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E_1934_Zeitung_Nr.021

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BERN, Freitag, 16. März 1934 Zweite Salonnummer Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 21 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznsehlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern ufern nicht postamtllch bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcbeck-Recbnung HI/414. Telephon 2&223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Gramere Inserate nach SeitentarU. Inaeratenaehlust 4 Tage vor Ericheinen der Nummern Ein Querschnitt internationaler Autotechnik Als vor 34 Jahren in Genf der erste Automobilsalon zur Durchführung kam. hätte niemand geahnt, welche Entwicklungsmöglichkeiten das Unternehmen in sich barg. Automobilfahren hiess damals einen kostspieligen, exklusiven Sport betreiben. Das Automobil war das bestaunte Wunder-Verkehrsmittel einiger besonders mit irdischen Gütern Gesegneter, der grossen Masse damals ebenso unerschwinglich wie heute noch das Flugzeug. Heute hat sich die Idee des mechanisierten schnellen Strassenverkehrs durchgesetzt, wie sich aller Gute unwiderstehlich Bahn bricht. Das Automobil ist Volksverkehrsmittel geworden, ohne seine- Existenz wäre die Volkswirtschaft noch um Jahre zurück. Der Salon ist nicht mehr die Raritätenschau von einst, er hat den Charakter einer riesigen Messe angenommen, auf deren informatorischen und propagandistischen Wert Produzent, Vertreter und Verbraucher gleichermassen angewiesen sind. Salon-Ouverture. Allen Gewalten zum Trotze, die heute ihre Schatten auf alle menschlichen Tätigkeitsgebiete gesenkt haben, öffnen sich nach fester Tradition Ende dieser Woche in Genf zum elften Male die Tore des internationalen Automobil-Salons. In der Völkerbundsstadt flattern wieder die Fahnen im Vorfrühlingswind; das in silbernen und blauen Tönen gehaltene, streng stilisierte Plakat grüsst von allen Wänden, und in der gewaltigen Halle des Salons klingen die letzten Hammerschläge, werden die letzten Anordnungen getroffen und der letzte Schmuck zur Zierde der Ausstellung angebracht. Jetzt rüstet man sich im ganzen Lande wieder zu der zur Notwendigkeit gewordenen Fahrt über das erwachende Land nach Genf, das für Tage zum wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sportlichen Mittelpunkt aller jener Kreise wird, die direkt oder auch nur indirekt mit dem modernsten Verkehrsmittel, dem Automobil, in Beziehung stehen. Die grosse, glänzende Schau neuer Autos — verwirrend in ihrer Fülle und den Reizen, die sie sowohl auf den Techniker, den Kaufinteressenten wie den Laien ausübt — straft alles pessimistische Gerede über die lähmenden Auswirkungen der Krise Lüge. Im Gegenteil: Es scheint, als hätten die ungeheuren Widerstände sämtliche Kräfte der noch jungen und deshalb anpassungsfähigeren Automobilindustrie geweckt, um sich mit doppelter Energie einzusetzen. Der Optimismus ist in Genf Trumpf, und kopfhängerische Zweifler verstehen nicht den tiefsten Sinn i. Dem Techniker —• und welcher praktische Automobilist hat nicht wenigstens eine technische Ader — bietet sich am Salon ein ausgezeichneter Beobachtungsposten, von dem aus er das Weben und Wirken des Fortschrittes verfolgen kann. In mehr oder weniger grossem Gegensatz zu den Automobilausstellungen unserer Nachbarländer ist dabei der Genfer Salon wirklich international, was an den Objekten durch ungemein grosse Vielgestaltigkeit zum Ausdruck kommt. Man hat gleichsam einen Querschnitt der Automobilbaukunst der ganzen Welt vor sich. Während in den letzten Jahren Fabrikationsprobleme im Vordergrund standen, die daraufhin liefen, möglichst billige Wagen in grossen Mengen zu produzieren, herrschen heute wieder mehr die Konstruktionsprobleme vor. Die oft prophezeite Schematisierung und Standardisierung des Automobilbaues ist ebensowenig eingetreten wie bisher. Schon der Durchschnittswagen weist wieder recht verschiedene Bauformen auf. Daneben j haben sich aber mehr Konstrukteure als je I der ganzen Ausstellung. Fast ist es, als ob der strahlende Glanz der unzähligen neuen Fahrzeuge als ferner Schimmer einer anbrechenden besseren Zeit aufleuchte. Dreissig Jahre sind vergangen, seit das Automobil seine ersten ungeschickten Sprünge über die Strossen Europas machte. In grossen Massstäben gerechnet, schrumpft diese Zeit zu einem Nichts zusammen. Und doch, welchen ganz einzigartigen Aufschwung hat dieses einst bitter befehdete Fahrzeug in dieser Periode genommen. Aus der ursprünglichen Defensivstellung ist es längst in die Offensive übergegangen und es hat auch den verhocktesten, reaktionärsten, auf alle Vorteile von Schusters Rappen eingeschworenen Gegner weich und mürbe gemacht. Das Automobil nimmt heute innerhalb der menschlichen Tätigkeitsbezirke einen hervorragenden Platz ein. Autofahren ist eine der herrlichsten Sensationen, mit denen unsere Zeit beschenkt worden ist. Erst mit dem Auto schwanden die hemmenden Grenzen von Raum und Zeit auf ein Mindestmass zusammen, und durch dieses Phänomen erlebten Handel, Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft tiefgreifende Umwandlungen. Das Automobil ist die Verkörperung des geheimen Rhythmus unserer Zeit. Durch seine Erfindung sind völlig neue Lebensbedingungen geschaffen worden, deren Grenzen zu erkennen uns erst noch vorbehalten ist. Dem Menschen ist das Auto als ein zur Wirklichkeit gewordenes Wunder geschenkt worden. Es liegt an ihm, die Möglichkeiten des neuen Verkehrsmittels richtig auszuwerten. Die stets wachsende Bedeutung hat das auf Neuland begeben, wo sicher noch vieles zu holen sein wird. Dass es sich dabei meistens um europäische Konstrukteure handelt, ist leicht verständlich. Man erblickt hier eine Möglichkeit,, der amerikanischen Invasion die Spitze zu bieten; die kleineren europäischen Fabriken können sich solchen Umstellungen viel leichter anpassen als die amerikanischen Riesenbetriebe, bei denen die kleinsten Programmänderungen Millionen verschlingen. Im grossen ganzen ist im letzten Jahr mehr Konstruktionsarbeit geleistet worden als in den vorhergehenden. Bis vor kurzem konzentrierte sich das Schwergewicht der Anstrengungen auf Massnahmen, die geeignet waren, das Führen. Behandeln und Unterhalten des Wagens zu erleichtern. Heute ist das Bestreben der Technik mehr wieder danach gerichtet, die Fahrzeuge noch leistungsfähiger zu gestalten, wobei aber gleichzeitig auch der Komfort und die Wirtschaftlichkeit wenn möglich noch gesteigert werden sollen. Eines der Hauptprobleme des modernen Autobaues stellt die Abfederunz dar. Nachdem man sich nun, seitdem Automobile gebaut werden, fast ausnahmslos mit dem Federungssystem der Kutsche mit sei- Zur Salon-Eröffnung Rede von Herrn Minister Stucki Automobil zu einem tragenden Element des Fortschrittes werden lassen. Und wenn seine Rolle schon jetzt nicht mehr weggedacht werden könnte, so wird diese mit den vor uns liegenden Aufgaben, die Welt aus dem Chaos in neue, geregelte Verhältnisse hineinzuführen, an Wichtigkeit noch gewinnen. Die grossen, von den Konstrukteuren und Automobilhändlern mit letzter Sorgfalt in Szene gesetzten und mit Spannung erwarteten Automobil-Ausstellungen sind ein Spiegel der im Augenblick wirkenden Bewegungen und Kräfte, und somit auch Marksteine in der Geschichte des Automobilismus. An den gezeigten technischen Neuerungen lässt sich der Schritt der Entwicklung ermessen. Stillstand ist Rückgang — nur Evolution und die Notwendigkeit des Vorwärtsstrebens gilt. In Genf wird man erkennen können, wo der nie rastende Fortschritt heute steht. Der Salon der Calvinstadt — allen jenen lieb geworden, die seine Atmosphäre von flutendem Leben schon kennen gelernt haben — ist nicht nur eine wirtschaftliche und technische Manifestation ersten Ranges, sondern darüber hinaus auch eine soziale Angelegenheit. Die verschiedensten Repräsentanten neuer Automobile — vom eleganten Luxuscabriolet bis zum schweren Car Alpin — lassen erahnen, dass das Automobil heute in die verschiedensten Gesellschaftsstufen eingedrungen ist. Bald ist es blosses Mittel zur Freude des Reisens und der angenehmsten Fortbewegung, bald — und dies weitaus am meisten! — Arbeitsmittel in der Hand des Kaufmanns, des Arztes, des Gelehrten, des Bauern, des Handwerks, dann wieder, rein Seit Jahren regelmässiger und aufs höchste interessierter Besucher des schweizerischen Automobilsalons in Genf wird mir diesmal die besondere Ehe zu teil. Ihnen die Grüsse und die Glückwünsche der obersten Landesbehörde überbringen zu dürfen. Wenn sich dieses Jahr der Bundesrat nicht durch eines seiner Mitglieder vertreten lässt, so liegt darin weder eine Krisenerscheinung noch viel weniger ein Nachlassen seines Interesses an dieser grossen, wichtigen und imposanten Manifestation des schweizerischen., insbesondere des genferischen Wirtschaftslebens. Der Bundesrat mag vielmehr gedacht haben, dass es nützlich und auch zweckmässig sei, in der heutigen Zeit, wo die Wirtschaftskrise und die durch sie veranlassten staatlichen Massnahmen in ganz besonderem Umfange auch alle diejenigen treffen, welche mit der Produktion, dem Import, dem Handel und dem Gebrauch motorischer Fahrzeuge zu tun haben, diese Kreise in direktester Weise über die Gründe dieser staatlichen Einschränkungen orientieren zu lassen. Diese schwierige aber auch delikate Aufgabe wurde demjenigen übertragen, welcher für die Antragstellung wie für die Durchführung dieser Massnahmen in erster Linie verantwortlich ist, der aber auf der andern Seite seit Jahren selber passionierter Automobilist ist und als Konsument von Kraftstoffen und Oel, von Reifen und Ausrüstungsgegenständen, die Rückwirkungen alle dieser Eingriffe in die Freiheit am eigenen starr durchgehenden Achsen schlecht und recht behoMen hat, scheint eine allgemeine Umwälzung unmittelbar bevorzustehen. Nachdem die Federung bis jetzt fast ausschliesslich nach Gefühl und Erfahrungsregeln gebaut wurden, geht man nun dem Problem auch mit wissenschaftlichem Rüstzeug zu Leibe. Und nachdem bisher ausschliesslich auf Biegung beanspruchte Federelemente zur Verwendung kamen, kommen neuerdings immer mehr auch solche in Gebrauch, bei denen Torsion die Hauptbeanspruchung darstellt. Alis erster Schritt zum Aufbau einer wissenschaftlichen Federtheorie war die Ueberlegung zu betrachten, ob ein bestimmtes Federungssystem den zahlreichen gleichzeitig auftretenden Anforderungen gleichmässig zu ensprechen vermöge. Heute weiss man, dass sich diese Frage nur mit einem Nein beantworten lässt. In jedem Fall bietet also ein bestimmtes Federungssystem nur einen Kompromiss von Vor- und Nachteilen. Minister Stucki (Fortsetzung Seite 9.) gezüchtetes Edelblut mit 140 kmjSt. auf dem Tachometer, oder ebenso geduldiger wie eiliger Lastenschlepper. An allen diesen Fahrzeugen zeigt sich das Bestreben der Konstrukteure, bei einem Minimum des Preises ein Maximum an Leistungsfähigkeit herauszuholen. Jeder Wagen ist ein sprechender Beweis für den geheimen Kampf um die Führung, und jede Neuerung ist ein Zeichen für die steten Bemühungen, immer Besseres zu produzieren. So verschieden wie die Wagen sind auch die Käufer, und die weiteren, materiell halb- oder überhaupt nicht beteiligten Interessenten, die sich aus allen sozialen Kreisen rekrutieren. Ob jung oder alt, ob Frau oder Mann: in der Atmosphäre des Salons wird die Sehnsucht nach dem Automobil wach, und wer mit einem der freundlichen, liebenswürdigen Händler zu einem positiven Abschluss kommt, der hat eine Tat vollbracht, die unter Umständen sein ganzes ferneres Leben entscheidend beeinflussen kann. Vom 16. bis 25. März wird das wirre, bunte Leben durch den grossen Genfer Automobil- Salon hindurchfluten. Eine Woche lang dokumentiert die Schau die gewaltige Bedeutung des modernen Verkehrsmittels. Dann schliessen sich die Tore wieder, die Vorhänge fallen und der Schritt spürt keine weichen Teppiche mehr unter sich. Die Entwicklung aber geht nach unabänderlichen Gesetzen weiter, bo. Der laufende Roman « Die ewige Wahrheit » beginnt in dieser Nummer ausnahmsweise im äÄutler-Feierabend».