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E_1933_Zeitung_Nr.107

E_1933_Zeitung_Nr.107

BERN, Freitag, 29. Dezember 1933 Mit Silvester-Beilage Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 107 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden DteiMtag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznschlng, •otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Wiederum geht ein Jahr zur Neige. Es wird manchen Wunsch unerfüllt gelassen und mancherlei Erwartungen nicht entsprochen haben. Es mag uns aber auch dem einen oder anderen Ziele näher gebracht haben und darum sei auch seiner noch kurz gedacht, bevor es endgültig von der Zeitbühne abtritt. 1933 stand, von der automobilistischen Warte aus gesehen, im Zeichen der Einführung des eidg. Automobilgesetzes und der zugehörigen Verordnungen. Bekanntlich ist mit Neujahr die Frist abgelaufen, bis zu welcher den Fahrzeughaltern die Möglichkeit gegeben war, den Wagen den neuen technischen Anforderungen anzupassen. Auch den Kantonen fiel die Pflicht zu, ihre kantonalen Bestimmungen mit dem eidg. Recht in Einklang zu bringen. Die Aufgaben, welche Bund und Kantonen durch Gesetz und Verordnung übertragen worden waren, erwiesen sich schwieriger und zeitraubender, als dies bei Inkrafttreten des Automobilgesetzes den Anschein hatte. Manche Vorschrift gab selbst unter Fachleuten zu weitgehenden Meinungsverschiedenheiten Anlass, und es ist bis heute noch nicht gelungen, für jeden Punkt die Auffassung des Gesetzgebers und derjenigen Organe, welche mit der Ausführung betraut worden sind, eindeutig und den Anforderungen der Praxis entsprechend zu umschreiben. Diese Schwierigkeiten haben es dem Automobilisten nicht eben leicht gemacht, sein Fahrzeug der Verordnung gemäss auszurüsten. Sie entbinden ihn aber anderseits nicht von der Pflicht, für vorschriftsgemässe Marschtüchtigkeit und Verkehrssicherheit seines Wagens besorgt zu sein. Diese Aufgabe, die zum Teil mit nicht unerheblichen Kosten verbunden war, wurde ihm durch die von Verbänden und Fachleuten des Autogewerbes durchgeführten Vorkontrollen und der ihm durch die Fachpresse zuteil gewordenen Aufklärung wesentlich erleichtert. Erfreulicherweise hat die grosse Mehrzahl der Fahrzeughalter hier auch ihren guten Willen bekundet und nichts unterlassen, um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden. Es muss daher auch von den kantonalen Instanzen, welche mit der Ueberwachung des Motorfahrzeugverkehrs betraut sind, erwartet werden, dass sie bei ihren kommenden Kontrollen und Prüfungen von Wagen und Ausrüstung praktischen Sinn und wohlwollendes Verständnis walten lassen und sich nicht auf den Buchstaben des Gesetzes versteifen wollen, über dessen Auslegung in guten Treuen zweierlei Meinung bestehen kann. Dieses Entgegenkommen darf und muss auf alle Fälle für diejenigen Automobilisten verlangt werden, die sich darüber ausweisen können, dass sie ihrerseits das Möglichste taten, um das Fahrzeug in Ordnung bringen zu lassen. .Unsere Leser werden übrigens in der ersten Nummer des kommenden Jahrganges noch von kompetentester Seite über Sinn und Zweck der Vollzugsverordnung orientiert werden. Bahn frei! Noch bleibt, wie bereits angedeutet, manches zu tun, bis sich das eidg. Automobilgesetz endlich voll und auch im Interesse des Fahrzeugführers auswirken wird. Die durchgehende und einheitliche Strassensignalisierung, die Beseitigung der verkehrshinderlichen Strassenreklame, die endgültige Regelung der mit dem Vortritt zusammenhängenden Fragen u. a. m. harren noch ihrer Verwirklichung. Eine grosse Vorarbeit ist aber bereits geleistet worden und hat uns der für den Motorfahrzeugverkehr erhofften freien Bahn schon wesentlich näher gebracht. Mit der gesamten Neuordnung war auch die Neuregelung der Besteuerung der Motorfahrzeuge in den Kantonen verbunden, da diese Materie leider immer noch zur Souveränität der Stände gehört. Einzelne Kantone sind hier in vorbildlicher Weise vorangegangen, indem sie die Steuern pro rata erheben, also nur die Zeit in Anrechnung bringen, während welcher das Automobil im Verkehr steht. Dazu kamen Zahlungserleichterungen, so dass die Steuer nicht mehr wie vormals auf einen Schlag zum voraus für das ganze Jahr entrichtet werden muss. Endlich erfreuen sich einzelne Fahtzengkategorien, so vor allem auch ältere Wagen, einer fiskalischen Vorzugsbehandlung, welche Handel und Wandel weit über den Rahmen der Automobilwirtschaft hinaus beleben. Was aber in den einen Kantonen fast als Selbstverständlichkeit und in Anlehnung an die guten Erfahrungen des Auslandes gewährt wurde, das ist noch um die Jahreswende andernorts ein vielumstrittener Fragenkomplex. Hier gilt es ungebrochen an den als gerecht anerkannten Postulaten festzuhalten, um auch in dieser Richtung dem Verkehrsleben den Weg zu ebnen. In verkehrspolitischer Hinsicht wurde im abgelaufenen Jahre noch mancherlei bereitgestellt, was 1934 zu einem guten Abschluss kommen sollte. Erinnern wir nur an das vorläufige Abkommen zwischen Bahn und Auto zwecks Ausscheidung der jedem Verkehrsmittel zukommenden Aufgaben. Noch vor Weihnachten sind die parlamentarischen Kommissionen zur Vorberatung des noch ausstehenden Gesetzesentwurfes samt Botschaft bestellt worden. Es besteht daher begründete Hoffnung, dass das Gesetz der Verkehrsteilung im nächsten Jahre auf dem Gebiete des Transportwesens endlich die seit langer Zeit erwartete Abklärung bringen wird. An diese Aktion knüpfen allerdings weite Volkskreise die bestimmte Erwartung, dass endlich auch mit der durchgreifenden Sanierung der Bahnen Ernst gemacht wird, die unsere Verkehrs- und Volkswirtschaft so dringend notwendig hat. Nachdem den Strassentransport - Unternehmungen grosse Opfer zugemutet werden, so ist es wohl nur am Platze, wenn auch bei der Bahnsanierung das Messer tief angesetzt wird, um den verschiedenen Geschwüren gründlich beizukommen. Im Zusammenhang mit dem Automobilgesetz wird das neue Jahr auch die Verordnung über die Arbeits- und Ruhezeit der beruismässigen Motorwagenführer bringen. Sie stellt einen bedeutsamen Beitrag zum Kapitel der Verkehrssicherheit dar. Aufgabe der Verkehrsinteressenten wird es aber sein, darüber zu wachen, dass diese Verordnung nicht ein weiteres Werkzeug in den Händen der Bahnbefürworter werde, wie dies leider von verschiedenen.Bestimmungen von Gesetz und Verordnung gesagt werden muss. Im Rahmen des Verkehrsgesetzes wird dann endlich noch die Haftpflicht der ausländischen Fahrzeuge geregelt werden müssen, und hier gilt es, den berechtigten Interessen des Fremdenverkehrs Rechnung zu tragen und die ausländischen Gäste nicht durch eine kleinliche Gebühr zu verärgern oder gar von ihrer Reise abzuhalten. Weil gerade vom Reisen die Rede ist, so sei daran erinnert, dass das kommende Jahr auf dem Gebiete des Tourismus und des Fremdenverkehrs ebenfalls Entscheidungen bringen muss. Vorab gilt es, mit dem Ausbau unserer internationalen Reiserouten einmal Ernst zu machen. Zu lange schon sehen wir tatenlos zu, wie Italien, Frankreich, Deutschland und Oesterreich nach grossangelegtem nationalem Bauprogramm Strossen in der Ebene und in den Alpen erstellen, um den Autotourismus, die kommende Form des Reiseverkehrs, für ihre Gebiete zu interessieren. Seit Jahr und Tag machen wir auf die Gefahr des Umfahrenwerdens aufmerksam, ohne dass sich der Bund endlich zu einer befreienden Tat aufgerafft hätte. Derweil wachsen die Gästezahlen unserer Nachbarländer von Saison zu Saison mehr .an, während unsere eigene Hotellerie einen Verzweiflungskampf gegen die Folgen der Wirtschaftskrise ausficht. Endlich ist von der Strassenverkehrsliga die Volksinitiative für den Ausbau der Alpenrouten und deren Zuiahrtsstrassen lanciert worden, die zurzeit noch aufliegt und nun die Eidgenossenschaft aufrütteln soll. Die notwendigen 50 000 Unterschriften sind heute gewiss schon beieinander, aber die Befürworter der Initiative geben sich mit Recht damit noch nicht zufrieden. Die Unterschriften sollen in die Hunderttausend anschwellen, damit die Behörden endlich begreifen, dass es hier um eine das gesamte Volk berührende Angelegenheit geht. In wirtschaftlicher Hinsicht hat das nun zu Ende gehende Jahr Ungewohntes gebracht. Die Anstrengungen des Bundes, unsere Zahlungsbilanz etwas günstiger zu gestalten und die Einfuhr in den Dienst unserer eigenen Volkswirtschaft zu stellen, brachte die Flut von Einfuhrbeschränkungen und Kontingentierungen, welche Automobilhandel und -gewerbe vor vollständig veränderte Marktlagen und neue, erschwerte Aufgaben stellte. Als Staatsbürger wird man die ernsthaften Bemühungen zur Stützung unserer Valuta und unseres Kredites nur begrüssen können, nachdem das uns umgebende Ausland seit Jahren schon handelspolitisch allzu sehr auf sich selbst eingestellt ist. Dagegen sollen diese Massnahmen keine ungerechtfertigten INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschlusa 4 Tage vor Erseheinen der Nnmmern Härten für Händler und Abnehmer mit sich bringen und nicht die Qualität oder den Preis zu Lasten des Konsumenten beeinträchtigen. In dieser Beziehung haben die jüngst in automobilistischen Kreisen von Minister Stuckl abgegebenen Erklärungen beruhigend gewirkt, so dass auch hier für das kommende Jahr eine Regelung erwartet werden kann, die den vielseitigen Interessen besser gerecht zu werden vermag, als dies unmittelbar nach Einführung der Bestimmungen der Fall war, welche den Handel in neue Bahnen lenkten. Angesichts der weitgehenden Abhängigkeit der Automobilwirtschaft vom Ausland ist unsere einheimische Lastwagen- und Zubehörindustrie von besonderer volkswirtschaftlicher Bedeutung, die alle Unterstützung von Seiten der Konsumenten und des Staates verdient. In beider Hinsicht kann es aber im nächsten Jahr noch besser werden. Die tatkräftige Hilfe, welche unsere Nachbarstaaten ihrer Automobilindustrie zuteil werden lassen, berechtigt zu dem Wunsche, dass die einheimischen Unternehmungen nicht durch höhere Zölle und andere hinderliche Massnahmen in ihrer durch den verminderten Export bereits gefährdeten Existenz noch stärker behindert werden. So finden sich noch der Wünsche und Erwartungen viele, die wir mit ins neue Jähr hinübernehmen, von dem wir erwarten, dass es dem Automobil freie Bahn gewähre. Seit vollen 29 Jahren hilft unser Blatt redlich als Wegbereiter mit. Vertrauensvoll blickt es in die nahe Zukunft, in der es das dritte Dezennium seiner Tätigkeit im Dienste des Automobilwesens vollenden wird. Auch 1933 ist uns, trotz allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, reiche und ermutigende Unterstützung durch die Leser, Inserenten und Mitarbeiter zuteil geworden. Möge sie uns im kommenden Jahr weiterhin in den vielseitigen Bestrebungen fördern. Die «Automobil- Revue-» hat im jetzigen Jahrhundert jede Entwicklungsphase des Strassenverkehrs miterlebt und miterfochten. Sie will auch fernerhin Wegmacherdienst leisten, wenn ihr die schweizerische Automobilistengemeinde die Werkzeuge hiefür bereitstellen hilft. Der enge Kontakt und die erfreuliche Zusammenarbeit mit Behörden, Verbänden und jedem Einzelnen, der guten Willens ist, lassen erwarten, dass es uns 1934 noch besser gelingen werde, dem Automobil freie Bahn zu schaffen. An der Redaktion und dem Verlag soll es nicht fehlen. Wir haben mancherlei Bereicherung unseres Textes für das nächste Jahr vorgesehen und stellen unsere erweiterten Redaktionsabteilungen gerne und kostenlos in den Dienst unserer Abonnenten. Von ihnen erwarten wir die bisherige Treue und hoffen, dass sie, wie auch ein weiterer Kreis gelegentlicher Leser, der Abonnementseinladüng für das erste Semester 1934 Folge leisten. Und nun: Frohe Fahrt ins neue Jahr und freie Bahn! Redaktion und Verlag der « Automobil-Revue ». Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (36. Fortsetzung) Den Männern der neuen Regierung war dabei durchaus nicht besonders wohl, denn es war ungewiss, ob die Ententepropaganda für die Fortsetzung des Krieges auf die russischen Truppen gewirkt hatte. Nur der Wirrkopf Kerenski redete sich in einen wilden Kriegstaumel hinein, und nun sollte es wirklich ernst werden. «Der Misserfolg», sagte der Sekretär, «ist unzweifelhaft. Und dann kommt unsere Stunde! Wir werden sie besser nützen; als die Kadetten!» Im Spätsommer wurde die Stimmung in Paris unangenehmer als je. Die Durchbruchsschlachten der Entente waren ausnahmslos nach kleinen Anfangserfolgen gescheitert. Deutschland hatte auf die Offensive Kerenskis damit geantwortet, dass es die russischen Linien über den Haufen rannte. Der deutsche U-Boot-Krieg schien einen viel grösseren Erfolg zu haben, als man ursprünglich im Ententelager angenommen hatte. Dazu kam, dass in der französischen Armee Meutereien vorgekommen waren, die mit äusserster Strenge unterdrückt werden mussten. Frankreich war beinahe toll vor Spionenfurcht, und der Kreis um d'Allancourt feierte Denunziationsorgien. Nur der «Russe Naschtschenko» benahm sich nach wie vor äusserst ungeschickt. Er war die bescheidene Pension nicht wert, die man ihm ausgesetzt hatte. «Sie sind für unseren Beruf ganz ungeeignet!» — sagte d'Allancourt eines Tages zu Eberhard. Dieser zuckte die Achseln. «Ich habe Pech!» «Nein. Verstand haben Sie keinen! Das ist es. Wenn man nichts findet, macht man sich etwas zurecht. Aber das verstehen Sie eben nicht. Weil Sie als Russe von Natur aus viel zu gutmütig sind. Uebrigens», — er dämpfte seine Stimme — «wenn Sie klug wären! Wenn man mit Ihnen reden könnte !» «Warum sollen Sie nicht mit mir reden können?» «Was würden Sie dazu sagen, Wenn wir zusammen ein ordentliches Stück Geld verdienen könnten?» «Sie dürfen glauben, dass ich nichts dagegen hätte!» «Sagen Sie — haben Sie nicht noch Verbindungen in der Schweiz?» «Qewiss. Mit einigen meiner Landsleute.» d'Allancourt schien einen Augenblick nachzudenken. «Wenn ich wüsste, dass ich Ihnen vertrauen könnte!» «Sie können mir vertrauen!» «Sie werden kein Wort von dem, was ich Ihnen sage, über die Lippen kommen lassen?» «Ich verspreche es Ihnen!» «Hören Sie! Ich habe zufällig sehr wichtige Dokumente, das heisst eine Photographie von sehr wichtigen Dokumenten. Ich bin überzeugt, die deutsche Regierung würde sehr viel dafür zahlen, wenn sie Einblick in diese Dokumente gewinnen könnte! Was glauben Sie: könnten Sie sich auf dem Umweg über Ihre russischen Freunde in der Schweiz mit der deutschen Regierung in Verbindung setzen?» (Fortsetzung siehe Seite 12)