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E_1933_Zeitung_Nr.092

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BERN, Dienstag, 7.November 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 92 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe LUte" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtllcb bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Tdegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. (nseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Der Fussgänger im heutigen Strassenverkehr Schon am 21. Juli 1925 hat die 10. Kammer des korrektionellen Gerichtes in Paris entschieden, dass der Fussgänger verpflichtet sei, seiner persönlichen Sicherheit im Strassenverkehr selbst die grösste Aufmerksamkeit zu schenken und dass es unzulässig sei, die öffentliche Strasse nach freiem Belieben zu überschreiten, indem dadurch die freie Fahrt der Fahrzeuge gehindert oder gar aufgehalten werde. Die 12. Kammer entschied zwei Jahre später, dass ein Fussgänger fahrlässig handle, wenn er eine öffentliche Strasse in dem Zeitpunkt überschreite, in dem der Verkehr für die Fahrzeuge frei gegeben sei. Im Falle eines Unfalls habe er die Verantwortung in vollem Umfange selbst zu tragen. Dieser Tage nun entschied das höchste Pariser Gericht als letzte Instanz in einem Prozess, den die Hinterbliebenen eines bei einer Kollision mit einem Automobil tötlich verunglückten Geschäftsmannes gegen den betreffenden Fahrzeuglenker angestrengt hatten, dass dieser von Schuld und Strafe freizusprechen sei, da er korrekt die rechte Fahrbahn innehielt und ein massiges Tempo beobachtete, während der Fussgänger ausserhalb der markierten Fussgängerstreifen die stark belebte Strasse zu überqueren versuchte und damit allein für den Unfall haftbar sei. Diese jahrelange, ausschliesslich auf vernünftiger und sachgemässer Beurteilung des modernen Strassenverkehrs beruhende Gerichtspraxis ist im Jahre 1930 im « Code du Pieton» (Gesetz für den Fussgänger) verankert worden. Der Artikel 4 dieser Verordnung legt dem Fussgänger folgende Verpflichtungen auf: 1. Das Ueberschreiten der Strasse ist ausschliesslich nur da gestattet, wo besondere Uebergänge zu diesem Zweck bezeichnet sind. Strassenkreu/.ungen dürfen nur in Verlängerung der Trottoirs überschritten werden. 2. Die Ueberquerung der Strasse von einem Trottoir zum andern darf nur auf dem kürzesten Wege und in gerader Linie erfolgen. 3. Das diagonale Ueberschreiten von Plätzen, Strassenkreuzungen etc. ist verboten; sie sind in der Weise zu umgehen, dass sukzessive die einmündenden Strassen überschritten werden. 4. Das Betreten der Strasse im Zeitpunkt 'der Freigabe des Verkehrs für Fahrzeuge ist überall da verboten, wo der Verkehr durch Polizei oder Signalapparate geregelt wird. Diese Regelung, die mit Strafsanktionen F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (21. Fortsetzung) Eberhard ging entschlossen auf ihn zu. «Herr Oberstleutnant — da ist eine Sache, die mir sehr merkwürdig vorkommt! Sehr merkwürdig! Ich öffne eben meine Aktentasche und finde diese Zeichnung! Es ist mir unbegreiflich, wie sie hineingeraten sein kann. Ich kann nur annehmen, dass einer der Herren sie aus Versehen in meine Mappe gesteckt hat, denn ich habe sie bestimmt nicht in der Hand gehabt.» Der Oberstleutnant schien sichtlich verblüfft.- Er sah bald auf die Zeichnung, bald auf Andre Pigeot. «Merkwürdig! Sehr merkwürdig! Weiss vielleicht einer der Herren, wie dieses Blatt in die Tasche des Herrn Pigeot gelangt ist?» Keiner von den Herren wusste etwas. Eberhard zuckte die Achseln. «Das ist eine ganz mysteriöse Geschichte! Wenn ich nicht annehme, dass mir hier eine Falle gestellt werden sollte, dann begreife ich nicht...!» «Eine Falle? Aber wieso denn?» «Vielleicht hat man mich im Verdacht, dass ich geheime Zeichnungen stehle!» verbunden ist, hat zur Folge, dass ein Fussgänger, der diesen gesetzlichen Bestimmungen zuwiderhandelt und verunfallt, keinen Anspruch auf Schadenersatz hat, es sei denn, es gelinge ihm, ein Mitverschulden des Fahrzeugführers nachzuweisen. Jedermann, der die Entwicklung des Strassenverkehrs, ohne Voreingenommenheit, verfolgt, wird sich der Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer auch den Fussgänger verpflichtenden Verkehrsregelung nicht verschliessen können. Nur diejenigen, die mit Scheuklappen vor den Augen das Rad der Zeit zurückzudrehen und wider den Strom der neuzeitlichen Entwicklung des Strassenverkehrs zu schwimmen glauben können, werden sich einer solchen, überdies im ureigensten Interesse des Fussgängers gelegenen Regelung widersetzen. Paris steht aber mit seiner gerichtlichen Praxis und seinen gesetzlichen Vorschriften keineswegs etwa vereinzelt da. In Berlin hatte sich vor dem Verkehrsgericht ein Motorradfahrer sowie ein Fussgänger wegen des Todes der Soziusfahrerin des Motorradfahrers zu verantworten. Der betreffende Fahrer war gerade im Begriff, eine durch Lichtsignal freigegebene Strassenkreuzung zu überqueren, als von der entgegengesetzten Seite unvermittelt ein Passant die Fahrbahn betrat, trotzdem für die von ihm eingeschlagene Richtung das Haltesignal galt. Um einen Zusammenstoss zu vermeiden, bremste der referendumspolitischen Erwägungen nicht zu Motorradfahrer brüsk, wodurch die Mitfahrerin auf die Strasse geschleudert wurde und von der ihnen diesbezüglich zustehenden vertreten den Mut gehabt haben, aufbringen und an den erlittenen Verletzungen starb. Das Befugnis baldigst Gebrauch machen werden. Verkehrsgericht verurteilte den eingeklagten Das Bundesgesetz über den Motorfahrzeugund Fahrradverkehr verlangt von den Fuss- Fussgänger wegen fahrlässiger Tötung zu vier Monaten Gefängnis, wogegen der Motorradfahrer freigesprochen wurde. Das Ver- und Fussgängerstreifen, vorsichtiges Uebergängern einzig die Benützung der Trottoirs kehrsgericht war der Auffassung, dass der schreiten der Strasse, Benützen der Strassenseite wenn Motorfahrzeuge nahen und Be- Unfall ausschliesslich durch das unvorsichtige Verhalten des Fussgängers verursacht achten der Anordnungen der Verkehrspolizei, worden sei, ein Verhalten, das der Motorradführer bei einem erwachsenen Menschen dieser Vorschriften irgendwelche strafrecht- wie gesagt, ohne dass eine Nichteinhaltung nicht habe voraussehen müssen. Damit hat lichen Sanktionen zur Folge hätte. Der Fussgänger ist somit bei uns noch heute, im Zeit- das Gericht eindeutig die Verpflichtung für die Fussgänger anerkannt, in gleicher Weise alter der fortgeschrittenen Mechanisierung wie die Fahrzeugführer die Verkehrssignale zu beachten und für vorschriftswidriges Verhalten die Folgen übernehmen zu müssen. Unwillkürlich fragt man sich, wie liegen diesbezüglich die Verhältnisse bei uns? Wie wir wissen, ist im neuen Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr «Aber ich bitte Sie, Herr Pigeot! Was fällt Ihnen denn ein!» «Ich habe mich falsch ausgedrückt: Vielleicht will man mich in den Verdacht bringen, dass ich geheime Zeichnungen stehle!» «Aber wer denn, um Himmels willen? Das ist ja ganz ausgeschlossen!» «Wie erklären Sie sich die Sache, Herr Oberstleutnant?» Der Oberstleutnant wusste keine Erklärung. Er nahm das Blatt in Verwahrung und schien sehr betroffen. Denn es wäre auch für ihn peinlich gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, dass in seiner Abteilung wichtige Zeichnungen verschleppt wurden, unbekannt, zu welchem Zweck. Als Eberhard am Nachmittag zusammen, mit einer Anzahl von Offizieren und Ingenieuren das Werk verlassen wollte, wurde die Gruppe, in der er sich befand, am Hauptportal ersucht, in ein Zimmer zu treten und die Aktentaschen abzugeben. Nun wusste Eberhard allerdings, was man gewollt hatte, und der Oberstleutnant, der sich bei der die Regelung des Fussgängerverkehrs mehr als dürftig ausgefallen. Nachdem die Initiative der Schweiz. Strassenverkehrsliga, welche die verfassungsrechtliche Grundlage für ein allgemeines Verkehrsgesetz schaffen sollte, gestützt auf die ablehnende Haltung der Bundesversammlung im Oktober 1927 vom Volke verworfen worden ist, musste sich das neue Bundesgesetz auf die Regelung des Motorfahrzeug- und Fahrradverkehrs beschränken. Trotzdem wurden in dieses Gesetz — wenn auch äusserst dürftig — Verkehrsbestimmungen für die «übrigen» Strassenbenützer aufgenommen, da man inzwischen — wenn auch, wie gewöhnlich, zu spät — in der Bundesversammlung zur Einsicht gekommen war, dass der Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr schlechterdings nicht geregelt werden kann, ohne auch für die « übrigen » Benutzer der Strasse gewisse Bestimmungen aufzustellen. Da aber für die die « übrigen » Strassenbenützer betreffenden Verkehrsvorschriften für den Widerhandlungsfall im Gesetze irgendwelche Strafsanktionen fehlen, handelt es sich dabei mehr um «fromme Wünsche», die höchstens zivilrechtlich bei der Einschätzung des Verschuldens in Betracht fallen können, es sei denn, dass durch die Kantone in ihren Ausführungsbestimmungen Strafandrohungen für die Missachtung der Verkehrsvorschriften durch Fussgänger, Reiter usw. aufgenommen werden. Da sich ohne Strafsanktionen die Verkehrsvorschriften für Fussgänger kaum durchsetzen lassen werden, ist zu hoffen, dass die Kantone diejenige Einsicht, die den Bundesvätern gefehlt, oder die sie aus partei- und Gruppe befand, wusste es auch. Die Aktentaschen kamen sehr rasch wieder zurück; der Offizier, der die Untersuchung vorgenommen hatte, erklärte auf Befragen, es habe sich lediglich um eine Formalität gehandelt, weil die Vermutung bestehe, dass wichtige Dokumente an das feindliche Ausland verraten worden seien. Aber selbstverständlich wären die Herren nicht im mindesten im Verdacht. Nur — Befehl ist Befehl! Der Oberstleutnant nickte Eberhard zu. «Nun begreife ich! Ein grosses Glück für Sie, dass Sie das Blatt entdeckten! Sie scheinen einen Feind zu haben, der einigen Einfluss besitzt!» «Ich kann mir nicht denken, wen. Ich kenne doch kaum jemanden in Petersburg.» «Verkehren Sie in Kreisen Ihrer Botschaft?» «Nein. Herr Oberstleutnant wissen: Diplomaten sind für einen gewöhnlichen Sterblichen kein angenehmer Umgang. Sie sind gottähnliche Wesen, vor deren Weisheit man sich in Demut beugen muss. Und ich beuge mich nicht gern. Was aber die übrigen Landsleute anbelangt, die sich augenblicklich hier befinden — unsere Interessen sind nicht die gleichen. Ich bin weder Kriegsgewinnler noch Spekulant!» Der Oberstleutnant nickte verstehend. Am nächsten Tage liess sich Eberhard bei Seiner Exzellenz melden. Der General empfing ihn sofort. «Was führt Sie zu mir, Monsieur Pigeot?» «Exzellenz, ich habe Grund zu einer Beschwerde!» «Wieso? Behandelt man Sie nicht gut?» «Doch, Exzellenz! Aber ich scheine Feinde und Motorisierung des Strassenverkehrs, Herr der Strasse, wie zur Zeit vor Christi Geburt, da höchstens hin und wieder ein Ochsenoder Eselgespann auf der holperigen Strasse zu verkehren pflegte. Es steht heute bei uns dem Fussgänger vollständig frei, nach Belieben den ganzen Strassenverkehr zu hemmen, zu stoppen und zu gefährden! Er ist die verkörperte Schutzinsel, die, unberechenbar und nach Belieben im Verkehr schwimmend, wo und unter welchen Verhältnissen sie dem Motorfahrzeugführer in Erscheinung tritt, umfahren werden muss! Alles Neue verlangt Anpassung, Eingewöhnung und Erziehung! Auch der Motorfahrzeugführer ist erzogen worden. Es werden heute an ihn ganz andere Anforderungen gestellt als noch vor wenigen Jahren. Es besteht nun aber kein Grund dafür, dass nur ein Teil der Strassenbenützer erzogen wird, nachdem auch für die « übrigen» Strassenbenützer — wenn auch nur dürftige — gesetzliche Verhaltungsmassregeln aufgestellt worden sind. Auch der vorsichtigste Fahrer kann unter Umständen einen Unfall nicht verhüten, wenn sich der andere Strassenbenützer unvorsichtig und vorschriftswidrig benimmt. Die Erziehung des Fussgängers liebt bei uns heute zweifellos noch im argen. Jeder, der Gelegenheit hat, die Verkehrsverhältnisse im Ausland zu beobachten, wird dies bestätigen können. Namentlich wird er bestätigen, wie viel einfacher, reibungsloser und gefahrloser sich der grösste Verkehr abwickelt, wenn jeder Strassenbenützer, ohne irgendwelche Ausnahme, diszipliniert und zur strikten Einhaltung der ihn betreffenden Verkehrsvorschriften erzogen ist. Das heute leider bei uns noch bestehende ungeregelte und disziplinlose Verhalten eines Teils der Fussgänger führt denn auch zwangsläufig dazu, dass der Motorfahrzeugführer die vorhandenen Fussgängerstreifen vielfach nicht respektiert resp. nicht respektieren kann. Es ist ohne weiteres klar, dass, solange die Strasse ein einziger unbegrenzter Fussgängerstreifen ist, die Bestimmung von Artikel 45, AI. 3 der Vollziehungsverordnung «vor Fussgängonstreifen haben die Motorfahrzeugführer die Geschwindigkeit zu massigen und nötigenfalls anzuhalten, um den sich schon darauf befindlichen Ftissgängern die ungehinderte ueberquerung der Fahrbahn zu ermöglichen», schlechterdings undurchführbar ist. Erst wenn sich der Fussgänger dazu bequemt haben wird, die Strasse ausschliesslich nur noch an den besonders für ihn bezeichneten und für ihn mit besonderen Sicherheitskautelen versehenen Stellen zu überqueren, wird er ein Anrecht auf das ihm gesetzlich eingeräumte Vortrittsrecht haben. Solange er aber dieses Vortrittsrecht in der Weise missbraucht, dass er es überhaupt überall und jederzeit für sich in Anspruch nimmt, kann dem Motorfahrzeugführer eine besondere Beachtung der Fussgängerstreifen vernünftigerweise nicht zugemutet werden. Der Zweck der Fussgängerstreifen ist gerade der, den zu haben, die mich vernichten wollen!» «Was für Worte! Was ist denn geschehen?» Eberhard schilderte den Vorfall, natürlich ohne zu erzählen, dass und von wem er gewarnt worden sei. Er schloss: «Unter diesen Umständen bin ich wohl gezwungen, meine Tätigkeit einzustellen. Denn ich möchte nicht riskieren, dass der gleiche oder ein ähnlicher Vorfall sich wiederholt und man mir den Prozess macht. Dazu bin ich wahrhaftig nicht hergekommen!» «Aber, aber! Sie sind erregt, Monsieur Pigeot; Sie sehen Gespenster. Ich bin überzeugt, dass es sich um einen puren Zufall handelt!» «Ein Zufall, Exzellenz, der mir gefährliche Papiere in die Aktentasche schmuggelt!» «Doch, doch! Bitte, beruhigen Sie sich! Ich sage Ihnen, es kann nur ein Zufall gewesen sein!» «Und die Untersuchung nachher, Exzellenz? Ein Vorgang, der sich bisher, wie ich mir sagen liess, noch niemals ereignet hat?» «Die Untersuchung habe ich angeordnet. Weil angeblich gewisse Zeichnungen über die Grenze gegangen sind. Alle Leute sehen Gespenster!» «Was wäre aber aus mir geworden, Exzellenz, wenn ich zufällig nicht in meine Tasche gesehen, wenn ich zufällig- das eeheime Do-