Aufrufe
vor 9 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.083

E_1933_Zeitung_Nr.083

BERN, Freitag, 6. Oktober 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 83 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint laden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Ltate" Halbjährlich FV. 5 , jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter PortozusehUg, •olern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtlicbe Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung II 1/4,14. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 Telegramm-Adreise: Antorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cta. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratenschlass 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Pariser Salon 1933 Vor der Eröffnung Für den Berichterstatter beginnt das Ereignis « Pariser Salon » mit der Ausreise aus der Schweiz, mit dem Wechsel der Eisenbahneruniformen von « gepflegt » auf « hergenommen », dem Manövrierarbeiter in Beifort, der seine Pfeifensignale an den Lokomotivführer kunstvoll durch die Finger erzeugt, dem HO-km-Tempo gegen Vesoul hinunter, dem krachenden Durchtosen von Stationen, den kleinen Schönheitsfehlern wie diesmal der versagenden Waggonbeleuchtung, die durch Kerzen ersetzt werden musste, der .halbstundenlangen Einfahrt in die sich immer mehr verdichtende Riesenstadt, dem haarscharf abgezirkelten Rennen im Taxi, der ganzen neuen Atmosphäre fieberhaften und doch leichtbeschwingten französischen Lebens. Begibt man sich einen Tag vor Eröffnung in den Salon, so möchte man sich verirrt wähnen. Unmöglich, sich dieses Chaos in demonstrative Ordnung umgewandelt zu denken. Berge von Kisten, Papierballen, Brettern, Leitungsdrähten liegen noch anscheinend planlos herum. Die Treppen sind 1 mit Bohlen belegt und dienen als Rutschbahnen für Schwertränsporte'. Ganze Abteilungen der riesigen Halle stehen aber noch völlig leer und öde da. Nur vereinzelte, unter Tüchern schlafende Wagen — Ausländer zumeist — und dann die Markeninschriften in Weiss und Gold und der immense schwebend Baldachin, der, nebenbei bemerkt 25,000 Quadratmeter Leinwand, 20,000 Bolzen, 60 km Draht, 10,000 Spanner, 2 Tonnen Beschläge und 35 m 3 Armaturenholz verschlungen hat, lassen einige Assoziationen auf das werdende Bild zu. Zwei Stunden später staunt man aus andern Gründen. Jetzt hat an allen Ecken und Enden eine wahre Arbeitstollwut eingesetzt, die das Unmöglichste zum Kinderspiel werden lässt. Hunderte und Aberhunderte von Händen sind gleichzeitig am Werk, um das Wettrennen mit der Zeit erfolgreich zum Ende zu führen. Es dröhnt von Hammerschlägen, kracht von splitterndem Holz und schallt von Befehlen, als befände man sich F E U B L I , E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (12. Fortsetzung) «Danke für das Kompliment! Aber eines möchte ich zu gern von Ihnen hören: wie ist es Ihnen gelungen, so prompt den Stein auszuforschen? Ich habe nämlich, offen gestanden, überhaupt nicht geglaubt, dass das von Rom aus möglich wäre.» auf einer gigantischen Werft. Unaufhörlich werden Fahrzeuge in die Halle hineingeschleppt, hineingeschoben, hineingefahren. Draussen, vor den Eingängen, stauen sie sich in langen Schlangen, und Polizisten müssen ihren Zustrom regeln. Würde jemand überfahren, er hätte dafür um Entschuldigung zu bitten. Denn es eilt. Der diesjährige Salon wird im Gegensatz zu seinen Vorgängern allabendlich bis 11 Uhr offenstehen. Dementsprechend wurde die Beleuchtungsanlage besonders generös bedacht. 11,000 Lampen mit einem Stromverbrauch von 800 Kilowatt, sind dabei dem direkten Blick entzogen, so dass Linien und Reflexe der Karosserien voll zur Geltung kommen. Für den Notfall des Ausbleibens der elektrischen Energie steht im Keller des Palastes eine grosse permanente Gasmotoren-Generatoranlage auf Pikett. 20, 15, 8 Stunden stehen letzt noch zur Verfügung; selbstverständlich wird ia auch nachts gearbeitet. Dann ist die grosse Schlacht geschlagen, wie immer mit einem Sieg auf der ganzen Linie. Dann haben die Betreuer der Stände 10 Minuten vor der Eröffnung nur noch die schützenden Hüllen von den Herrlichkeiten wegzuziehen und die letzten Stäubchen mit dem Plumeau wegzuwischen, um den Märchenzauber vollkommen zu verwirklichen. m. Beinahe war die Schlacht gewonnen! Der Wettlauf der Aussteller gegen die Uhr, der noch die ganze Nacht auf den Donnerstag andauerte wurde von den meisten bis 9 Uhr morgens, dem Zeitpunkt der offiziellen Eröffnung beendet Einige freilich konnten es nicht hindern, dass an ihren Ständen noch in den späteren Morgen hinein weitergehämmert und gezimmert werden musste, doch waren schliesslich auch die Nachzügler bereit, als der Strom der Zuschauer richtig einzusetzen begann. Immerhin hatte man wenigstens am Vormittag alle Müsse sich die einzelnen Stände in Ruhe anzusehen, um sich mit einem ersten Rundgang durch den 27. Salon seines Zeichens einen Ueberblick über den heutigen Stand der internationalen und vor allem der französischen Automobilindustrie zu verschaffen. Denn wenn der Salon durch die Representation von sechs Nationen in der Hauptgruppe der Personenwagen seiner In- sönlichen. Mercedes rarere ist eine ausserordentlich geschickte Person. Es gibt unter unseren Agenten nur einen, der ihr über ist, und das ist — eine Agentin! Gleichfalls eine Frau. Aber Mercedes Farere hat einen grossen Fehler: sie ist, wie ich mir habe sagen lassen, eine ganz ausserordentliche Schönheit. Eine Schönheit, die immer und überall auffallen muss. Sie hat uns seit Kriegsausbruch grosse Dienste geleistet. Von Frankreich aus. Bis sie plötzlich verschwinden musste, weil man anfing, Verdacht gegen sie zu schöpfen. In Frankreich «Herr Oberst — ich muss Ihnen ein Ge-hängen sie schon auf den blossen Verdacht hin» Oder vielmehr: sie erschlossen. Mercedes Farere ging damals über Spanien nach Rom und stand auch von dort aus mit uns ständnis machen. Ich habe gelegentlich — mit einer Dame zusammengearbeitet.» «Ach? Sie erinnern sich: ich habe Sie vor Damen sehr gewarnt!» «Allerdings. Ich habe mich auch immer dessen erinnert. Aber in diesem Falle war es etwas anderes.» in Verbindung. Aber in der letzten Zeit nicht mehr, wenigstens nicht direkt. Es war wohl notwendig geworden, dass sie sich zurückzog. Aber kann eine Frau wie sie sich ternationalität alle Ehre macht so zeigt doch I den Vorjahren von mehr als einer Unternehmung aufgenommen wurden, sind stillschwei- die überwiegende Beteiligung von Seiten ein- j heimischer Firmen, dass es sich in der Hauptsache um eine nationale Schau handelt. Den 23 ausstellenden französischen Fabriken stehen 9 amerikanische Häuser, 7 deutsche, 4 italienische, 4 englische und 2 belgische Marken gegenüber. Bei den Lastwagen, die zum grössten Teil im geräumigen Souterrain untergebracht sind, ist das Stärkeverhältnis ebenso drastisch, indem neben 18 französischen Firmen nur noch 4 amerikanische, eine deutsche und eine schweizerische Fabrik ausstellen. Bei der deutschen Mark© handelt es sich um M.A.N., welche zum erstenmal ihre Visitenkarte in Paris abgibt, während 'die Schweiz durch Saurer vertreten ist, obwohl streng genommen ia die französische Fabrikunternehmung ihre Produkte zeigt. Die Eröffnung selbst war mit keinerlei Feierlichkeit verbunden. Der früher am ersten Tage erfolgte Rundgang durch den Präsidenten der Republik war im Programm nicht vorgesehen und ist auch aus dem Zeitplan für die nächsten Tage nicht ersichtlich. Offenbar ist die Zahl der Aussteller etwas zurückgegangen, denn die Lastwagen konnten zum Teil in der Haupthalle untergebracht werden. Zudem empfindet man wohltuend eine reichlicher bemessene Raumaufteilung, während in früheren Jahren die Markenstände wie Sardinen in einer Büchse aneinandergedrängt waren. Es fällt auch auf, das alle die kleineren französischen Firmen, die im Auslande überhaupt nicht bekannt waren und sich doch jedes Jahr am Salon mit erstaunlicher Zähigkeit behaupteten, vollständig vom Plan verschwunden sind. Offenbar hat hier die Krise einen Reinigungsprozess gebracht, der vom nationalen Standpunkt aus nur heilsam sein kann. Allerdings waren es oftmals gerade diese Unternehmen, welche den grossen Fabriken für gewisse Sonderkonstruktionen als Schrittmacher nicht unerhebliche Dienste leisteten. Im übrigen aber musste man ob dieser Zersplitterung der Kräfte oftmals geradezu den Kopf schütteln. Mit diesen «Kleinen» sind auch die Extravaganzen verschwunden, die zwar stets einen unbestreitbaren Publikumserfolg zu verzeichnen hatten, sich in der Praxis aber se'lten auswirken oder behaupten konnten. Auch alle Versuche, mit dem bescheidensten Einsatz an Mitteln einen sogenannten Volkswagen für wenige tausend französische Franken zu lancieren, die in ment besann er sich, drehte sich um und ging ein paarmal in dem Zimmer auf und ab. Dann wandte er sich wieder an Eberhard. «Das ist mir sehr fatal. Weniger im Interesse des Dienstes, als in Ihrem eigenen, per- Die Eröffnung. schwieg. «Denn was das bedeutet», fuhr der Oberst fort, «das fühle ich, wenn ich Sie nur ansehe. Natürlich lieben Sie die Dame —bitte! Ich will nicht indiskret sein, und ich will mich gewiss nicht in Ihre eigenen Angelegenheiten drängen, aber ich halte es für geradezu selbstverständlich, dass Ihre Beziehungen nicht nur rein dienstliche geblieben sind. Ist die Dame noch in Rom?» «Nein. Sie ist mit mir nach Bern gereist, denn sie war nach dem Selbstmord des Obersten Faruccio nicht weniger gefährdet als ich.» «Sehen Sie! Es ist ein Wunder ohnegleichen, dass die Italiener die Dame herausgelassen haben — wenn sie nicht noch so neu in der Kriegsführung wären, hätten sie Mercedes Farfere auf gar keinen Fall entwischen lassen. Und was glauben Sie, dass mit Ih- und von da gehen Sie über Schweden oder über Finnland nach Petersburg, wenn es nen geschehen wäre, wenn man Sie in Gesellschaft dieser Dame mit dem internatio- möglich ist, nach Moskau. Wir müssen wisnalen Namen gefunden hätte? Das ist es — darin liegt für Sie die grosse Gefahr. Ich glaube gerne, dass Sie mit der Dame zusammen Wunder wirken würden — wenn Sie «Handelt es sich um eine Dame, die — verbergen? So verbergen, dass der Ver-ebedacht sie nicht findet? Sehen Sie: die Dame, rade das halte ich einfach für unmöglich. beisammen bleiben könnten. Aber ge- mit uns in Verbindung stand oder steht?» «Ja.» die noch für uns arbeitet, und mit dem allergrössten Erfolg, hat das Glück, sehr un- tun, oder — Russland mag noch gehen! — Gesetzt den Fall, Sie haben in Russland zu «Wollen Sie mir den Namen sagen?» «Es ist Mercedes Farere, oder, wenn Ihnen der Name geläufiger ist: Ata Bari!» schwer, im Dunkel zu bleiben. Aber Merce- mir: an allen französischen und englischen bedeutend auszusehen. Sie hat es nicht in Frankreich oder England. Glauben Sie Der Oberst machte einen raschen Schritt des Farere — es tut mir sehr leid, dass Sie Grenzstellen ist man im Besitz ausgezeichneter Photographien von Mademoiselle Farere auf Eberhard zu. Er hatte schon die Lippen mit ihr zusammengetroffen sind.» geöffnet, etwas zu sagen — im letzten Mo- Eberhard war sehr blass geworden; er oder von Ata Bari: sie würde augenblicklich und wahrscheinlich in jeder Verkleidung verschwinden, und Sie — mit ihr! Sehen Sie das ein?» Eberhard sass mit gesenktem Kopf da und schwieg. gend in der Versenkung verschwunden. Der erste Tag scheint an Bedeutung und früherem Dekorum etwas eingebüsst zu haben. Noch im Vorjahre und hauptsächlich zwischen 1925 und 1930 war an der Eröffnung alles anwesend, was in der Industrie oder dem Sport irgendwie einen Namen hatte. Niemand hätte daran gedacht, die Premiere zu versäumen, und so hatte man damals die Möglichkeit, ein überaus illustres und internationales Publikum anzutreffen und zu beobachten. Von den Fabrikanten bemerkten wir nur M. Citroen, der streng inkognito (sofern dies für ihn überhaupt noch möglich ist) zuerst den Stand der eigenen Fabrik kritisch besichtigte, um sich dann auf einem Rundgang dies und jenes anzusehen, was einen Fabrikanten von seinem Format noch zu interessieren vermag. An international bekannten ausländischen Gästen war noch niemand zu sehen. Der Be^ such aus Deutschland scheint bedeutend geringer zu sein. Mit der Wiedereinführung der eigenen Automobilschau in Berlin haben die dortigen Fabriken eben ein eigenes und gewiss ebenso interessentes Podium erhalten, um wenigstens der einheimischen Käuferschaft ihr Fabrikationsprogramm zu zeigen. Die numerisch stattliche Vertretung deutscher Marken in Paris beweist aber, dass die dortige Industrie alle 'Anstrengungen macht um das auf internationalem Bodetl gewonnene Ansehen beizubehalten und zu festigen, weshalb einzelne Firmen mit ihren Neuheiten immer noch auf den Pariser Salon herauskommen. Was der Fachmann Neues am Salon findet, das wird von kompetenter Seite an anderer Stelle berichtet. Für den Laien und Salonbummler, der nicht unter geschlossene Hauben schauen kann oder sonst mit technischem flair Neuheiten findet oder errät, ist die 27. Ausstellung mehr eine Augenweide, eine Parade schöner Wagen, als ein besonderer Markstein in der Fortentwicklung der Wagen. Sensationen fehlen vollständig, eine ausgesprochene Tendenz in dieser oder jener Richtung des Motoren- oder Karosseriebaues ist nicht ohne weiteres ersichtlich und so wird dieser Salon für denjenigen, der nicht auf einen neuen Wagen wartet oder technische Details zu sezieren vermag, als ein schönes Erlebnis ohne besondere Anmerkung in die Geschichte eingehen. ß «So schwer es Ihnen fällt: Sie müssen vernünftig sein! Es sind grosse Aufgaben, di3 auf Sie warten! Lassen Sie die Frau allein ihren Weg gehen!» «Ich kann es nicht», sagte Hatzberg tonlos. Ihn fror. Die Zähne schlugen ihm aufeinander. Der Oberst schüttelte missmutig den Kopf. «Immer die gleiche Geschichte. Und grad die besten werden gepackt. Aber — ich sehe ein, dass diese Leidenschaft sich ablaufen muss. Madame sitzt also in Bern. Sie werden zunächst dorthin zurückkehren, sen, was dort nach der Niederlage in Galizien vorgeht. Sie erinnern sich, wie die Niederlagen gegen die Japaner auf das russische Volk gewirkt haben. Der Krieg gegen Deutschland ist vielleicht augenblicklich den Russen, den Massen meine ich, noch populärer als der gegen Japan, aber der Russe ist unberechenbar, und es ist gar nicht undenkbar, dass den Krieg zwischen Deutschland und Russland eine Revolution beendet. Kommen wird sie, nach soviel Misserfolgen. Darüber nun, wie die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz auf das russische Volk zurückwirken, darüber möchten wir gerne auf das genaueste unterrichtet sein. Dass uns auch alle militärischen Nachrichten wertvollst sind, brauche ich nicht erst zu betonen. Würde Sie diese Aufgabe Iocken?»