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E_1934_Zeitung_Nr.031

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BERN, Freitag, 13. April 1934 Ceibe Liste Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 31 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjahrlich Fr. 5 , jährlich Fr. 10 . Im Ausland unter Pcrtorasehlaf, sofern nicht pestamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION a. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Recfinung II1/414. Telephon 2&223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe GrundzeUe oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitentarif. Imeratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Einfahren eines neuen Wagens Es gibt kaum einen Faktor, der die Lebensdauer und das allgemeine Verhalten eines Wagens so stark beeinflusst wie die Behandlung, die ihm während der ersten 2000 Fahrkilometer zuteil wird. Je nachdem, ob ein Wagen gut oder schlecht eingefahren wird, wird sein späteres Verhalten jedenfalls die grössten Unterschiede zeigen. Der gut eingefahrene Wagen erreicht vielleicht ohne jede Störung und Erneuerung 100 000 km, während ein anderes Fahrzeug der genau gleichen Type bereits nach 20 000 Kilometer neue Kolben und Lager erhalten muss, einzig weil ihm anfänglich nicht die nötige Rücksicht entgegengebracht wurde. Jedes Automobil will für seinen Dienst «erzogen» sein. Je feiner es ist, um so grösseren Ansprüchen hat diese Erziehung .zu genügen. Keine noch so präzise Fabrikarbeit kann den Automobilisten von der Aufgabe des sorgfältigen Einfahrens befreien. Im Gegenteil: Je weiter die Präzision in der Fabrik getrieben und je konsequenter der ganze Mechanismus auf lange Lebensdauer hin gebaut wird, um so empfindlicher ist er gegen Erziehungsfehler. Den Luxus, die erste Erziehung des Mechanismus selbst zu übernehmen, können sich nur wenige Fabriken leisten. In weitaus den meisten Fällen kommt also der Automobilist nicht um ein Einfahren herum. Es bedarf allerdings gerade für den frischgebackenen Automobilisten einer ganz gehörigen Selbstbeherrschung, um dem neuen Wagen nicht gelegentlich die Zügel schiessen zu lassen. Denkt man sich aber etwas in die Vorgänge hinein, so ist auf der andern Seite auch leicht einzusehen, dass jedes vorzeitige Forcieren dem Mechanismus schaden muss. Dem Fachmann ist das Mitgefühl mit der Maschine derart ins Blut übergegangen, dass er es fast als persönlichen Schmerz empfinden würde, wenn er einen neuen Motor auf hohe Tourenzahlen treiben sollte. Die empfindlichsten Teile eines neuen Wagens stellen gewöhnlich die Kolben und Zylinderbohrungen dar, was u. a. deutlich daraus hervorgeht, dass für sie keine einheitliche Lebensdauer aufgestellt werden kann. Beginnen die Kolben schon nach 5000 bis 10 000 km zu klappern, so kann man mit Bestimmtheit auf schlechte Behandlung des Motors während der Einlaufzeit schliessen. Selbst durch Ausschleifen der Zylinder und Einpassen neuer Kolben ist dann aber dem Schaden bei weitem nicht vollständig abgeholfen. Ueber kurz oder lang macht sich die Misshandlung des Motors auch am anormalen Spiel aller Lager geltend, denn hier wie dort musste sich die Ueberbeanspruchung in übermässigem Materialverschleiss auswirken. Um einen Wagen zu möglichst langer Lebensdauer zu befähigen, passt die Fabrik alle seine Lager möglichst knapp ein. Die betreffenden Teile sollen sich gerade noch gegenseitig verschieben können, ohne dass der schützende Schmierfilm zwischen ihnen zerrissen oder die durch die Reibung erzeugte Wärme zu hoch wird. Das Normalspiel, das erst die Teile zu leichtem, geräuschlosem Lauf befähigt, ist in diesem Zustand noch nicht vorhanden, es soll sich vielmehr durch den Einlaufprozess erst bilden. Wird der Wagen richtig eingefahren, so entsteht die normale Passung der Lager in verhältnismässig kurzer Zeit. Wird er jedoch von Anfang an forciert, so ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Zerstörung der Gleitflächen fast unvermeidlich. Zuerst wird der noch sehr dünne, empfindliche Schmierfilm stellenweise zerquetscht und zerrissen, so dass Metall mit Metall gegenseitig zur Berührung kommt. Die durch keinen Schleif- und anderweitigen Bearbeitungsprozess gänzlich zu vermeidenden Buckel und Gräte der Metalloberfläche reiben sich aneinander ab und hinterlassen im Lager eine grosse Menge scharfer, schleifender Splitter. Auch allein schon durch die enge Passung des Lagers kommt es zu starker Erhitzung, die dadurch, dass das dünnwerdende Oel immer mehr an Schmierfähigkeit einbüsst, schliesslich zu örtlichen Anschmelzungen der Metalloberflächen führt. Das Lager «frisst an » und wird rauh. Das Anfressen bedeutet aber auch schon den Anfang vom Ende, denn es ist klar, dass die rauh gewordenen Metallflächen einander nun erst recht stark abnützen müssen. Wird die neue Maschine dagegen beim Einlaufen genügend geschont, so werden die bei der Bearbeitung zurückgebliebenen mikroskopischen Unebenheiten gleichsam glattgewalzt und durch einen Feinschleifprozess zur Spiegelglätte gebracht. Das Oel hat genügend Zeit, um die entstehende Wärme fortlaufend abzuführen, bevor sie sich schädlich auswirken und Anlass zu Anschmelzungen geben kann. Sowie die Metalloberfläche einmal Spiegelglätte angenommen hat, ist sie gegen weitere Abnützung fast gefeit. Die Reibung im Lager ist dann auch soweit verringert, dass nur noch wenig Wärme erzeugt wird und das Oel ständig seine besten Schmiereigenschaften beibehält. Die Bildung spiegelglatter Gleitflächen kann begünstigt und beschleunigt werden, indem man das Oel häufig, alle 400—500 km, erneuert. In den letzten Jahren wird vielfach auch der Zusatz von kolloidalem Graphit zum Oel empfohlen, da Kolloidgraphit erwiesenermassen die Schmierung verbessert und das Anfressen der Metalloberflächen erschwert. Speziell zur Verbesserung der empfindlichen Zylinderlaufbahnen ist die sog. Obenschmierung geeignet, die dadurch zustandekommt, dass man dem Brennstoff ein leicht lösliches Oel von hoher Siedetemperatur in kleinen Quantitäten beigibt. Weitaus zum grössten Teil steht und fällt aber das Wohl und Wehe der Maschine mit der Fahrweise des Wagenlenkers. In jedem Moment hat sich dieser bewusst zu sein, dass die Lager noch nicht ihre normale Belastung vertragen. Da die Lagerbeanspruchung sehr stark von der Geschwindigkeit abhängt, mit der die Metallflächen aufeinander gleiten, darf vor allem die Motortourenzahl und die Fahrgeschwindigkeit nicht zu hoch getrieben werden. Welche Werte nicht überschritten werden sollen, gibt der Konstrukteur meist dem neuen Wagen in einer gedruckten Instruktion mit auf den Weg. So kann die Vorschrift beispielsweise lauten, dass die Fahrgeschwindigkeit während der ersten 500 Kilometer nicht über 45 km/St., während der ersten 1000 km nicht über 60 km/St., bis zu 1500 km/St, nicht über 80 km/St, und vor 2000 km nicht über 100 km/St, getrieben werden darf. Diese Geschwindigkeiten gelten für die Fahrt im direkten Gang und sind für die Benützung der kleineren Getriebegänge noch entsprechend dem Uebersetzungsverhältnis zu reduzieren, so dass der Motor unter keinen Umständen auf hohe Tourenzahlen kommt. Um eine übermässige Beanspruchung des Motors zu erschweren, versehen manche Konstrukteure die Saugleitung auch mit einem Drosselflansch, der nach den Garantiebestimmungen erst herausgenommen werden darf, wenn der Wagen eine bestimmte Kilometerstrecke zurückgelegt hat. Ein solcher Flansch begrenzt wohl die maximale Gemischaufladung der Zylinder und damit die Lager- und Kolbendrücke, bedeutet aber keine absolute Sicherung, da ein verständnisloser Fahrer den Motor trotzdem noch beim Fahren mit kleinen Gängen auf sehr hohe Tourenzahlen treiben kann. Wem daran liegt, dass sein Wagen eine hohe Lebensdauer erreicht, der behandle also auch einen gedrosselten Motor mit möglichst viel Schonung. Empfehlenswert ist dias von manchen Fahrern geübte Vorgehen, den Motor eines neuen Wagens zuerst einige Stunden lang im Stand mit niedriger bis mittlerer Tourenzahl laufen zu lassen, bevor er zum Fahren in Anspruch genommen wird. Einige Zeit ist zwar jeder Motor schon vorher in der Fabrik gelaufen. Es kann jedoch nur nützlich sein, wenn die Einlaufdauer am Stand auf ein Mehrfaches erhöht wird. Eine Einlaufdauer im Stand von 12 Stunden kann ruhig als gleichwertig wie ein Einfahren über eine Strecke von mindestens 500 km betrachtet werden. Genau die gleichen, wenn nicht noch grössere Rücksichten als ein neuer Motor verlangt eine Maschine, deren Lager und' Kolben nur erneuert wurden. Nicht selten wird bei solchen Erneuerungen des Guten fast zuviel getan, indem die Passungen eher allzu knapp gewählt werden. Neu eingepasste Kolben zeigen dann ab und zu während der ersten hundert Kilometer ©ine starke Neigung zum «Klemmen», ein Zustand, der schweren Beschädigungen unmittelbar vorhergeht. Genau wie ein neuer Motor verlangt auch ein frisch durchrevidierter Motor möglichst häufige Erneuerung des gesamten Oelvorrates, damit das abgeriebene Metall aus dem Oelkreislauf entfernt wird und sich nicht wie ein Schleifmittel in die weicheren Lageroberflächen einbettet. Wenn alle die Massnahmen, die zum korrekten Einfahren eines neuen oder revidierten Wagens angezeigt sind, die Betriebskosten während der ersten Zeit auch etwas erhöhen, so machen sie sich auf die Dauer doch unfehlbar vielfach bezahlt. m. F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (18. Fortsetzung) «Durchaus nicht. Im Gegenteil. Aber verzeihe, Enid, ich habe dich darüber fast vergessen.» Mit besonderer Zärtlichkeit küsste er ihr die Hand und drückte sie, wie in einer Umarmung, an sich. «Eine für mich grosse Ueberraschung, aber eine freudige.» Er sah nicht, wie sie mit weitgeöffneten Augen an seinen Lippen hing. «Du würdest es nie erraten, Enid. Was ich in meinem wissenschaftlichen Leben als Ziel erhoffte und ersehnte, scheint sich früher zu erfüllen wie ich dachte.» Wie eine Verklärung lag es über ihm. Aus seinen sonst so undurchdringlichen Zügen sprach eine tiefe Erregung. «Bitte, Piet, sage mir, was es ist.» Ihre Stimme zitterte. «Denke dir, Enid, ein Antrag meiner Regierung, mich für eines von zwei Angeboten zu entscheiden. Eine Professur in Leyden anzunehmen, von der ich weiss, dass deren weitere Folge fast immer die höchste wissenschaftliche Stellung im Lande ist. Mein Vorgänger Snyders ist heute Minister für soziale Fürsorge. Ich könnte denselben Weg gehen.» Mit leuchtenden Augen stand er vor ihr. «Und das andere, Piet?» «Ebenso ehrenvoll. Nach Batavia zurückkehren als oberster Chef des staatlichen Sanitätsamtes über alle Kolonien.» Er sah sie mit einem begeisterten Lächeln an. «Wozu entscheidest du dich, Piet?» In seiner Erregung hörte er nicht das Beben ihrer Stimme. Sie meinte, er müsse bei ihrer Frage das Pochen ihres Herzens hören. Der Arzt sah nachdenklich vor sich hin und trocknete sich mit dem Taschentuch die feuchte Stirne. «Wozu entscheidest du dich, Piet?» Der Professor zuckte die Achseln. In qualvoller Spannung erwartete sie die Antwort. «Es will überlegt sein, Enid. Es ist im ersten Augenblick für mich schwer, an eine Entscheidung zu denken.» Nachdenklich schritt er im Zimmer auf und ab. «Es gibt nur eine Lösung. Ich fahre morgen nach Amsterdam. Es lässt sich nur mündlich erledigen.» Er trat auf seine Frau zu und umarmte sie freudig. Sie stand mit hängenden Armen, regungslos wie eine Bildsäule. «Ich will mich rasch zum Abendessen umkleiden, dann wollen wir alles überdenken und in Ruhe besprechen!» An der Türe wandte er sich nochmals nach ihr um. «Was würdest du mir raten, Enid?» Sie sah ihn fassungslos an. «Du wirst die richtige Lösung finden, Piet.» Er nickte ihr lächelnd zu und verschwand. Er sah ihre Erregung nicht, benommen durch sein Denken an die Zukunft, die sich ihm bot. Die Augen geschlossen, stand sie mitten im Zimmer, unfähig zu jeder Bewegung. Es war ihr, wie wenn ein Schleier um sie fiele. Alles verdunkelnd. Sie konnte die Gedanken nicht fassen, die auf sie einstürmten, sie wusste nur eines... dass nun alles vorbei... Wie in einem plötzlichen Erwachen kam sie zu sich. Es hiess rasch handeln, solange sie noch ungestört. Sofort müsse sie Jul verständigen. Wenn sie ihn jetzt anriefe, müsse er zu Hause sein. «Ich habe morgen keine Zeit, Jul, aber ich erwarte Sie übermorgen um dieselbe Stunde wie immer. Ob etwas Besonderes geschehen sei? Meine Stimme scheint Ihnen erregt? Was fällt Ihnen ein, Jul. Also übermorgen. Auf Wiedersehen!» Sie hing den Hörer an und hatte, wie früher, dieses lähmende Gefühl der Bewegungslosigkeit. In erzwungener Ruhe sass sie ihrem Mann beim Abendessen gegenüber. Jeder Blutstropfen schien aus ihrem Gesicht gewichen. Mit erheuchelter Aufmerksamkeit folgte sie seinen Worten, die wie aus weiter Ferne an ihr Ohr schlugen. In weitschweifiger Rede, wie sie es nie an ihm gehört, entwickelte er ihr seine Ansichten, und kam immer und immer wieder darauf zurück, dass er vor der grossen Erfüllung seiner Lebensarbeit stünde. Sein Name... sein Wissen... sein Beruf... sein Ziel. In übersprudelnden Worten erwog er alle Möglichkeiten der Zukunft, eine freudige Erregung hatte sich seiner bemächtigt. Der wissenschaftliche Ehrgeiz, der ihn beherrschte, der durch sein ganzes Leben die Triebfeder seines Denkens und Handelns war, hatte ihn unbewusst zum Sklaven seines Berufes gemacht, der in der Fronarbeit seines Strebens, ohne links und rechts zu sehen, seinen Weg ging. Aufgehend in den Mysterien seines Forschens, aufgepeitscht durch eine fast unersättliche Gier nach Wissen, gefesselt durch einen übertriebenen Ernst der Lebensauffassung. Er sah nichts vor sich, wie das höchste Ziel seines wissenschaftlichen Eifers, über dem er alles vergass. Schweigend sass ihm Frau Enid gegenüber. Kein Wort kam über ihre Lippen. Geblendet durch die Tatsachen, die auf ihn einstürzten, sah ihr Mann nicht die Erregung, die aus ihrem Schweigen sprach. Er sah nicht die Blässe ihrer Züge, das Zucken ihrer Lippen, den in die Ferne gerichteten Blick ihrer Augen, es fiel ihm nicht auf, dass sie wie geistesabwesend seinen Worten folgte, und wie aus einem bösen Traum schreckte sie zusammen, als er fragte: «Was würdest du mir nach allem raten, Enid? Leyden oder Batavia?» Aber sogleich hatte er die Frage wieder vergessen und erging sich in seinen Zukunftsträumen, überdachte, prüfte, überlegte, erwog, um nach einem Schwall von Worten und Gedanken dort zu enden, wo er schon unzählige Male begonnen hatte. Noch immer sass Frau Enid wortlos vor ihm. Ihre Gedanken gingen einen anderen Weg. «Also, was ratest du mir, Enid?» Ein stilles Achselzucken war die Erwiderung. «Du weisst, Piet, ich habe in Fragen deines Berufes nie eingegriffen.» Langsam, mit schleppender Stimme sprach sie es aus. Wie wenn sie, alles dem Schicksal überliesse. «Aber vielleicht äusserst du dich doch, Enid. Ich möchte deine Ansicht hören.» Sie senkte den Kopf und sah vor sich hin.