsstoffproduktion in besonderem Masse angenommen haben. Allein schon diese Tatsache mag einen Fingerzeig für die enormen Mittel sein, die die Versuche und Forschungen verschlangen, um das Hydrierverfahren aus dem Laboratoriumszustand ins rationell-industrielle Grossverfahren überzuführen. Wenn auch den bis heute ausprobierten und bewährten Methoden noch nicht die ihnen gebührende auffallen, dachte er und fand, dass das ganz gut war. Die Tischgenossenschaft war bereits versammelt, als Eberhard in das kleine, hübsch eingerichtete Speisezimmer trat. Signora Felicia präsidierte, wie sich das gehörte, und stellte den neuen Gast vor. Herr Stöckner verzog keine Miene, als er sich vor Signore Farnaglia verbeugte: nichts war in seinen nicht unangenehmen Zügen, das an sein etwas aufdringliches Benehmen vor einigen Stunden erinnert hätte. Dieser Herr Stöckner hatte den Signore Farnaglia nie in sei- *nem Leben gesehen. Der Levantiner, den Signora Felicia als «Professor Massimiliano Urbano» vorstellte, war ein langgewachsener, überschlanker, etwa vierzig Jahre alter Mensch mit einem verschlossenen, verwitterten Gesicht; Eberhard wusste nicht recht: Arnaute oder Grieche. Jedenfalls: sehr vertrauenswürdig sah dieser edle Sprachlehrer nicht aus. Aber die Dame Mercedes Farere! Eberhard war ja einigermassen durch Falieri vorbereitet, und doch war er eigentümlich überrascht und gefesselt von der Erscheinung dieser Frau. Es Hess sich schwer sagen, was eigentlich ihren Reiz ausmachte. Ihre Figur war schlank, beinahe zierlich. Das Gesicht war nicht gerade besonders regelmässig geschnitten; der Mund war vielleicht etwas zu gross und zu voll. Aber in dem weissen, leicht getönten Gesicht standen ein paar Augen von ausserordentlicher Schönheit. Augen, die unter langen, seidigen Wimpern ständlichkeit an einer Telegraphenstange längs der Landstrasse noch rasch einen Zwischenhalt machen, ohne sich durch den Verkehr im geringsten stören zu lassen. Unvermeidlich sind solche mehr oder weniger grosse Schönheitsfehler dabei so wenig, wie sie etwa nützlich sind. Der hinterste Mann geniesst bei uns eine Schulbildung, um die ihn mancher Ausländer beneiden würde, und seine Kinderstube ist durchschnittlich gewiss auch nicht schlechter. Noblesse oblige! Und es ist bestimmt ebenso lächerlich, sich bewusst, aus einem falschen Bescheidenheitsgefühl heraus, gröber zu geben als man in Wirklichkeit ist, wie wenn man sich krampfhaft in Ueberlebensgrösse zeigen will. Denn nur zu leicht wird dann die Auswirkung der Bescheidenheit als Protzentum aufgefasst. Man verstehe uns recht: Wir verlangen nicht Scheuleder, propagieren nicht Heuchelei und falsche Prüderie, wie sie etwa in Amerika in vielen Dingen geübt wird. Wogegen wir uns aber verwahren, das ist das schlechte Benehmen einzelner, auch unter den Automobilisten anzutreffender Elemente, das nuir allzugern verallgemeinert wird und dann das Ansehen unseres ganzen Volkes schädigt Der Stand der Kohlehydrierung Stellung zugekommen ist, so hängt dies vor allem mit dem Preisproblem zusammen, da beim Tiefstand der heutigen Erdölpreise das künstlich hergestellte Benzin noch nicht auf der ganzen Linie den Konkurrenzkampf aufnehmen kann. Schon ein leichtes Anziehen der Erdölnotierungen würde die Situation verschieben, und es ist denn auch nicht ausgeschlossen, dass dem künstlichen Benzin bald grössere Absatzgebiete erschlossen werden können. Besonders aber kommt der Hydriermethode hinsichtlich der Streckung der natürlichen Reserven grössere Bedeutung zu, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich in naher Zukunft starke Verschiebungen auf diesen beiden Produktionsgebieten abzeichnen könnten. Was die Verhältnisse in Deutschland anbetrifft, so wird der Verbrauch an den verschiedenen Arten von Motortreibstoffen zu ungefähr einem Viertel durch inländische Erzeugnisse gedeckt. Die Eigenversorgung mit Mineralölprodukten scheint aber auf gewisse Schwierigkeiten zu stossen. Aus heimischer Erzeugung stehen gegenwärtig Demnächst erscheint das reichillustrierte Auto-Sports-Sonderheft der « Illustrierten Automobil-Revue ». zu leuchten vermochten: zwei dunkelblaue Sterne von seltsamem Reiz. Das Haar, glänzend schwarz, war nicht zu kurz geschnitten und legte sich in Wellen um Schläfen, die wie ganz helles Elfenbein schimmerten. Die Frau trug ein einfaches, ziemlich dunkles Kostüm und, wie Eberhard feststellte, keinen Schmuck. Die schmalen, weissen Hände waren ohne Ringe. Kreolin, dachte Eberhard im ersten Augenblick. Vielleicht mit einem Schuss farbigen Blutes sogar —: die Lippen Hessen darauf schliessen und der bläuliche Schimmer um die Augensterne. Signorina Mercedes sah den Signore Farnaglia mit einem diskreten, leisen Lächeln an, als Signora Felicia seinen Namen nannte. Ihre und Eberhards Augen begegneten einander für den Bruchteil einer Sekunde, und Eberhard hatte das Empfinden, als setzte sein Herz plötzlich aus, als wäre er einer Hochspannungsleitung zu nahe gekommen. Es kam ihm — er erinnerte sich später sehr oft an diesen Augenblick — selber lächerlich vor, dass er, der doch wahrhaftig gegen weibliche Reize nicht mehr empfänglich war, den Blitz dieses Blickes so stark und tief empfand. Er fühlte zugleich, dass er eine lächerlich eckige Verbeugung machte, und als er an der rechten Seite der Dame Mercedes Platz genommen hatte — die Wirtin erwies dem neuen Gast diese besondere Aufmerksamkeit offenbar mit Absicht —, war er ein paar Minuten verlegen wie ein Gymnasiast. Aber das gab sich um so rascher, als sowohl die Dame Mercedes wie die übrigen