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E_1934_Zeitung_Nr.019

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BERN, Freitag, 9. März 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 19 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dlrartag and Freitag Monatlich „Gtlb* Ltote" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozmchlac REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Mfern nicht pcxtamtlleb bestellt. Zusehlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Recbnung HI/414. Telephon 28.222 T«tecruu»-AdrMM: Autoren», Bern Das Schneeräumungsproblem im Hinblick auf die künftige Offenhaltung unserer Alpenpässe im Winter. Von Prof. Ing. E. Thomann, E. T. H. Zürich. « Der Julier ist dem Automobil geöffnet.» Diese kurze Notiz, die vor einigen Wochen die Runde durch den Blätterwald genommen, hat in der ganzen Schweiz und zum Teil auch im Ausland ein starkes Echo gefunden. Was sich mancher erträumt, ist dadurch zur Möglichkeit geworden; eine Fahrt durch eine wundervolle, verschneite Hochgebirgslandschaft nach den grossen Wintersportplätzen des Engadins. Diese Notiz, diese Tatsache hat genügt, ein grosses Publikum, direkt oder indirekt interessierte Kreise, Automobilisten und Fremdenindustrielle für das Schneeräumungsproblem zu interessieren; über die Möglichkeit der Offenhaltung unserer Alpenpässe im Winter zu diskutieren. Man hat dabei vielfach übersehen, dass es sich durchaus nicht um ein neues Problem handelt; hat doch die eidg. Postverwaltung schon seit Jahren und unter grossen Opfern Versuche mit modernen Schneeräumungsmaschinen durchgeführt; hält sie doch ebenfalls schon seit Jahren den Malojapass offen, und zwar mit dem grossen Erfolg, dass sich von Winter zu Winter die Zahl der aus Italien durchs Bergell ins Engadin einfahrenden Wintergäste stark vermehrt *). Und nicht nur die schweizerische Postverwaltung hat auf diesem Gebiete bereits Pionierarbeit geleistet; auch verschiedene unserer kantonalen Verwaltungen, nämlich von Kantonen, die sich jeden Winter eines besonderen Schneereichtums rühmen dürfen, wie etwa die Kantone Appenzell, Neuenburg, St Gallen und andere, haben auf diesem Geriete schon grosse Opfer gebracht und ebenso grosse Erfahrungen gesammelt. E?as Problem als solches ist also nicht neu; die geleistete Pionierarbeit ist eben nur, wie das mit so vielen Dingen zu geschehen pflegt, vom grossen Publikum, wenn nicht direkt übersehen, so doch als eine gegebene, selbstverständliche Tatsache registriert und hingenommen worden. Das Problem ist also nicht erst mit den Versuchen am Julier entstanden; ist also nicht neu für uns Schweizer *) Siehe < A.-R. » Nr. 99, 1. Dezember 1933: « Das Auto im Winter auf den Alpenstrassen » von Ing. R. Endtner, Postkursinspektorat. und ebensowenig neu für die umliegenden Staaten. Italien hat dieses Jahr bereits seinen zweiten internationalen Schneeräumungswettbewerb durchgeführt, Frankreich gar den vierten. Und diese Feststellung hat unstreitig ihre Bedeutung; in dem Sinne nämlich, als sie uns deutlich zeigt, dass nicht nur wir versuchen, durch Offenhaltung unserer Alpenpässe im Winter unserer, von allen Seiten bedrohten Fremdenindustrie frisches Blut zuzuführen, sondern dass ähnliche, vielleicht sogar schon weiter gediehene Bestrebungen auch im Ausland im Gange sind. Wer während des diesjährigen internationalen Wettbewerbes für Schneeräumungsmaschinen in Cortina d'Ampezzo gewesen, konnte jedenfalls diesbezüglich verschiedene recht instruktive Feststellungen machen. Einmal hat er ein mit ausländischen Gästen überfülltes Cortina d'Ampezzo vorgefunden; eine Gästezahl, die unmöglich nur die graziöse Dolomitenbahn da hinauf hat befördern können. Der grosse Zuzug kam per Auto. Die Strasse ist von Belluno bis Cortina und über Cortina hinaus bis Carbonin und Dobiaco vom Schnee freigehalten. Nicht nur das; die Falsärego-Passstrasse ist bis VerVei, die Tre Croci-Strasse bis Tre Croci dem Automobil und, was wesentlich ist, auclr dem grossen Autobus freigegeben; mit anderen Worten: der Skifahrer kann bequem die Ausgangspunkte der schönsten Skiabfahrten entweder im eigenen Wagen oder per Autobus erreichen, eine Attraktion, die ihren grossen Reiz hat und daher ihre Anziehungskraft, wie die Frequenz zeigt, nicht verfehlt. Dazu kam der Schneeräumungswettbewerb, der mit grossem Interesse verfolgt wurde und der wohl in erster Linie den Behörden die Möglichkeit geben sollte, die leistungsfähigsten Schneeräumungsmaschinen herauszufinden; Maschinen, die sich für die vorliegenden, besonderen Schneeverhältnisse ganz besonders eignen, dabei mit geringen Betriebsspesen arbeiten und doch eine optimale Leistung erzielen; und zwar wird offensichtlich nichts unversucht gelassen, die nationale Maschinenindustrie zu diesem Zwecke heranzuziehen, für dieses Problem zu interessieren. Und wenn diese und nachfolgende Versuche abgeschlossen sein werden, dann dürfte Italien daran gehen, eine grössere Zahl der schönsten Dolomitenstrassen auch im Winter dem Automobil frei zu halten, um sich dadurch einen grösseren Zuzug an Wintergästen zu sichern. Die Schneeverhältnisse liegen wohl gegenüber denjenigen unserer Alpenpässe nicht wesentlich verschieden; dieses Jahr dürfte beispielsweise in den Dolomiten mehr Schnee gefallen sein als vielleicht in unseren Gebirgsgegenden. Anlässlich des schon erwähnten Wettbewerbes lag auf den den Versuchen dienenden Strassen der Schnee noch zwischen 70 cm und 1 m hoch, an gewissen Stellen noch bedeutend höher. Das scheint aber dem Wettbewerbskomitee nicht genügt zu haben, da wohl zu gewissen Jahreszeiten auch auf den Dolomitenpässen viel grössere Schneemengen zu erwarten sind und die Wettbewerbsresultate diesen möglichst angepasst werden sollten. So ist aufs sorgfältigste eine künstliche Schneepiste geschaffen worden, ca. 750 m lang, 4 m breit und mit stufenweise zunehmender Höhe von 0,70 bis 3 m. Auf dieser Piste sollten vornehmlich die schweren Motorpflüge und Schneeschleudern auf ihre Leistungsfähigkeit und Stosskraft geprüft werden, sollte das von jeder Wettbewerbsmaschine innert einem gewissen Zeitraum abgeräumte Schneevolumen festgestellt werden, dazu die Vortriebsgeschwindigkeit und die Schneehöhe, bei welcher die Maschine von der Schneemasse endgültig blockiert wird. Wenn auch durch die Anlage einer solchen künstlichen Schneepiste die von der Natur sich bildenden, unendlich vielen Variationen und Faktoren unterworfenen Schneeverhältnisse nicht nachgeahmt werden können (was auch gar nicht bezweckt war), so war damit immerhin die Möglichkeit gegeben, wertvolle Vergleichszahlen zu erhalten, da sich die Versuche für alle Maschinen unter vollständig identischen Verhältnissen durchführen Hessen. In diesem Sinne sind auch die Ergebnisse der Wettbewerbsversuche von Cortina d'Ampezzo zu werten. Niemals aber wird man daraus endgültige Schlüsse ziehen dürfen über die grössere Leistungsfähigkeit dieser oder jener Maschine. Wie schon angedeutet, unterliegen die Schneeverhältnisse von Ort zu Ort, von Höhenlage zu Höhenlage, von geotopographischer zu geotopographischer Lage so grossen Variationen, dass nur durch jahrelange Beobachtungen und Versuche sich einwandfrei die INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe GnindzeUe «dar deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; (Ur Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grotten Inserate nach Seitentarit. (•seratentehlnn 4 Tage vor Ericheinen der Nummern sich für gegebene Verhältnisse günstigste Schneeräumungsmaschine bestimmen lassen wird; eine Tatsache, die demjenigen, der sich schon intensiv mit Schneeräumungsarbeiten befasst hat, nur zu gut bekannt ist. Wir dürfen daher Ergebnisse solcher Wettbewerbsversuche, welcher Art sie auch seien und welches auch ihr Ergebnis sei, nicht ohne weiteres auf andere Strassen, auf welchen die Schneeverhältnisse ganz anderer Art sein können, übertragen. Jedenfalls ist eine gewisse Vorsicht am Platze. Gerade diese Wahrheit hat sich auch mit den diesjährigen Versuchen am Julier deutlich offenbart. Trotz der viel grösseren Höhenlage scheint nach den gemachten Erfahrungen die Schneeräumung am Julier dank besonderer klimatischer und geographischer Verhältnisse auf viel, geringere Schwierigkeiten zu stossen als beispielsweise gewisse Strecken der Maloja- resp. Bergellerstrasse derselben entgegenstellen. Das Problem ist also in erster Linie ein rein technisches und als solches heute, trotz den bisherigen Erfahrungen und Anstrengungen, noch lange nicht erschöpft; ich möchte sagen, noch in seinem Anfangsstadium. In dieser Ueberzeugung haben mich die Versuche in Cortina d'Ampezzo noch bestärkt. Man ist dort dem Gefühl nicht losgeworden, dass der Wirkungsgrad aller im Wettbewerb stehenden Maschinen, welcher Bauart sie auch gewesen, durch eingehendes Studium und eingehende Versuche jedenfalls noch bedeutend erhöht werden könne, dass Unsere Salon-Nummern. Uni uns die prompte und ausführliche Berichterstattung über den Genfer Salon zu ermöglichen, erscheint die «Automobil-Revue » während der Ausstellung voraussichtlich mit folgenden, den Genier Veranstaltungen gewidmeten Ausgaben : Dienstag, den 13. März. Freitag, den 16. März. Samstag, den 17. März. Montag, den 19. März. Dienstag, den 20. März. Donnerstag, den 22. März. Freitag, den 23. März. Wir bitten Mitarbeiter und Inserenten von diesen Daten Kenntnis zu nehmen. Ueber den Redaktions- und Inseratenschluss geben unsere Bureaux von Bern, Zürich und Genf gerne Auskunft. F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (9. Fortsetzung) Die kurzsichtigen Augen des neuen Besuchers wanderten mit steifen Verbeugungen von einem zum anderen. Sie selbst eine unansehnliche flachbrüstige Person mit einem Rattenschwanzknoten im Genick, funkelnagelneue, glänzende weisse Glacehandschuhe an den Händen, begleitete alles, was sie sagte oder hörte, mit einem verlegenen Lächeln. Aber im Verlaufe des Abends versöhnte man sich bald mit ihrem etwas schweigsamen Gatten, denn er verkehrte mit seiner unschönen, nichtssagenden Frau in einem fast übertrieben liebevollen Ton. So oft bei Tisch ein Satz mit «Liebchen» oder «Herzchen» begann, wusste man, Herr Dr. Heckmann hatte das Wort. Genau so flötete sie mit einem verlegenen Lächeln ihr «Paul» heraus, wenn sie zu ihrem Manne sprach. Noch keine Viertelstunde sass man am Tisch, und es wurde den Anwesenden mitgeteilt, dass sie eine Liebesheirat seien. In einer Eck« der Halle war ein kleiner runder Tisch gedeckt, und den armen enttäuschten Jul beglückte es wenigstens, dass in der Mitte des Tisches sein Rosenstrauss prangte, den sie selbst hingestellt hatte. Dann hatte der Strauss noch das Gute, dass er nicht immer das nichtssagende Gesicht von Frau Dr. Heckmann mit seinem ewig verlegenen Lächeln sehen musste. Die weissen Glacehandschuhe an den Händen, begann sie zu essen, bis ihr ihr Gatte mit den Augen einen verstohlenen Wink gab. Unter der Tischplatte zerrte sie sie krampfhaft herunter. Aber der äusserlich nichtssagende Eindruck, den der Assistenzarzt machte, wurde ausgeglichen durch die Lobesworte, die ihm Dr. van der Witte spendete. Bescheiden wehrte Dr. Heckmann ab. Der Herr Professor gehe zu weit, er selbst habe heute nur eine Aufgabe, Herrn Professor van der Witte so lange wie möglich an Wien zu fesseln. Damit erweise er der Wissenschaft den grössten Dienst. Da war es das erstemal, dass Jul lebhaft in das Gespräch eingriff. Jawohl! Jawohl! Die Wiener medizinische Schule könne eine solche Leuchte der Wissenschaft nicht entbehren! Auch seien die gegenseitigen wissenschaftlichen Anregungen für beide Teile sicherlich sehr wertvoll, kurzum, es sei geradezu eine geistige Verpflichtung, die Herr Dr. Heckmann übernehme, Herrn Dr. van der Witte möglichst lange Wien zu erhalten. Die Damen nahmen an dem Gespräch keinen Anteil. Leise flüsternd unterhielten sie sich untereinander, nur als Jul mit begeisterten Worten für einen möglichst langen Aufenthalt 4«s Hausherrn im Interesse der Wissenschaft eintrat, wendete die Hausfrau für einen Augenblick den Kopf, um sogleich wieder das Gespräch mit ihrer verlegen lächelnden Nachbarin aufzunehmen. Jul beteiligte sich an der Unterhaltung der Herren, aber mit seinen Ohren und verstohlenen Blicken war er unauffällig mehr bei der Dame des Hauses. Das Dessert wurde aufgetragen. Mit halbem Ohr hörte er, wie Frau Dr. Heckmann in ihrer spiessbürgerlichen Neugierde Frau van der Witte vor allem über das Leben «drüben» ausfragte. Ob es wahr sei, dass man sich dort als Haustiere gezähmte Krokodile halte, so ungefähr, wie hier ein Foxterrier, und wie gebratene Kolibris schmekken? Und ob die Frauen der eingeborenen Neger auch schwarz seien? Schrecklich! Mit Ungeduld erwartete Jul das Ende der Mahlzeit, die ihm so gar keine Freude bereitete. Er hatte es sich anders vorgestellt. Plötzlich erhob sich Herr Dr. Heckmann, das Weinglas in der Rechten, um in einer schwungvollen Rede seinen neuen Herrn und Meister zu feiern, schliessend mit der Beteuerung, dass er, wie schon betont, alles aufbieten werde, ihn so lange wie nur möglich Wien zu bewahren, damit der Glanz seines Wissens auch zum Anteil werde der alten Wiener Schule, die es sich zur Ehre anrechne, ihn heute zu den ihrigen zu zählen. Und dies hoffentlich sehr lange. Alle hatten sich erhoben und freudig klangen die Gläser aneinander. Mit brennenden Blicken suchte Jul Frau Enids Augen. Mit einem freundlichen Lächeln nickte sie ihm zu. Frau Dr. Heckmann lächelte verlegen. Man erhob sich zum Kaffee. Die Herren in einer Ecke der Halle, die Damen in einer andern Ecke. Gelangweilt hörte er den beiden Aerzten zu, die alsbald im Fahrwasser ihrer Wissenschaft schwammen, und zum Schweigen verdammt, hörte er einem Streit über die Inkubationszeit der Schlafkrankheit zu. Gelangweilt erhob er sich und schlich zu den Damen. Aber auch dort ging es ihm nicht besser. Die Hausfrau lud ihn zwar mit einer freundlichen Handbewegung ein, bei ihnen Platz zu nehmen, aber die geistigen Ansprüche von Frau Dr. Heckmann fanden nur in albernen Nichtigkeiten Befriedigung, und als Jul das Gespräch auf die musikalischen Darbietungen der nächsten Zeit lenkte, da unterbrach sie mit der Frage, was man drüben eigentlich einer guten Köchin bezahle. Frau van der Witte verzog keine Miene, aber Jul war es eine Erlösung, als der Assistenzarzt mit zwinkernden Augen in dem weingeröteten Gesicht herüberfragte : « Wie wäre es mit dem Nachhausegehen, Liebling ? » Liebling erhob sich gehorsam. Jul aber war entschlossen, nicht vom Platze zu weichen, ehe er nicht wusste, wenn er sie zum ersten Spaziergang •wiedersehen dürfe. Sie hatte- es ihm doch ver-