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E_1934_Zeitung_Nr.015

E_1934_Zeitung_Nr.015

BERN, Freitag, 23. Februar 1934 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 15 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Eneheint jaden Dienstag and Freit»« Monatlich „Gelbe List«" Halbjährlich Fr. 5—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern tefern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamUiche Beitellunc 30 Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Aktuelle Tagesfragen Steuertermin und Festtage. Die meisen Kantone haben die Besteuerung der Motorfahrzeuge nunmehr so geregelt, dass solche, die am 1. April in Verkehr genommen werden, nurmehr drei Viertel der gesamten Jahressteuer zu entrichten haben. Eine beträchtliche Zahl von Automobilisten beabsichtigt nun, von diesem Entgegenkommen Gebrauch zu machen und auf diesen Zeitpunkt hin ihr Fahrzeug wiederum in Betrieb zu nehmen. Geht man aber den diesjährigen Kalender durch, so wird man feststellen, dass der 1. April ausgerechnet mit dem Ostersonntag zusammenfällt. Nun möchten natürlich die meisten Wagenbesitzer die Wiedereröffnung ihrer Fahrsaison gleich mit einem Osterausflug verbinden. Es darf daher an die kantonalen Motorfahrzeugkontrollen und Verkehrsämter der Wunsch gerichtet werden, dass die Bewilligung für das zweite Quartal bereits vor den Festtagen ausgegeben wird und ausnahmsweise bereits am 30. März, also auf den Karfreitag hin, in Kraft trete. Dem Kantonsfiskus wird auf diese Weise nichts abgehen, denn in den heutigen Zeiten wird .sich kein Automobilist den Luxus leisten können, nur wegen der Ostertage noch die Steuer für das bis auf wenige Tage bereits abgelaufene erste Quartal noch nachzuzahlen. Anderseits aber bedeutet der Osterverkehr für die Hotellerie, das Gastgewerbe, die Autobranche und andere Wirtschaftszweige einen sehr wichtigen geschäftlichen Höhepunkt, der oftmals für den ganzen Monat oder sogar für einen noch längeren Zeitabschnitt den Ausschlag geben kann. Es ist daher zu hoffen, dass die kantonalen Verwaltungsbehörden für diese Gewerbe das „nötige Verständnis aufbringen und ihrerseits durch frühzeitige Abgabe der Verkehrsbewilligungen zu einem recht intensiven Osterverkehr beitragen. Mit nur etwas gutem Willen ist dies leicht möglich und es bedeutet dieses Entgegenkommen anderseits für Hunderte von Steuerzahlern eine wertvolle Unterstützung in ihrem jetzigen schweren Existenzkämpfe. Ungereimtes. Hört man Veteranen des Lenkrades aus den ersten Jahren des Automobilwesens in der Schweiz erzählen, so muten uns die Berichte an wie Erzählungen aus längst entschwundener Zeit. Und doch gehören sie bereits unserem Jahrhundert an und fallen erst in die Jahre vor dem Weltkriege, von welcher Epoche uns knapp zwei Jahrzehnte trennen. Angesichts der damaligen technischen Unzulänglichkeiten der Maschinen, den für diesen neuen Verkehr keineswegs geeigneten Strassen, dem Mangel jeglicher zweckentsprechender Verkehrsvorschriften und dem ausgesprochenen Luxuscharakter der ersten Wagen, die nur für sehr wohlhabende Leute erschwinglich waren und von diesen meistens für Ausfahrten ohne irgendwelchen Erwerbszweck verwendet wurden, war die Abneigung, ja der Hass breiter Schichten gegen diese «Teufelskarren» entschuldbar. Seither hat sowohl das Fahrzeug als der motorisierte Strassenverkehr einen einzigartigen Aufschwung und eine Verbreitung erreicht, wie sie innert so kurzer Frist nur wenigen technischen Hilfsmitteln des Menschen bisher beschieden war. Damit hat sich auch im Volk das Werturteil über das Motorfahrzeug gründlich geändert, denn ein jeder, der mit dem täglichen Wirtschaftslebeg, irgendwie in Berührung kommt, hat sich seiner Vorzüge schon in der einen oder ändern Form, bei dieser oder jener Gelegenheit bedienen können. Wenn heute daher noch gegen das Automobil gelästert wird, so ist es entweder gegen besseres Wissen oder dann ganz einfach aus Neid und Missgunst, wenn nicht eine geradezu vernichtende Weltfremdheit in Frage kommen sollte. Die Ausfälle sind denn auch so vereinzelt geworden, dass sie zu den Ausnahmen zählen. Um so mehr muss es überraschen, wenn sich heute noch Zeitungen und Redaktoren finden, die in ebenso gehässiger wie durchaus unsachlicher Weise über das Automobil vom Leder ziehen und sich dabei gar noch der Illusion hingeben, bei ihrem Leserkreis mit dieser mageren Kost Interesse zu finden. Wir wissen nicht, ob einer der vorerwähnten Beweggründe oder ein wirklich bedauerlicher Mangel an Redaktionsmaterial die «Schweizerischen Republikanischen Blätter» veranlasst hat, unter dem das geistige Niveau seines Verfassers genügend kennzeichnenden Titel: «Auf der Gummirutschi gehen Millionen futschi», gegen die Automobileinfuhr zu wüten. Der betreffende Schreiberling gerät dabei offenbar so in Wut, dass er das moderne Verkehrsmittel als «Spielzeug der Motorsucht, das nur für 25 Prozent, die es haben, eine Notwendigkeit ist» bewertet. Es hat nun ohne weiteres seine Richtigkeit, dass der Automobil-Aussenhandel seit Jahren für unser Land passiv ist. Der Umstand, dass keine inländische Personenwagenfabrik besteht, dass die Rohstoffe fehlen, zwingt uns leider, das Ausland sowohl für Fertigfabrikate, Betriebsstoffe wie auch Zubehör in starkem Masse in Anspruch zu nehmen. So betrug beispielsweise im Jahre 1932 die Einfuhr 53,7 Millionen Franken, denen nur 14,6 Millionen Franken an Ausfuhr gegenüberstehen. Wenn nun hier unsere Volkswirtschaft zu kurz kommt, so hält sich auf alle Fälle der Bund schadlos, indem er den Import mit schweren Zöllen belegt, die ihm im gleichen Jahre das kokette Sümmchen von rund 63 Millionen Franken abwarfen, das heisst, mehr als in Form von Zahlungen ins Ausland gingen. Davon aber kein Wort in den Republikanischen Blättern! Was nun die Bezeichnung «Spielzeug» anbetrifft, so genügt ein kurzer Hinweis auf die Ergebnisse der eidg. Betriebszählung aus dem Jahre 1929, um diese Ausdrucksweise zu INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle od«r deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratensehluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern kennzeichnen. Damals waren nach den gemachten Erhebungen von 71,000 Automobilen 38,900 im Dienste der statistisch erfassten Unternehmen. Dazu kommen nun noch die Tausende von Fahrzeugen, welche von Aerzten, Feuerwehr, Polizei, selbständigen Reisenden usw. notwendigerweise im Zusammenhang mit ihrem Erwerbsleben täglich gebraucht werden. Bei einer derartigen Einspannung des Automobils in das Wirtschaftsleben unseres Landes (ganz abgesehen von den Erfahrungen des Auslandes) von einem «Spielzeug» reden zu wollen, ist der reine Unsinn, und ist nach unserer Meinung nur sehr schwer mit «schweizerischer Gesinnung und echt republikanischer Politik» zu vereinbaren, welche die Repl. Blätter vor allem zu pflegen vorgeben. Auch die weiteren Ueberlegungen, der Automobilbesitzer versuche die ihm durch den Ankauf entstandenen Kosten auf den Konsumenten abzuwälzen, wodurch unsere Lebenshaltung verteuert werde, sind wirtschaftliches Gewäsch. Wenn der Reisende mit der Bahn fährt, so wird er die ihm dadurch entstehenden Kosten auch irgendwie in den Preis seiner Ware einkalkulieren müssen. Dazu ist wohl die Tatsache unbestritten, dass ein Reisender mit seinem Wagen, in welchem er all seine Muster mitnehmen kann, seine Zeit weit besser auszunützen in der Lage ist, als sein Kollege, der an Fahrpläne, an Anschlüsse, an letzte Züge usw. gebunden ist. Wenn der Auto-Reisende, also in einem Tage mehr Kunden besuchen kann, seinen Umsatz dadurch zu steigern vermag, so verteilen sich seine Unkosten auf einen grösseren Warenbetrag, das heisst, der Konsument kommt billiger weg. Solche und ähnliche Binsenwahrheiten scheint die Redaktion des vorerwähnten Blattes nicht zu kennen. Haben sich die Herren vielleicht einmal angesichts ihrer so «schweizerischen Gesinnung» die Mühe gegeben, zu überlegen, was das heisst, wenn in Motorfahrzeugen, in Garagen und Autofabriken in der Schweiz rund 1,5 Milliarden Franken investiert sind und gegen 50,000 Personen ihr Auskommen in der Automobilwirtschaft finden? Wenn im übrigen heute noch soviel Geld ins Ausland wandert, so mache man nicht die Käufer, sondern unsere weisen Landesväter zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dafür verantwortlich. Sehen wir uns nämlich im Auslande um, was dort von Seiten der Regierungen alles zugunsten der einheimischen Automobilindustrie getan wird, so muss man es aufrichtig bedauern, dass unsere schweizerischen Fabriken einfach ih_- rem Schicksal überlassen werden. Es fehlt gewiss nicht an Möglichkeiten, durch fiskalische Massnahmen aller Art dem einheimischen Produkt den Vorzug zu sichern, aber man kann auch als nimmersatter Fiskus nicht den Fünfer und das Weggli haben! Im übrigen ist durch die Kontingentierung der Einfuhr diese nunmehr zu einem grossett Teil in den Dienst unseres Exportes gestellt worden. Die Gewährung von Zusatzkontingenten bei der Verwendung von einheimischem Zubehör oder gar bei der Montage der Wagen in der Schweiz hat unseren ansässigen Industrien bereits stark vermehrte Arbeit gebracht. Bevor sie also so ins Leere hinaus schreiben und gar Verse verbrechen, mögen sich künftig auch die «Republikanischen Blätter» erst gründlich über automobilwirtschaftliche Dinge informieren. Die Blamage würde ihnen dann erspart und man könnte sie etwas ernster nehmen! Zu den erbitterten Feinden des Automobils zählt auch die «Schweizerische Bauern- F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (5. Fortsetzung) Ein grölend gesungenes Soldatenlied kam näher und näher. Abgerissene Klänge der Hörner, die immer zu einem Refrain einsetzten. Voraus Berittene, hinter ihnen in einer unabsehbaren Staubwolke lachende, rotgebrannte Soldatengesichter ... nickende, krumme Spielhahnstösse auf hellblauen Feldmützen ... im Sonnenlicht funkelnde Gewehrläufe ... das blecherne Klappern von Feldflaschen ... das Stampfen genagelter Soldatenstiefel als Begleitung zu den grölenden Singstimmen, hinter denen nach jeder Strophe gellend die Hörner einsetzten: « Die allerschönsten Mödchen Find't man nur da und hie. Doch allerschönste Lautnants Bei jeder Kompanie Die Röcke, die tun blau sein Blau wie Vergissmeinnicht, Die Mödchen drehn die Augen Und können anderg nicht. Die Leutnants, die tun lieben Die schönsten Mögdelein, Allein, mein Schatz, nicht immer Tut es dieselbe sein. Dann weine nicht, mein Mödohen! Verlassen bist du nie, Denn, Schatz, wir haben drei© Bei jeder Kompanie. Drum, Mödchen, musst du schön sein Bei Tag und bei der Nacht, Sonst ist es mit der Liebe Vorbei, eh du gedacht. Und wenn es tut vorbei sein, Mein Schatz, mach dir nichts draus, Denn, wie die Liebe anfangt, Hört sie auch manchmal auf. » Die flimmernde Staubwolke war lärmend vorbeigezogen... die singenden Stimmen verhallten in der Ferne... nur hie und da noch ein Schrei... der gellende Klangfetzen eines Hornes. Mit der Miene eines schuldbeladenen Schuljungen näherte sich der Flüchtling mit zögernden Schritten' seiner Begleiterin, die ihn mit fragenden, erstaunten Blicken ansah. Da gestand er ihr... alles. Mit einem vergnügten Lächeln hörte sie dem Missetäter zu. «Eigentlich sollte ich Ihnen böse sein, Herr Leutnant. Und alles, weil Sie mir den stolzen Erzbischof und die schöne Salome Alt zeigen wollten?» «Jawohl, gnädige Frau, deshalb.» Innerlich aber freute sich der lange Jul, dass ihm der Zufall zu Hilfe kam, sie wissen zu lassen, dass ihm an einem Zusammensein mit ihr mehr gelegen sei, wie an der albernen Knallerei am Gaisberg. Aber drohend pendelte ihr Zeigefinger auf und ab, jedoch ihre Miene sah nicht danach aus, so dass er lachen musste, bis auch sie unwillkürlich ein wenig einstimmte. Aber nur für einen Augenblick, denn rasch fand sie sich in ihrer Selbstzucht, sich erinnernd, dass es nicht angehe, sich jemandem, den sie kaum kennengelernt, allzu zwanglos zu geben. Aber alsbald waren sie wieder im Plaudern, wie wenn sie, seit Gott weiss wie lange, gute Kameraden wären. Von sich selbst erzählte er. Dass er nur für die Zeit seiner Waffenübung hier sei, um dann wieder nach Wien zurückzukehren. Er habe dort zwar nichts verloren, denn Beruf habe er keinen, er studiere zu seiner Lebensfreude, bald dies, bald das, jedes halbe Jahr etwas anderes, vor allem Wissenschaften, die sich auf idealer Grundlage aufbauen. Altromanische Literatur, vergleichende Glaubenslehre, die philosophischen Grundlagen der Ideale im Leben nach Plato, Kant und Schiller und dergleichen mehr. Gegenwärtig schlage er sich mit Kunstgeschichte herum. Was morgen sei, wisse er noch nicht. Er gäbe zu, dies alles sei bei ihm nicht ernst zu nehmen, mehr Liebhaberei wie Wissenschaft, mehr Zeitvertreib wie Studium, aber man könne doch nicht geistig unbeschäftigt durch die Welt gehen. In Wirklichkeit gehöre sein Empfinden dem Idealismus in der Natur, und im Dienste dieser Leidenschaft finde er — den Weg in die Berge. Aber nicht in dem Sinne gedankenloser Gipfelstürmerei, nicht in der Auffassung, im Kampf mit der Natur Sieger sein zu wollen, ein falsches Selbstbewusstsein, das mit demselben Recht die Ameise haben dürfe, die einen Sandhaufen erklettert. Nie habe ihn das Empfinden einer besonderen, körperlichen Leistung erhoben. Im Ringen nach den Schönheiten der Natur gäbe es nur geistige Triebe, die den Erdenwurm himmelwärts führen. Nur eines dürfe dem Menschen das Bewusstsein des Siegers geben. Sich aus eigener Kraft Blicke in das Heiligtum der Natur zu erkämpfen, die dem im Staube Kriechenden versagt bleiben. In schwärmender Begeisterung erzählte er ihr vom Klettern im Fels, das ihm über alles gehe, von der Arbeit im blauen Firneis, von Kaminen und überhängenden Wänden, von Gletscherspalten und Seracs, von schwindelnd steilen Grashängen über gähnenden Tiefen; er erzählte vom heissen Hauch des Föhns, unter dem sich donnernd die Lawinen lösen, von schwankenden, trügerischen Schneebrücken und vom pfeifenden Steinschlag, der den am Fels Klebenden in die Tiefe schmettert. Aber hunderte Male lohne es, dem weissen Tod ins Auge zu sehen für das Flimmern eines in der Sonne glitzernden Gletscherfeldes, für das purpurne Leuchten einer Felsenkette, für den schweigenden Zauber einer im weissen Schneemantel träumenden Berg weit, für einen Blick in tief unter sich versinkende, tannengrüne Täler und Hänge. Ob er ein Freund der Musik sei? Gewiss! Dafür sorge schon sein Freund Hannes! Und dann... er sei doch aus Wien, wie könne es da anders sein! «Die Kammermusik vor allem ist es, die es mir angetan», fuhr er mit bewegter Stimme fort, «weniger die Opernmusik. Es gibt für