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E_1933_Zeitung_Nr.078

E_1933_Zeitung_Nr.078

BERN, Dienstag, 19. September 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 78 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe LUte" Halbjährlich Fr. 5,-, jahrlich FT. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, lofem nicht postamtlich bestellt. Zuschlag (ür postamtiiehe Beatellunf 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenroinstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; (ür Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Bauernstand und Erhöhung des Benzinzolles. Die Delegiertenversammlung des Schweiz. Bauernverbandes vom 4. September in Bern hat zum Finanzprogramm des Bundesrates eine Reihe von Postulaten aufgestellt, wobei unter anderem auch eine Erhöhung des Eingangzolles auf Benzin gefordert wird. Gewiss, es wäre eine einfache Angelegenheit, den Kampf um die Erschliessung neuer Finanzquellen des Bundes auf dem Rücken der schweizerischen Automobilisten auszutragen, denn sie haben sich ja schon früher mehr als einmal einen ähnlichen Aderlass gefallen lassen müssen. Aber jedes Ding hat zwei Seiten, und wir geben die Frage zu bedenken, ob sich durch eine neuerliche Erhöhung des Zolltarifansatzes für Benzin die Landwirtschaft nicht ins eigene Fleisch schneidet. Sehen wir näher zu! In der Bundesverfassung ist der Grundsatz verankert, dass die für die inländische Industrie und Landwirtschaft erforderlichen Stoffe im Zolltarif möglichst gering zu taxieren se ; on. Niemand wird heute im Ernst bezweifeln wollen, dass dem Benzin nicht die Rolle eines für unser Wirtschaftsleben unentbehrlichen Stoffes von allererster Bedeutung zukommt. Das Motorfahrzeug hat bei uns im letzten Jahrzehnt einen ungeahnten Aufschwung genommen, hat sich auch die Landwirtschaft erobert. Sagen wir es mit Zahlen: nach der Automobilstatistik von 1931 waren damals 20 388 Nutzfahrzeuge im" Verkehr, also ausschliesslich Maschinen, die nicht dem Vergnügen, sondern dem Erwerb dienten. Darunter figurieren 2032 Traktoren, die zum allergrössten Teil in der Landwirtschaft Verwendung finden, 612 Autobusse, wovon rund 550 auf die Post und die konzessionierten Unternehmungen für die Verkehrsverbindungen in den ländlichen Gegenden entfallen. Dazu gesellen sich noch weitere 300 sogenannte Autohalterposten, die auf Rechnung der Post in abgelegene Regionen geführt werden und welche über einen Park von 600 Vom Tage Fahrzeugen verfügen. Ausnahmslos dienen diese Wagen der ländlichen Bevölkerung in der einen oder anderen Form. Aber die Wichtigkeit des Nutzfahrzeuges für die Bauernschaft lässt sich noch unter einem anderen Gesichtswinkel darlegen. 56 Prozent aller in der Schweiz zirkulierenden Autoalles zusammen nach Adam Riese 93 Mill. Fr. Dabei wird diese exorbitante Summe durchaus nicht nur den « Autoherren» abgezapft. Das wäre ein naiver Glaube. Ins richtige mobile stehen im Zusammenhang mit denLicht gerückt, präsentiert sich die fiskalische wirtschaftlichen Bedürfnissen des Bauern. Davon entfallen 36 Prozent auf Lebensmitteltransporte, 7,9 Prozent auf das Baugewerbe und den Holzhandel, 2,6 Prozent auf die Müllereien, 4,3 Prozent auf die Brauereien, 3,5 Prozent auf eidgenössische und kantonale Verwaltungen und 1,6 Prozent auf die Post. Solche Ziffern sprechen deutlich genug und es wird nicht in Abrede gestellt werden können, dass gerade diese Gattung von Motorfahrzeugen der Landbevölkerung unbestreitbare wirtschaftliche Vorteile sichert. Sie vermitteln den Tränsport und den Austausch der Produktionsgüter und sind für das Land genau so lebenswichtig wie für die Stadt. Ungeachtet dieser grossen wirtschaftlichen Mission, welche das Auto zu erfüllen hat, ungeachtet auch der eindeutig klaren Bestimmung der Bundesverfassung, wird der Betriebsstoff, das Benzin, heute im Zolltarif als ausgesprochener Luxusartikel behandelt. Der gegenwärtige Zoll auf dem Benzin, 23 Fr. pro 100 kg, beträgt sage und schreibe 170 Prozent des. Warenwertes. Vom Verkaufspreis von 36 Rp. pro Liter steckt der Bund allein in Gestalt des Zolles volle 17 Rp. ein. Keine andere Warengattung unter den' Importartikeln,.der,Schweiz kann sich einer, derartigen Belastung « rühmen ». Der Weih, der die zweite Stelle einnimmt, wird mit 67,2 Prozent des Warenwertes zur Verzollung herangezogen. Liegt es da nicht nahe, die Frage anzuschneiden, ob nicht der ausländische Wein als Luxusgegenstand stärker erfasst werden könnte. Denn das Benzin hat längst aufgehört, zum Luxus zu zählen. Mit einem höheren Weinzoll hätte man zwei Fliegen auf einen Schlag: Vermehrung der Bundeseinnahmen und zugleich Schutz der einheimischen Weinproduktion. 44,4 Mill. Fr. flössen im Jahre 1932 aus dem Benzinzol! in die unergründlichen Kassen des Bundes Belastung des Automobils wesentlich anders. Auch die Landwirtschaft entrichtet ihren Tribut in Form von Benzin- und Autozöllen und von Steuern. Auch sie braucht Bennstoff für ihre Traktoren, Lastwagen, Lieferungsund Personenautos, welche ihre Erzeugnisse dem Konsumenten zuführen. Und vom Zoll bleiben auch die Autohalterkurse nicht ver- .schoiit. Vom Zoll aber hängen auch die Taxen ab, die bei einer neuerlichen Heraufsetzung des Benzinzolles unfehlbar in die Höhe gehen müssten. Wie reimt sich, nebenbei gesagt, der Ruf nach Erhöhung der Benzinzölle mit dem Postulat Baumberger, das die Hilfe für die Bergbauern anstrebt? Hat nicht Nationalrat Baumberger selbst die Förderung des Motorfahrzeugverkehrs als einen namhaften Faktor für die Unterstützung der Bergbauern bezeichnet? Die Auffassung, das Auto sei ein Privileg der Besitzenden, ist längst überlebt. Heute sind die weitesten Kreise unserer Volkswirtschaft auf Gedeih' und Verderb' mit dem Motorfahrzeug verbunden, und es heisst die Dinge verdrehen, oder an ihnen vorbeisehen, wenn man diese Zusammenhänge leugnet. Noch aber erhebt sich für den Bauernstand drohend eine andere Gefahr, welche die Erhöhung der Benzinzollansätze unweigerlich in die Wirklichkeit umsetzen müsste. Die Schweiz geniesst im Fremdenverkehr ohnehin den Ruf als teuerstes Land Europas. Die Folgen dieses Renommees offenbaren sich in der Notlage unserer Hotellerie. Wird der Benzinzoll um einen Schraubenzug höher getrieben, so ist das gleichbedeutend mit einer weiteren Verteuerung der Ferienaufenthalte in der Schweiz und damit schwindet automatisch die Zahl der Fremden. Was wiederum nichts anderes heisst, als Verschärfung der Absatzschwierigkeiten der Landwirt- bei der Hotellerie. Es ist ein ganzer und heute steht der Betriebsstoff für dieschaft Motorfahrzeuge unter den Finanzquellen des Rattenkönig von schwerwiegenden Konsequenzen, welche eine ins Unerträgliche ge- Bundes an allererster Stelle. Doch damit ist das Gebrauchsinstrument des Autos noch triebene Verteuerung des Benzinzolles im nicht genügend geschröpft. Die Autozölle Gefolge hat. Mit der Bauernschaft werden trugen dem Bund 18,6 Mill. Fr. ein, währenddem die Kantone mit den Automobilsteuern getroffen. aber auch Handel, Industrie und Gewerbe eben auch nicht schüchtern sind, stellte sich Dass eine Erhöhung des Benzinzolles nichts doch ihr « Gewinnsaldo» aus dieser Rechnung im letzten Jahr auf 30 Mill. Fr. Macht Beizebub ausgetrieben, dafür liefert Deutsch- anderes bedeutet, als den Teufel mit dem land ein treffendes Beispiel. Unter dem Druck der Brennstoffzölle und der Autosteuern schrumpfte der Benzin-Import von 710 058 Tonnen im Jahre 1931 auf 460 702 Tonnen im Jahre 1932 zusammen. Ueber 580 000 Motorfahrzeuge, d.h. ein Drittel des ganzen Bestandes, wurden wegen der untragbaren fiskalischen Last aus dem Verkehr zurückgezogen. Hand in Hand damit ging eine erschreckende Abnahme des Beschäftigungsgrades in der Autoindustrie: 160 000 Chauffeure und Angestellte der Autofabriken wurden arbeitslos. Aber nicht nur dass der Staat an Stelle der erhofften Mehreinnahmen eine Einbusse auf den Autosteuern in der Höhe von 50 Mill. Mark erlitt — auch die Zollerträgnisse warfen keineswegs mehr ab als zuvor. In manchen Punkten stimmen die gegenwärtigen Verhältnisse in der Schweiz mit den geschilderten deutschen Zuständen überein. In dieser höchst kritischen Situation griff das neue Deutschland mit wahrhaft nachahmenswerten Mitteln ein. Es erklärte eine grosszügige Steuerbefreiung und reduzierte den Benzinzoll. Erfolg: verblüffend. Für die deutsche Automobilindustrie sind die Zeiten der Hochkonjunktur wiedergekehrt; 25 000 Arbeiter konnten neu eingestellt werden, 25 000 oder mehr neue Abnehmer für die landwirtschaftlichen Produkte. Ein riesiges Autostrassennetz, dessen Kosten auf VA Milliarden Mark veranschlagt sind, ist in Angriff genommen. Desgleichen melden auch die amerikanischen, englischen und italienischen Autofabriken volle Beschäftigung. — Und wir? Unsere Automobilindustrie steht im Zeichen schwerster Krise. Sie vermehrt das Heer der Arbeitslosen, die aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden müssen. Seien wir uns der Tatsache bewusst, dass der Bogen, allzu straff gespannt, zerspringt! Eine ins Endlose fortgesetzte Belastung des Motorfahrzeugverkehrs muss ins Gegenteil dessen umschlagen, was der Zweck der Uebung war. Sollte das Warnungszeichen, das uns die Vorgänge in Deutschland gegeben, wirklich nicht genügen, um uns zur Besinnung- zu bringen ? 25 Zu der geplanten Strassenbauinitiative. Aus Oberländer Verkehrskreisen gehen uns folgende Ausführungen zu : In Nr. 73 der «Automobil-Revue» vom 1. September a. c. empfiehlt ein Korrespondent unter dem Titel «Die Schweiz im Hintertreffen» die sofortige Inangriffnahme des Ausbaues unseres Alpenstrassennetzes und gibt dann vergleichsweise in sehr inter- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (7. Portsetzung) «Ach — Freunde! Ach ja! Ich könnte die Freundin eines Mannes sein, den ich achte. Aber Sie? Im Augenblick scheint es Ihnen vielleicht, dass Sie imstande sein könnten, Ihre Wünsche und Hoffnungen zurückzudrängen, aber, glauben Sie mir: es scheint Ihnen nur so. In Wirklichkeit würde doch jeder Ihrer Blicke, jedes Ihrer Worte, jede Ihrer Handlungen ein Werben sein. Vielleicht wäre es für mich das beste, ich reiste sofort ab!» «Um Gottes willen, Madame!» «Für uns beide!» sagte sie leise. Eberhard schwieg. Lag in diesem letzten Wort nicht ein Eingeständnis? Vielleicht, wenn er jetzt nach ihr langte — heiss aufkeimender, tiefer Leidenschaft glühende Worte gab... Aber nichts geschah, kein Wort von Liebe wurde gesprochen — nichts, nichts — — gerade in diesem Augenblick fühlte er, wenn auch nur im Unterbewusstsein, dass sie recht hatte, dass eine Schranke zwischen ihnen beiden stand, die nicht ungestraft überschritten werden durfte. Denn es wäre entweder auf Kosten der Idee -*- oder auf Kosten der Ethik des Gefühls geschehen. «Gehen Sie jetzt nicht weg, lieber Freund,» sagte sie, «ich will etwas tun, was ich noch niemals getan habe: ich will Ihnen von mir erzählen. Ich bin drüben geboren. Vielleicht haben Sie sich das schon gedacht, denn Sie sind ja, wenn Sie auch nicht Farnaglia heissen und nicht Farmer in Brasilien sind, jeden" falls lange Jahre drüben gewesen. Man merkt es Ihnen an. Vielleicht haben Sie auch bemerkt, dass ich keine hundertprozentige Weisse bin — die Leute aus den .Staaten' haben ja einen besonders scharfen Blick dafür. Jedenfalls: ich bin nach nordamerikanischen Begriffen eine .Farbige'. Ich habe drüben das ganze Elend dieser unglücklichen Mischrasse kennengelernt. Ich habe an mir selbst erfahren müssen, dass man uns begehrt, aber deshalb nicht weniger verachtet. Das Kind, von dem ich vorhin sprach —: mein Kind hat einen Yankee zum Vater, einen Mann, der drüben eine grosse Rolle spielt. An mir hat er sehr schlecht gehandelt. Vor sechs Jahren kam ich nach Europa, innerlich fertig mit dem, was man Liebe netfnt! Ich glaubte es wenigstens. Ich hatte grossen Erfolg, ich habe von Brüssel aus alle europäischen Hauptstädte erobert, wenn ich so sagen darf, und ich habe viele grosse Männer sehr klein vor mir gesehen. Ich habe sie gründlich verachten gelernt. Ich habe ihnen die Ehre angetan, ihnen das Geld abzunehmen: meiner Tochter soll es einmal nicht so ergehen, wie es mir ergangen ist. Dann kam eine Zeit, in der mich alles furchtbar anödete: mein Beruf, die ganze Welt! Ich wäre am liebsten zu meinem Kinde nach Kuba gegangen. Aber es reichte noch nicht. Ich hatte schwere Konflikte mit den Theaterleitern, mit meinem Impresario — vielleicht wissen Sie von den Skandalen, von denen damals viel die Rede war. In London wurde ich ausgepfiffen — nicht als Künstlerin, sondern als Frau. Dann kam der Krieg, und ich begann für das Land zu arbeiten, das mich am wenigsten misshandelt hatte. Die Gefahr, in die ich mich begab, war mir ein seltsames Narkotikum, und wenn ich auch unter dem Einsatz meiner Ehre als Frau handelte: tat ich etwas anderes, als was ich in meiner Bühnenlaufbahn von Anfang an zu tun gezwungen war? Ich hatte auf die Liebe verzichtet, für immer, und um so weniger ging es jemanden an, was ich mit mir anfing. Und nun kommen Sie und sprechen von Liebe! Können Sie begreifen, dass mich das irritiert? Tausend anderen hätte ich im gleichen Falle ins Gesicht gelacht — bei Ihnen kann ich es nicht, denn Sie sind ein ehrlicher Mensch. Es ist traurig, sehr traurig!» Eberhard ergriff ihre Hand. «Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Madame! Vielleicht ahnen Sie, dass auch durch mein Leben ein Riss geht. Ich habe schon einmal an einer Frau Schiffbruch gelitten. Sie hat mich zu Handlungen verleitet, die mich zwangen, den Rock eines Offiziers auszuziehen, und als von mir nichts mehr zu holen war, hat sie mir, ohne Weh zu fühlen, die Tür gewiesen. Ich habe diese Frau sehr geliebt, allzusehr. Ich habe mich trotzdem in Amerika verheiratet. Mit einer hundertprozentigen Amerikanerin. Dass die Ehe nicht glücklich geworden ist, das werden Sie verstehen; sie ist geschieden. Nun habe ich mich meinem Vaterland zur Verfügung gestellt als Mann im Dunkel, als ein Deklassierter, der nur seiner Aufgabe leben soll. Man hat mich hierher geschickt: ein Zufall hat mich in dieses Haus geführt — wirklich ein Zufall. So musste es kommen, wie es eben gekommen ist. Ich musste Ihnen sagen, dass ich Sie liebe, denn so reizvoll es auch für eine Frau sein mag, Unausgesprochenes zwischen sich und einem Manne zu haben: der Mann kann das nicht. Ich kann auch nicht sagen: es tut mir leid, Madame, dass ich Sie durch mein Geständnis in Unruhe versetzt habe — gerade jetzt tut es mir nicht leid. Wir beide, Madame, stehen ausserhalb der Ordnung, sind von einer gleichen Gefahr bedroht. In unserem Schicksal ist etwas Gemeinsames. Ich glaube an Bestimmung. Ich glaube, das Schicksal hätte uns nicht zusammengeführt, wenn es uns nicht bestimmt wäre, zueinander zu gelangen!» «Halten Sie ein — ich kann das nicht hören!»