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E_1934_Zeitung_Nr.028

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BERN, Mittwoch, 4. April 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 28 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jaden Dienstag and Fnltaf Monatlich „Gelb* Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portornschjon, (•fern nicht postamtlieh bestellt. Zuschlag für postnmtlieh« Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcitenrainstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Rechnung HI/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresso: Antorevu«, B«rn INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Gnindzelle oder deren Raun 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. faMratameblnss 4 Tag« vor Erscheinen der Nummern Aufbau der Verkehrserziehung Der Verfasser des « deutschen Handbuches für den Verkehrsunterricht», Rektor Hauer, formuliert als Ziel der Verkehrserziehung: «Schutz des Menschenlebens unter gleichzeitiger Förderung des Verkehrs». — Man kann die Aufgabe kaum prägnanter umschreiben. Die Formulierung von Hauer schliesst alles Notwendige in sich, was gegen die Bestrebungen zu sagen ist, die wegen der Unfälle den Verkehr am liebsten um Jahrzehnte zurückschränken, die die Geschwindigkeit des Automobils derjenigen eines Kinderwagens gleichstellen möchten. Mit dieser Formulierung ist aber über die Methode noch nichts gesagt, wie diese Aufgabe erfüllt werden soll. Es haben im Ausland lange zwei grundsätzlich verschiedene Methoden der Verkehrserziehung miteinander gerungen. Die eine ging darauf hinaus, das Wissen um die Unfälle systematisch zu verbreiten und den Einzelmenschen von der Nützlichkeit der Unfallverhütung zu überzeugen. Massgebend blieb dabei der heute zweifelhaft gewordene Grundsatz, dass aus dem Wissen sich ohne weiteres auch das rechte Tun und Handeln ergebe. In der Schule spiegelte sich diese Methodik der Verkehrserziehung durch die Aufstellung umfassender Lehrstoffpläne für den Verkehrsunterricht und die Forderung, diesen in allen Lehranstalten als Schulfach obligatorisch einzuführen. Der Erfolg dieser auf die reine Vernunft eingestellten Lernmethode hat sich bald als zweifelhaft erwiesen. Es drang eine andere Ansicht durch: Nach dieser kann das Ziel der Verkehrsunfallverhütung nur dadurch erreicht werden, dass dem Einzelmenschen vom Elternhaus bis zu seiner Vollreife in systematischer Erziehung unfallverhütende Geisteskräfte und -eigenschaften eingepflanzt werden. Durch Selbsterlernen der Verkehrsbedingungen und die Aneignung einer neuen inneren Haltung soll der zukünftige Strassenbenützer befähigt werden, sich unfallsicher im modernen Verkehr zu bewegen. Die zweite Grundauffassung über die Verkehrserziehung halten auch wir für die richtige. Sie ist selbstverständlich auch auf die Vermittlung notwendiger Kenntnisse angewiesen, aber diese Arbeit ist sekundär und steht im Dienste der primären Erziehungsaufgabe, der inneren Durchdringung des Menschen mit instinktiver Verkehrssicherheit. Ist erst die Klarheit über das Wesen der Verkehrserziehung geschaffen, so lassen sich auch die Elemente ihres methodischen und organisatorischen Aufbaues klarstellen. Verkehrserziehung als Prinzip, den Menschen von Kind auf verkehrssicher zu machen, ist kein Lehrfach, sondern eine Bildungstätigkeit, die sich in allen Schulen und Fächern bemerkbar machen kann und auf den verschiedensten Lebensgebieten ausserhalb der Schule sich wieder finden muss. Ihre Methode stützt sich auf bewegliche Lehrstoffpläne, sie richtet sich nach den Stufen der Schulen und ihren Lehrsystemen oder nach den Umständen, unter denen sie sonst einwirken will. Sie ist im einzelnen selbständig und unterschiedlich, aber irgendwo kommt es darauf an, sie systematisch zusammen zu halten, zu betreuen und zu kontrollieren,, d.h. es müssen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Erziehungsträgern geschaffen werden, damit die oberen Schulstufen auf den Arbeiten der Unterstufen weiterbauen können und damit die Erziehung auch ausserhalb der Schule nicht planlos arbeitet. Für diese Zusammenfassung ist ein Stab von interessierten Pädagogen, aufgeschlossenen Männern der Wirtschaft und des Verkehrs notwendig. Es ist eine Zentralstelle erforderlich, von der aus die Tätigkeit im ganzen Land angeordnet und zugleich kontrolliert wird. Die Spalten der Verkehrszeitschriften müssen sich öffnen für die Aussprachen über Methoden und Erfahrungen. Diese Zentralstelle kann wohl nur aus den Verkehrsverbänden herauswachsen und von ihnen getragen werden. Sie ist es, die sich um die Verbindung mit den Bundesund Kantonalbehörden bekümmert, die den Rückhalt mit den Verbänden pflegt, die sich für die Tätigkeit in den Schulen wie für die Aktionen im öffentlichen Leben interessiert, die das methodische Erziehungsmaterial sammelt und für die Ausbildung der Verkehrserzieher durch besondere Kurse und Lehrerfahrten im Verkehrsgetriebe unter anderem Sorge trägt. Ist so die Verkehrserziehung als notwendiger Faktor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erkannt und organisatorisch verankert, so werden bald die Es sei im folgenden noch einiges über praktische Methoden des Verkehrsunterrichtes hinzugefügt, was als Anregung oder zur Orientierung dienen mag **). Die natürliche Grundlage der Verkehrserziehung wie die jeder Erziehung ist das Elternhaus. Ist dieses gewonnen, so bedeutet das für die Arbeit der Schule eine wirksame Vorbereitung und Unterstützung. Es ist also heute wichtig, durch die Propaganda ausserhalb der Schule auf die Eltern einzuwirken, dass sie sich für die Verkehrserziehung ihrer Kinder interessieren. Das kann nur geschehen mit den Mitteln neuzeitlicher Aufklärung: Presse, öffentliche Vorträge, Film, Rundfunk, Verkehrswochen, Schriften und Plakate. Sie können in jedem Kanton von einzelnen Verbänden oder Clubs gehandhabt werden. Aber auch für die Träger dieser Aktionen ist es wichtig, dass sie im Zusammenhang mit einer zentralen Pflege- und Ausgleichsstelle arbeiten. Denn Verkehrserziehung muss mit grossen Zeiträumen rechnen; sie darf sich deshalb nicht in Einzelaktionen erschöpfen oder durch ein Nebeneinanderherarbeiten ohne innere Verbindung den bleibenden Erfolg aufs Spiel setzen. Ist das Elternhaus durch öffentliche Erklärung für die Verkehrserziehung vorbereitet, so ist der Aufklärungskleinarbeit ein breiter Weg geebnet. Bei Zusammenkünften der Eltern in Verbindung mit Vorträgen, in Kindergärten und Primarschulen, im Gedankenaustausch von Verwandten und Bekannten bietet sich Gelegenheit genug, den modernen Verkehr und seine Gefahren zu besprechen. Nach einer solchen Vorstufe findet die Volksschule einen wohlvorbereiteten Boden für ihre weitere Erziehungstätigkeit. Jetzt teilt sich die Aufgabe in die Uebermittlung der wichtigsten Verkehrskenntnisse, sowie in den Aufbau der inneren Werte der Verkehrserziehung, das heisst der Heranbildung eines Verkehrsanstandes: Ver- F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (15. Fortsetzung) «Ich danke Ihnen, Freund Jul.» «Wollen Sie mir keinen Blick schenken, Frau Enid?» Da sah sie ihn an mit dem träumerischen Blick ihrer grauen Augen unter den halbgeschlossenen Lidern, aber ihre Zähne nagten an der Unterlippe, wie wenn sie einen körperlichen Schmerz empfinde. So gestanden sie sich Tag für Tag in unausgesprochenen Worten ihre Liebe. Schweigend sassen sie beisammen. Ihre Schultern berührten sich. «Frau Enid, wir müssen über das sprechen, was gestern war.» Die Ellbogen auf den Knien aufgestützt, das Kinn in den Händen vergraben, sah sie unentwegt vor sich hin. Ruhig und bedächtig wiederholte er den gestrigen Vorgang in seiner Tatsache, als sie der Arzt gestern überraschte. An dem Handkuss selbst könne dieser unmöglich etwas finden. Aber sie wüssten beide nicht, wie lange er schon in der Türe stand und sie beobachtete. Ob sie es beurteilen könne? Sie schüttelte verneinend den Kopf. Und dann... und dann... er glaube... als sie ihn sahen... da hätten sie sich dadurch verraten... dass sie ihm so auffällig rasch ihre Hand entzog... aber freilich, das konnte auch in ihrem Erschrecken gelegen sein... aber vor allem ihr verlegenes Schweigen gegenüber einem misstrauischen Menschen... zum Glück habe sie noch richtige Worte gefunden ... allein er gestehe offen... er fürchte diesen Menschen... Was sie glaube...? Immer noch vermied sie es, ihn anzusehen, und verbarg den Kampf, der in ihr tobte. Endlich begann sie. Langsam, zögernd, mit gedehnter Stimme, bedachtsam ein Wort an das andere reihend, im Bewusstsein des Ernstes des Augenblickes. Und des Entschlusses, den sie in sich gefasst. «Ich begreife Ihre Zweifel und Bedenken und teile sie. Auch ich fürchte ihn. Nicht allein wegen des Vorfalles von gestern an und für sich, sondern vor allem wegen des Misstrauens, das für die Zukunft in ihm erwacht sein kann. Was geschah? Sie küssten mir die Hand, Jul. Etwas lange. Vielleicht verriet uns auch unsere Verlegenheit. Kein Unbefangener würde daran etwas finden, aber... er ist, wie wir wissen, kein Unbefangener. Er war bis heute uns gegenüber ungefährlich, allein...», sie zögerte und suchte nach Worten, «... wenn er von unseren harmlosen Spaziergängen wüsste... das allein würde genügen... um ihm eine Waffe in die Hand zu drücken. Gegen wen? Eine solche Waffe trifft immer die Frau, die in ihrer Ehre leichter verletzbar ist wie der Mann. Er gestand mir, dass er mich liebe. Dies könnte zu der kehrshöflichkeit, Ordnung, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn. Die Vermittlung von Verkehrskenntnissen bietet dem Verkehrsunterricht ein breites Feld. Sie darf jedoch nicht Selbstzweck werden und die inneren Werte der Erziehungsarbeit hemmen. Die modernen Schulen im Ausland haben ihr Verkehrszimmer, in dem eine Menge von Anschauungsmaterial bereitgestellt ist: Wegweiser durch Verkehrs- *) 'Siehe den Aufsatz «Verkehrserziehung» m A.-R, Nr. 24. Erfolge unbestritten sein. ^ Vergl. Art. von Tost in Verkehrswarte 1932/1. institute, Unfallverhütungstafeln, Abbildungen von Verkehrszeichen, Vorschriften und Verhaltungsmassregeln, Merkblätter. Alles dient der Verkehrserziehung, ohne dass daraus ein Schulfach zu werden braucht. Im Hofe dient der Sandkasten oder das Fahren mit Kinderspielfahrzeugen dazu, das richtige Verhalten im Strassenverkehr anzuerziehen. In den oberen Schulstufen folgt das praktische Verhalten des Fussgängers auf der Strasse, die Wanderungen der Schüler mit den Lehrern im Strassenverkehr, das genaue Kennenlernen der Zeichen im Verkehr. In den Berufs- und Handelsschulen schliesst sich an die Kenntnisse aus der Volksschule die Verkehrsbildung unter neuen Gesichtspunkten an. Sie steht hier in Verbindung mit volkswirtschaftlichen, sozialethischen und praktischen Berufsgesichtspunkten und kann entsprechend der tieferen Einsicht der Berufsschüler ausgebaut werden. Nach Erfahrungen des Auslandes haben sich in Mittel- und Hochschulen den Verkehrserziehungen stärkere Hemmungen entgegengestellt als in den übrigen Schularten. Der Grund dazu liegt wohl darin, dass diese Schulen ihr Schwergewicht auf die Vermittlung von Fach- und Lehrstoffwissen legen, wobei für die praktische Seite des Lebens oft zu wenig Raum bleibt. Es ist jedoch anzunehmen, dass heute auch diese Schularten für die Verkehrserziehung empfänglich sind. Es mag dabei den Lehrern ruhig überlassen bleiben, welche Wege sie einschlagen wollen. Jedenfalls aber ist es auch für sie wichtig, auf den Ergebnissen der Vorschulen aufzubauen. Bei der Vielgestaltigkeit des heutigen Schulwesens ist es nicht angängig, einen massgebenden Einheitslehrplan für die Verkehrserziehung aufzustellen. Die Erziehungsarbeit muss der Schulart Rechnung tragen. Für das selbständige pädagogische Vorgehen ist den Lehrkörpern jeweils ein freier Spielraum gegeben. Wichtig ist aber, dass jede Schulart die Arbeit der vorangehenden Stufe aufnimmt und fortbildet, damit das grosse Ziel der neuen, inneren Haltung des Menschen zum Verkehr in einheitlicher Linie erreicht werden kann. Ueber allem ist auch für die Verkehrserziehung in der Schule ein geistiges Zentrum notwendig, das die flüssige und mannigfach verschiedene Tätigkeit im Neuaufbau sowie im Wandel der Entwicklung überschaut, kritisch beurteilt und organisatorisch fördert. Dr. H. W. Mühlemann, Bern. Schlussfolgerung führen, dass er nie etwas wider mich tun würde. Das ist ein Trugschluss. Enttäuschte Liebe bedeutet für eine Frau das schmerzvolle, bittere Gefühl der Kränkung, für den Mann ist es gewöhnlich nichts anderes wie gekränKte Eitelkeit. Nur diese fürchte ich. Was könnte er tun?» Wieder schwieg sie nachdenklich. «Das Kind der Kränkung ist bei der Frau die Enttäuschung, beim Manne — die Rache. Er würde wohl vor allem den Wunsch an die Spitze stellen... uns zu trennen.» Sie fühlte, ohne hinzusehen, wie Jul den Kopf sinken Hess. «Es gäbe für ihn das einfachste Ziel, dies zu erreichen, wenn er den Weg zu meinem Manne fände. In irgendeiner Form, und...» sie hatte sich erhoben, stand aufrecht mit hängenden Armen und sah mit geschlossenen Augen in sich... «ich darf meinen Mann nicht kränken. Auch nicht durch den Schatten eines unverdienten Verdachtes, der auf mich fiele. Ich habe alles dies heute nacht in mir durchgerungen und habe in mir gesiegt. Ich will Ihnen gestehen, Freund Jul, wozu ich mich entschloss, und will, bevor ich Ihnen meinen Entschluss gestehe, einige Worte voransetzen, wenn Sie mir das Versprechen geben, darauf zu schweigen und nie mehr darauf zurückzukommen.» Sie reichten sich die Hand, ohne sich anzublicken. «Ich fühle es, dass ich Ihrem Herzen nahe stehe... und darum weiss ich... da.ss Sie nie etwas tun würden... um mich einer Kränkung... einer Demütigung preiszugeben.» Liebevoll sah sie zu ihm herunter. «Ich will einstweilen das Kommende abwarten, allein wenn mich in der Zukunft das Geringste berühren sollte, dann... dann... würde ich allen meinen Einfluss aufbieten ... um meinen Mann zu bewegen ... alles hier zu verlassen...», wie von einer unwiderstehlichen Gewalt emporgerissen stand er vor ihr, aber furchtlos setzte sie fort... «und ich weiss... ich würde es erreichen.» Mit aufgerissenen Augen starrte er sie an. In ihrem Gesicht regte sich keine Miene. Bis sie beiseite sah, nur um nicht weich zu werden. «Können Sie mich verstehen, Freund Jul?» Mit geheuchelter Gleichgültigkeit, leidenschaftslos, sprach sie es aus. Mit unerbittlicher Ruhe, zu der sie sich zwang. «Nein, Frau Enid, ich kann es nicht... ich kann es nicht!» Wie eine Klage stiess er die Worte heraus. «Was ich für Sie fühle, was...» Begütigend legte sie ihm den Finger auf die Lippen. «Vergessen Sie nicht, was Sie mir soeben versprochen.» Und als er nach ihrer Hand haschte, enteog sie ihm ihre Rechte. Es musste sein. Zu fest war sie in sich entschlossen, es zu Ende zu führen. Auch wenn es ihr Herz koste. Was sie mit keiner Miene verriet. Sie durfte ihm keine Hoffnung machen. «Ich hätte Sie richtig verstanden, Frau Enid, wenn...» «... wenn Doktor Heckmann sich mir noch mit einem Wort der Vertraulichkeit nähert,