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E_1934_Zeitung_Nr.030

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 — No 30 Ted*

Bern, Dienstag, 10. April 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 30 Der Geburtstag Von Paul Lepnin. Liebe Cornelia! Während ich hier im Zimmer sitze und das Feuer ungesellig im Ofen schlurft und der letzte Spätwinter trüb über der Stadt hängt, in der wir einmal, in Jugend versponnen, miteinander zu Hause waren, geht wohl der Wind um Dein einsames Berghaus in der Schweiz und rüttelt an seinen Fenstern. Es ist schon sehr lange her, dass Du uns verliessest, um Obst und Gemüse zu züchten, im Hühnerstall streitsüchtige Hennen zum Eierlegen zu ermuntern, um in der blankeren Luft des Vorgebirges die alten Tage zu verbringen. Es ist vieles geschehen, was seither die Welt, mit der wir uns drehten, gezaust und verändert hat. Deine schöne Stadtwohnung, in der wir am Sonntag Schlagrahm und Schokolade schmausten, wird von fremden Mietern bewohnt, der Krieg hat mit Festgegründetem aufgeräumt, und auch der Tod, an den wir damals im Halblicht der Lebensfrühe noch gar nicht dachten, kam uns ein bisschen dazwischen. Warum ich heute plötzlich und ungerufen an Bindungen rühre, die mit dem bunten Rauch der Vergangenheit längst sich verflüchtigten? Du erinnerst Dich doch des Nachmittags, wo unsere (Freundschaft ein Bund besiegelte? — Es war ein seltsamer Klüngel, der Dich da wöchentlich heimsuchte, widerhaarig und eitel, jung, dumm und gefrässig. Da waren Malersleute mit schwungvollen Biedermeierwesten, schweigsame Bildhauer und vorlaute Literaten, die staunende Zeitgenossen durch ihre Krawatten verblüfften. Heute ist alles glatt, uniform und geschniegelt. Niemand lässt sich die Mähne mehr über den Rockkragen wachsen, um genialischen Ernst und tiefere Bedeutung vorzutäuschen. Lyrik und ihre Voraussetzungen sind aus der Mode gekommen. Damals war alles Lyrik: die Spazierwege in der Stadt, die Sonne im Sommer und der Schnee im Dezember, das unruhige Seelchen und die Sonntagsgespräche in Deinem Haus, liebe Cornelia. Du bist uns allen von Anbeginn eine freundliche Schwester gewesen. Du warst verliebt in den Unsinn, den wir mit Gott und der Schöpfung verübten. Du warst nachsichtig gegen Ungezogene, mildtätig gegen Verbrecher. Du hast den Rumänen Hugo belächelt, wenn seine Modellgeschichten ins Unanständige überkippten. Du bliebst still und versöhnlich, wenn ein beleidigter Balladendichter die Gesetze des guten Tones zornmütig mit den Füssen zertrampelte. Du hattest an uns, unseren Schmerzen und unserer Verblendung, einen zärtlich gesinnten Narren gefressen. Als Dame, die uns an Lebenszeit und Erfahrung um eine Nasenlänge vor- Der Bauer summt und spaltet Holz und schichtet's in die Reih'. Nach jedem Schlag tönt aus dem Wald ein zweiter Schlag herbei. Am Landungssteg die Bäuerin ileit stumm die Wäsche aus. Ihr Spiegelbild zerspringt im See mit Wolken, Strauch und Haus. Es rinnt in runden Wellen fort und fügt sich wieder schnell. Ein Dampfer fährt vorbei. Am Bug schlägt an die Glocke hell. Wir blicken einen Atemzug auf das besonnte Deck. Ein Schatten fällt vom Rauch auf uns und ist schon wieder weg. Bald hörst du keine Glocke mehr, nur Echo Schlag um Schlag. Und alle Laute dringen bloss als Schweigen in den Tag. aus war, lenktest Du unbemerkt das Piratenschiff unserer Erziehung. Wir lernten an Deinem Tische die Ungehörigkeiten vermeiden, die mit verliederten Nächten und ihrer Gemeinschaft verknüpft sind. Du hast uns gezeigt, wie man die Teetasse hält und mit den Fingern die Spargelstangen zum Munde führt. Manche von uns hatten ein Heim, wo diese Dinge nicht allzu geläufig waren. Und dann, Du darfst nicht vergessen, wir zählten erst zwanzig Jahre. Mit unseren Liebesgeschichten und Tränen sind wir immer zu Dir gekommen. Du hast den Kummer beschwichtigt, wenn das rebellische Herz eine Enttäuschung zu schwer nahm. Du hast auch mit Geld geholfen, wenn der Leichtsinn über die Stränge schlug, wenn tragisch verdüsterte Zahltage den Schuldner bedrückten. Für jeden von uns hattest Du einen Titel, der in unserem Kreise gebräuchlich wurde, einen verballhornten Witz, der unser Wesen umschrieb und ohne Vorwurf kritisierte. Du selbst warst Frau Cornelia, ich weiss nicht wieso und in welchem Zusammenhange. Es wird wohl ein Wort aus der Märchensprache gewesen sein, in der wir uns damals verständigten, ein Rufname aus der Welt hilfsreicher Heinzelgestalten und Kobolde. Frau Cornelia, der wir die Verse versetzten, die uns tagsüber durch den Kopf gingen, die uns verwöhnte und fütterte, lieblose Frechheiten in Güte verzieh und die mit uns sprechen konnte wie mit fertigen, völlig erwachsenen Menschen. Aber damit ich die Hauptsache nicht verrede, den Grund, weshalb ich Dir schreibe. Da war der Nachmittag, der in Ekstase verlief, die Freundschaftsfeier und das Verlöbnis. Du hattest einen roten Likör in die Gläser gefüllt und sagtest, dass es das Blut sei, das uns heimlich versehwistere. Wir tranken und reichten uns unsere Hände. Und dann wurde bestimmt, dass der Tag unseres Festes zum Geburtstag ernannt werde, der uns allen gemeinsam wäre. Immer, wenn dieses Gedächtnis wiederkehre, sollten wir uns Am See Von Heinrich Zillich. bei Dir versammeln. Auch später, wenn Zufall uns trennte, wenn die Zukunft unsere Runde in die Himmelsrichtungen versprengte. Dieser eine Tag sollte uns Tabu werden. Zuflucht und Hort, heilig und unwiderruflich. Dann müssten wir alle wieder beisammen sein, mit der Cornelia bei Tische sitzen und unserer Jugend gedenken. Es ist anders gekommen. Die Zeit, die unseren Treuschwur verlöschte, ist über unseren Geburtstag hinweggegangen und hat ihn nicht mehr beachtet. Wir sind niemals bei Dir gewesen, wenn der Festtag sich jährte. Dein sagenhaftes Haus in der Schweiz, das Du als Tuskulum bautest, blieb friedlich und ohne Gäste. Keiner von uns hat mehr das Datum, den Monat, die Stunde vergilbter Bruderschaften im Sinne. Manche von uns sind gestorben und wir alle haben gelernt, das Schicksal zu fürchten und an den Tod zu glauben. Wieso ich auf einmal, ohne sichtbaren Anlass, in entschwundenen Torheiten stöbere? — Der Nebel braut hinter den Scheiben und mir ist sehnsüchtig zumute. Verkündigungen von ehedem, aus der Zeit kindhafter Träume, steh'n zutraulich bei mir und flüstern. Ich glaube, ich habe Geburtstag heute. Darum, liebe Cornelia, dieses Empfindens wegen, das sich verspätet besinnt, empfange die Grüsse, die ich Dir biete. Die Schweiz ist weit. Dein Gehöft hat der Bergfrost verzaubert und Dein Obstgarten ist mit Flockensternen bezuckert. Es wäre nutzlos und sehr verwegen, durch Winterlandschaft und Steppe ins Reich gealteter Fabeln zu reisen. Ich sehe im Geist Dein Gesicht, energisch und braungebrannt vom Sturm und vom Wetter. Die Haare, dunkelglänzend dereinst, umrahmen es schlohlicht und bäuerisch gescheitelt. Ich küsse Dir dankbar die Hände. Es war sehr schön bei Dir, Cornelia. Jetzt ist es vorbei, anderes ist an der Reihe. Deine Sonntagsstube war immer von Liebe vergittert, von der unversehens und funkelnd ein Bröselchen übrigbleibt, auch in der Ferne, heimfroh und lebendig, nach der grossen •Mühlarbeit dreier Jahrzehnte. Fahrt nach Portugal*) (Schluss.) Um zwölf Uhr ist Tomar in Sicht. Tomar ist eine kleine, in weiten Olivenpflanzungen gelegene Stadt. Aber das würde noch nicht viel heissen, wenn nicht auf einer Anhöhe hinter ihr im Westen das «Ordensschloss der Christusritter» aufragen würde, weithin über das ganze Land hinaus sichtbar. Diese noch auf den Maurenkrieg um 1100 herum zurückgehende Christusritterburg ist eine ganze Gruppe von Bauten, Kirchen, Klöstern, Dormitorien, Kreuzgängen, Türmen und Zinnen, heute zum Teil noch von einem katholischen Priesterseminar benützt, zum Teil Militärspital und in Renovation befindlich. Das letztere schadet etwas der Gesamtbetrachtung, aber trotzdem mach dies alles in dem blendenden Glanz der Mittagssonne einen grossen und festlichen Eindruck, den die Palmen und Zedern in den alten Klostergärten und die weite Sicht auf Hügel und weisse Sommerwolken noch erhöhen. Vor der einen Freitreppe, die zur Burg hinansteigt, spielen die Seminar-Zöglinge in ihren schwarzen Priesterkleidern fröhlich Ball. Die nette Tochter des Küsters, die uns Türen auf- und zuschliesst, heisst Augusta. Schwieriger gestaltet sich das Mittagessen, wozu sich nach dieser Besichtigung — es ist schon fast zwei Uhr — nunmehr kräftiger Hunger meldet. Irgendwo an der Strasse zwischen Fluss und Markt muss die Fonda liegen. Aber so wenig kann man ihr das ansehen, dass wir wohl viermal darnach fragen und an die fünfmal Strasse hinauf- und hinunterfahren müssen, bis wir endlich vor dem richtigen Hause landen. Es ist aber unheimlich still darin. Wir sind eben nach portugiesischer Sitte zu spät. Aber wir bekommen dann noch etwas. Noch an zwei alten Klöstern kommen wir an diesem Nachmittag vorbei, an Batalha, von König Johann I. im Jahre 1388 gegründet, ein Bauwerk portugiesischer Gotik von erstaunlicher Prächtigkeit und Zierde, das nur heute etwas allzu museumshaft als nationales Denkmal an diesem abgelegenen Orte liegt und an Alcobaca, einer Zisterzienserabtei frühgotischen Stils, die ebenfalls scheinbar renoviert wird und in deren Innerem Engels- und Apostelsköpfe zu Dutzenden herumliegen. Ganz rührend hilflos und erbarmungswürdig sieht diese durcheinandergewürfelte steinerne himmlische Familie mit ihren nach oben und unten gekehrten Gesichtern aus. Wir sind nun bloss noch 120 km von Lissabon entfernt. Es ist Samstag abend 6 Uhr. In unserem zu Hause entworfenen Fahrtprogramm war vorgesehen, dass wir an eben diesem Samstag abend an dieses Ziel unse- *) Siehe auch «Autler-Feierabend» No. 28 F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (Fortsetzung ans dem Hauptblatt) Jedenfalls musste sie sich doch immer wieder eines gestehen. Er liebte sie. Das war der Keulenschlag, der ihr Gewissen traf. Und eine Enttäuschung an ihr würde ihn zu Boden schmettern. Ihn und sein Leben vernichten. Das dürfe nicht der Dank sein für all das Gute, das er ihr getan. Tun wollte. Und darum musste sie es auf sich nehmen, dass das Zauberschloss ihrer Liebe, das hoch in den Wolken über ihr aufstieg, sie unter seinen Trümrrtern begrub. Ihr Leben ging seinen gewohnten Gang, allein der Gedanke an ihr Vorhaben und die Furcht vor Heckmann verliess sie nie. Darum richtete sie es so ein, dass sie jedes Zusammensein mit Jul innerhalb der Stadt vermied, und traf sich mit ihm zu ihren Spaziergängen erst weit ausser der Stadt. So konnte es ihr nicht entgegen, ob ihr jemand folge und sie beobachte. Sie kramte die verlegensten Ausreden hervor, um Jul ein oder das andere Mal ausweichen zu können, und sah an seinem traurigen Gesicht vorbei, wenn sie ihm absagte. Ein Gefühl des Missbehagens beschlich sie, es widerte sie an, wenn sie zu derartigen Mitteln greifen musste, und gar oft ertappte sie sich dabei, dass sie ihm ein Wiedersehen verweigerte, um es nachher zu bereuen, und um ihn doch da oder dort zu treffen. Allein die Tage, an denen sie Jul nicht sah, schlichen leer und inhaltlos an ihr vorbei, und es schmerzte sie die Erkenntnis, dass es ihm ergehe wie ihr. Aber es musste sein. «Was fehlt Ihnen, Frau Enid. Was geht in Ihnen vor?» So fragte er sie eines Tages. Und sie fand den Mut zu lachen. Wie er zu solchen Gedanken komme? Auch das Leben ihres Mannes ging unverändert weiter. Mit einem ritterlichen Handkuss verabschiedete er sich des Morgens von ihr, um sie des Abends mit einem ritterlichen Handkuss, selten einem flüchtigen Kuss zu begrüssen. Dann aber widmete er sich nur ihr. Fast kein Tag verging, ohne dass er in aufrichtiger Besorgtheit ihre Wünsche erforschte, bestrebt, alles zu erfüllen, was er ihr von den Augen ablesen könne, nur bedachte er nie, dass er auch vor acht Uhr abends gegen sie Verpflichtungen habe. Sie war es gewohnt. Das beruhigte ihn. Der Gedanke, dass sie dadurch etwas entbehre, kam ihm nicht. In Parapatan war es ja auch nicht anders gewesen wie jetzt. Des Abends sass er mit ihr beim Teetisch, fast immer brachte er ihr Blumen mit, konnte ihr weitschweifig von seinen wissenschaftlichen Arbeiten erzählen, und hätte es unfassbar gefunden, dass sie dafür kein Interess habe. Ihn interessierte doch auch, was sie tagsüber tat. Mit schmerzhafter Selbstverleugnung klammerte sich Enid an den Gedanken, sich von Jul für immer lossagen zu müssen. Wie oft hatte sie sich schon vorgenommen, ihren Mann zu bitten, an eine Aenderung ihres Aufenthaltes zu denken, aber immer verliess sie im letzten entscheidenden Augenblick der Mut. So schob sie die EntSchliessung von einem Tag zum anderen hinaus, aber wie gelähmt wich sie zurück, wenn sie den ersten Schritt dazu machen sollte. Ein scheinbar nebensächlicher Vorfall sollte ihr eines Tages, wie ein unerbittlicher Wink des Schicksals, zu Hilfe kommen. Ein kleines Blatt Papier flatterte auf den Tisch ihres Hauses. Ein Telegramm für Herrn Professor van der Witte. Mit zitternden Fingern drehte sie es hin und her. Wie wenn sie ohne, dass der Inhalt für ihr Leben eine Entscheidung bedeuten könne. Als ihr Mann des Abends heimkehrte, reichte sie es ihm wortlos, und unbewusst hämmerte ihr das Herz in der Brust. Mit erstaunter Miene nahm es der Professor und riss es auf. Verstohlen beobachtete sie ihn von der Seite. Ununterbrochen starrte der Arzt auf das Blatt. Dann trat er damit zum Fenster, wie um besser sehen zu können, und las es abermals mit nachdenklicher Miene. Es schien ihr eine Ewigkeit. «Etwas Unangenehmes, Piet?» Er lächelte. (Fortsetzung folgt.) Wer Stumpen und Zigarren raucht, schützt schweizerische Handarbeit