Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1934_Zeitung_Nr.024

E_1934_Zeitung_Nr.024

BERN, Dienstag, 20. März 1934 Fünfte Salonnummer Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 24 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Lift«" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Porfozuschlag, Mfern nicht portamttfch bestellt. Zuschlag für posttuntllcbe Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Rechnnng 111/414. Telephon 23.222 Telegramm-Adreise: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. tmeratensebluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Verkehrserziehung Die fortlaufend steigende Kurve der Ver-fällkehrsunfälle weist auf die Tatsache hin, dass Schuljugend die führende Generation von wird, sondern auch darum, weil die der motorisierte Verkehr im letzten Jahrzehnt viel rascher angewachsen ist, als dass sierten Verkehr verwachsen sein wird. Die morgen ist, die erst recht mit dem motori- die notwendige Einstellung der Menschen zu ältere Generation von heute, die ihre Jugend dieser Erscheinung im gleichen Masse im Zeichen des Fuhrwerkes und der Eisenbahn verbracht hat, wird schwerlich im Schritt halten konnte. Seit dem neuen Motorfahrzeuggesetz, das gewisse Erleichterungen in Bezug auf die Geschwindigkeitskehrssicherheit anzueignen. Die Verkehrs- Stande sein, sich eine neue instinktive Vervorschriften brachte, wurde die Unfallkurve erziehung ist also in der Hauptsache ein noch weiter in die Höhe getrieben. Im Kanton Bern haben sich im Jahre 1931 allein zweckmässige Organisation entscheidend be- Werk an der Jugend. Damit wird auch ihre 1979 Unfälle ereignet. Sie stiegen im Jahre einflusst. 1932 auf 2240 und 1933 auf 2629. Es kann sich bei der Verkehrserziehung Die Zahl dieser Unfälle zeigt uns, dass es nicht darum handeln, dass Erwachsenen wie zunächst an dem mangelt, was zu modernem Kindern die Kenntnis von Verkehrseinrichtungen und -Vorschriften wie totes Wissen Verkehr gehört, der notwendige Verkehrsgeist in der Bevölkerung. In allen Ländern aufgepfropft wird. Der moderne Mensch soll spielt die Frage eine grosse Rolle : wie kann sich im motorisierten Verkehr instinktiv durch bewusste Verkehrserziehung die Unfallkurve trotz zunehmendem Verkehr gesenkt werden ? Es haben sich eine Menge von Organisationen und Methoden herausgebildet, die auf die verschiedenste Art die Erziehungsaufgaben zu meistern versuchen. In der Schweiz ist die Verkehrserziehung über Versuche und Ansätze nicht hinausgekommen. Man mag vielleicht eine Erklärung darin sehen, dass es bei uns keine Millionenstädte gibt, die durch ihre zusammengeballte Verkehrswucht die Aufgabe noch eindringlicher aufzwingen, als es bei uns der Fall ist. Demgegenüber muss aber festgestellt werden, dass die Schweiz — trotz ihrer kleineren Städte — durch relativ grösseren Besitz von Fahrzeugen, durch ihre aufgeschlossenen Siedlungen und den Fremdenverkehr ihre gesamte Bevölkerung viel stärker in dem Allgemeinverkehr einbezieht, als dies in manch anderen, grösseren Ländern mit grossen Metropolen der Fall ist. Bei dieser Sachlage ist die Verkehrserziehung in der Schweiz nicht weniger wichtig, als in irgend einem andern Land, und es muss auch bei uns die Frage aufgeworfen werden, welche Mittel und Wege gibt es, sie mit einigem Erfolg durchzuführen. Zunächst wer soll erzogen werden ? Die Erwachsenen selbstverständlich, aber noch wichtiger sind die Kinder. Nicht nur deshalb, weil das Kind jährlich einen grossen Teil der Unfälle verursacht und Selbstopfer der Un- Feuilleton Genf - Triumph des Automobils. Wandlungen. Es gibt einen spielerischen Gedanken, der einem angesichts der noch vor kurzem für phantastisch erachteten technischen Errungenschaften unserer Zeit gelegentlich beschäftigt: man möchte einen Menschen vor hundert Jahren mitten in unsere Tage hineinstellen. Wer in dieser Woche in der Salonstadt Genf weilt und Gelegenheit dazu findet, geruhsam durch die grosse Schau zu schlendern, wird wieder auf diese Vorstellung kommen. Man möchte neben diesem Repräsentanten einer Epoche, die noch in starkem Masse an Raum und Zeit gebunden war, an den Automobilen, den Verkörperungen unserer grenzenlos gewordenen Neuzeit, vorüberwandeln. Vielleicht würde sich an der ungeheuren, tiefgreifenden Fassungslosigkeit dieses Menschen, für den 50 Kilometer noch eine gehörige Tagesreise bildeten, das Tempo unserer Zeit offenbaren. Das letzte Jahrhundert schuf die Basis für die grossen technischen Umwandlungen, die in ihren erstaunlichsten Spitzenleistungen indessen erst nach 1900 ihre Vollendung fanden. Den Boden der Technik bereitete das mittelalterliche Ringen und die Loslösung der Persönlichkeit von irdischen und ewigen Gesetzlichkeiten vor. Mit der Technik setzte ein neuer, ganz unbekannter Rhythmus ein, sicher und richtig verhalten. Verkehrserziehung kann daher keineswegs ein Lehrfach sein, das neben andern Schulfächern ein neues Spezialwissen schafft. Verkehrserziehung muss das Prinzip sein, durch fortwährendes Bilden den Menschen inmitten seines alltäglichen Lebens auf eine neue Stufe gesellschaftlicher Verkehrsgewandtheit zu heben. Gerade diese Tatsache hat es zur Folge, dass die Organisation der Verkehrserziehung nicht so leicht ist und falsche Methoden oft zu enttäuschenden Misserfolgen geführt haben. Wo sie im Ausland seit langem eingeführt ist und im Laufe ihrer Methoden bedeutende Erfahrungen gesammelt hat, hat sich gezeigt, dass die Behörden keineswegs aHein dazu imstande sind, diese Aufgabe durchzuführen. Die Behörden sind zwar überall der starke Rückhalt, der bereitwillig zur Förderung der Arbeit zur Verfügung stehen muss. Aber die treibenden Kräfte in der Durchführung der Erziehung sind jeweils in den freien Verkehrsorganisationen selbst zu suchen. So hat sich in Deutschland schon seit 1926 aus den Verkehrsverbänden eine «Verkehrswacht» herausgebildet, die sich diese Aufgabe zu eigen gemacht hat. Als besondere Arbeitsgemeinschaft ist ihr die der die Menschheit in ihren innersten Gründen erschütterte, und sie auf einen neuen Boden stellte. Der Umwandlungsprozess und die Anpassung an das heute erreichte Tempo ist noch lange nicht vollendet, und dass kein Gleichschritt erreicht wurde, dafür ist die Krise nur ein äusserer, sehr spürbarer Beweis. Auf jeden Fall sind dem Menschen unserer Tage Möglichkeiten in die Hand gegeben worden, deren Ausmasse wir immer noch nicht ganz erfassen können. Vielleicht der bekannteste und verbreitetste Repräsentant dieser neuen Zeit ist unbestritten das Phänomen Automobil, das sich in der Spanne eines halben Menschenlebens von plumpen Erstlingsversuchen zu einer Vollkommenheit ohnegleichen verwandelt hat Der Salon in Genf, den sich jeder ansehen sollte, der für den Fortschritt unserer Tage sich interessiert, ist das getreue Spiegelbild des gegenwärtigen Standes der Entwicklung. Und doch ist hier kein Ende und keine Vollendung, sondern nur eine Etappe, und der verkennt die Schnelligkeit der Evolution, der glaubt, höher werde es auf keinen Fall mehr gehen. Dreissig Jahre genügten, um aus holperigen Rumpelkutschen die elegantesten, flinksten Gefährte, die in Lack und Gläsern spiegeln, zu machen. Und in nochmals 30 Jahren? Niemand hat das Recht, zu bestreiten, dass man dann nicht ebenso angesichts eines Autos von 1934 lächelt, wie wir heute vor einer der ersten Maschinen etwa des jetzt wieder überall gefeierten Daimler staunen. «Schulverkehrswacht» eingegliedert worden. Diese besteht aus einem Vertrauensmännerkörper, der sich im wesentlichen aus der Lehrerschaft rekrutiert. Die Tätigkeit dieser Organisation steht in enger Verbindung mit den Behörden. Durch diese Organisation ist es ermöglicht, dass die Erziehungsarbeit nicht in sporadischen Einzelaktionen zergliedert wird. Sie ermöglicht es vielmehr, die Arbeit systematisch durchzuführen, die Methoden und ihre Erfolge zu kontrollieren und aus Misserfolgen praktische Konsequenzen zu ziehen. Es handelt sich ja nicht allein darum, dass in der raschen Entwicklung des modernen Verkehrs die Bevölkerung mit den neuen Tatsachen Schritt hält, sondern dass auch der Lehrkörper und die Erziehungsmethoden selbst mit der Zeit Schritt halten und sich stets vervollkommnen. Die Massnahmen, die zur Verkehrserziehung in Frage kommen, sind vielgestaltig. Presse, Film und Radio spielen für die Aufklärung eine grosse Rolle. Vorträge von Polizeiorganen, Verteilung von Merkblättern, Verkehrsheften, die Veranstaltung von Ver- Verbänden aufgenommen und auch den Verkehrsunterricht in den Schulen zu fördern kehrswochen, das Plakatwesen treten ebenbürtig an ihre Seite. Aber nicht nur auf dieJahre 1929 durch die Motion Meister im gesucht. Im Kanton Bern wurde bereits im Mittel kommt es an, sondern auch auf die Grossen Rat die Schulverkehrserziehung angeregt. Es wurde von der Regierung ein Ver- Art, wie sie gehandhabt werden, wie mit ihnen auf die Bevölkerung eingewirkt wird. kehrsbüchlein herausgegeben, das die wesentlichen Verkehrsregeln für Fussgänger und Es genügt nicht, dass eine Organisation aus plötzlicher Anwandlung eine Massnahme ergreift und nachher die Dinge wieder treiben teilt wurde. Andere Kantone folgten dem Radfahrer enthielt, und in den Schulen ver- lässt. Es genügt auch nicht, dass die Behörde eine Vortragsreihe organisiert oder ein Verkehrsheft herausgibt, um es dabei bewenden zu lassen. Es genügt auch nicht, dass die Regierung den Verkehrsunterricht in den Schulen dekretiert, und dass dabei die Lehrmethoden dem unkontrollierten Willen der Lehrer überlassen bleiben. Die nicht seltenen Enttäuschungen in der Verkehrserziehung sind gerade dann offensichtlich geworden, wenn die Massnahmen ein beiläufiges Stückwerk von Verbänden oder Behörden geblieben sind, d. h. solange sie nicht in einem zusammengefassten System einheitlich in die Bevölkerung getragen werden. Es kann nicht die Aufgabe dieser Ausführungen sein, die Methoden der systematischen Verkehrserziehung im einzelnen zu schildern. Das soll einem späteren Artikel vorbehalten sein. Vor allem werden sich diesen Fragen auch die Pädagogen widmen müssen. Gerade auf der Lehrerschaft liegt die höchste Verantwortung für die praktische Erziehungstätigkeit. Ihre Aufgabe wird es sein, die Verkehrserziehung als Prinzip in den gesamten Erziehungsplan der modernen Arbeitsschule einzuschalten. Die richtigen Methoden und Mittel dabei herauszufinden, Dennoch wäre es mehr als ungerecht, den Stand der heutigen Automobilindustrie geringer einzuschätzen. Im Gegenteil: was in Genf zu sehen ist, packt nicht nur den ganzen und den halben Fachmann, sondern mindestens so stark den einfachen Laien. Es ist, mit einem Worte gesagt, ganz grossartig, was der Käufer eines Automobils heute vorgesetzt bekommt. Mit wenig Geld kann man sich eine wahre Märchenkutsche kaufen, von der noch vor hundert Jahren die tollsten Erfinderphantasten kaum zu träumen wagten. Man muss es, im Grunde genommen, immer wieder neu schätzen, in einer Zeit zu leben, die solche Dinge erst möglich gemacht hat. Im Schlendern. Der Rahmen und das Milieu des Salons sind im grossen und ganzen gleich geblieben. Mit andern Worten: das interessante Getriebe, die Begegnung mit Grossen aus der Welt des Autos, die Atmosphäre der Neuzeit, die schönen Wagen: all das fesselt und packt aufs neue. Man geht mit staunenden Augen durch die grosse Schau, angenehm betäubt von dem zarten Lackduft der neuen Wagen, und saugt die ganze Stimmung des Salons in sich ein. Stand reiht sich an Stand, und doch ist jede Marke gewissermassen eine Individualität und durch grundlegende Dinge voneinander verschieden. Manchmal braucht man den Zünftigen dazu, um in die Verschiedenheiten eingeweiht zu werden, manchmal aber auch springen sie einem von weitem ist eine hervorragende Aufgabe neuzeitlicher Pädagogik. Wohl auf keinem Schulgebiet hängt der Erfolg so sehr vom eigenen Erleben des Kindes ab, als gerade hier bei der Aufgabe, dem Kind eine instinktive Verkehrssicherheit beizubringen. In Fachzeitschriften bietet sich eine Fülle von Material dar, das auch für die Erziehung in der Schweiz von wesentlicher Bedeutung sein kann. Worauf es heute in der Schweiz ankommt, ist die Frage: In welcher Form kann die Verkehrserziehung auf einen solchen Stand gebracht werden, dass sie ein erfolgreiches Mittel zur Senkung der Unfallziffer wird? Wie eingangs erwähnt, ist auch in der Schweiz die Verkehrserziehung organisatorisch in Angriff genommen worden. Die Kantone haben verschiedentlich Anregungen aus Beispiel. Es wurden Unfallverhütungsplakate in Schulen aufgehängt; und im Jahre 1930 hatte als erster Kanton St. Gallen Verkehrsunterricht in den Lehrplan der Geographie eingeschaltet. Solothurn ist diesem Beispiel gefolgt. Von privater Seite sind gleichfalls Aktionen unternommen worden. So wurden Verkehrshefte und Merkblätter von einzelnen Verbänden, insbesondere vom Schweiz. Touring-Glub, auf eigene Kosten im Dienste der Verkehrserziehung verteilt. Die Lehrerschaft hat ihrerseits sich verschiedentlich um die Lehrmethoden gekümmert. Woran es aber bis heute in der Schweiz gefehlt hat, das ist die starke Initiative aus den Landesverbänden, die der Verkehrserziehung eine organisatorische Grundlage über das ganze Bundesgebiet schafft. Wenn diese Grundlage geschaffen ist, werden die Behörden erst in die Lage versetzt sein, administrativ und einheitlich fördernd zu wirken; es werden dann auch die Einzelmassnahmen im Dienste systematischer Erziehung mit geringeren Kosten grössere Erfolge erzielen, als wenn sie für sich isoliert wirken. Es ist eine verantwortungsvolle Frage, die heute jeden Club und Verband angeht, der mit dem motorisierten Verkehr verwachsen ist: Wie steht er zur ins Auge. Jeder Konstrukteur ist auf die Erfüllung besonderer Absichten bedacht, jeder arbeitet mit andern Einstellungen und offenbart auch so seine Eigenart. Alle diese Maschinen, verwirrend in ihrer vollendeten Linienführung und in der technischen Ausführung, erfüllen das eine Grundprinzip: überhaupt zu fahren, schon längst, und die Entwicklung beschäftigt sich damit, wie auf dieser Basis noch weitere Verbesserungen, noch weitere Annehmlichkeiten, noch weitere Rekorde erzielt werden könnten. Der Gesamtüberblick, wie man ihn in ganz idealer Weise von der Höhe der Galerie aus geniesst, offenbart die Energie, den Fleiss, den Geschmack einer Legion von Konstrukteuren, Erfindern, Ingenieuren, Monteuren, Arbeitern, er spricht auch für die Geschicke der wirtschaftlichen Vermittler, der Händler, die die Produkte in passendster Weise aufgestellt haben. Erst, eine solche Gesamtschau lässt ermessen, was heute möglich geworden ist, und darum ist auch der Blick in die Ausstellung fast wie eine technische Offenbarung. Dann treten mit der Zeit die einzelnen Maschinen stärker hervor, und man bestaunt da einen neuen, grossen Luxuswagen, der bis ins letzte Detail mit vollendetem Raffinement konstruiert wurde, hier einen Wagen für den kleinen Mann, bei aller Billigkeit mehr als nur schnell, wendig und sicher, sondern auch schön, regelrecht schön! In der Vorhalle draussen wuchten die ungeheuren Lastwagen, die für eine Ewigkeit gebaut scheinen, und