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E_1933_Zeitung_Nr.089

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BERN, Freitag, 27. Oktober 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 89 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ertehtint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste 4 * H«ß>Jlhrlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10—. Im Austand unter Portoznsehlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliebe Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue. Bern Verkehrte Welt Wie unsere Lastwazenindustrie « geschützt» werden soll. F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (18. Fortsetzung) «Ich glaube Sie zu verstehen!» Buturlin hatte die Hand wieder aus der Tasche genommen. «Aber ich versichere Sie — wenn Sie mich täuschen sollten — es wissen fünf Menschen in dem Saal da draussen darum, dass ich von Ihnen die Entdeckung zu befürchten habe. Fünf zu allem entschlossene Menschen!» «Sie haben von mir keine Entdeckung zu fürchten, wenn Sie — der sind, als der Sie sich bei unserem ersten Zusammentreffen gegeben haben.» «Um so besser — auch für Sie!» «Wir können hier selbstverständlich nicht sprechen — wäre es Ihnen möglich, zu mir ins Hotel Moskwa am Wladimirplatz zu kommen?» «Um dort verhaftet zu werden?!» «Seien Sie nicht kindisch. Sie können vorher ja Ihre Sicherungsmassnahmen treffen.» «Ich werde kommen. Aber nicht vor elf Uhr nachts. Denn bis zehn Uhr wird hier gearbeitet. Es müsste heute sein — denn morgen und übermorgen geht es nicht — da habe ich anderwärtig zu tun.» «Gut. Ich erwarte Sie heute abend nach elf Uhr. Hotel Moskwa. Zweiter Stock. Dass ich Andre Pigeot heisse, wissen Sie.» Die nerbstsession der eidgenössischen Räte, in deren Brennpunkt das Finanzprogramm stand, hat ihren Abschluss 'gefunden. Dem grossen Werk zur Rettung der Bundesfinanzen und zur Erhaltung unseres Landeskredites ist von beiden Kammern nach über drei Wochen dauernder Beratung zugestimmt worden. In der Erschliessung neuer Finanzquellen für den aus dem Gleichgewicht geratenen Bundeshaushalt lag die Kernfrage der Verhandlungen. Und bei einer derartigen Struktur des Gegenstandes, um •den die Beratungen kreisten. Hess sich mit einiger Gewissheit die Prognose stellen, dass auch die Erhöhung des Benzinzolles wieder als Mittel zum Zweck der Finanzsanierung angepriesen würde. Was denn auch geschah. Wir sind weit davon entfernt, uns in der Hoffnung zu wiegen, dass unter das Kapitel Benzinzoll der Schlussstrich gezogen worden sei. Und der Verlauf der Diskussion über das Finanzprogramm in Kommissionen und Räten hat unserer Auffassung recht gegeben. In der ständerätlichen Kommission fing es an. Von westschweizerischer Seite wurde dort — vielleicht um für die in jenen Kreisen unbeliebte Getränkesteuer ein Aeauivalent zu schaffen — einer Erhöhung des Benzinzolls das Wort geredet. Gewiss : der Meldung, wonach in besagter Kommission Anträge in diesem Sinn gestellt worden seien, folgte eine Richtigstellung auf dem Fuss. Nur stellte sie lediglich fest, dass Anträge, diese Neueinnahmen im Finanzprogramm vorzusehen, der Kommission nicht eingereicht worden seien. Für uns unterliegt es allerdings keinem Zweifel, dass die Benzinzollerhöhung, wenn auch nicht in Gestalt eines Antrags, •He Kommission beschäftigt hat. Und das genügt uns. Zweiter Akt : Bei der Eintretensdebatte im Nationalrat kommt der Kommissionspräsident, Nationalrat Schüpbach. in seinem Votum für Eintreten zur Schlussfolgerung, das iFinanzprogramm reiche zur Herstellung des Budgetgleichgewichtes nicht aus. Ein Benzinzoll müsse in Erwägung gezogen werden. Er existiert zwar schon, und ausnehmend fühlbar, seit Jahren, aber die Worte Herrn Schüpbachs sind jedenfalls dahin zu interpretieren, dass er eine Erhöhung des heutigen Benzinzolls im Auge hat. Leistete in der ganzen Eintretensdebatte sonst keiner der Redner dieser Anregung Sukkurs. so nahm Herr Bundesrat Musy in seinem grossen Plaidoyer für das Finanzprogramm im Ständerat den Gedanken wieder auf. Zwar nicht in der gleichen, keine andere Deutung zulassenden Form wie Herr Schüpbach. Das ominöse. Wort « Benzinzoll » umgehend, beleuchtete er die Frage von der Plattform der Bahnen aus, welche von der Autömobilkonkurrenz bedrängt werden... Item, unser Herr Finanzminister scheint den Plan eines abermaligen Anziehens der Benzinzollschraube einstweilen noch nicht in die tiefste Tiefe seiner Schublade versenkt zu haben, um ihn nie wieder auszugraben. Muss es denn nicht Auffallen erregen, wenn gerade in letzter Zeit die Bahnen es sich eifrig angelegen sein lassen, ihre Aufmerksamkeit in besonderem Masse auch dem Personenautomobil zu widmen und ihm bei jeder Gelegenheit den Vorhalt zu machen, dass ihm die Schuld zufalle, wenn einmal ein Rückgang in der Zahl der von den Bahnen beförderten Personen eintritt. In allerlei Variationen kann die Oeffentlichkeit diese Melodie in letzter Zeit immer wieder hören. Wie anders sollen wir diese Scharmützel von Seiten der Bahn deuten als dass sie eine weitere Erschwerung des Verkehrs des Personenautos anstreben? Indessen glauben wir, dass sie sich mit einer solchen Massnahme etwas verrechnen. Legt man der freien Entwicklung des Automobilverkehrs neue Hemmschuhe an, so beraubt man ihn seiner Wirtschaftlichkeit. Unter dem Druck einer weiteren Belastung wird der Automobilverkehr in eine rückläufige Bewegung einschwenken. Ob zum Vorteil unseres Landes, insbesondere aber der Bahnen, bleibe dahingestellt. Richten wir unsern Blick nach Deutschland, dessen Benzinzolleinnahmen trotz erhöhter Zollansätze stationär blieben, weil die Einfuhr um 35 % sank, währenddem gleichzeitig dem Staat 50 Millionen Mark an Verkehrssteuern entgingen und die Arbeitslosigkeit in der Automobilindustrie bedenklich anschwoll. Als dann die neue Regierung zu dem radikalen Mittel griff, die Verkehrssteuer für fabrikneue Wagen gänzlich aufzuheben, da vermochte sich das Automobilwesen und die Industrie von den Folgen der Rosskur zu erholen, die ihnen eine verfehlte Finanzpolitik verordnet hatte. Zu Ende Juli dieses Jahres stand die Zahl der neu zum Verkehr zugelassenen Personenwagen in Deutschland um mehr als 100 % über derjenigen des selben Zeitpunktes 1932, und bei den Lastwagen bezifferte sich das entsprechende Plus auf über 50 %. Sollten diese Dinge nicht auch bei uns etwas zu denken geben ? Die fiskalische Heranziehung des Motorfahrzeuges hat doch offenbar auch ihre Grenzen und ein Zuviel in dieser Richtung schlägt, wie es Deutschland bewies, ins Gegenteil dessen um. was gewollt war. Mit Beschluss vom 15. September 1933 hat der Bundesrat die Einfuhr von Automobilen, Chassis usw. kontingentiert. Handelspolitische Erwägungen und das Bedürfnis nach vermehrtem Schutz der schweizerischen Lastwagenindustrie waren die Gründe dafür. Wörtlich sagt der Bundesrat in seinem 7. Bericht über die Einfuhrbeschränkungen : « Gleichzeitig wird uns die Kontingentierung die Möglichkeit geben, unserer sehr notleidenden Lastwagenfabrikation einen etwas besseren Schutz des Inlandsmarktes zu sichern... Mehr und mehr wurde daher unsere Lastwagenindustrie auf den inländischen Markt zurückgedrängt, dessen Aufnahmefähigkeit aber wegen der Wirtsehaftskriae, den gesetzlichen Einschränkungen des Lastwagenverkehrs usw. immer kleiner wird. Dabei hatten sich die Besohäftigungsmöglichkeiten im Inlande in den letzten Jähren bereits wesentlich verschlechtert .. Die Belegschaft von drei Werken müsste in den letzten Jahren um nahezu 700 Personen abgebaut werden Dabei ist aber zu bemerken, dass die grosse Mehrzahl der in den Automobilabteilungen beschäftigten Arbeiter nur noch 26—32 Stunden in der Woche beschäftigt werden konnten. » Mit dieser Motivierung hat es seine Richtigkeit. Aber uns will scheinen, dass das Ziel, welches der Bundesrat sich mit der Kontingentierung der Automobileinfuhr gesetzt, nur dann erreicht werden kann, wenn und solange eine nochmalige Erhöhung der Benzinzölle unterbleibt. Heute wird diese Schutzvorkehr nicht ohne günstigen Einfluss auf die Lage unserer Lastwagenindustrie bleiben. Würde jedoch das Benzin neuerdings verteuert, dann wäre der Effekt dieses Schutzes nicht nur in Frage gesteMt, sondern er würde wahrscheinlich ganz aufgehoben. Und warum? Weil der Benzinzoll in seiner gegenwärtigen Höhe — er beträgt 17 Rappen bei einem Verkaufspreis von 34 bis 36 Rp. per Liter — schon auf die oberste Spitze getrieben ist und die Grenze dessen «Dass Sie sich so nennen, weiss ich. Hoffentlich heissen Sie anders.» «Gehen Sie jetzt — es möchte auffallen, wenn Sie zu lange in diesem Zimmer blieben.» «Allerdings. Man könnte vielleicht anfangen, mir zu misstrauen!» Er verbeugte sich vor Eberhard und ging. «Auf Wiedersehen!» «Auf Wiedersehen!» Am Abend, kurz nach elf, Hess sich ein Mann im mittleren Alter, der den Eindruck eines Bureauschreibers machte, den linken Fuss stark nachschleppte und sich hielt, als befände er sich im letzten Stadium der Schwindsucht, bei Andre Pigeot melden. Der Kellner wunderte sich, dass Herr Pigeot den Mann zu später Stunde empfing, aber — es ging ihn nichts an. Herr Pigeot gab gute Trinkgelder und war immer nett und freundlich. Als Buturlin dann Eberhard gegenübersass, trat auch Mercedes ins Zimmer. «Nun ist es beinahe ganz so, wie in dem italienischen Eisenbahnzuge,» sagte Eberhard, «nur scheinen Sie jetzt nicht mehr zu schlafen, Herr Buturlin.» «Nein. Es schien mir an der Zeit, aufzuwachen. Ich hatte übrigens schon damals, als wir uns zum erstenmal sahen, die Absicht, nach Russland zurückzukehren.» «War das nicht gefährlich für Sie?» «Einigermassen ja. Wenn ich mit meinem wirklichen Namen gekommen wäre, hätte man mich wahrscheinlich innerhalb 24 Stunden erschossen. Aber — im Kriege ist die Möglichkeit, seine Personalien zu wechseln, so gross geworden, dass man davon unbedenklich Gebrauch machen kann. Ich sehe das ja auch an Ihnen.» «Wieso?» «Sie sind weder ein Italiener, noch ein Franzose. Sie sind ein Deutscher. Mit sehr guten französischen Papieren, versteht sich, denn sonst wären Sie wohl kaum, noch dazu mit besonderer Order Seiner Exzellenz, in die Werke gekommen!» «Und wenn ich wirklich ein Deutscher wäre?» «Mich würde das nicht berühren. Sie glauben doch nicht, dass unsereiner die lächerlichen nationalen Vorurteile besitzt, mit denen man die Massen gegeneinander hetzt? Nein! Sie mögen zehnmal ein Deutscher sein. Für mich ist die Frage nur die: werden Sie mich angeben oder nicht?» «Ich denke nicht daran. Ich habe gar kein Interesse daran — im Gegenteil! Mein Interesse ist, dass Ihre Tätigkeit — ich meine jetzt natürlich nicht als Aufseher in den Putilowwerken — recht grossen und recht baldigen Erfolg hat!» «Sie meinen natürlich, wenn in Russland die Revolution ausbricht, dann ist Deutschland gerettet. Das liegt nicht ganz in meiner Linie. Ich arbeite im Sinne nicht nur der russischen, sondern der Weltrevolution. Ich kann einen Sieg Deutschlands nicht wünschen, das in. diesem Falle ein neues Bollwerk des Kapitalismus und des Feudalismus INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seltentarit. Insoratensehliiss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern darstellt, was dem Automobil zugemutet werden kann. Sollte zum heutigen Zollansatz noch etwas zugegeben werden, dann wird, man auch die Konsequenz in Kauf nehmen müssen, dass entweder die Kosten der Lebenshaltung, entgegen den Bemühungen des Bundesrates, wieder in die Höhe gehen, weil der Benzinzoll auf die Konsumenten abgewälzt würde — oder aber, dass unserer Lastwagenindustrie nicht nur keine neuen Aufträge erteilt, sondern dass auch zahlreiche Motorfahrzeuge aus dem Verkehr zurückgenommen werden, weil eine Verteuerung des Benzins deren rationelle Ausnützung aus- schliesst- Wie empfindlich das Motorfahrzeug unter seinen heutigen Existenzbedingungen gegen jede Mehrbelastung reagiert, beweist der Umstand dass, als Folge der im eidgenössischen Automobilgesetz vorgesehenen Erhöhung der Versicherungsprämien, in den verschiedenen Kantonen Tausende von Fahrzeugen abgemeldet wurden. Und! dabei ist diese Mehrleistung gering im Vergleich zu dem, was eine weitere Benzinzollerhöhung bringen würde. Nicht nur würden die Kantone dabei eine beträchtliche Einnahme aus den Verkehrssteuern erleiden, was sich wiederum nachteilig auf den Strassenbau auswirkt, sondern die Zollerträgnisse des Bundes würden kaum ansteigen. Rückgang der im Betrieb stehenden Fahrzeuge wäre die unausweichliche Konsequenz einer Benzinzollerhöhung. Wer aber dadurch getroffen würde, das wäre auch unsere Lastwagenindustrie. « Auf den inländischen Markt zurückgedrängt, dessen Aufnahmefähigkeit wegen der Wirtschaftskrise usw. immer kleiner wird », sähe sie auch ihre Absatzquellen im Inland versiegen. Wie es dann aber um die Beschäftigungsmöglichkeiten in dieser Industrie bestellt wäre, steht auf einem andern Blatt. Wäre es nicht ein Widerspruch in sich selbst, wenn der gleiche Bund, der heute durch Kontingentierungsmassnahmen unsere Lastwagenfabriken schützt, sie durch eine Erhöhung des Benzinzolls der Krise wieder ans Messer liefern würde ? Genau so, wie es auch unverständlich wäre, wenn von Bundes wegen die Hotellerie auf der einen Seite unterstützt, auf der andern aber durch Verteuerung des Benzinpreises der Automobilverkehr, heute einer der wichtigsten Faktoren für unser Gastgewerbe. a:edrosselt würde. HZ bedeuten würde. Aber ich rechne, Deutschland wird auch nicht siegen, wenn Russland aus der Zahl seiner Feinde ausscheidet. Darum können Ihre Interessen die meinen sein.» «Und Sie glauben, dass die Revolution in Russland möglich ist?» «Ich bin vor vier Wochen über die rumänische Grenze gekommen. Ich habe gesehen, wie es in der Ukraine aussieht und in Südrussland. Ich kenne die Stimmung in Moskau und ich kenne die Stimmung auch hier. Ich weiss, dass von meinen Genossen in diesen Monaten Unglaubliches geleistet wurde, und — die Regierung tut ja das ihre, um die Massen endlich zur Verzweiflung zu treiben. Sie sehen das ja täglich selbst, nicht wahr! Aber Sie sehen das Gesicht der Masse falsch. Sie sehen nur den stumpfen, über alle Massen müden Blick des Arbeiters, der alle Befehle, alle Flüche, alle Beleidigungen und seelischen Misshandlungen über sich ergehen lässt, als müsste es so sein. Das ist das Gesicht, das Sie sehen, und das die Regierung sieht. Weil Sie nicht wissen, dass diese stumpfen, müden Menschen, wenn sie die Pforten der Hölle hinter sich haben, in die geheimen Versammlungen schleichen, zu Hause beim flackernden Kerzenlicht die revolutionären Schriften lesen, die in Millionenauflagen in Russland gedruckt werden und in die Taschen der Arbeiterschaft wandern.» «Ist das wirklich so?» «Wenn es Sie interessiert, ein klareres Bild von dem wirklichen Russland zu erhal-