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E_1933_Zeitung_Nr.102

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BERN, Dienstag, 12. Dezember 1933 Mit Autler-Weihnachten Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 102 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozusehlag, •otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheek-Rechnung HI/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Aluland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenscblnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Praktische Vorschläge zur Bekämpfung der Automobilunfälle mit psychologischen Mitteln Von Dr. F. Bossart, Psychotechnisches Institut, Zürich. II*) Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass trotz den technischen Verbesserungen an Motorfahrzeugen und vor allen Dingen auch am Strassenbelag, an der Strassenführung, an Bahnübergängen, durch Warnungstafeln, Signale etc. die Verkehrsunfälle zunehmen. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass man mit technischen Mitteln allein jedenfalls nur schwer zu einer Senkung der Verkehrsunfallziffern gelangt und dass daher andere Mittel versucht werden müssen, um in dieser Beziehung Erfolg zu haben. Wir haben in unserem letzten Artikel auf die psychologischen Mittel zur Unfallbekämpfung hingewiesen und wollen im Anschluss an jene Ausführungen weitere konkrete Vorschläge machen. Unsere Idee geht dahin, dass das Ziel der Unfallbekämpfung grundsätzlich sein muss, präventive Massnahmen zu finden und anzuwenden, die geeiget sind, Unfälle wirklich zu verhüten. Es ist selbstverständlich, dass bei Unfällen mit Motorfahrzeugen nicht immer der Motorfahrzeugführef der schuldige Teil ist, bzw. ihm die Verantwortung zukommt, sondern dass in vielen Fällen ein Verschulden seitens der Fussgänger, Radfahrer und anderer Strassenbenützer vorliegt. Da aber die Unfälle, bei denen Motorfahrzeuge mit im Spiel sind, naturgemäss durch das Tempo und das Gewicht der Motorfahrzeuge von besonderer Schwere sein können, so scheint es uns durchaus angezeigt, dass sich der Angriff für die Unfallbekämpfung zunächst auf die Führer von Motorfahrzeugen richten muss. Damit soll nicht gesagt sein, dass nicht auch Mittel und Wege gegen alle anderen Strassenbenützer gesucht und angewendet werden sollen, um auch dort mit der präventiven Unfallverhütung einzusetzen. Für die Fussgänger beispielsweise kann es sich jedoch kaum um etwas anderes handeln, als um eine umfassende, systematische Aufklärung und Erziehung. Auf diese Seite des Problemes wollen wir hier nicht eintreten, •sondern uns darauf beschränken, jene Massnahmen vorzulegen, die mit Bezug auf die Motorfahrzeugführer nach unserer Auffassung möglich und wirkungsvoll wären. 1. Es ist allgemein anerkannt, dass für ) Vergleiche auch Nr. 97 der« A.-R. ». F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (31. Fortsetzung) «Ich glaube nicht — ich weiss! Und wenn ich sage: in kürzester Zeit, so meine ich damit sechs, höchstens acht Wochen. Ich habe Einblick auch in das, was von der anderen Seite vorbereitet wird. Die liberalen Parteien machen die Revolution. Sie haben mit uns Fühlung genommen — auch hier! Aber wir verhalten uns sehr reserviert, denn die Art von Revolution, die hier gemacht werden soll, bedeutet nichts für die Massen. Damit, dass man den Zaren absetzt, ist nichts getan. Der Zar ist ein Phantom, das nichts zu sagen hat. Schon lange nicht mehr. Das Elend ist der .Tschin', und gerade der soll natürlich nach dem Willen der Kadetten bleiben. Und ausserdem, diese merkwürdigen Revolutionäre wollen den Krieg nicht nur weiterführen, sondern sogar popularisieren. Sie wollen eine nationale Revolution. Wir aber die internationale. Aber sie sollen nur vorgehen, sie sind die Wegbereiter für uns. Sie werden • die Macht an sich reissen, aber sie werden sie nicht halten können. Was sie wollen, ist eine jede Tätigkeit und für jeden Beruf im Wirtschaftsleben die Grundlagen für die späteren Leistungen, d. h. also die erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten und ihre Umsetzung in die Praxis in der Lehrzeit, bzw. in der Anlernzeit wurzeln. Dort erwirbt sich der Anfänger gute, weniger gute oder schlechte Gewöhnungen. Mit Recht macht man beispielsweise im Handwerk den Lehrmeister verantwortlich für die Ausbildung und den späteren Erfolg des Lehrlings. Es scheint uns nun, dass das Führen eines Motorfahrzeuges abhängig ist vom Erwerben richtiger Fertigkeiten und Kenntnisse und dass es durchaus nicht gleichgültig ist, wie diese Fertigkeit und Kenntnisse beigebracht werden. Man kann dies auf autodidaktischem Wege machen, man kann es durch Zusehen teilweise erlernen, jedenfalls aber ist das sicherste und zweckmässigste eine durchaus systematische Schulung nach einem pädagogisch und psychologisch richtig aufgestellten und gehandhabten Lehrplan. Die Erfahrungen, die gerade wir Psychotechniker mit der systematischen Arbeits- Schulung in der Industrie und im Hand- lächerliche Halbheit. In kürzester Zeit werden sie sich selbst erledigt haben, besonders wenn die Deutschen aufpassen. Ihnen wird eine militärische Niederlage noch verderblicher sein als dem zaristischen Regime. Und dann kommen wir! Was glauben Sie, — wie wird sich die deutsche Regierung zu uns stellen?» «Das kann ich natürlich nicht ohne weiteres sagen. Aber es ist wahrscheinlich, dass sie den Frieden nimmt, von wem er geboten wird!» «Das denken wir auch. Aber damit ist es nicht getan. Wir müssten die Möglichkeit haben, nach Russland — in das sich erhebende Russland — zu gelangen — verstehen Sie? Zu dem Umweg über Griechenland haben wir keine Zeit — abgesehen auch davon, dass uns die Entente nicht gutwillig nach Russland lassen würde. Denn sie weiss genau, was sie von uns zu erwarten hat. Glauben Sie, dass man uns — ich meine die revolutionäre Partei, deren Spitzen sich in der Schweiz befinden, — den Weg durch Deutschland freigibt?» Eberhard dachte einen Augenblick nach. «Herr Buturlin,» sagte er dann, «Sie dürfen nicht vergessen — wir haben auch in Deutschland den .Tschin'. Ich habe in den letzten Wochen einiges davon spüren müssen. Aber werk machen konnten, beweist uns, dass man durch eine richtige Schulung nicht nur die Anlernzeit verkürzen, sondern dass man durch sie namentlich auch richtige Gewöhnungen und Fertigkeiten dem Neuling beibringen kann und ihm so ein gutes Fundament für den späteren Erfolg geben kann. Diese Ueberlegung führt uns dazu, die Frage aufzuwerfen, ob es nicht im Interesse der Unfallverhütung zweckmässig wäre, die Erteilung der Fahrlehrerbewilligung an eine vorsichtigere Auslese der Fahrlehrer und vor allen Dingen, Schulung derselben zu knüpfen, weil, wie gesagt, die Persönlichkeit des Fahrlehrers und seine Fähigkeit des Instruierens wichtige Grundlagen sind für das spätere Verhalten und die Leistungen oder Fehlleistungen der Fahrschüler. 2. Eine weitere präventive Massnahme sehen wir auch in einer besseren Vorbereitung und psychologischen Schulung der Automobil-Prüfungsexperten. Der Experte hat das zweifellos wirksamste präventive Mittel der Unfallbekämpfung in der Hand, nämlich die Nichterteilung der Führerbewilligung an ungeeignete Personen. Ihm fällt die Aufgabe zu, den Fahrkandidaten daraufhin zu prüfen, ob er über genügende Fertigkeiten und Kenntnisse verfügt. Es ist klar, dass dem Experten mit dieser Aufgabe eine grosse Verantwortung übertragen wird, weil die Erteilung der Führerbewilligung an ungenügend befähigte Kandidaten der Unfallhäufigkeit naturgemäss Vorschub leistet. Die Aufgabe des Experten wird unseres Erachtens namentlich dadurch erschwert, dass es Leute gibt, die die Prüfung gut bestehen, bzw. die während der praktischen Prüfung keinerlei Fehler machen, die dem Experten eine Zurückweisung ermöglichen. Trotzdem sind unter diesen Leuten oft solche, deren anlagemässigen Fähigkeiten nicht genügen, um auf die Dauer den Anforderungen, die der heutige Verkehr an sie stellt, zu genügen. Es braucht eine gute psychologische Schulung, um in jedem Fall erkennen zu können, ob ein Fahrkandidat wirklich geeignet ist oder nicht. Durch eine bessere Schulung der Prüfexperten in psychologischer Beziehung könnten viele Experten dazu gebracht werden, neben ihren sonst guten Fähigkeiten und Erfahrungen noch bessere Menschenkenntnis zu erwerben. Vor allen Dingen sollten die Experten durch die Schulung noch besser dazu erzogen werden, das Wesentliche und Typische im -Verhalten eines Kandidaten erkennen zu können. Praktisch Hesse sich diese Ausbildung durch Kurse leicht durchführen, in welchen als Lehrer Leute fungieren müssten, die auf dem Gebiete der angewandten, praktischen Psychologie zu Hause sind. 3. Zur Aufklärung der Frage, aus welchen inneren Ursachen die meisten Unfälle entstehen, sollten alle Unfälle, ohne Rücksicht auf deren Schwere durch eine Statistik erfasst werden. Diese Statistik müsste jedoch vor allen Dingen nach mehr psychologischen Gesichtspunkten aufgestellt werden, damit die inneren Unfallursachen dadurch erhoben werden können. Wir wissen heute beispielsweise nicht, wie viele Unfälle auf Ermüdung des Führers, wie viele auf mangelhafte Fertigkeiten und Gewöhnungen, wie viele auf mangelhafte Aufmerksamkeit, wie viele auf zu langsame Reaktion etc. zurückzuführen sind. Wenn man jedoch einmal dazu übergehen würde, die Statistiken nach solchen rein psychologischen Gesichtspunkten anzulegen, so würde man bald herausfinden, wo die innere Ursache der wir haben auch eine Oberste Heeresleitung. Sie mag Ihnen vielleicht nicht sympathisch sein, doch darauf kommt es für Sie nicht an. Die Oberste Heeresleitung denkt und arbeitet mit mehr Vernunft als der .Tschin'. Es wäre ihr vielleicht beizubringen, dass im Interesse eines Teilfriedens Zugeständnisse gemacht werden müssen, auch an eine politische Richtung, die nicht nach dem Herzen der Marschälle ist.» «Könnten Sie das übernehmen? Ich meine, könnten Sie den Versuch machen, der Obersten Heeresleitung diesen Gedankengang beizubringen?» «Ja. Den Versuch kann ich machen.» meisten Unfälle liegt, bzw. welcher dieser psychologischen Momente für die Unfallhäufigkeit die grösste Rolle spielt. Die Statistik wäre also ein Mittel zur Feststellung der Anforderungen und anderseits würde sie Wege zeigen, wo der Hebel einzusetzen wäre, um die Unfälle wirksam zu bekämpfen. ES liegt auf der Hand, dass es im Interesse eines möglichst raschen Vorgehens in der Frage der Unfallbekämpfung liegen würde, wenn solche Statistiken allgemein, d. h. in der ganzen Schweiz erhoben würden. Wir möchten eine kurze Aufstellung derjenigen Punkte folgen lassen, die für eine Statistik nach unserem Dafürhalten interessant sein könnten. Es wäre durch die Statistik zu erheben: 1. Das Verschulden des Motorfahrzeugführers, ganz und teilweise. 2. Das Verschulden von Drittpersonen, ganz und teilweise. 3. Unfälle, die zurückzuführen sind auf mangelhafte Fachkenntnisse und Fertigkeiten, d. h. also auf mangelnden Uebungsgrad des Führers. 4. Unfälle, die auf mangelhaften Kenntnissen der Verkehrsvorschriften beruhen. Punkt 3 und 4 würden also jene Unfälle erheben, bei denen die Ursache in der mangelhaften Ausbildung des Führers begründet ist. Sodann sollte die Statistik vor allen Dingen jene Momente berücksichtigen, die ein mangelhaftes Verhalten im Augenblick der Gefahr ergeben, und zwar: a) Nicht oder zu spätes Bemerken der Gefahr. b) Zu späte Abwehr-Reaktion gegen die erkannte Gefahr. c) Falsche Abwehr-Reaktion. Diese drei Momente sind vor allen Dingen äusserst interessant. Sie genügen aber nicht, um Schlüsse ziehen zu können auf die innere Ursache des einzelnen Führers, wenn wir nicht diese drei Möglichkeiten, in denen ein Unfall begründet sein kann, kausal zerlegen in die möglichen pychologischen Faktoren, die dem unrichtigen Verhalten individuell zugrunde liegen. Es kämen also als weitere statistisch zu erhebende Faktoren in Betracht: a) Mangelhaft entwickelte Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeiten. b) mangelhaftes Beobachten; c) mangelhaftes Ueberlegen; d) mangelhafte Entschlussfähigkeit; e) Gefühlslabilität und starke Affekte; f) mangelnde innere Sicherheit; g) mangelnde Aufmerksamkeit; h) mangelnde Gewissenhaftigkeit; i) ungünstige soziale Einstellung; k) Ermüdung; I) Alkoholwirkung. Dies wären einige Gesichtspunkte für die Führung von Statistiken, die es ermöglichen würden, im Laufe der Zeit festzustellen, welche psychologischen Unfallursachen am Buturlin schien begeistert. «Sehen Sie», rief er, «es war doch gut, dass ich Sie gerettet habe, dass ich ein Weniges für Sie getan habe! Nun ist die Zeit da, in der es sich lohnt. Wir können hier natürlich nicht alles besprechen — kommen Sie heute abend zu mir — hier ist meine Adresse. Sie werden bei mir noch ein paar Gesinnungsgenossen finden, die in der Bewegung etwas bedeuten. Wir werden Ihnen die genauen Unterlagen geben sowohl für die bürgerliche Revolution wie für die unsere. Wir haben das verlässlichste Material, das Sie sich denken können. Unterrichten Sie die Stellen, die Sie zu erreichen vermögen und die Sie für die massgebenden halten. Das weitere wird, hoffe ich, dann ganz von selber laufen. Abgemacht?» Er hielt Eberhard die Hand hin. Hatzberg schlug ein. «Abgemacht. Noch eins! Ich brauche vielleicht auch hier Ihre Unterstützung. Ich muss den Franzosen und den Engländern als politischer Flüchtling aus Russland gelten; werden Sie oder einer Ihrer Freunde mich als solchen legitimieren, wenn es sein muss?» «Selbstverständlich. Nichts ist leichter als das, denn unsere Beziehungen reichen bis weit in die Kreise unserer offiziellen Vertretung hinein!» Als Eberhard sich von Buturlin trennte, hatte er die Ueberzeugung, dass diese Unterredung, vom Zufall herbeigeführt, von grosser Bedeutung werden konnte. Er Hess sich beim französischen Gesandten melden. Der Sekretär fragte, um was es sich handle. «Ich möchte das am liebsten Seiner Exzellenz selber sagen!» Der Gesandte empfing ihn nach zwei Minuten. .Wenn unsere Diplomaten auch so wären!...' — dachte Eberhard. «Sie wünschen mich zu sprechen — womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?» «Exzellenz, ich bin ein Russe, der in Verbindung mit der französischen Gesandtschaft in Bukarest im Sinne der Entente tätig war.»