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E_1934_Zeitung_Nr.009

E_1934_Zeitung_Nr.009

BERN, Freitag, 2. Februar 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N» 9 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Frelta« Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich FT. 5.-, jährlich Ft. 10.—. Im Ausland unter PortoraiseMag, ••fern nicht pwtamtlicb bestellt. Zuschlag für postamtliehe Bestallung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrninstr. 97, Bern Rappen. PostchecU-Hechnung 111/414. Telephon 28.222 Talecrunm-AdreMe: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inmratensehluss 4 Tage vor Enebeinen der Nummern Der Autotourismus im Jahr 1933 227,465 ausländische Automobile sind 1933 2u vorübergehendem Aufenthalt in die Schweiz eingefahren und mit ihnen rund 680,000 fremde Gäste. Zahlen, die weit herum, auch im Ausland, aufhorchen lassen und wohl den verbissensten Autogegner zur Ueberzeugung bringen dürften, dass es heute böse, bitterböse in unserer Hotelindustrie aussehen würde, wenn das oft arg verschriene Auto nicht zu solch einem vorzüglichen Lückenfüller geworden wäre. 948,000 Personen sind in den ersten acht Monaten des Jahres 1933 in Italien zu vorübergehendem Aufenthalt per Automobil eingereist, so meldet das italienische Reichsamt für den Fremdenverkehr. Rechnet man noch die Frequenz der letzten vier Monate des Jahres dazu, so wird man bei etwa 1,250,000 Personen angelangt sein, d. h. Italien ist heute zweifellos dasjenige Land Europas, das den grössten internationalen Automobilreiseverkehr aufzuweisen hat und wohl auch in den nächsten Jahren aufweisen wird. Seine kluge Verkehrspolitik, bestehend in gut ausgebauten Strassen, steuerfreiem Aufenthalt, keinen allzu einschränkenden Verkehrs- und Zollvorschriften, der Schaffung leicht erhältlicher Zolldokumente, gutem Autopropagandamaterial, interessanten touristischen Veranstaltungen, guten und billigen Garagierungsmöglichkeiten, einer ausserordentlichen autofreundlichen Einstellung der Bevölkerung etc., all diese Faktoren haben Italien reibungslos das gesteckte Ziel, zum ersten Automobilreiseland Europas zu werden, in kurzer Zeit erreichen lassen. Denn die Zeit ist noch nicht lange her, wo unser südlicher Nachbar ziemlich nach der Schweiz in dieser Rangordnung placiert war. Aber auch Frankreich dürfte heute der Schweiz im internationalen Automobilreiseverkehr den Rang abgelaufen haben. Die Zahlen für 1933 liegen zwar noch nicht vor, aber wenn sich die 1932er Frequenz ziemlich verstärkt hat, figuriert Frankreich an zweiter Stelle ziemlich vor der Schweiz. Auch in Deutschland findet der Autötourismus heute grösste Förderung. Nach den letzten Angaben waren in der Zeit vom 1. Juli 1932 bis 30. Juni 1933 130,442 fremde Automobile in Deutschland eingefahren. Schon diese wenigen Zahlen zeigen, dass, so erfreulich das Resultat unseres internationalen Automobilreiseverkehrs an sich ist, dessen Weiterentwicklung mit besonderer Sorgfalt von allen beteiligten Kreisen verfolgt werden muss. Ueber die Entwicklung des Automobilreiseverkehrs in den letzten 20 Jahren orientiert die nachstehende Tabelle. Der Autoiourismus im Laufe der Jahre. «I n 1 I II I ff 1 1909 ? ? — 6.742 1910 ? ? — 7 003 1911 ? ? — 7.910 1912 ? ? — 8.766 1913 4.539 6.003 — 10.542 1914 2.339 3.372 — 5.711 1919 134 795 ~ 929 1920 1.103 2.286 — 3.389 1921 2.214 2.902 — 5.116 1922 3.277 4.007 — 7.284 1923 6.141 3.990 — 10.131 1924 9.954 4.122 7.840 21.916 1925 15.078 5.125 16.177 36.380 1926 19.171 5.160 25.716 50.047 1927 27.762 5.714 45.428 78.904 1928 41.333 6.231 56.066 103.630 1929 59.081 6.508 65.624 131.213 1930 73.803 8.511 81.270 163.584 1931 77 630 8.935 90.108 176.673 1932 66.718 9.589 118.305 194.613 261 907 856 1.776 4.831 860 2.460 1.727 2.168 2.847 --11.785 + 14.464 - - 13.667 - - 28.857 + 24.726 + 27.583 --32 371 --13.006 + 17.673 32.853 1933 72.487 10.701 144.277 227.465 1928, wo der Autotourismus bereits sehr «en vogue» war, betrug die Zahl der eingefahrenen Wagen noch 103,630, nach fünf Jahren hat sich deren Zahl mehr als verdoppelt; gegenüber dem Vorjahr sind es 1933 rund 33,000 Wagen mehr. Und zwar haben, mit Ausnahme des regnerischen Mai, alle Monate mit zum Teil recht erklecklichem Plus aufgewartet. Rund 25 Prozent aller eingefahrenen Wagen entfallen auf den Monat August. Auffallend ist aber auch, dass ausser dem September und Juli auch der Oktober mit einem äusserst stattlichen Kontingent aufwartet, das nahe an dasjenige des Mai oder Juni herankommt. Es ist schon wiederholt an dieser Stelle darauf hingewiesen worden, dass die Einführung der provisorischen Eintrittskarte für Motorfahrzeuge, die anfänglich für fünf Tage, heute aber für 10 resp. 20 Tage Aufenthalt gültig ist, ein Wesentliches zur Förderung des internationalen Automobilreiseverkehrs beigetragen hat. Die nachstehende Statistik zeigt denn auch, dass nach einem gewissen Stillstand in den Jahren 1928 bis 1931 die Benützung dieses Zolldokumentes wieder stark im Kommen ist. Ihr Anteil stieg seither von 50 auf 63 Prozent, während die Inan- Prozentualer Anteil der verschiedenen Einreisedokumente. 1924 1925 192« 1927 1928 1929 1930 1931 1932 1933 7.840 4.122 9.954 35,8% 18,8% 45,4% 16.177 5.125 15.078 44,5% 14,1% 41,4% 25.716 5.160 19.171 51,4% 10,3% 38,3% 45.428 5.714 27.762 57,4% 7,3% 35,3% 56.066 6.231 41.333 54,3% 5,8% 39,9% 65.624 6.508 59,081 50.0% 5,0% 45,0% 81.270 8.511 73.803 50,0% 5,0% 45,0% 90.108 8.935 77.630 51.0% 5.0% 44.0% 118.305 9589 66.718 61,0% 5.0% 34,0% 144.227 10.701 72.487 21.916 100% 36.380 100% 50.047 100% 78.904 100% 103.630 100% 131.213 100% 163.584 100% 176.673 100% 194.613 100% 227.465 100% 63,0% 5,0% 32,0% spruchnahme des Triptyks und Grenzpassierscheinheftes scheinbar einen starken Rückgang von 45 auf 32 Prozent aufzuweisen hat. Zwar nur scheinbar, denn die Statistik des internationalen Automobilreiseverkehrs der Schweiz leidet unter einer gewissen Unvollständigkeit, indem, wie hier wiederholt ausgeführt wurde, die Einreisen mit Triptyks ulid Freipass nicht vollständig gezählt werden, sondern die Statistik erfasst nur die erste Einreise, während es sich vielleicht durchschnittlich um mindestens drei bis vier Einfahrten handeln dürfte. Nimmt man an, dass pro 1933 von den 72,487 Einreisen mit Triptyks und Grenzpassierscheinheften nur 30,000 auf solche mit Triptyks fallen und addiert man dazu die 10,701 Freipasseinreisen, so lässt sich ersehen, dass wohl 1933 zirka 100,000 bis 120,000 mehr Grenzübertritte stattgefunden haben als die Statistik ersehen lässt. Es ist daher sehr erfreulich, dass die Eidg. Oberzolldirektion nun inskünftig alle Einreisen mit Triptyks oder Freipass in ihre Zählungen mit einbezieht, selbst auf das Risiko hin, dass bei diesen Zählungen 50 oder 100 Wagen nicht erfasst werden, denn die Statistik ist dann doch immerhin wesentlich zuverlässiger als dies heute der Fall ist. Damit ändern sich dann logischerweise auch die Angaben über die Herkunft der fremden Autogäste, welche Zahlen besonders für die Fremdenverkehrspropaganda der Schweiz im Ausland von grösster Bedeutung sind. Es steht ausser Zweifel, dass nach Vorliegen dieser ergänzenden Daten die Propaganda-Aktionen zum Teil ganz erheblich umgestellt werden müssen. Und nun die wirtschaftliche Auswirkung! Die bisherigen Erfahrungen, gestützt auf lokale Erhebungen, zeigten, dass mit einer durchschnittlichen Besetzung der Wagen mit drei Insassen gerechnet werden kann. Ferner ist von Seiten der Eidg. Oberzolldirektion verlautbart worden, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beim Triptyk 7 bis 8 Tage, beim Grenzpassierscheinheft 8 bis 9 Tage, bei der provisorischen Einreisekarte \ l A bis 2 Tage betrage. Für den Freipass wird man, wie beim Carnet, mit 8 bis 9 Tagen pro Jahr rechnen dürfen. Es ergäbe sich somit folgende Berechnung der in Betracht kommenden Aufenthaltstage: Einreisen mit provisorischer -Einreisekarte: 144 277 X 3 X 2 865 700 Einreisen mit Freipass: 10 701 X 3 X 8,5 272 900 Einreisen mit Triptyks oder Grenzpassierscheinheft: 72 487 X 3 X 8,5 1 848 400 Total Aufenthaltstage 2 987 000 Legt man der Berechnung ferner eine mutmassliche tägliche Durchschnittsausgabe von 25 Fr. zugrunde, die sich auf Hotelspesen, Garagekosten, Einkäufe diverser Art, Ausgaben für Brennstoff, Oel, Schmieren und Wagenwaschen, Trinkgelder und sonstige Spesen bezieht, so ergibt sich für die rund 3 Millionen Aufenthaltstage eine Totalausgabe dieser 227,465 eingefahrenen Automobilisten von rund 75 Mill. Fr. Um diese 75 Mill. Fr. stellt sich die schweizerische Handelsbilanz durch den Autotourismus günstiger. Schon diese Feststellung allein sollte Anlass dazu geben, den internationalen Automobilreiseverkehr möglichst zu fördern. Berücksichtigt man ferner die Rekordzahlen Italiens und Frankreichs, wo die Einreise ausländischer Autos einen enormen Aufschwung genommen hat, so werden sich alle beteiligten Kreise rasch darüber einig werden müssen, dass in der Schweiz in dieser Beziehung noch viel unternommen werden sollte. Der Mittel und Wege gibt es viele. Es seien vor allem genannt: 1. Haftpflichtversicherung. Von der Erhebung einer Prämie an der Grenze für die im eidg. Automobilgesetz vorgesehene obligatorische Haftpflichtversicherung für Ausländer muss unbedingt abgesehen und die Prämiendeckung auf anderem Wege gesucht werden (Benzinzoll). 2. Intensive Bearbeitung der Auslands- Clubs. Werden einmal alle einreisenden Autos von der Statistik erfasst, so wird sich ergeben, dass Triptyks und Grenzpassierscheinhefte in weit grösserer Zahl Verwen- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (45. Fortsetzung) Der Oberst schwieg lange. Dann sagte er müde: «Ja — wenn nicht wir allein es wären, die zusammengebrochen sind! Aber die anderen, die Sieger! Ich glaube heute nicht mehr an die Möglichkeit des ewigen Friedens!» «Dann freilich wären die Millionen umsonst gestorben!» Der Oberst wechselte das Gespräch. «Was gedenken Sie nun zu tun, Herr Graf?» «Ich bin noch unentschlossen. Vielleicht kehre ich nach Amerika zurück. Aber ich mfisste meinen alten Pass wiederhaben.» «Der wird in unserem Archiv vorhanden sein! — Dass Ihr Herr Bruder gestorben ist, das wissen Sie?» «Ja. Ich weiss es. Ich habe einmal einen Augenblick daran gedacht, ob ich mich nicht meiner Schwägerin zur Verfügung stellen soll. Das Gut ist ziemlich herabgewirtschaftet, wie mir Egbert selbst erzählt hat — vielleicht Hesse es sich für die Kinder wieder hochbringen!» «Das wird nicht möglich sein, denn Hatzberg werden sich die Polen nehmen !> Eberhard sah den Obersten verständnislos an. «Erzählen Sie mir doch aus der letzten Zeit Ihres Agentendaseins», bat der Oberst, wohl nur, um das Gespräch auf andere Dinge zu bringen. «Mein Agentendasein — lieber Himmel! Wie viele Ewigkeiten liegen zwischen heute und jener Zeit!» «Und Frau Mercedes ist wirklich erschossen worden?» «Ja», sagte Eberhard tonlos, «sie ist wirklich erschossen worden. Und mich hat man gezwungen, zuzusehen! Welcher Widersinn schuf das Schicksal dieser Frau! Wofür ist sie eigentlich gestorben? Für den gleichen Wahnsinn, für den die Millionen Deutsche, Franzosen, Oesterreicher, Engländer, Italiener sich haben totschiessen, zerfetzen, zerreissen lassen!» «Und Ihre Landung im Gleitflug? Das müssen doch entsetzliche Augenblicke gewesen sein!» «Gar nicht! Wenn man mit dem Leben so fertig ist, wie ich, hat man wenigsten den einen Vorteil, dass man ohne Bedauern stirbt.» «Mit dem Leben fertig, Hatzberg? Das sind Sie noch lange nicht!» «Doch. Ich bin es. Schon seit ich nach Deutschland zurückkam. Völlig wurde ich es allerdings in dem Augenblick, als Mercedes vornüberfiel und ohne Regung auf ihren gefesselten Händen liegenblieb.» «Sie haben den Tod im Schützengraben gesucht!» «Ja. Aber eben deshalb scheint er mich gemieden zu haben!» Eberhard erhielt seinen Pass als amerikanischer Staatsbürger. Er Hess sich Geld von seiner schwedischen Bank kommen. Equipierte sich. Fuhr nach Schlesien. Um Hatzberg wirtschafteten bereits die Polen. Seiner Schwägerin, seinem Neffen und seinen Nichten war er ein Fremder, dem sie mit einer gewissen Scheu und einem offenkundigen Misstrauen gegenübertraten. Eberhard Hatzberg war der Mensch, der aus dem Geleise gesprungen war. Das wussten sie und konnten es nicht begreifen. Seine Schwägerin war entschlossen, das Gut an einen Polen zu verkaufen; sie musste ja damit rechnen, dass dieser Teil Schlesiens an Polen fallen würde. Eberhard dachte, es würde sich vielleicht lohnen, das Gut als deutsches Besitztum zu halten, aber er besass die Mittel nicht, es zu erwerben. Und vielleicht lohnte es sich auch gar nicht, zu kämpfen. Alles, was sich in diesen Wochen begab, musste seine Hoffnungslosigkeit noch wesentlich verstärken. Zwar schien im Reiche die gemässigte Richtung den Sieg davonzutragen, wenigstens vorläufig, und es hatte den Anschein, als ob der Bügerkrieg vermieden werden könnte. Als der Verkauf von Hatzberg perfekt geworden war, reiste Eberhard ab. Er hatte in Deutschland nichts mehr zu suchen. Auf der Fahrt nach Rotterdam suchte er in Berlin den Obersten Nicolai auf, der nicht weniger hoffnungslos in die Welt sah, wie in den Tagen nach dem Zusammenbruch. Er hatte nur eine Neuigkeit, die Eberhard einjgermassen interessierte. Der Oberst Mjassojedow war, wie jetzt bekannt wurde, im Jahre 1917 in Petersburg standrechtlich erschossen worden. «Er war ein wirklicher Schurke», sagte der Oberst. «In seinen Fall hat er auch noch einige andere Vertrauensleute verwickelt, die in Schweden sassen und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden.» «Man darf nicht richten», meinte Eberhard nachdenklich. Und dann verabschiedete er sich von dem Obersten, der ihm eigentlich ein Freund gewesen war. Auf der Fahrt nach Rotterdam zog er das Fazit seines nunmehr fast vierjährigen Aufenthaltes in Europa. Was habe ich gewollt, fragte er sich, und was habe ich erreicht? Ich kam in der Absicht, mein Leben für das Vaterland einzusetzen. Diese Absicht war ehrlich, rein, schön. Ich Hess mich herbei, statt mich in die Masse Mensch einzugliedern, ein « geheimer Kämpfer» zu werden