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E_1933_Zeitung_Nr.082

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10 AUTOMOBIL-REVUB

10 AUTOMOBIL-REVUB 1933 - No 82 im Zylinder trockenläuft. Wärmestauungen ergeben zu starke Ausdehnung; das erste Stadium ist erreicht: Kolbenklemmen: Lässt man den Motor sich abkühlen und fährt man vorsichtig weiter, um eine Warnung reicher, dann kann noch alles gut werden. Versucht man es aber mit Gewalt, dann kann der Kol- reisen 84,00 Kilometer: zweimal um denben sich so schön mit dem Zylinder verbinden, dass ein Ausschleifen des Zylinders und Aequator... Bei 3000 Umdrehungen in der Minute, die ungefähr 80 Stundenkilometern bei dem gewählten Beispiel entsprechen, legt der Kolben dieses Motors in jeder Minute 600 Meter zurück. Diese mittlere Schnelligkeit wird aber durchaus nicht gleichmässig durchgehalten. Vielmehr wird der Kolben bei Beginn jeden Hubes — also nach jeder halben Drehung der Welle — vom Stillstand auf eine höchste Schnelligkeit beschleunigt und dann brüsk wieder abgebremst, bis zum Stillstand, ein Vorgang, der sich bei 3000 Touren in der Minute in dem hundertsten Teil einer Sekunde abspielt. Stillstand, Beschleunigen, Stillstand, Beschleunigen... dreitausendmal in jeder Minute... Diese Laufbeanspruchung ist schon eine erhebliche Zumutung. Dazu kommen noch die Hammerschläge aus der Verbrennung, die ja erst den Kolben treiben und mit ihm die Kurbelwelle, den ganzen Wagen. Grosse Wärmemengen müssen vom Kolben noch aufgenommen und dann wieder an die wassergekühlte Zylinderwand abgegeben werden. — Bei 70 mm Bohrung und einem Kompressionsverhältnis von etwa 5 : 1 beträgt der Druck, der im Augenblick der Verbrennung auftritt, ungefähr 1200 Kilogramm für jeden Kolben, eine Grosse, die etwa zwei Drittel des Gewichts des Wagens ausmacht. Und auch diese Beanspruchung wiederholt sich: bei jeder zweiten Drehung der Kurbelwelle tritt sie auf, 35millionenmal im Jahr. Zwischen dem Kolben und der Zylinderwand liegt das Oelhäutchen, das das Trokkenlaufen von Metall auf Metall verhindert, das die letzten Unebenheiten wegnimmt, dje auch beim feinsten Schleifen zurückbleiben, bis Kolben und Zylinderlauf spiegelblank gehen. Hat man die Maschine gut erhalten, nicht, was inzwischen alles mit dem Wagen gegan- ist, und wir zweifeln daran, dass es Ihnen ge- sind. Bis dieser Zustand erreicht ist, ver-dangeht eine Weile. Es dauert ungefähr 250,000 weit ist: 50,000 bis 60,000 Kilometer, ein neuer Wagen. Der Steuern wegen und weil derlingen wird, den Wagen nachher wieder teurer zu kann es eine Zeitlang dauern, bis es so Sparsamkeit in Oel und Benzin besass wie eingen andere Wagen, für meine Praxis mir genügte, verkaufte ich denselben. Ich gab meinem Mechaniker Umdrehungen lang, bis der Kolben eingelaufen ist. Das hört sich sehr lang an, in Wirkliche Zeit verstrichen und der Wagen älter gewor- Beweis, dass jede gute Tat ihren Lohn findet. verkaufen, da schliesslich inzwischen wieder erheb- zum Verkauf im Frühjahr 1932 -Auftrag. Der Wagen wurde aber trotz Nichtgebrauch gepflegt. Nur liche Erledigung abgelehnt wird, bleibt unserer Auflichkeit sind das aber nur 1000 Kilometer, + den ist. Nachdem seitens des Käufers eine güt- die der Motor als berechtigte «Erziehungszeit» verlangt. Kolbenfressen tritt ein, wenn weder den Prozess einzuleiten oder die Angelegen- Tedi «I» '«»«fa FvTvI musste ich Ende des Sommers 1932 einsehen, dass fassung nach für Sie nichts anderes übrig, als ent- der Mechaniker den Wagen wohl fuhr, aber nicht verkaufte. Hierauf verkaufte ich denselben möglichst rasch für Fr. 650. —. Der Wagen wurde von der dünne Oelfilm zwischen Kolben und II. Antwort 8847. Kolbenklopfen? Zuschrift weitergeleitet. Red. heit auf sich beruhen zu lassen. Wir bedauern, Zylinderwand zerrissen wird und der Kolben Ihnen keine günstigere Auskunft geben zu können, mir in Gesellschaft des Käufers und einem Auto- benützen aber diesen Anlass, um immer und immer SES ein Satz neuer Kolben fällig sind. Ist der Kolben einmal eingelaufen, dann ist er märchenhaft genügsam. Er verlangt nur eines: ordentliches Oel. Es muss nicht unbedingt das teuerste und darf nicht das billigste Oel sein; die Sorte, die die Fabrik empfiehlt, verdient den Vorzug. Schlechtes Oel mit niedrigem Flammpunkt scheidet Oelkohle aus, die sich mit Staub zusammen zu einer sinterartigen Masse verbindet und dann im Motor schmirgelt, an der Zylinderwand und in den Lagern. Strassenstaub kann durch ein Luftfilter zurückgehalten werden, wenigstens in grösseren Mengen und in seinen gröberen Bestandteilen. Ein Oelreiniger ist auch praktisch, irgendwelche Unreinigkeiten kommen doch in das Schmiermittel, und wenn es gar zu arg wird, dann kann auch die Oelpumpe — sonst ein recht robustes Instrument — einmal Verdauungsbe^ schwerden bekommen. Es ist auch nicht ratsam, mit dem Oelwechsel so lange zu warten, bis unten im Kurbelgehäuse nur noch eine dünne schwarze Brühe ohne Schmierfähigkeit steht. Bei Wagen mit Oelreinigern soll man spätestens alle 5000 Kilometer das Oel ablassen, sonst aber schon nach 2500 Kilometern. 2000 Kilometer oder 1500 ist noch besser, es lohnt sich meistens. Nach und nach nützt sich der Kolben ab, er wird schlanker. Nicht sehr viel; etliche hundertstels Millimeter nur. Er meldet sich mit einem Ticken, leise erst und später stärker, und dann ist es Zeit, den Zylinderblock abzuheben, Zylinder und Kolben zu prüfen und die Zylinder ausschleifen zu lassen. Neue Kolben müssen eingepasst werden und dann mag der Wagen wieder auf die grosse Reise Frage 8851. Entfernen eines Anstriches. Ich möchte die Kotflügel meines Wagens, die ich bereits demontiert habe, mit einem neuen Anstrich versehen. Gibt es, um den alten Anstrich zu entfernen, kein weniger zeitraubendes Verfahren, als diesen abzukratzen? Könnte der alte Anstrich nicht beispielsweise chemisch aufgelöst werden? G.S.inA. v Antwort: Die Entfernung des alten "A-nitriU ches kann ohne weiteres durch ein Anstrich-Lösungsmittel geschehen. Speziell dafür geeignete Präparate sind in Färb- und Lackgeschäften erhältlich. at. Frage 8852. Antriebsübersetzungsverhältnis. Was versteht man unter dem Antriebsübersetzungsverhältnis eines Wagens? Im Prospekt meines Wagens ist zu lesen, dass dieses Verhältnis im direkten Gang 5 :1 beträgt. Hat die grössere Bereifung damit etwas zu tun? , A. E. in S. Antwort: Das Antriebsübersetzungsverhältnis ist durch das Verhältnis der Zähnezahlen des Kegelradantriebes in der Hinterachse bestimmt. Ein Antriebsübersetzungsverhältnis von 5:1 kommt beispielsweise dadurch zustande, dass der kleine, mit luris«. Anfrage 346. Verkauf eines Occasionswagens. Im Hgrbst 1932 verkaufte ich meinen 10 Jahre alten 10-PS-Wagen. Den Wagen habe ich als zweiten Praxiswagen ohne jeden Anstand gebraucht Als letzte Reparatur habe ich 1931 das Verdeck neu erstellen lassen, neue Kolben usw montieren lassen, so dass der Wagen Kraft, Schnelligkeit und Fif/nci:s A iii ii i # si:s BOXJO PLUS I>K a© O CONSTRUCTEURS des Wagens in den Kanton Luzern (85 km). Ich überbrachte denselben persönlich ohne jeden Anstand in 1% Stunden und musste denselben dort auf einem aufgeweichten und steigenden Feldweg in eine offene Remise stellen. Ich belehrte den Käufer über Behandlung der noch neuen Batterie, über den Kühler, die Pneus usw., da er im Sinne hatte, den Wagen erst 1933 zu gebrauchen. Im Juni 1933 verlangte ich den Rest der Zahlung. Des Käufers Antwort lautete: «Der Wagen ist nicht mehr wert als Fr. 400.—. Sein Mechaniker bestätigt diese Ansicht, da verschiedene Reparaturen, u. a. wegen Wellenbruch usw., vorgenommen werden mussten. Die Batterie tauge auch nichts mehr usw. Ich kann durch Zeugen beweisen, dass der Wagen noch sehr gut brauchbar war. Bei der Uebergabe des Wagens Hess ich vom Käufer ein Schreiben unterzeichnen, in dem steht, dass der Wagen vom Käufer und einem mitgebrachten Autokenner nach Untersuchung der Maschine und einer Probefahrt zu genannter Bar- und Ratenzahlung gekauft worden ist. Auf mein Schreiben hin beharrte der Käufer auf Nichtbezahlung der Restsumme. Es handelt sich also noch um die Summe von Fr. 250.—. Lohnt sich wohl ein Prozess, oder ist vielleicht ein anderer Weg einzuschlagen? Eine Rücknahme will der Käufer nur gestatten, wenn ich ihm zirka Fr. 400.— samt der Anzahlung dazu übergebe. Dr. J. P. in S: Antwort: Der von Ihnen geschilderte Fall steht nicht allein da. Leider macht man immer und immer wieder die Erfahrung, dass bei Occasionswagen, die nicht sofort bar bezahlt werden, nachträglich seitens der Käufer für die Kaufpreisrestanz Schwierigkeiten gemacht werden. Selbstverständlich ist eben ein Occasionswagen kein neuer Wagen. der Kardanwelle verbundene Antriebskolben neun Zähne und das die Hinterräder antreibende Tellerrad 45 Zähne aufweist. Bei einer Umdrehung der Die Käufer wissen dies bei Abschluss des Kaufver- aber wenn sich dann später die einem Oc- Hinterräder wird dann die Kardanwelle und mittrages, ihr der Motor fünf Umdrehungen machen. Die Grosse der Bereifung spielt dabei keine Rolle, at. casionswagen anhaftenden Mängel geltend machen, werden sie dann eben vielfach reuig und verweigern die Zahlung der Restsumme. Wir sind der Auffassung, dass Sie in Ihrem Falle zweifellos in einem Prozessverfahren obsiegen würden. Ein solches musste aber im Kanton Luzern durchgeführt werden. Nach unserer Auffassung würde der noch ausstehende Betrag von Fr. 250.— aber einen Prozess und den damit verbundenen Zeitaufwand, von den Kosten gar nicht zu reden, nicht lohnen. EB fragt sich höchstens, ob Sie ein Interesse haben, den Wagen gegen Rückzahlung der Ihnen gemachten Anzahlung zurückzunehmen. Sie wissen aber kenner gefahren und erledigte die Probe wie einwieder darauf aufmerksam zu machen, dass der neuer. Er wurde von den beiden Käufern sehr gelobt. Trotzdem erlaubte ich den beiden Herfortige Barzahlung bei Uebergabe des Wagens be- Verkäufer eines Occasionswagens unbedingt auf soren, den Wagen durch einen hiesigen Mechaniker stehen muss, wenn er sich vor Unannehmlichkeiten Untersuchen zu lassen. Sie fanden das nicht nötig und Schaden bewahren will. * und der Kauf wurde so abgeschlossen, dass nach zirka 14 Tagen Fr. 400.— bezahlt würden und der Rest im Frühjahr 1933. Bei der Zustellung der Fr. r i0Ö.~- wünschte der Käufer die Ueberbringnne IES »E QUA • EMPIiOIENT ABSA S.A., G£ME¥E # WEWERKA, ZÜRICH • BEBIfE • BALE Sir» edn LITE • Von Privat zu verkaufen oder zu tauschen eine Anzahl Zündkerzen, italienische Marke (ca. 240 Dutzend), metrisches Gewinde, für Autos, Motos od. Metzgerei. •"» Schiffe. Preis Fr. 6.— das Dutzend. Versand per Dutzend, als Muster gegen Nachnahme. Altbekanntes Haus der Geschäftsreisenden. Prima Zu verkaufen ~*C Küche. Neurenovierte Zimmer mit fliessendem Kaltund Warmwasser. Bad, Zentralheizung, Garage. kehrsreicher Ortschaft, an ev. zu vermieten in ver- Offerten unter Chiffre G 1680 an die Revue Automobile. Geneve. Mit bester Empfehlung rl. Koster-Gächter. Hauptstrasse gelegen, Gelegenheitskauf. Verkaufe 1. Lastwagenmotor BERNA G4, mit Motorbremse, neu überholt, 60 PS, für nur Fr. 700.—. Anfragen unter B. 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Bern, Dienstag, 3. Oktober 1933 III. Blatt der „Automobil-Revue" No.82 Charlie verirrt sich im Hotel Aus meinem kleinen Chaplin-Drehbuch. Hans Natonek. Wir veröffentlichen im Folgenden einen ersten Beitrag aus dem köstlichen « kleinen Chaplin- Drehbuch > von Hans Natonek, in dem dichterisch frei waltende Phantasie den grossen Komiker weiterhin auf seinem dornenvollen Lebenspfad wandeln lässt. Die Red. Das Auto hielt vor dem Portal eines grossen Hotels in Chicago. «Also, mein lieber Charlie, es hat uns wirklich sehr gefreut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen. Wie schade, dass unsere provisorische, leider zu enge Häuslichkeit es uns nicht gestattet, Sie unseren Gast zu nennen» — der Direktor des Varietes «Valencia» besass eine weitläufige Etagenwohnung —, «schlafen Sie wohl, Sie sind von mir persönli^n angemeldet, Sie werden hier gut aufgehoben sein, und auf Wiedersehen — gelegentlich — apropos, es ist alles geregelt.» Das Auto mit Mr. Plod rollte davon. Sentimentale Idee von meiner Frau, dachte er, diesen Menschen einzuladen, weil er — na ja, weil... Ihm war die Erinnerung an jene ferne Zeit fatal, als Charlie der kleinen hungernden Zirkusreiterein Butterbrote zugesteckt hatte und er selbst noch Seiltänzer war ... Der Mann ist unmöglich, er kompromittiert mich in meinem Hause — ^.n, der Manager des «Globe»-Hotels ist im dilde — Mahlzeiten nur auf dem Zimmer und morgens diskreter Hinauswurf mit einer Eisenbahnfahrkarte, gültig für tausend Kilometer. Der Nachtportier, ein Goliath, mass Charlie mit einem zerschmetternden Blick und streckte, den Landstreicher fortzuweisen, den mächtigen Arm waagerecht aus. Charlie sprang zu ihm auf wie zu einer Reckstange und exekutierte die Bauchwelle, dreimal nach vorn und zweimal nach hinten, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte der Portier den Arm eigens zu dem Zwecke hingehalten, damit der späte Ankömmling einige turnerische Uebungen ausführe. Mit diesen Klimmzügen schwang er sich über seine Angst hinweg. Dies getan, lüftete er höflich sein Hütchen und sagte dem verdutzten Kerl von Blödian, er sei Charlie und von Mr. Plod angemeldet. Als Charlie in der Drehtür die grosse, vornehme Halle vor sich sah, wurde es ihm unbehaglich; er rotierte rasch im Kreise, um sich so wieder ins Freie zu befördern, aber der Portier, der im nächsten Segment der Tür lief, vereitelte den Versuch, indem er mit aller Kraft die Drehtür noch schneller wirbelte, so dass Charlie, worin er einige Uebung hatte, wie auf einem rasenden Karussell rundum sauste, ohne den Ausgang nach der Strasse gewinnen zu können. Der Portier hatte den Auftrag, den von Mr. Plod empfohlenen Gast, was immer er auch anstelle, in besondere Obhut zu nehmen und war entschlossen, mit Strenge danach zu handeln. Als Charlies Türabteil bei der 31. Umdrehung just im rechten Winkel zur Halle stand, gab der Pförtner mit seinem mächtigen Rücken Gegendruck, und die Kraft der plötzlich geänderten Fahrtrichtung schleuderte Charlie in exaktem Bogen in die Halle und in einen Klubfauteuil, woselbst er sofort die Beine gentlemanlike übereinanderschlug. Ein drohender Wink mit dem Federhalter rief Charlie an die Schranke des Empfangsschalters: Meldezettel ausfüllen! Charlie wehrte mit überlegener Miene das hingehaltene Schreibinstrument ab: «Ich schreibe nur mit meiner eigenen Goldfüllfeder.» Sämtliche Taschen absuchend, förderte er eine reiche Sammlung kleiner, nützlicher Gegenstände, zumal solche der Morgentoilette, zutage, unter anderem ein praktisches Taschenessbesteck, bestehend aus Gabel-Löffel-Messer, eine sinnreiche Kombination in einem Stück. Der Portier betrachtete die wacnsende Sammlung mit tierischem Ernst, indes Charlie sie gelassen liebkoste. Schliesslich kam auch ein wettergebräunter Füllfederhalter zum Vorschein. Charlie krempelte den Aermel hoch und machte sich ans Schreiben. Die Feder gab keinen Strich von sich. Er schüttelte sie wie eine Uhr, die nicht geht, wetzte sie abwechselnd an seinem Hosenboden und im dichten Haar des Pförtners, hielt die Spitze gegen das Licht, entfernte ein Härchen, das nicht da war, schraubte an der Kapsel und bekleckerte die weisse Weste belte es auf der Spitze seines Stöckchens. Der Junge amüsierte sich dabei so gut, dass er bis unters Dach fuhr. Auf der Fahrt nach unten erwachte wieder sein Berufsernst. «Welche Nummer, der Herr?» — «791», sagte Charlie, der auch schon müde war. So wurde er in der siebenten, statt in der zehnten Etage abgesetzt. «Gute Nacht!» Es begann die Wanderung durch die nächtlichen Korridore. 520, 521, 522.... Charlie schaute auf die Nummer seines Schlüssels: 971 — das hat noch gute Weile ... 630, 631, 632 ... weich und schön war der dicke rote Teppich, es marschierte sich hier besser als auf der Landstrasse draussen. Aber ein bisschen weit war es bis zu seinem Zimmer 971. Da und dort rote und blaue Signallämpchen in den endlosen, stillen Gängen, die wie Stollen waren in einem komfortablen Bergwerk, tief unter der Erde und verzaubert. Vom Hauptstollen zweigten Seitengänge ab und mündeten wieder in den grossen Korridor. 520, 521, 522... Mein Gott, da war ich doch schon mal, grübelte Charlie und blieb hilflos stehen. Verloren betrachtete er die Schuhe vor den Türen. Alles schläft. Der Atem des Schlafes geisterte durch den Korridor. Hörbar rieselte die Stille durch den gewaltigen Schacht der Etagen. Unheimlich war's in der Lautlosigkeit und so einsam in dem «Globe»-Hotel wie in der Welt und überall. Mit einem Ruck am Kreuzbein, nachhelfend mit der Hand, nahm Charlie seinen Marsch wieder auf. Er lief und lief, bis der Korridor mit tausend Türen selbst in Bewegung geriet und rascher und immer rascher ihn umkreiste, der im Zentrum des Unbegreiflichen stillstand. Da wurde ihm ein bisschen schwindlig, er zuckte ein wenig verstimmt die Achseln —. Aber wozu brauche ich denn ein Zimmer mit einer so hohen Nummer, die gar nicht vorhanden ist? Der schöne bunte Teppich hier tut's auch. * Undrer rollte sich ein, nicht ohne vorher des Portiers von oben bis unten mit Tinte:—seine "Schuhe korrekt an eine Tür gestellt Unverrichteter Dinge liess er den Füllfederhalter in den Papierkorb fallen. Die Aus- zertretenen Schuhe, sich anfreundend mit zu haben, vor der keine standen. Und diese füllung des Meldezettels, die der Welt hätte all der Fremdheit, müde wie ihr Herr, verkünden können, dass Charlie ein Dach guckten sich neugierig in der seltsamen über seinem Kopfe gehabt, blieb unvollendet, wie Schuberts H-Moll-Sinfonie. einem Paar Pariser Damenschühchen, und Umgebung um; sie standen gleich neben «Nummer 971», knurrte der Portier wütend, mit dem Blicke eines Stiers, der ge- Wohlig in den Teppich gewickelt — es das war ihnen noch nie passiert. zwungen ist, aus einer mit rotem Tuch ausgeschlagenen Krippe zu fressen, und hän- in die rechte Lage geräkelt hatte —, mitten dauerte eine Weile, bis der Hotelgast sich digte Charlie den Zimmerschlüssel aus. Ein im Korridor des grossen «GIobe»-Hotels, verschlafener Liftboy beförderte den schlief Charlie ganz wundervoll, den schweren Schlüssel mit der Nummer 971 fest in Fremdling hoch. «Gepäck, der Herr?» Charlie grinste auf den Kleinen hinab, der Hand. nahm ihm sein rotes Käppi fort und wir- * . * „Ich" Kilian Kerst. Diesen Herbst sieht sie im dritten Jahr, munterer von Tag zu Tag, voll holder Ekstasen der aus der Dornröschenhecke ihrer frühesten Zeit sprossenden Triebe zum bewussten Erfassen und Ertasten aller Dinge und Geschehnisse um sie her. Das rote Kleidchen aus geripptem Samt deckt die sich streckenden Beine nicht mehr zu, die braunen Nusskerne der Augen wechseln von der zartesten Melancholie ins frühestkindliche rückfälliger Versonnenheiten hinüber zur immer wacheren Seligkeit der Verzückungen über einen ergriffenen Besitz oder eine kleine Entdeckung. All ihre Sinne stehen in Blüte, heiss von dem Draussen und Aussen, dem sie sich öffnen mit einer Unendlichkeit der Begierde und Gier, die in die Träume hinüberreicht, in denen, zwischen dem bunten Flor der Freuden versteckt, auch der dunkle Anteil der Tage den Schlaf aufschreckt, in den sie jeweilen in unberülirter Sanftmut versunken scheint. Sie fängt an, ihren eigenen Kopf zu haben und, wie vor Monaten gegen das Bett, sich gegen das Zimmer zu wehren und seine Haft; denn die Strasse, die Strasse ist für sie die erste Entlassung in die Freiheit hinaus. Dort stehen ihr neue Verwandlungen bevor, dort beginnt ihr Leben Geschichte zu werden. Das durcheinander gewürfelte Kleinvolk der Gassenjungen, der Puppenmütter und das Treiben der Ballspielerinnen, Gezänk und. Streit und allerlei Sympathien ist die Welt, in die ihr Schicksal seine ersten Würzelchen senkt. Und sie beginnt Säfte zu saugen, die erregen, verwirren, die die Nerven mit tausend Neugierden laden und Säfte und Kräfte, die dunkel das Herz umfHessen, hassweckend, tränenerzwingend. Alle nährend und zehrend, bestärkend, vergiftend und zu Hochpunkten der Empfindung gesteigert, wo sie am süssesten oder bittersten schmecken. Bis die kleine Seele, aus widersprechenden und unumgänglichen Quellen gefüllt, durchzogen ist von den wirren Strömungen des Geschicks. So viel trägt der lange Tag ihr zu, dass die Nächte selbst davon sich erhellen oder beschatten; Träume kommen mit Angst und Lust. Vom Traum erwacht sie zum Tag und vom Tag zum Traum, weil alles in ihr jetzt nur ein einziges Wachsein ist. Und da bricht, seit Wochen genährt, unablässig gesteigert von ihrer sich reckenden, streckenden Seele, eine grosse, neue, ganz schicksalwerdende Knospe auf: Sie sagt « Ich ». Sie sagt «Ich » und löst sich vom Baum, der sie trug, in den sie verwachsen war wie ein Blatt und fällt, eine eigene Frucht, in den Acker des Lebens. Der geheime Kampf Von Philipp Klein. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Eberhard und Mercedes genossen die Ruhe des Tages nach den Aufregungen der letzten Zeit wie ein Geschenk des Himmels, auf das sie kaum noch zu hoffen gewagt hatten. An dem ausserordentlich starken Gefühl der Befreiung, das sie beide empfanden, musste Eberhard feststellen, wie sehr sie vor Unsicherheit zermürbt waren. Für seinen Teil eine Schande, — dachte er, denn als Soldat, der er doch im Grunde war, durfte er Furcht nicht einmal dem Namen nach kennen. Aber er sagte sich, dass seine Besorgnisse in der Hauptsache doch Mercedes galten, und so fand er es nicht allzu schwer, sich selbst zu entschuldigen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit suchte Hatzberg Herrn Blümlein auf, der einigermassen überrascht schien, ihn zu sehen. Mit wenigen Worten erklärte Eberhard dem Schweizer die Situation. Die letzte Drucksache war übrigens pünktlich eingetroffen; Herr Blümlein hatte sie weiter gegeben, ohne natürlich von ihrem Inhalt Kenntnis zu nehmen. Als Eberhard andeutete, dass ein engerer Landsmann Blümleins unter Umständen bös unter die Räder kommen könnte, wurde der Bankier plötzlich sehr interessiert und sehr hellhörig, und er war es, der zuerst den Namen des Journalisten Stein aussprach. Eberhard bestätigte den Verdacht, und Herr Blümlein rieb sich vergnügt die Hände. «Ich werde den Tag begrüssen,» sagte er, «an dem diesem Menschen endlich das Handwerk gelegt wird. Und seinen deutschen Korrespondenten dazu. Ich glaube auch, dass er mich bespitzeln lässt. Wenn man die Behörde veranlassen könnte, dass sie seine Post überwacht...» «Ich glaube, wir müssen sehr vorsichtig vorgehen. Meinen Auftraggebern liegt natürlich auch daran, dass das Spionagenest Stein ausgehoben wird, aber noch wesentlicher dürfte ihnen sein, die Burschen zu fassen, die Herrn Stein von Deutschland aus bedienen!» «Was gedenken Sie also zu tun, Herr — Farnaglia?» «Es wird wohl notwendig sein, dass ich mir aus Deutschland neue Weisungen hole. Und wahrscheinlich ist es am besten, ich fahre in den nächsten Tagen selbst.» «Das meine ich auch. Aber mit Ihrem jetzigen Pass werden Sie nicht hinauskommen. Wie wäre es, wenn Sie als deutscher Gesandtschaitskurier reisten?» «Das wäre natürlich für mich am allerbequemsten.» «Das kann ich Ihnen besorgen. Ich habe die generelle Weisung, Ihnen jederzeit die Mittel zur Verfügung zu stellen, die Sie ansprechen. Man scheint sehr viel von Ihrer Tätigkeit zu halten. Uebrigens, wollen Sie nachprüfen, was Signore Falieri für Sie in Rechnung gestellt hat!» Es zeigte sich, dass der edle Spaniole sich um dreitausend Lire zu seinen Gunsten verrechnet hatte. «Sie werden den Betrag abziehen!» sagte Eberhard. Herr Blümlein lachte. «Das werde ich nicht tun, Signore — Farnaglia! Wir dürfen nicht kleinlich sein. Signore Falieri hat seine Eigenheiten — das haftet ihm von Saloniki her noch an. Aber der Posten in Rom ist eigentlich doch so wichtig, dass wir schon ein Auge zudrücken müssen. Sie dürfen nicht vergessen, dass Signore Falieri den Strang riskiert. Und wir wollen ihn uns für alle Fälle geneigt erhalten.» Zwei Tage später fuhr Eberhard als Kurier der deutschen Gesandtschaft in Bern, als Alexander Wüllner aus Hannover, über die deutsche Grenze. Er war allein. Mercedes war in Bern zurückgeblieben, denn es war selbstverständlich, dass Eberhard zurückkehren würde. Er hatte sie schweren Herzens allein gelassen; er tröstete sich aber mit ihrem Versprechen, dass sie absolut zurückgezogen leben würde, bis er zurückkam. Aber er fühlte eine Leere in seinem Herzen, und es kam ihm klar zum Bewusstsein, was ihm diese Frau war, und dass er sich ein Leben ohne sie nicht zu denken vermochte. Wieder einen Tag später stand er vor dem Oberst; diesmal nicht in Berlin, sondern am Standort der Obersten Heeresleitung. Der Oberst begrüsste ihn mit einem herzlichen Händedruck. «Ist Ihnen der Boden in Rom zu heiss geworden, Graf?» Hatzberg schilderte die letzten Ereignisse. «Unter diesen Umständen kann ich Ihren Entschluss nur billigen», sagte der Oberst. «Um so mehr, als augenblicklich für Ihr Talent Rom nicht der richtige Boden ist. Sie haben sehr gut gearbeitet und mit überraschend grossem Erfolg. Wir waren durch Sie ausserordentlich genau und in jedem Einzelfalle, wie sich herausgestellt hat, richtig orientiert.» «Ich habe viel Glück gehabt, Herr Oberst! Mein eigenes Verdienst ist vielleicht nicht so grass.» «Glück haben, das ist vielleicht das grösste