Aufrufe
vor 10 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.095

E_1933_Zeitung_Nr.095

BERN, Freitag, 17.November 1933 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N" 95 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Monatlieh „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozusehlag, ufern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Kechnung II1/414. Telephon 28.223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Verkehrserziehung der Jugend Die Notwendigkeit und Zweckmässigkeit einer besonderen Belehrung der Jugend über ihr Verhalten im modernen Verkehr ist hier schon so oft dargelegt worden und wird übrigens wohl von keiner Seite mehr bestritten werden, so dass sich eine neuerliche Begründung erübrigen dürfte. Recht aufschlussreich über die Wohltat einer möglichst frühzeitigen Verkehrsschulung sind die englischen und amerikanischen Unfallstatistiken sowie die Meldungen des englischen «Safety First»- Verbandes über die Tätigkeit ihrer Lokalsektionen. Ueberall da, wo die Jugend intensiv und regelmässig über den heutigen Strassenverkehr aufgeklärt und belehrt wird, gehen die Unfallereignisse, an denen Minderjährige beteiligt sind, merklich zurück. Auch in unserm Lande hat man sich dieser Erkenntnis nicht verschlossen und verschiedenerorts sind erfreuliche Ansätze zu einer Verkehrserziehung vorhanden. Anlässlich einer im Jahre 1931 gehaltenen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren musste aber noch festgestellt werden, dass einzig der Stand St. Gallen den Verkehrsunterricht fest in den Lehrplan aufgenommen hatte. In andern Kantonen dagegen blieb es bei sporadisch auftauchenden. Einzelmassnahmen. So wurden beispielsweise in manchen städtischen Schulen Verkehrsfibeln verteilt. Man begnügte sich dann aber damit und Hess vielleicht mehrere Jahre vergehen, bis wieder nachfolgende Klassen etwas von einer Neuauflage oder einem Nachdruck dieser Fibel zu sehen bekamen. Dann wiederum überliess man es der persönlichen Initiative der Lehrerschaft mit dem zur Verfügung gestellten Material das anzufangen, was diese für gut hielt. Nun sind gerade unter der älteren Generation der Pädagogen herzlich wenig Selbstfahrer und damit ist auch das unmittelbare Interesse am Strassenverkehr nicht gerade ein so überwältigendes, um den Ansporn zur gelegentlichen Einschaltung einer Verkehrsstunde im Anschluss an irgendein Fach des normalen Unterrichtes zu geben. Anlässlich der bereits erwähnten Konferenz wurde in einem Referat auch der Standpunkt vertreten, der Verkehrsunterricht könne nicht wie ein reguläres Fach in den Lehrplan aufgenommen werden. Die Begründung hierfür war allerdings, soweit sie überhaupt geleistet wurde, nicht sehr überzeugend, denn es fehlt weder an Stoff, noch an Möglichkeiten, um beispielsweise wöchentlich wenigstens eine Stunde der Verkehrserziehung zu widmen. Nach England und Amerika haben nunmehr auch zahlreiche deutsche F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (24 fcortsetzune) «Darauf sind wir nicht eingerichtet,» sagte Semenow mit einem Achselzucken. «Ein paar Häuser weiter ist eine Frühstücksstube, da 2ibt es Tee und Kaffee!» Eberhard stellte die Koffer auf einen Stuhl. «Danke! Wir wollen aber gerade hier bleiben — wenn Sie nichts dagegen haben. Sind Sie der Besitzer dieser Wirtschaft?» «Jawohl!» «Gut.» Eberhard dämpfte seine Stimme etwas. «Wir kommen auf Umwegen aus Petersburg. Ich soll Ihnen Grüsse von Herrn Buturlin übermitteln!» «Wirklich?» Semenow sah Eberhard sehr misstrauisch an. «Das ist sehr merkwürdig! Also — Sie bringen mir Grüsse von Herrn Buturlin?» «Ja. Ich finde nicht, dass dabei etwas so besonders Merkwürdiges ist!» «Doch! Die Sache ist nämlich die: Herr Das Solothurner Beispiel. Stadtverwaltungen angefangen, Polizeifachleute in die Schulen abzukommandieren, um dort an Hand von Modellen Verkehr zu «spielen», die Schulklassen mit den hauptsächlichsten Verkehrssignalen bekannt zu machen und an belebten Plätzen praktischen Anschauungsunterricht zu halten. Warum die Schule bei uns für diesen Zweck nicht alle acht oder vierzehn Tage eine Stunde aufzubringen vermöchte, wird wohl kaum mit Ueberlastung des Lehrplanes zu begründen sein. Es wurde damals zugegeben, dass wenn der Verkehrsunterricht nicht als Fach betrieben werde, die Verantwortung für die Durchr führung von Verkehrsstunden beim Lehrer liege und diese Aufgabe leicht in Vergessenheit geraten könne. Als Palliativmittel wurde daher die Einführung eines Verkehrsheftes mit leeren Arbeitsblättern, die der Schüler auszufüllen hätte sowie die Verwendung von Wandbildern als Lehrmittel und Zimmerschmuck und die Vorführung von Verkehrsfilmen empfohlen. Wieweit diese Anregungen in den Schulen unseres Landes herum be-*; rücksichtigt wurden, entzieht sich unserer Kenntnis, doch scheint die Stille, die über dieser Materie herrscht, eher zur Befürchtung Grund zu geberi, ; dass es in den meisten Kantonen bei jenen frommen Wünschen blieb.' Nun tritt das solothurnische Erziehungsdepartement mit einem Kreisschreiben an Schulbehörden und Lehrerschaft auf den Plan, das dem Verkehrsunterricht in den Schulen einen neuen Impuls zu geben verspricht. Ueber die Gestaltung dieser Unterweisung äussert sich das regierungsrätliche Schreiben wie folgt: «Die Entwicklung des Strassenverkehrs macht es notwendig, den Vorkehrsunterricht an unsern Schulen neu zu organisieren. Es genügt nicht mehr, allgemeine Weisungen über das Verhalten auf der Strasse zu erteilen; die Jugend muss entsprechend der besonderen Verhältnisse einer jeden Ortschaft über ihr Verhalten auf der Strasse instruiert werden, und zudem muss von ihr verlangt werden, dass sie diese Instruktionen strikte befolgt. Auf diese Weise soll erreicrrt werden, dass sie sieh auch auswärts im Verkehrsleben, ohne Schaden zu nehmen, zurechtfindet, und dass diejenigen, welche später selbst ein Fahrzeug führen, sich bewusst werden, was für Rücksichten sie ihren Mitmenschen schuldig sind. Der Verkehrsunterricht zerfällt in eine praktische Anleitung über das eigene Verhalten im Verkehrsleben der Ortschaft und in theoretische Belehrungen über das Verkehrswesen. Die Grundlage für die praktische Anleitung bildet der Plan über die örtliche Regelung des Verkehrs, welcher nach der Weisung des Polizei-Departementes für jede Ortschaft aufzustellen ist. Die hierin vorgesehenen Verkehrsvorschriften für die Buturlin hat gar keinen Anlass, ja nicht einmal die Möglichkeit, mir Grüsse aus Petersburg zu schicken. Herr Buturlin ist nämlich gar nicht in Petersburg!» «Vor einer Woche war Herr Buturlin noch in Petersburg. Vor einer Woche sind wir dort abgereist.» «Ach? Bitte, wollen Sie doch hier hereinkommen!» Der Wirt öffnete eine Tür in der Rückwand des kleinen Lokals; man sah, dass sich hinter der kleinen Stube eine grössere befand, die aber ohne Fenster war. Der Wirt hatte die beiden Koffer Eberhards genommen und ging voraus in den zweiten Raum, schaltete das Licht ein und schloss, als Eberhard und Mercedes ihm gefolgt waren, hinter den beiden die Tür. Dann sagte er: «Mit Ihnen stimmt etwas nicht ganz. Ich vermute, Sie sind hierhergekommen, um nach Herrn Buturlin zu spüren. Ich möchte Ihnen nur sagen, dass Sie sich in diesem Fall ganz vergeblich bemühen 1» «Sie misstrauen uns, wie ich sehe, Herr Semenow! Aber wir wollen nicht lange um die Sache herumreden. Ich habe Ihnen ein Wort zu sagen, das Sie vielleicht von Ihrem Misstrauen abbringen wird: Lenin!» Schuljugend: sollen genaue Weisungen für das Verhalten auf den Strassen, Wegen und Plätzen der Wohngemeinde enthalten. Diese sind in das Reglement über das sittliche Verhalten der Schuljugend aufzunehmen. Anhand des aufgestellten Verkehrsplanes sind die Schüler aller Verkehrsstüfen alljährlich an Ort und Stelle anzuleiten und zu instruieren, wie sie sich im Verkehrsleben zu verhalten haben. Den Schülern ist namentlich folgendes einzuprägen: Verk'ehrsgefährliche: Stellen. Strassensignale in der Ortschaft. Benehmen des Fussgängers auf der Strasse: Auf der rechten Strassenseite gehen (nicht auf der Fahrbahn); rechts ausweichen, links überholen; Üeberschreiten von Strassen und Plätzen; Benehmen an unübersichtlichen oder sonst gefährlichen Stellen. Spielverbot auf der Strasse. Verbot, sich an Wagen anzuhängen oder hinterher zu laufen. Zeichen der Verkehrspolizisten für Fussgänger, Fahrzeuge und eventuell Strassenbahn. Den grössern Schülern ist Anleitung zu erteilen, wie- ßie .sich als Radfahrer zu verhalten haben. Sämtlichen Schülern sind ausserdem die besondern Gefahren ihres individuellen Schulweges durch anschaulich-kritische Begehung desselben zum Bewusstsein zu bringen. Im Anschluss daran ist der Verkehrsunterricht auch theoretisch zu erteilen. Als wichtigste Gegenstände dieses Unterrichts sind zu erwähnen: 1. Die Entwicklung des Verkehrs. 2. Die gesetzlichen Vorschriften. 3. Die Verkehrssicherheit. 4. Der Verkehrsanstand. Bei der Ausarbeitung der Lehrbücher für den Sachunterricht werden diese Probleme berücksichtigt werden. Besonders bedeutungsvoll erscheint uns m dieser Vernehmlassung die Bestimmung, wonach der Verkehrsunterricht alljährlich durchzuführen ist. Es handelt sich also nicht um einen einmaligen Anlauf und Versuch, auch etwas in Verkehrserziehung gemacht zu haben, sondern um die ernsthafte Absicht, diese Belehrung zu einem dauernden Bestandteil des Lehrplaues werden zu lasseh. Erfreulich ist weiterhin die Weisung, dass mit dem praktischen Unterricht alljährlich gleich zu Beginn des Schuljahres einzusetzen ist. Damit wird vermieden, dass diese Aufgabe von Woche zu Woche einen Aufschub erfährt und letzten Endes nur noch andeutungsweise in Angriff genommen wird. Zudem sind die Schüler nach den Ferien frisch und aufnahmefähig und haben vielleicht gerade in ihren Freitagen zahlreiche persönliche Beobachtungen im Strassenleben gemacht, an die der Lehrer mit Erfolg anknüpfen kann. Erstmals wurde mit diesem Unterricht übrigens bereits mit Beginn des jetzigen Wintersemesters eingesetzt. Damit erschöpfen sich aber die Bemühungen des solothurnischen Erziehungsdepartementes keineswegs. Sehr richtig wird in den Weisungen dargelegt, dass der Verkehrsunterricht in der Schule allein zur Disziplinierung der Jugend im Verkehr nicht genüge. «Es bedarf dazu der Mitarbeit der Eltern. Die Behörden müssen von den Eltern verlangen, dass sie für ein korrektes Verhalten Es war merkwürdig, zu beobachten, wie dieses Erkennungswort auf den Wirt wirkte. Er trat einen Schritt zurück, Hess noch einmal, aber wesentlich freundlicher, seine Blicke über Eberhard und Mercedes gleiten, dann sagte er: «Sie kennen das Wort?» «Ja. Ich kenne das Wort. Herr Buturlin selbst hat es mir gesagt. Er war es, der mir Ihre Adresse gegeben hat, der mir gesagt.hat, bei Ihnen würden wir, wenn es nötig wäre, ein Asyl finden und auch sonstige Unterstützung.» «Allerdings. Allerdings! Wenn das so ist! Wir werden es ja gleich erfahren können — Buturlin ist nämlich seit gestern hier!» «Ah! Er sprach von der Möglichkeit, dass er auch nach Moskau kommen würde, aber er hat sicher nicht daran gedacht, dass es so bald schon geschehen sollte. Ich werde mich freuen, ihn zu sehen!» «Wirklich?» Das Misstrauen des Wirtes schien noch nicht ganz beruhigt. «Ich werde also Herrn Buturlin rufen lassen!» «Ich bitte Sie darum! Wird es lange dauern? Wir sind nämlich ziemlich ausgehungert...!» «Eine Minute!» «Gut!» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Ct». lür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. tnseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern ihrer Kinder auf der Strasse sorgen.» Im weiteren wird auch in gewissem Umfang dafür gesorgt, dass all die gutgemeinten Anweisungen der Schule befolgt und angewandt werden. Hiezu besagt die Vernehmlassung: «Es soll erreicht werden, dass sich die gesamte Jugend im Verkehrsleben sicher bewegen kann und sich diszipliniert verhält. Das wird jedoch nur erreicht, wenn man von der Jugend auch wirklich verlangt, dass sie diese Vorschriften aus eigener Erkenntnis strikte befolgt. Gegen disziplinloses, unvorsichtiges oder leichtsinniges Verhalten muss von den Behörden, der Lehrerschaft und der Polizei rücksichtslos eingeschritten werdon; denn man darf es nicht darauf ankommen lassen, ob daraus Unfälle entstehen oder nicht. Fälle von Uebertretungen solcher Disziplinarreglemente sind dem Friedensrichter zur strafrechtlichen Ahndung anzuzeigen.» Es ist der Solothurner Regierung also offensichtlich Ernst mit dieser Neuerung im Schulbetrieb. Man darf füglich auf das Resultat gespannt sein. Sie wird sich gewiss in einer Verminderung der Unfallzahlen bei der Jugend auswirken, womit der Aufwand an Zeit und Fleiss gewiss reichlich belohnt ist. Voraussetzung zu diesem zu erwartenden Rückgang der Unfallereignisse ist, wie in der Weisung ebenfalls noch betont wird, die Notwendigkeit, dass sich auch « alle Automobilisten und Motorradfahrer den für sie geltenden Vorschriften unterziehen ». Es ist zu erwarten, dass diese Gruppe der Strassenbenützer durch korrekte und vor allem vorsichtige Führung ihrer Fahrzeuge das ihrige zum guten Gelingen beiträgt. . •._ In den Frühjahrsberichten der verschiedenen Schulstufen ist von der, Lehrerschaft über die Durchführung des Verkehrsunterrichtes und der damit gemachten Erfahrungen erstmals Rechenschaft abzulegen. Wir nehmen, gerne an, dass die kantonalen Schulbehörden anderer Stände dieser kommenden Publikation die notwendige Aufmerksamkeit schenken und ihrerseits schon jetzt die Bedingungen prüfen, unter welchen in ihrem Wirkungskreis regulärer Verkehrsunterricht angeordnet und durchgeführt werden kann. Es ist höchste Zeit, wenn die Schule sich ernstlich und dauernd in den Dienst der Sache des Verkehrs stellt, denn alle vermittelte Schulweisheit wird dann nichts mehr nützen, wenn ein Schüler durch Unkenntnis der Verkehrsgefahren und unsicheres Verhalten im Strassengetriebe sein junges Leben lassen muss. Der Schule kommt ja die hohe Aufgabe zu, unsere Jugend für das spätere Erwerbsleben und ihre Rolle als Staatsbürger vorzubereiten. Der Verkehr ist wohl eine der ersten und eindrücklichsten Formen des gemeinsamen Lebens, mit denen der A B C- Schütze in Kontakt kommt, und den er normalerweise nachher nie mehr verlieren wird. Grund genug, um ihn rechtzeitig für seine ihm zukommende Pflicht und Aufgabe als Strassenbenützer zu formen. B. «Ich bemerke, dass die Tür von innen nicht zu öffnen ist!» Eberhard musste lachen. «Sie sind wirklich ausserordentlich vorsichtig, Herr Semenow. Aber Sie haben recht! Holen Sie nur Herrn Buturlin und schliessen Sie meinetwegen noch besonders ab — wir werden warten!» Eberhard rückte für Mercedes einen Stuhl zurecht und setzte sich dann selbst. Der Wirt warf noch einen Blick auf die beiden, dann ging er. Schwer fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Sie hatte innen keinen Drücker. Einen Augenblick dachte Eberhard: Wie, wenn dieser Semenow gar nicht der Mann war, zu dem ihn Buturlin geschickt hatte ? Wenn der Keller vielleicht ausgehoben war, und dieser Mann mit den breiten Schultern und den Blatternarben als Vertrauensmann der Polizei hier sass? Aber er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken: die Tür öffnete sich wieder und Buturlin, gefolgt von dem Wirt, trat herein. Buturlin sah Eberhard und Mercedes etwas verblüfft an, dann brach er in Lachen aus. «In dieser Verkleidung waren Sie allerdings nicht ganz leicht zu erkennen. Herr