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E_1933_Zeitung_Nr.101

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BERN, Freitag, 8. Dezember 1933 Nummer 20 Cts., 29. Jahrgang - N° 101 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONN E M E N T S • P R EI S E: Erscheint Jeden Dienstag und Freit«« Monatlieh „Gelbe Liste" Halbjährlich Ft. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznschlag, •olern nicht postamtlich bestellt. Zusehlag für postamtUehe Bestellung 30 REU AKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Hechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adretse: Autorevue, B«m Autotourismus im Winter Noch vor zehn Jahren konnte von einem winterlichen Autotourismus kaum die Rede sein. Wenn der erste Schnee fiel und die Frosttage einsetzten, dann versorgte der Automobilist seinen Wagen und Hess ihn stehen bis wieder wärmere Tage kamen und der Schnee der Sonne und dem Föhn gewichen war. Damals eigneten sich auch die Wagen weniger für einen winterlichen Verkehr, und besonders das Strassennetz und dessen Freihaltung Hessen soviel zu wünschen übrig, dass man wirklich besser daran tat, den Wagen einzustellen und für einige Zeit auf das Autofahren zu verzichten. Rasch, wie die ganze Entwicklung des Automobils, ist es auch im winterlichen Autotourismus vorwärts gegangen und heute ist wohl niemand mehr, der seinen Wagen nicht auch im Winter gebraucht. Zu dieser Entwicklung beigetragen hat wohl in erster Linie die kolossale Vermehrung der Automobile überhaupt, und dann auch ihre wesentlichen konstruktiven Verbesserungen. Zudem ist das Auto heute nirgends mehr ein Luxusartikel, sondern ein Gebrauchsgegenstand, der zum täglichen Leben in unserer Wirtschaft gehört und auf den man nicht während einer ganzen Saison verzichten kann. Der Geschäftsmann, der seinen Wagen tagtäglich braucht, kann ihn nicht ohne Einbusse für einige Monate in die Garage stellen. Mit dieser ganz allgemeinen Verwendung des Automobils musste selbstverständlich auch in unsern winterlichen Strassenverhältnissen gründliche Remedur geschaffen werden. Vor allem war es nötig, dass von behördlicher Seite aus die Schneeräumungsarbeiten organisiert wurden. Dieselben mussten einsetzen im Momente, wo auch der erste Schneefall eintrat, denn sonst war praktisch der Automobilverkehr für einige Tage doch unterbunden. Im grossen und ganzen ist die Freihaltung der Strassen im Winter auch überall zufriedenstellend organisiert. Kantone und Gemeinden müssen hier zusammenarbeiten, um in erster Linie die grossen Durchgangsstrassen freizuhalten. Diese Zusammenarbeit mag ja nicht immer ganz reibungslos vor sich gegangen sein, denn der Kostenaufwand für die Schneeräumungsarbeiten ist ein ganz beträchtlicher. Die Kostenverteilung auf Kanton und Gemeinden musste deshalb überall geregelt werden und wird auch jetzt noch manchmal zu Meinungsverschiedenheiten Anlass geben. In erster Linie sind es selbstverständlich die Kantone im Mittelland, durch die die dicht frequentiertesfen Automobilstrassenzüge führen, wo man mit den Schneeräumungsarbeiten vorangehen musste. Es darf denn auch mit Genugtuung konstatiert werden, dass heute das gesamte Strassennetz des schweizerischen Mittellandes ohne weiteres ganzjährig fahrbar ist. Dabei herrschen nicht überall ideale Zustände und es sind vorab diejenigen Strassenstücke, die noch die stark gewölbte Oberfläche zeigen, die beim winterlichen Verkehr noch recht viele Gefahren bergen. Auch im Jura werden die meisten Strassen jetzt während des Winters freigehalten. So kommt es nur noch ganz selten vor, dass die Vue des Alpes, die doch bis hoch hinauf in den Jura führt, für kurze Zeit für den Verkehr gesperrt ist. Nur weniger wichtigere Jura-Uebergänge, die nicht als Hauptverkehrsadern angesprochen werden können, wie z. B. der Weissenstein oder der Col du Molendruz oder Marchairuz, werden nicht ganzjährig offen gehalten. Auch in den Voralpen wird der Automobüverkehr während den Wintennonaten kaum mehr unterbunden. Die Rickenstrasse, der Uebergang bei Wildhaus, die Kerenzerbergstrasse etc. sind doch fast ausnahmslos ganzjährig fahrbar. Etwas anders gestalten sich dann allerdings die Verhältnisse im eigentlichen Alpengebiete. Mehr und mehr wird das Automobil bevorzugt, um mit ihm in die bekannten Skigebiete zu fahren. Nur ist es leider noch lange nicht überall hin möglich. Vorbildlich sind da einige bevorzugte Fremdengebiete vorangegangen, um ihre Zufahrtsstrassen wenn immer möglich dem Automobilverkehr offen zu halten. Dabei sei z. B. an Engelberg gedacht, dessen Strasse mit grossen Kosten im Winter auch für den Automobilverkehr freigehalten wird; dann das Gebiet der Lenzerheide und noch einige andere mehr. Gerade die Wintersportgebiete sind es, die sich dafür einsetzen müssen, dass, wenn immer möglich, ihre Zufahrtsstrassen ganzjährig offen gehalten werden. Ueberall scheint das richtige Verständnis noch nicht vorhanden zu sein, denn es Hessen sich Beispiele anführen, die zeigen, dass bei etwas weniger Rücksichtnahme auf die Bahnen und etwas modernerer Einstellung gegenüber dem winterlichen Autotourismus sich noch manches verbessern Hesse. Man vergesse nw-ht. Hass wer ein Automobil besitzt und zugleich Skifahrer ist — eine Kombination, die wohl die Regel sein dürfte — für sein Weekend Wintersportplätze bevorzugt, die er per Automobil erreichen kann. Die vollständige zeitliche Unabhängigkeit, die das Automobil gewährt, kommt ganz dem Skifahrer zugute. Er braucht sich bei seiner Abfahrt nicht sonder- lieh zu beeilen, um ja noch den letzten Anschlüsszug zu erreichen, sondern er kann in aller Gemütlichkeit zu Tal fahren, ohne sich einen schönen Ausflugstag durch eine Hetzerei in letzter Minute zu verderben. Vorläufig fast ganz für jeglichen Automobilverkehr unterbunden sind im Winter unsere Bergstrassen. Der Maloja macht da eine einzige und viel zitierte Ausnahme. Noch vor wenigen Jahren wurde es von verschiedenen Seiten als eine glatte Unmöglichkeit hingestellt, den Maloja ganzjährig offen zu halten. Heute schon ist dies aber eine Selbstverständlichkeit, an der niemand mehr zweifelt. Es ist ohne weiteres zuzugeben, dass die Offenhaltung einiger Bergstrassen für den winterlichen Autotourismus nicht ganz einfach ist, und es muss weiter gesagt werden, dass recht erhebliche Geldmittel für solche Zwecke zur Verfügung gestellt werden müssen. Was aber heute nicht verständlich ist, ist vor allem auch der sich äusserst schädlich auswirkende Lokalpatriotismus, der es bis heute tatsächlich verunmöglicht hat, in Graubünden eine der Nord-Süd-AIpenstrassen ganzjährig offen zu halten. Vor kurzem hat eine Versammlung in Zürich festgestellt, dass die Möglichkeit bestehe, den Julier im Winter offen zu halten. Um das festzustellen, brauchte man aber nicht bis zu diesem Winter zu warten. Das wusste man schon letztes Jahr. Wenn die ganze Angelegenheit letzten Winter und letztes Frühjahr energischer an die Hand genommen worden wäre und nicht mit dem ewigen Disput, hie Bernhardin, hie Julier, wozu dann zu allem Ueberfluss auch noch die Diskussion über den j Lukmanier kam, Zeit verlorengegangen wäre, so könnte heute schon der Nord-Süd-Atito- .! mobilverkehr im Winter über den Julier gehen. Eine bessere Gelegenheit hätte sich nie finden lassen, als gerade jetzt, wo Oesterreich für die Durchfahrt der deutschen Automobile praktisch verschlossen ist. Wenn auch dieses Jahr die Rhätische Bahn bei der Beförderung von Automobilen durch den Albulatunnel einiges Entgegenkommen zeigen will, so ist das noch kein vollwerti- INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm höh« Grundzelle oder deren Raum 45 CU. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratensehluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern ger Ersatz für eine ganzjährig fahrbare Strasse. Im übrigen gereicht der Rhätischen Bahn eine Zusammenarbeit mit dem Autotourismus gewiss nicht zum Schaden. Um so kurzsichtiger ist aber die Einstellung ihres Direktors dem Autotourismus gegenüber. Wenn er in der oben erwähnten Konferenz einen für die Aiitompbilisten wenig salonfähigen Ausdruck, der übrigens auch gebührend zurückgewiesen wurde, verwendete, so zeigt diese Aeusserung eine so erschreckende Verständnislosigkeit für die Fragen des modernen Fremdenverkehrs und vor allem auch für eine wirkliche Sanierung unserer Fremdenindustrie, dass man auf solche «Führer» auf dem Gebiet unseres Verkehrswesens gerne verzichten möchte. Immer noch unbefriedigend sind auch die Verhältnisse für den Transport von Automobilen durch den Gotthard. Als grosser Vor- | teil kann wenigstens gebucht werden, dass normalerweise die Automobile den ganzen Winter jetzt bis Göschenen fahren können. Somit fällt doch die stark verteuernde Strecke Erstfeld, resp. Amsteg-Göschenen, | weg. Auch die Sonntagstaxen in Göschenen und Erstfeld sind nach langem Hin und Her abgeschafft worden, was auch wieder eine Erleichterung mehr bedeutet. Unbegreiflicherweise wollen aber die Bundesbahnen mit den Tarifen für den Transport von Automobilen durch die Tunnels immer noch nicht hinunter. Sie erklären heute noch, dass dies nicht möglich sei. Es wird nicht mehr lange gehen, so wird auch bei den Bundesbahnen die Einsicht kommen, dass eine Tarifsenkung doch möglich ist. Nur ist es bedauerlich, dass bei uns solche Einsichten immer viel zu spät kommen. Es hat doch reichlich lange gedauert, bis sich die S. B. B. entschlossen, einmal eine Reisewoche einzuführen mit stark verbilligten Taxen. Und als die Reisewoche kam, war der Erfolg ein enormer, und es wird sogar davon gemunkelt, dass die Grosse des Erfolges den leitenden Organen etwas unangenehm sei. Hätte man sich eben nicht so lange dagegen gesperrt, dann hätte man .schon früher solche Erfolge und damit grössere Kassaeünahmen buchen können. Genau gleich wird es beim Gotthard mit der Tarifsenkung für den TransDort von Automobilen gehen. Wenn sich die Bundesbahnen entschliessen könrten, die Automobile zu einem Einheitspreis auf allen Zügen für etwa 15 bis 30 Franken zu befördern, so würden sie sogleich eine solche Freqi'enzsteigerung erfahren, d^ssdie geringeren Tarife nicht nur ausgeglichen, sondern sicherlich noch ein erheblicher Einnahmenüberschuss resultieren würde. Aller Beachtung wert ist übrigens ein in No 99 der «A.- 1 ?.» von einem 'höhp.rn BaiinHeatnteti gemachte Anregung für eine engere Kombination von Schiene und Strasse zur Hebung des Winterverkehrs. •• Es ist also noch manche Verbesserung zur Hebung des winterlichen Autotourismus notwendig. Viele Fragen harren noch der Lösung. Sie wird aber solange nicht möglich sein, bis bei allen in Fra?e kommenden Stellen, seien sie nun amtlicher oder nichtamtlicher Natur, die Bedeutung des Autotourismus im Winter klar erkannt wird. Die weitere Entwicklung des Autotourismns macht auch vor dem Winter nicht halt. Ebnen wir ihr die Wege, bevor uns auch hier das Ausland überflügelt hat. Lr. F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (30. Fortsetzung) «Das ist nicht uninteressant. Aber warum wollen Sie gerade nach der Schweiz?» «Wo sollen wir denn sonst hin, Exzellenz? Die Schweiz ist das einzige Land in Europa, das wirklich Gastfreundschaft übt. Nach Holland, das vielleicht noch in Betracht käme, können wir nicht gehen, weil wir die Sprache nicht verstehen, und mit Dänemark ist es das gleiche. Abgesehen davon, dass wir uns doch unseren Lebensunterhalt erwerben müssen.» «Wie wollen Sie denn das in der Schweiz tun?» «Ich werde journalistisch arbeiten, und die Dame wird ein Engagement suchen.» Dem Gesandten kam das alles ziemlich abenteuerlich vor, aber Schliesslich gab er das Visum doch. Der wiederholte Hinweis auf die Gastfreundschaft der Schweiz hatte sein Herz gerührt. Nach raschem Abschied von dem Obersten und vom Major Hatzberg fuhren Eberhard und Mercedes von Berlin ab. Die Fahrt nach dem Süden war wenig erfreulich; das Reisen war in Deutschland kein Vergnügen mehr. Ungeheizte Züge, zerbrochene Fenster, zerrissene Polsterungen und ein Mangel an primitivster Reinlichkeit. Dazu kamen die unendlichen Aufenthalte in den Stationen, kam die Langsamkeit der Fahrt überhaupt. Und die Unmöglichkeit, sich in den Bahnhöfen oder gar im Zuge zu verpflegen. Eberhard und Mercedes atmeten auf, als sie, nach dem üblichen Warten, aber ohne jede Schwierigkeit, die Schweizer Grenze hinter sich hatten: auf Schweizerboden konnten sie sich seit Wochen zum erstenmal wieder satt essen! 22. Der erste Besuch, den Eberhard in Bern machte, war bei Herrn" Blümlein, mv Schatten der Nacht natürlich. Er fand diesen «Bankier» noch genau so hager .und eckig und zugeknöpft, wie er ihn zuletzt gesehen hatte. Herr Blümlein schien sehr verwundert über den Besuch; er war nicht daran gewöhnt, dass die Agenten allzuoft bei ihm auftauchten, denn in der Regel verschwanden sie bald; das Agentendasein war eine kurzlebige Angelegenheit. «Signore Farnaglia — ich bin überrascht, Sie zu sehen!» Eberhard lachte. «Sie irren sich in der Person, Herr Blümlein 1 Ich bin nicht der Signore Farnaglia aus Brasilien, sondern der Russe Naschtschenko aus Moskau!» «Sehr interessant! Aber Sie haben doch wohl noch Ihre alten Verbindungen, Herr Naschtsehenko?» «Gewiss! Ich komme aus Deutschland und gedenke mich hier der Journalistik zu widmen. Wenn Sie noch nicht unterrichtet sind, werden Sie es bald werden.» «Ich bin unterrichtet von dem Eintreffen des Russen Naschtschenko!» «Bei Ihnen hat sich nichts geändert, Herr Blümlein?» «Nichts Wesentliches! Die Arbeit ist im Laufe des letzten Jahres noch schwerer geworden — es sind da verschiedene Bestimmungen hinzugekommen, die sehr streng gehandhabt werden. Man muss deshalb heute noch vorsichtiger sein als früher. Ich muss mich übrigens wundern, dass man Herrn Stein noch immer nicht hat hochgehen lassen: Beweise genug liegen meines Wissens dafür doch vor!» «Allerdings, Herr Blümlein. Aber was noch nicht geschehen ist, weil man Herrn Stein gerade so in Freiheit besser brauchen konnte als im Gefängnis, das wird in absehbarer Zeit schon geschehen. Ich bin zu diesem Zweck hier. Und auch eine Dame, die Sie von früher kennen, ist hier. Mercedes Farere. Sie heisst jetzt Georgette Ernano — doch, das wissen Sie ja wahrscheinlich. Wir wohnen im Luzerner Hof, nicht mehr im Hotel Venezia, wo man sich vielleicht meiner italienischen Vergangenheit erinnert. Ich habe mir zwar, wie Sie sehen, einen echt russischen Schnurrbart wachsen lassen, aber man kann nicht wissen! Mercedes Farere braucht dringend ein Engagement als Sängerin ?— können Sie ihr da behilflich sein?»