Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1934_Zeitung_Nr.006

E_1934_Zeitung_Nr.006

10 ÄUTOMOBIL-REVUB 1Q34

10 ÄUTOMOBIL-REVUB 1Q34 _ WO ft die aus einem Materia] mit verschieden hohem Schmelzpunkt bestehen. Unter der Wärmebeanspruchung verflüchtigt sich zuerst das leichter schmelzbare Material, so dass sich an der Elektrode einerseits Krater und anderseits gratartige Erhebungen bilden. Die Erhebungen, die man sich natürlich sehr klein vorzustellen hat, besitzen die bekannte Spitzehwirkung, indem sie den Stromübergang' erleichtern, d.h. praktisch die Mindestspannung, die zur Funkenbildung erforderlich ist, herabsetzen. at. •»••saktfcdi«» W^nke Frage 8961. Selbsttragende Karosserie. Würden Sie so freundlich sein, mir kurz mitzuteilen, was man unter c selbsttragender Karosserie > versteht? B. G. in G. Zusammenslösse zwischen Kolben und Ven- Antwort: Die selbsttragende Karosserie ist tuen. Bei gewissen modernen Zylinderkopfformen, bei welchen eines der hängenden Aufbau-Grundlage vollständig oder zum Teil über- so steif ausgebildet, dass ein Chassisrahmen als Ventile sich über den Kolben befindet, können infolge geringfügiger Ursachen schwere gender Karosserie war z. B. der Lancia-Lambda, flüssig wird. Ein bekannter Wagen mit selbsttra- der keinen eigentlichen Cha«sisrahmen aufwies. Schäden entstehen. So ist uns ein Fall bekannt, in welchem ein Kolben zerstört und Konstruktionen die Karosserie des de Söto-Mo- Zum Teil selbsttragend ist von den modernen der Ventilsteuerungsmechanismus schwer beschädigt wurde, weil lediglich bei der Vor- sisrahmen wird hier nur noch gering beansprucht dells 1934, die wir in Nr. 3 abbildeten. Der Chas- und kann entsprechend leicht ausgeführt werden. at Eine der neueren Motorbauformen, bei denen unter Umständen zerstörende Zusammenstö&se zwischen Kolben und Ventil möglich sind. naiime einer Revision die Nockenwelle etwas verdreht und darauf beim Zusammenbau des Motors die Kurbelwelle in Umdrehung versetzt wurde. Durch die Verdrehung der Nockenwelle hatte sich eines der in den Zylinderraum hineinragenden Ventile geöffnet. Beim Durchdrehen der Kurbelwelle kam es darauf zum Zusammenstoss zwischen diesem Ventil und dem zugehörigen Kolben, dem natürlich bei der grossen im Sehwungrad aufgespeicherten Massenträgheit das beste Material nicht gewachsen sein konnte. at. Tech e«h •smsmM Antwort 8947. Reparatur hydraulischer Wagenheber. Zuschriften weitergeleitet. Red. Antwort 8948. Bezugsquelle für Flanschendichtungen. Zuschriften weitergeleitet Red. Fräße 8959. Wer fabriziert Invalidenfahrzeuge? Wer ist Fabrikant Ton Invalidenfahrzeugen in der Schweiz? M. K. in N. Frau» 89*0. Neuprofllleren von Pneus. Wer liefert Apparate für das Neuprofilieren von Auto- und Motorradpneus? S. L. in F. Frage 8962. Schneeketten and Glatteis. Nützt es etwas, wenn man bei Glatteis Schneeketten auf die Reifen auflegt? Verschiedentlich wurde mir gesagt, dass dann die Schleudergefahr nur vergrössert würde. M. G. in B. Antwort: Ein Mittel, das bei richtigem Glatteis eine normale Fahrweise gestattet, gibt es nicht. Hingegen sind auch in diesem Fall Schnee- ->*Wi. besser als nichts. Ohne Ketten kommt man bei Glatteis oft nicht einmal mehr Steigungen von 2—3% hinauf, weil sich die Räder einfach leer durchdrehen. Dagegen kann die Steigung mindestens etwa doppelt so stark sein, bis man mit Ketten stecken bleibt. Die Schleudergefahr wird bei der Anwendung von Ketten nicht vergrössert, aber auch nicht etwa merkenswert verringert. Auf die Bremsstrecke hat es auch kaum einen Einfluss, ob man mit oder ohne Ketten fährt, da sich gewöhnlich auf glatter Unterlage das mit Ketten versehene Rad beim Bremsen sofort so einstellt, dass keine Kettensprosse zwischen dem Reifen und dem Boden liegt. Immerhin ist dann, wenn nur die Hinterräder mit Ketten versehen werden, damit zu rechnen, dass beim Bremsen die Vorderräder, etwas leichter zum Blockieren neigen. Ein Gleiten der Vorderräder hat aber zur Folge, dass die Lenkung unwirksam wird. Sieht man sich gezwungen, bei Glatteis in einer Kurve zu bremsen, sogehe man deshalb äusserst vorsichtig vor. at. Frage 8963. Einstellung des Hinterachsantriebes. Bei einem Wagen, der mir zur Reparatur übergeben wurde, zeigte der Hinterachsantrieb eine starke Neigung zum «Singen» Das Geräusch machte sich vor allem beim Gaswegnehmen und Ausrollen des Wagens bemerkbar. Die Kontrolle ergab, dass das Schublager des Antriebskegelrades etwas abgenützt war und ersetzt werden musste. Nach dem Ersatz des Lagers machte mir nun jedoch die Einstellung des Antriebes Schwierigkeiten. Wird das Antriebszahnrad so eingestellt, dass seine Zähne auf der ganzen Breite in diejenigen des Tellerrades eingreifen, so verursacht der Antrieb noch stärkere Geräusche als vorher. Ein einigermassen geräuschloser Lauf des Antriebes ist nur dadurch zu erreichen, dass auch die Einstellung des Tellerrades verändert wird, indem dieses näher an das Antriebszahnrad herangerückt wird. Kann es etwas schaden, wenn die Verzahnungen nicht mehr auf ihrer ganzen Breite ineinandergreifen? E, S. inM. Schnitt durch ein Hinterachs-Kegelradgetriebe. Antwort: Die Einstellung von Hinterachs- Kegelradgetrieben ist immer eine sehr heikle Arbeit, besonders dann, wenn die Zahnräder schon einige Zeit gelaufen sind und Abnützungserscheinungen zeigen. Soll der Antrieb korrekt laufen, so müssen erstens die beiden Achsen zusammen im richtigen Winkel stehen, zweitens müssen die Zahnräder in der richtigen Tiefe ineinandergreifen und drittens müssen die Zähne auch ihre ganze Breite tragen. Sind diese Bedingungen erfüllt, so treffen sich die Spitzen der Kegel, welohe man sich denken kann, indem man sich die Mantellinien der Zahnräder verlängert vorstellt, in einem gemeinsamen Punkt. Fallen die Spitzen der Kegel dagegen nicht zusammen, woran sowohl die Verschiebung der einen oder der andern Achse, eine unrichtige Winkelstellung der Achse oder eine unrichtige Eingriffstiefe schuld sein können, so ist ein korrekter Eingriff der Verzahnungen ausgeschlossen. Es können sich daraus die Fehler ergeben, dass die Zähne nur an einzelnen Punkten, statt auf der ganzen Linie tragen, dass statt 2 oder 3 Zähnen nur immer ein einzelner die Last aufzunehmen hat dass Verklemmungen auftreten oder dass sich infolge übermässigen Spiels zwischen den Zähnen Klappergeräusche einstellen. Nicht selten treten auch mehrere Fehler miteinander auf. In Ihrem Fall darf wohl angenommen werden, dass die gegenseitige Winkeleinstellung der Wellen keiner Korrektur bedarf. Wären die beiden Zahnräder neu, so müssten zur richtigen Einstellung die beiden Wellen solange gegenseitig verschoben werden, bis die Zahnräder auf der ganzen Zahnbreite tragen und dabei gleichzeitig in der .richtigen Tiefe ineinandergreifen würden. Als «richtige Eingriff tiefe» ist gewöhnlich diejenige zu betrachten, bei welcher sich die Zähne auf mittlerer Flankenhöhe berühren. Mit der alleinigen Einstellung der einen der beiden Wellen ist es nicht getan. Da aber zu erwarten ist, dass bei dem in Frage, stehenden Wagen die beiden Zahnräder schon mehr oder weniger abgenützt sind, besonders, da sie ja schon einige Zeit unkorrekt ineinander eingegriffen haben, lässi sich wahrscheinlich ein korrekter Antrieb überhaupt nicht mehr erreichen. Es bliebe dann nur mehr übrig, durch Versuche festzustellen, bei welcher Einstellung der Antrieb mit möglichst wenig Geräusch läuft, um behelfsmässig noch einige Zeit weiterdienen zu können, wenn sich der Wagenbesitzer nicht zur Anschaffung neuer Zahnräder entschliessen kann, at Sp>

Bern, Dienstag, 23. Januar 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 6 Besuch beim Cognac in — Cognac In der ganzen Welt — das ist keine Uebertreibung — trinkt man Cognac. « Zur guten Verdauung » — sagen die einen, die Freunde des Alkohols. « Als Medizin » — erklären die Antialkoholiker, wenn sie einen Schnupfen wittern. Cognac ist ein edler Tropfen, von dem wir nichts wissen, als dass er gut tut, leider ziemlich viel kostet und aus Frankreich kommt. Aber dass aller Cognac, der wirklich Cognac ist, aus einer Stadt namens Cognac in die Welt geschickt wird, das habe ich erst in diesen Tagen entdeckt. Ich war in Cognac und habe mir einmal dieses edle Getränk angesehen, bevor es in die Flasche kommt. Das war ein wenig riskant, einer alten Liebe auf den Qrund des Herzens zu sehen. Aber man hat viel dabei gelernt, und man muss gestehen, dass der Respekt vor dem Cognac noch gestiegen ist... * * * Cognac ist eine kleine Stadt an der Charente, dicht bei Saintes, und nicht mehr weit vom Ozean entfernt. Ein richtiger Kleinstadtbahnhof mit einem rosagetünchten Bahnhofgebäude lässt nicht vermuten, dass hier alltäglich Güterwagen mit Kisten voll Cognac nach allen fünf Kontinenten verladen werden. Ein Blick in den Wartesaal: Cafe, Bier, Wein und Aperitifs. Niemand trinkt — Cognac in Cognac im Wartesaal. Schade, hier müsste er an Fremde gratis, als Kostprobe, ausgeschenkt werden. Bis dorthin, wo das kostbare Nass gebraut wird, ist ein gutes Stück Weg. Die grössten der Cognacfabriken, deren es hier eine Menge gibt, liegen fast alle an oder in der Nähe der Charente, des Schifftransportes wegen. Bis man dorthin kommt, hat man Gelegenheit, Cognacs Sehenswürdigkeiten zu studieren. Der Verkehrsverein von Cognac ist stolz darauf, dass es in dieser Stadt noch mehr gibt als nur « Cognac ». Er hat recht. Zum Beispiel muss es beneidenswert sein, in dieser Stadt Bürgermeister zu werden oder wenigstens Stadtsekretär. Wenn der Bürgermeister oder Stadtsekretär zum Fenster hinausschaut, sieht er in seinen «Kurpark». Das ist ein stattlicher Garten mit hohen Bäumen, grünen Hügeln, Blumenboskotts, Orangerie, Grotten, zum Lustwandeln geschaffen. Cognac ist die Stadt des « Roi-Chevalier », des Kavaliers auf dem Königsthron Francois Ier. Hoch zu Ross zeigt ihn ein Denkmal auf dem Marktplatz. Er ist 1494 hier geboren und hat im Schloss der Valois an der Charente die «Heilige Liga», den Völkerbund des Mittelalters, abgeschlossen. Das war der Anlass für ein Fest, wie es heute kein Völkerbund mehr feiern könnte. Selbst nicht mit Cognac, den Francois Ier noch nicht gekannt hat. In diesem Schloss der Heiligen Liga, in den Sälen, die Katharina von Medicis und Karl der IX., Heinrich von Navarro und Ludwig XII. sahen, liegen die dicken Fäss«r mit Cognac. Schon wenn man in die Nähe aieses Stadtteils kommt, wittert man den Cognac. Seine Ausdünstung ist so stark, dass die Dächer und Wände der Lagerhäuser und Fabriken schwarz sind von einem Pilz, der sich nur in Cognacluft ansiedelt. Die beiden grössten Fabriken Cognacs, Martell und Hennessy, zeigen dem Fremden bereitwilligst ihre imposanten Werkanlagen und Lagerhäuser und — es sei verraten — niemand verlässt das Haus ohne eine kleine Kostprobe und ohne ein Reisefläschchen als Geschenk mitzunehmen. Die Autobusse rollen alltäglich, vor- und nachmittags, aus den Seebädern und Fremdenzentren Besucher heran, die sich nach dem einstündigen theoretischen Studium nicht ungern auch praktisch mit den Jahrgängen und Qualitäten befassen. Wer Lust und Geld dazu hat, kann sich die älteste Flasche, etwa 80 Jahre alt, zur Erinnerung mitnehmen. Wenn man erwartet, die Produktion des Cognacs von der Weintraube bis zur Flasche verfolgen zu können, wird man ein wenig enttäuscht sein. Der Besucher erfährt, dass die Destillation, die durch Verdampfung aus dem Wein gebrannten Wein macht, anderswo, nämlich auf dem Lande erfolgt. Es ist, ökonomisch gedacht, richtig, dass die Brennereien der Transportkosten wegen in das Produktionszentrum, inmitten der Weinberge, gelegt sind. Die bedeutendsten Firmen lassen die Weine durch ihre eigenen Brennereien kaufen und destillieren; andere kaufen das Weindestillat der verschiedenen Sorten, das völlig farblos ist. Man lässt das Weindestillat filtrieren und — das ist die Kunst — in hohen Fluderfässern die Jahrgänge und Weinsorten mischen, wie auch der Fabrikant von Zigaretten die verschiedenen Tabakernten mischt. Warum — das ist die Frage fast jeden Besuchers — ist gerade der «Cognac» in Cognac so- gut? Warum macht man anderswo in den Weingegenden nicht ebenso guten Weinbrand? — Mein Führer lächelt zu dieser Frage und sagt: «Unsere Weintraube, die in sieben Zonen rund um Cognac geerntet wird, ist merkwürdigerweise recht sauer und wenig ansprechend. Trotzdem ergibt sie diesen, in seinem Aroma unerreichten Cognac. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wird der Wein zweimal destilliert — ein recht kostspieliges Verfahren. Nach der Lagerung in Fässern muss er oft filtriert werden, um alle Verunreinigungen oder festen Bestandteile zu entfernen. Noch heute wird der Cognac im wesentlichen so filtriert wie schon vor 200 Jahren, als die ersten Cognacfabriken in dem Städtchen an der Charente sich niederliessen: mit Moltonstoff und Filtrierpapier, das mit einer Kupferbürste z.u einem feuchten Kuchen gepresst worden ist. Der Cognac, der so stark duftet, wirkt nicht nur auf den empfindlichen Magen des Menschen, er greift auch Holz und Metall an. Dem Holz des Fasses, in dem er lagert, entzieht er das Tannin, das ihn braun färbt. Für diese Fässer wird ein besonderes Eichenholz aus der "Gegend von Limoges verwendet — ausnahmsweise beziehen einige Firmen zum Teil auch Eichenholz aus dem Ausland — und alle Röhren, die der Cognac bis zur Abfüllung durchläuft, sind aus Kupfer und mit einer Silberschicht überzogen. Sie sehen, der Cognac ist ein kostspieliges Elixir! Kostspielig aber auch durch den grossen Verlust an Alkohol, der durch das jahrelange Lagern in Fässern entsteht.» Jeder, der gern einen Cognac trinkt, aber eigentlich ihn « zu teuer » findet, möge auch bedenken, dass etwa sieben Flaschen guten Weines mit je 9 bis 10 Prozent Alkoholgehalt notwendig sind, um bei der ersten Verdampfung eine Flasche Cognac daraus zu destillieren. Es wäre dem Cognacfabrikanten angenehm, wenn er nur einen Cognac von 42 Prozent Alkohol zu liefern hätte. Aber jedes Volk hat einen anderen Geschmack und jedes Land auch seine strengen Vorschriften, Es war nicht viel Licht in den Gedanken des Mannes, der sich in der Abenddämmerung in die öde und enge Vorhalle eines Bahnhofs drückte und dort, den verschlissenen Ueberzieher fest um sich ziehend, fröstelnd auf einer Holzbank Platz nahm. Nur für einen Augenblick natürlich, und ängstlich darauf bedacht, von niemanden für etwas anderes gehalten zu werden, als für einen heimgerichteten, irdisch wohlbestellten Passanten, der sich für eine Weile auszuruhen gedachte, oder für einen Fahrgast, der sich ein wenig zu früh am Bahnhof eingefunden hatte. Der Fremde grübelte stumm und einsam vor sich hin. Sorgen und Hoffnungen, wie sie mich jetzt schon seit langer Zeit heimsuchen, dachte er, sind im Grunde wohl eine Art Schutzwehr gegen den Verfall und die Aus- wieviel Alkoholgrade der einzuführende Cognac haben darf, und welchen Inhalt die Flaschen haben müssen. Wehe, wenn auch nur K Prozent zuviel Alkohol in der Flasche ist! Um dies zu prüfen, muss vor der Abfüllung eine Probeflasche genau gewogen werden. Auch die Korken und Verschlüsse, sowie die Verpackungen sind, je nach den Ländern, verschieden. Welches Getränk ausser dem Cognac könnte von sich behaupten, dass es wie dieser in die entferntesten Winkel aller Kontinente eingedrungen ist? «Sehen Sie hier den Beweis » — und mein Führer Hess mich einen Blick werfen in den Verpackungsraum, wo mit glühenden Eisen in die Kisten die Namen von Städten und Ländern eingebrannt werden, die ich zum Teil erst auf dem Atlas heraussuchen muss. E. M. Der Gruss aus dem Dunkel Von Waldemar Bonseis. schweifung des Gefühls. Mehr als fünfzig Jähre lebe ich nun, so oder so, und da ziemt - es" sich nicht mehr recht, mit Worten und Begriffen wie « einsam », « traurig » oder « sehnsüchtig > das gewappnete Herz zu erweichen, zu erniedrigen oder zu bedrängen. Nein, im Gegenteil, so war es immer schon, einsam, traurig, sehnsüchtig. Es war nie anders. Nur wer das Leben nicht kennt, wer gewissermassen neben ihm her, ohne Empfindungskraft und ohne hohe Forderung, seine Tage verbringt, vermeint, es sei anders. Neben dem Leben ist es auch anders, mitten im Leben selbst dagegen nicht. Wären ein paar andere Gäste in dieser öden und kaum von Licht beschlichenen Holzhalle des Bahnhofs der kleinen Stadt zugegen gewesen, darunter sogar kluge und erfahrene Menschen, die sich auf Beurteilung, Vergleich und Einschätzung verstanden hätten, so würden sie bei einer Betrachtung des Fremden etwa folgendes festgestellt haben : Dieser Mann wartet ja eigentlich gar nicht auf einen Zug, er gibt sich nur den Anschein, oder er wartet überhaupt, schon lange, schon immer. Das wäre nicht einmal so schlecht beobachtet gewesen, auch nicht schlecht in Worte gefasst, denn es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Leben lang warten. Wer einmal wirklich hat warten müssen, und noch dazu ohne rechte Hoffnung, weiss, dass Warten ein furchtbares Leid ist, ein ungreifbares, zehrendes» das die Kräfte verdirbt und den Sinn unsagbar ermüdet. Zudem Hess sich an dieser hockenden Gestalt in der Dämmerung deutlich erkennen, um so deutlicher, als es fast schon dunkel war, dass es nicht immer ein solch verlorener Ort gewesen sein konnte, an dem sie gewartet hatte. Wie rasch man doch bei verbrauchten Kleidern festzustellen vermag, dass sein Träger einmal sehr gut zugeschnittene Anzüge getragen haben muss. Nur der einfache, einfältige, der arme, arbeitende Mensch versteht, schlechte und verbrauchte Kleidung gut zu tragen. Sogenannte feine Leute können das nicht. Es ist nun einmal viel schwerer, vom behüteten, wohlgepflegten Wohnraum des Anstands und der Ordnung aus in der Gasse Halt zu finden als umgekehrt. Gottlob waren in der Wartehalle keine Leute, die sich solche Gedanken hätten machen können. Da walteten der gedankenlose, feuchte Wind, der seinen unbekannten heimatlichen Weg zog, die verhüllende Dämmerung und die Kälte; gnädige Gefährten des Verlassenen, denn er wusste, nur er spürte sie, aber sie waren barmherzig genug, von ihm keine Notiz zu nehmen. Teilnahme, dachte er, weiter vor sich hingrübelnd, die überlasst mir ; im Elend braucht man die Teilnahme nicht, sondern nur die Möglichkeit, wieder selbst teilnehmen zu können. Das wissen nur die allerbesten Menschen-, die sogenannten guten Menschen ahnen es nicht einmal. Sie neigen sich zu uns herab und zeigen uns damit nur die Tiefe, in die wir gesunken sind, unsere Verlassenheit und ihr eigenes Glück, das zornig macht. Wer kann durch äusserliche Wohltat Güte in ein elendes Herz zaubern ? Zeig ihn mir ! Da, durch den Eingang, der zur Strasse führte, kam es rasch und niedrig am Boden hereingehuscht, lief durch die Wartehalle und F E U I I L O E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Wenn die grause Pest die Erde entvölkert, fragt niemand, wer hat Schuld an dem Ausbruch der Krankheit. Der Krieg ist furchtbarer als die Pest, grauenhafter, verderblicher. Er ist eine Krankheit, die die Geister ergriffen hat, und die die Körper hinschlachtet. Es mag Schuldige geben, die den Ausbruch dieser Krankheit gewünscht, beschleunigt haben. Aber die Völker sind schuldlos, und ich bemitleide den französischen Poilu nicht weniger als den deutschen Muskoten, der im Schützengraben zugrunde gehen muss. Das ist in Ihren Augen vielleicht ein grosses Unrecht, aber der Mensch kann nichts für die Ueberzeugungen, die in ihm mächtig werden. Trotzdem, ich tue jetzt, was ich tun wollte, als ich aus Amerika herübergekommen war; ich gehe in den Schützengraben. Und ich werde im Schützengraben das tun, was das Vaterland von mir verlangt; kämpfen, töten. Und — mich töten lassen. Das vor allem. Ich werde Sie nicht mehr wiedersehen, Herr Oberst. Ich danke Ihnen für das Wohlwollen, das Sie mir entgegengebracht, für das Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben. Ich habe getan, was ich konnte. Es war, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, vielleicht falsch, aber der Mensch kann sich nicht den Platz, auf den er gestellt wird, aussuchen; seine Pflicht ist, diesen Platz auszufüllen. Das habe ich getan. Jetzt verlasse ich diesen Platz, auf dem für mich nichts mehr zu leisten ist, und sage Ihnen Dank und Lebewohl.» Das Reserveregiment 218 ging nach zehn Ruhetagen wieder in Stellung. Oberst von Brandenstein hatte es auf die dringende Bitte Eberhards durchgesetzt, dass dieser ohne weiteres eingereiht wurde; der Infanterist Gottfried Bauer marschierte an dem heissen Septembertag in Reih und Glied mit achthundert anderen Infanteristen westwärts. An die Front. Es war ein trauriger Marsch, und je näher man den vorderen Linien kam, desto trauriger wurde er. Eine Staubwolke hüllte das marschierende Regiment ein. Ohne Tritt, schweigend marschierte man weiter, frass den Kalkstaub in sich, hörte, wie das Krachen aus tausend Feuerschlünden immer lauter, immer furchtbarer wurde. Flieger zeigten sich in der Luft, englische, französische Flieger; die Mannschaften kannten sie schon am Bau ihrer Flugzeuge. Deutsche Abwehrflieger kamen ihnen entgegen, mussten sich nach kurzem Kampf zurückziehen. Denn der anderen wurden immer mehr; es war, als wüchsen sie aus dem tiefen Blau des Himmels heraus. Immer mehr, immer mehr! Die erste Bombe explodierte vor dem marschierenden Regiment und riss ein Loch in die weisse Strasse. Der Major Hess ausschwärmen; zu beiden Seiten der Strasse warfen sich die Leute ins verstaubte Gras. Noch ein paar Bomben, die keinen Schaden taten. Dieses Häuflein Infanteristen interessierte die Flieger offenbar nicht; sie suchten die eingebaute Artillerie, die allerdings noch eine hübsche Anzahl von Kilometern vor dem Regiment lag. Weiter! Als Eberhard an einem der frisch aufgerissenen Löcher in der Strasse vorbeimarschierte, spuckte sein Nebenmann zur Rechten in das Loch. Eberhards Kamerad zur Linken lachte. «Junge, Junge, wat für Zicken! Biste noch immer abergläubisch? Nach anderthalb Jahren Westfront?» «Det vastehste nich, Heinrich! Det is'n Ausdruck der Verachtung für die feigen Luders da oben. Wenn ick Zeit hätte, ick hätt' wat anderes in det Loch jetan, alsmanbloss Spucke!» / Weiter, weiter! Es wurde Abend, als man die ersten eingebauten Artilleriestellungen erreichte. Man ahnte sie mehr, als dass man sie sah; man fühlte, dass man ihnen nahe war, wenn einen der Luftdruck beinahe zu Boden warf. Das feindliche Feuer war augenblicklich nicht besonders stark, nur da und dort flog eine Erdwelle in die Höhe, ohne Schaden anzurichten. Weiter, weiter! Es wurde Nacht, und man tappte vorwärts. Jetzt sah man das Aufblitzen aus den verdeckten Geschützrohren, jetzt hörte man den Einschlag der feindlichen Geschosse und das Krachen auch von der feindlichen Front. Scheinwerfer stachen hell in die Luft, rasten einen Abschnitt ab, erloschen. Leuchtkugeln sprangen wir rasche Vögel in die Luft, blieben ein paar Augenblicke stehen, rot, blau, grün, zersprühten. Es war sehr schwer, vorwärtszukommen. Tiefe Granattrichter mussten in der Dunkelheit umgangen werden. In Gräben stolperte man, in tiefe Pfützen trat man bis über die Knie. Dann ging langsam und aschfahl der Mond auf und goss ein gespenstisches Licht über die trostlose Oede und scheinbare Verlassenheit dieses Teils de« Schlachtfeldes. Aber je heller es wurde, desto dichter kam das Feuer von der feindlichen Seite. Der Major zog die Kette der Marschierenden möglichst auseinander. (Fortsetzung folgt J