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E_1934_Zeitung_Nr.032

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 — N« 32 Benzinstandmesser misstraut ? Welcher Automobilist kennt nicht das Gefühl die Lenkung gehe plötzlich viel leichter oder schwerer, das Getriebe schalte sich ganz anders als sonst oder die Kupplung zeige Neigung zum Gleiten ? Nicht zuletzt sind es solche fixe Ideen, die den Mechanikern ihr Einkommen sichern helfen. Ausser den auf Einbildung beruhenden Selbsttäuschungen gibt es aber auch solche, bei denen lediglich die Phantasie etwas Schabernack treibt. Eie Knalil... zwei lähmende Schrecksekunden... dann reisst der Fahrer einen Stopp. Ganz unnötigerweise, denn der Knall entstand nur durch einen von den Rädern aufgeworfenen Stein, der gegen die Chassisverschalung prallte. Wie manchen geplatzten Pneu hat die Phantasie schon auf dem Gewissen, wenn es sich in Wirklichkeit vielleicht nur um eine kleine Schiesserei im Auspuff handelte. Und wieviel gerümpfte Autlernasen und Kurzschlüsse verdächtigende Autlergehirne verursacht ein irgendwo in der Gegend angezündetes Kehrichtfeuer ! Dafür kann man wieder kilometerlang das iGehupe eines vorfahrenwollenden Lenkrad- Icollegen überhören oder für eigenes Motorgesumm halten, wenn es ein neckischer Zu- 'fall will. Dass man die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos als Lichter zweier Radfahrer betrachtet, zwischen denen man mittendurch fahren will, passiert glücklicherweise schon seltener... denn das wäre ja auch vorschriftswidrig. Fast alle Anfänger lernen aber einmal die Erscheinung des Zaun-Echos kennen. Während man nichtsahnend über die glatte Strasse dahinroÜt. ertönt plötzlich ein sich Lanciabesitzer Eine alte Wahrheit: Erfahrene, kenntnisreiche Leute arbeiten rasch und fachgemäss. Dies ergibt: Billigkeit bei Qualitätsleistungen. Lanciabesitzer, vertrauen Sie Ihren Wagen dem periodisch wiederholendes Zischen. Es gibt Fahrer, die deswegen angehalten und den Wagen des langen und breiten untersucht haben, ob nicht vielleicht ein Gegenstand nachgeschleift werde, ob nicht das Kühlwasser koche, oder die Karosserie auf den Rädern schleife. Bestimmt wurde wegen des Zaun-Echos auch schon Mechanikerhilfe in Anspruch genommen. Dabei handelt es sich hier um nichts anderes als das von den Zaunpfosten periodisch reflektierte Fahrgeräusch ! -s. Tech *•» '«sdh Antwort 9013. Lumex-Abblendung. Adresse mitgeteilt. Red. II. Antwort 9019. Leistungsabfall bei Verrussung, Zuschrift weitergeleitet. Red. Frage 9032. Reinigung der Batterfeelektroden. Womit werden die Elektroden der Akkumulatorenbatterie am besten von den Korrosionsprodukten gereinigt? Wie kann man die Anfressung der gereinigten Elektroden durch die Säuredämpfe verhindern? K. S. in B. Antwort: Die Reinigung korrodierter Batterieelektroden geschieht am einfachsten mit Sodawasserlösung (eine Handvoll Soda auf 1 Liter Wasser), indem man die Elektroden mit dieser Lösung abbürstet. Um einer neuen Korrosion vorzubeugen, kann man eines der dafür im Handel befindlichen Spezialpräparate verwenden. Im Notfall genügt aber auch ein TJeberzHg der Elektroden mit Vaselin oder Konsistenzfett. at. Frage 9033. Verölte Dynamo. Das Atnperemeter meines Wagens zeigte seit einiger Zeit starke Schwankungen, was mich veranlasste, die Dynamo einer näheren Prüfung zu unterziehen. Dabei habe ich nun festgestellt, dass der Kollektor veTÖlt ist und im Betrieb stark funkt. Ich vermute nun, dass Frage 9034. Einstellung mechanischer Stossdämpfer. Wie stark muss die Einstellmutter mechanischer Stossdämpfer angezogen werden, damit der Stossdämpfer am besten wirkt? H. J. in Z. Antwort: Je nach den Umständen kann die von den Stossdämpfern erwünschte Schwingung^ dämpfende oder -bremsende Wirkung verschieden sein. Bei einem Sportwagen wird man die Stoßdämpfer gewöhnlich auf starke Dämpfung einstellen, muss dann aber bei niedrigen Tempi einen- •etwas holprigen Lauf des Wagens in Kauf nehmen. Umgekehrt genügt bei Wagen, die vorwiegend in der Stadt gefahren werdea, eine geringe Dämpfung der Federschwingungen. Durchschnittlich kann man den Stossdämpfer eines mittelschweren Tourenwagens dann als richtig eingestellt betrachten, wenn die Kraft, die zum Bewegen eines der Stossdämpfer-Schenkel erforderlich ist, mit einer Federwage gemessen, etwa 8—10 kg beträgt. Durch mehr oder "weniger starkes Anziehen der Einstellmutter,, lässt sich dieser Zustand leicht herbeiführen. ai. Anfrage 393. Sicherstellung. Bevor ich eine neue Stelle als Chauffeur annehme, möchte ich die Frage der zu leistenden Kaution abklären. Angeblich zur Sicherheit wird bei vielen Stellen eine Geschäftsoder Interesseneinlage verlangt. Wie kann eine das Oel am Kollektor und das Funken mit der ungleichmässigen Stromabgabe zusammenhängt und solche Einlage am besten sichergestellt werden? Oft wird der Wagen dafür angeböten. Wie kann man dass es jedenfalls nicht normal ist. Wie aber können die Mängel beseitigt werden? Ein Abwischen aber wissen, ob der Wagen bezahlt öder sonstwie verpfändet ist? J. L. in L. des Kollektors nützt meist nur kurze Zeit, trotzdem ich die Dynamo nur etwa alle 1000 km schwach öle. E. D in F. Antwort: Sie überlassen die Instandstellung der Dynamo am besten einem Spezialisten. Wenn die Verunreinigung des Kollektors nicht von einer zu starken Schmierung der Dynamo herrührt (eine Schmierung der Lager alle 1000 km ist zwar Teichlich viel), dürfte wohl eine starke Abnützung der luvtet. S» '«edassi Antwort- Ihre Anfrage ist sehr berechtigt. Es ist schon verschiedentlich vorgekommen, das« Chauffeure Kautionen leisten mussten, die ihnen dann bei Auflösung des Dienstverhältnisses von ihren Dienstherren nicht mehr zurückerstattet werden konnten. Die betreffenden Chauffeure haben darin in der Regel neben ihrer Kaution noch ihren Gehalt eingebüsst. Aus diesem Grunde ist jedenfalls Vorsicht am Platze. Zweckmässig wäre gegebenen- Oelfangringe in den Lagern die Ursache des Uebels darstellen. Die Oelfangringe wären dann zu einer Versicherungsgesellschaft. Der Versicherte hat falls der Abschluss einer Kautionsversicherune mit ersetzen. at. dem Dienstherrn gegenüber nur die Prämienquittung vorzuweisen. Wird die Kaution fällig, so ist diese von der Versicherungsgesellschaft auszubezahlen. Jedenfalls kann der Dienstherr nicht darüber zum Nachteil des Kautionleistenden verfügen. Eine andere Möglichkeit ist die Hinterlegung des Kautionsbetrages bei einem Treuhändler, der den JBetrag weder der einen noch der andern Partei ohne gegenseitige Zustimmung ausliefern darf. Eine Möglichkeit wäre auch die, jedem Kautionsnehmer ein Sparheft oder ein Wcrtpapior ohne Couponbogen zu verabfolgen. Immerhin bietet das letztere Verfahren nicht absolute Sicherheit. Die Entgegennahme des Automobils als Pfand ist ebenfalls keine Sicherheit, weil das Faustpfand nur dann gültig errichtet ist, wenn der Pfandnehmer das Pfand in seinem Gewahrsam hat. Ein Pfandrecht würde also nur dann begründet sein, wenn der Pfandnehmer aussrhliesslich und allein den Gewahrsam über den Pfandgegenstand hat. Ob der Wagen verpfändet ist oder nicht, kann beim Betreibungsamt festgestellt werden. Ebenfalls wäre festzustellen, ob auf dem Wagen nicht ein Eigentumsvorbehalt liegt. Auch das ist auf dem Betreibungsamte feststellbar. * indel uu Industva« Ein glänzender technischer Erfolg unserer Lastautoindustrie. Die Aktiengesellschaft Adolph Saurer hat sich bereits im Jahre 1008 mit dem Bau schnellaufender Dieselmotoren für Lastautomobile befasst und der erste in diesem Jahre von ihrer Lizenzfabrik « Safir » in Zürich hergestellte Motor ziert das Deutsche Museum in München. Es bedurfte aber vieler Jahre zähester Forschungs- und Werkstättearbeit, bevor der Dieselmotor für den Lastwagenbetrieb marktfähig war und die eTsten von Saurer mit solchen Motoren versehenen Fahrzeuge verliessen die Arboner Werke im Jahre 1928. Bis jetzt hat die Firma zusammen mit ihren Lizenznehmern 4.700 Dieselautomobile hergestellt. Seit dem Jahre 1928 hat die Firma Saurer •die Dieselmotore ständig vervollkommnet, aber erst im Herbst 1933 gelang es nach einer Reihe wichtiger Erfindungen, einen kleinen Dieselmotor herzustellen, der sich für den Einbau in Leichflastwagen eignet. Die sofort vorgenommenen Versuche mit dem neuen Motor brachten überraschende Ergebnis. Es wurde erreicht, dass die Leistung des Dieselmotors grösser als jene des Benzinmotors gleicher Abmessungen ist, während im Gegensatz zu dieser bisher unbekannten Leistungssteigerung der Brennstoffkonsum beträchtlich vermindert werden konnte. Nach diesem Erfolg ging Saurer sofort zum Bau eines Leichtlastwagens von 1,5 bis 2,5 t Tragkraft über. Das neue Fahrzeug wurde erstmals auf der Ausstellung in Genf im März 1934 gezeigt. Bei den Versuchsfahrten bestätigte sich das auf den Versuchsständen erzioHe günstige Ergebnis und das mit 2,5 t belastete Fahrzeug legte die Strecke von Arbon nach Genf und zurück mit einer mittleren Fahrgeschwindigkeit von 47 Stundenkilometern und einem Brennstoffverbrauch von 12,9 Liter auf 100 Kilometer zurück. Es entspricht dies bei den heutigen Kosten des Dieselöls einer Ausgabe von Fr 1.42 für 100 km. Damit hat Saurer das be-' tri-ebswirtschaftlichste Fahrzeug der Gegenwart geschaffen. Der Unterschied in den Ausgaben für den Brennstoff zwischen einem Saurer-Dieselwaigen und einem Benzinwagen ist so gToss, dass dadurch der durch die hohe Qualität bedingte Mehrpreis gegenüber den ausländischen Erzeugnissen nach kurzer Zeit ausgeglichen wird. In Basel Paul Llndt Murtenstrasse 17. an. Telephon 23.738, Bern c*^ OCCASION! LASTWAGEN von 2, 3, 4 und 5 Tonnen zum Teil mit Kipper, revidiert, mit Garantie, ea günstigen Bedingungen zu verkaufen Anfragen unter Chiffre 11198 an die 10990 Automobil-Revue, Bern. SUPER-TRUMPF 9 PS, Limousine, mit Schwingachsen, fabrikneu und ungebraucht, kompl. ausgerüstet, mit Fabrikgarantie, wird umständehalber weit unter Katalogpreis gegen bar, ohne Tausch, abgegeben. Ausserordentlich günstige Gelegenheit ! — Franz A.-G., Zürich, Badenerstrasse 313. 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Bern, Dienstag, 17. April 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No.32 Ehrenrettung eines Films Noch immer laufen zur Hauptsache auch in den schweizerischen Kinohäusern jene Filme, denen man am liebsten schon nach den ersten Tagen einen freudigen Nachruf schriebe. Doch nichts ist unmöglicher, als dass einer dieser auf alle gangbaren Billigkeiten eingeschworenen sing-sang-frohen, mit dem reinsten Unsinn gespickten schmalzigen Flimmerstreifen schon nach den ersten Vorführungen vom Programm wieder abgesetzt werden müsste. < Das ist es, was wir brauchen », sagen in stiller Resignation selbst jene Filmdirektoren, die entweder aus innerem Bedürfnis oder aus snobistischer Liebhaberei heraus auch dem guten Film gerne die Tore öffnen würden. Doch nein, das wallt und strömt von Abend zu Abend in vermehrten Haufen zum modernen Musentempel, und wochenlang ist meist kein Ende dieser Schwärmerei für den neuesten Filmfratz mit dem ausdrucklosesten Gesicht der Welt, dem lautesten Kraftmeier oder dem unmännlichsten Mann abzusehen. Man hat gewissermassen die Verpflichtung, auf jede Oase in der heutigen dürren Filmwüste hinzuweisen. Aber gerade das zu erwähnende Beispiel des grossartigen französischen Kinderfilms « La Maternelle ». spricht durchaus nicht für den guten Sinn des schweizerischen Filmpublikums. Das Werk schnitt in Zürich und Bern trotz Inbetriebsetzung einer gehörigen Propaganda sehr schlecht ab. Es hat sich mit Mühe und ^ot in Zürich eine Woche und in Bern nur ein paar Tage gehalten. « Der Film wird uns leider zum glatten Verlustgeschäft, wenn wir ihn länger beibehalten •», sagte man uns in Bern bei der Theaterleitung auf unsere Erkundigung hin. Man darf es allerdings, mit Verlaub gesagt, jammervoll und höchst beklagenswürdig finden, dass ein solcher gesunder, auf hoher ethischer Stufe stehender Film, der zudem von verblüffendster Einfachheit, nichtsdestoweniger aber von ergreifendster Kraft ist, auf solche innere Oleichgültigkeit stösst. Die deutsche Synchronisierung war ein Mangel, doch die Mängel wurden durch die Vorzüge zehnfach aufgewogen. Aber unsere kritische Zeit hat gerade das eine verlernt: über das Negative hinweg immer das Oute im Auge zu behalten. < Die Mütterliche » ist kein Filmstar, dessen Berührung mit den unsympathischen Hintergründen der fragwürdigen Flimmerv^elt sich bereits deutlich auf dem krampfigen Gesicht manifestiert. Sie hat das echte Lächeln der Mütterlichen, das Strahlen der Liebe, die Reinheit einer unschuldigen Magd. Sie geht gleichsam als ein zarter, stiller Engel durch dieses grosse französische Kinderasyl, in dem die Kinder der Aermsten der Armen den ersten Begriff eines sauberen, anständigen Lebens bekommen sollen. Sie kennt iveder Posen noch die intellektuelle Psychologie. Sie hat ein Herz : und das ist für diesen Menschen alles. Wunderbar deutlich sagt es der Film in jener Begegnung mit dem Professoren, der die Psyche der Kinder studiert. « La Maternelle » weiss die Kinder besser zu verstehen und tiefer in sie einzudringen, als alle dürre Wissenschaft. Sie feiert den Sieg des lebendigen Gefühls über die Trockenheit des kal- F E H T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (Forlsetzung aus dem Hauptblatt.) Bei Beginn der Fahrt sassen sie sich gegenüber, aber als der letzte Fahrgast endlich verschwunden war, da rückte er neben sie — weil ihn die Sonne belästige. Frau Enid fand im stillen, die Sonne scheine ihr durch das kleine Fenster schnurgerade ins Herz. Kein Wunder! Es war der erste Tag in ihrem Leben, an dem sie sich, fern jedes Zwanges, einer unbekannten Lebensfreude hingeben durfte, nur sich selbst gehörend — und Jul. Zwei volle Tage werde ihr diese Sonne scheinen, bis sie am Horizont ihres Lebens untergehen werde. Dann werde sie wieder in der dumpfen Gleichgültigkeit des Alltags versinken. Aber wozu dar.an denken. Im stillen Plaudern sassen sie nebeneinander, unwillkürlich lehnten sie allmählich Schulter an Schulter, in einer wohltuenden Berührung fühlte einer die Körperwärme des anderen, jeder in den Gefühlen des anderen Himmelblau ein Frühlingstag tänzelt durch die weite Flur, und ich folg" durch Feld und Hag selig seiner lichten Spur. Alte Bäume schütteln neckisch weisse Blüten um uns her, und die Ferne winkt und lächelt, wie ein grosses, blaues Meer. ten Verstandes. Dass diese reine Magd schliesslich auch den Arzt aufs Tiefste ergreift und den geraden, charaktervollen Mann zum hilflosen Stammler seiner keuschen Liebe werden lässt: was hat dies zu besagen ? Die Hauptsache ist das Erlebnis dieser Frau mit dem mütterlichen Herzen, die gewissermassen alle die tausend hilflosen Kinder in umfassender Liebesgebärde an sich nimmt. Die Kinder, sie sind der beglückende lebendige Hintergrund dieses Zauberwerkes. In sie dringt der Film mit einer Behutsamkeit ohnegleichen, mit einer edlen Ehrfurcht vor ihrer Reinheit ein. Man ruht sich darin nach all den vielen Verlogenheiten und Gemeinheiten, die die Leinwand sonst zeigt, aufs Köstlichste aus, und wünscht nur. dass diese Wunderwelt der kindlichen Einfalt noch stundenlang dem still Erlebenden geöffnet bleibt. Die Szenen mit den Zwei-, Drei- und Vierjährigen sind so ernst wie humorvoll. Die Kleinen bleiben auch in dem Sumpf der großstädtischen Lastergassen von Licht umflossen. Von welcher ergreifender Kraft ist die Szene, da die Dirne ihr Kind in eine Nachtkneipe mitführt und sich vor der Reinheit dieses Wesens gehemmt und von ihr gemahnt fühlt. Oder wie zart ist die aufgehend, und sie fand nicht die Selbstüberwindung, sich dieser Vertraulichkeit zu entziehen, trotzdem sie sich vorgenommen hatte, jede leiseste Vertraulichkeit zurückzuweisen. Ihr war, sie habe die Sicherheit ihres Handelns verloren. Und als ihr Jul anbot, sich in ihn einzuhängen, weil sie dann bequemer sässe, da nahm sie es an. Und duldete es auch, dass er ihre Hand mit sanftem Druck in der seinigen eingeschlossen hielt. Da hob er die Hand und zeigte in die Ferne. Die mauergekrönte Höhe eines stumpfen Bergkegels ragte für sich allein aus der Ebene auf. Die Hohensalzburg! Mit einem Lächeln der Erinnerung sahen sich beide an. Der Zug donnerte in die Bahnhofshalle, und auf einen Wink von Enid nahm Jul sittsam wieder ihr gegenüber Platz. Fahrgäste polterten in ihr Abteil und störten sie in ihrem Blüheades Narzissenfeld bei Montreux. Früh lings wandern Von Gertrud Bürgi. Und ein Wandrer singt ein Liedel, das von Liebe rauscht und weht, und der Klang der hellen Fiedel ist ein jauchzendes Gebet. Und so schreiten wir zu dreien jubelnd durch das schöne Land, wie gebunden, wie gefesselt von der Freude goldnem Band. Dankbarkeit eines kleinen Knirpses erzählt, der von Kehrichtkübel zu Kehrichtkübel hüpft, bis er endlich eine halb verfaulte, gebrochene Blume herausgewühlt hat, die er mit allen Zeichen der Verlegenheit in einem glücklichen Augenblick der geliebten Lehrerin dediziert! Nichts bleibt dem Beschauer erspart! Er erlebt den Stolz der Kleinen mit, wie sie reihenweise ihre ersten Versuche auf dem schwierigen « Thron » unternehmen, er wohnt einer währschaften Entlausung bei, man sieht köstliche Szenen der langwierigen künstlichen Nasenreinigung, Rizinus muss mit allen Zeichen des schweigenden Entsetzens geschluckt werden, und die kleinen, weissen Körperchen blühen wie Blumen aus dem Wasser des dampfenden Bades. Die Handlung greift ohne jede Zimperlichkeit mitten hinein ins kindliche Alltagsleben und hat von dem ganzen unsagbaren Schimmer dieser unzerstörten Welt der Einheit selber einen Glanz gewonnen. Möchte von der Kraft seiner Gestaltung, von der Sauberkeit seiner Durchführung, von der Innigkeit seiner Handlung viel in die ganze Filmproduktion überfliessen. Aber wir fürchten, «Maternelle» bleibe auch weiterhin nur eine Ausnahme. bo. Alleinsein auf. Kleinstädter, Bauern, vereinzelte Touristen. Schweigend sassen sich Enid und Jul zwischen den fremden Menschen gegenüber, wie wenn sie nicht zueinander gehörten. Bis Jul ihr winkte, dass sie sich zum Aufbruch fertigmachen müsse. Rasch hatte er trotz ihres Sträubens beide Rucksäcke umgeworfen, ergriff das Kletterseil und seinen Eispickel und drückte Frau Enid das ihrige in die Hand. Der Zug hielt. Mit langen Schritten eilten sie durch das kleine Städtchen. Einheimische Spiessbürger, gemächliche Bauern in Lodenröcken, stutzerhaft angezogene Sommergäste, die Herren mit nickenden Gemsbärten und gebügelten Lederhosen, die Damen in gezierten, bunten Dirnkleidern, alle sahen bewundernd dem schönen Paar nach. Sie hoch und schlank, das kleine Hütchen mit der krummen Spielhahnfeder auf dem aschblonden Haar, er, sie um zwei Kopflängen überragend, barhaupt, mit dem hellblonden Haarschopf, sonnverbrannt, die klirrenden Steigeisen am Rucksack, beide den Eispickel in der Faust. Sie atmeten auf, als das Städtchen hinter ihnen lag. Sie waren wieder mit sich allein. Zwischen Bretterzäunen schritten sie dahin, lachende Wiesen, tannenbestandene Berghänge tauchten um sie auf. Neben ihnen hüpfte und schwätzte ein Bergbach. Ein Häher strich kreischend über sie. Auf def harten Strasse klapperten im Marschschritt Der rasende Hengst Fern' schlug ein Hund an. Unwirklich hell war die Nacht. Hoch oben liefen die Wolken gegen die volle Scheibe des Mondes. In der Stube schlug elfmal die alte Uhr. Dann trat Stille ein. Der Bauer Uhl lag wach in dieser Nacht. Er war kein Grübler. Starke Männer waren die Uhls seit je, Handwerker, Ackerbauern, Soldaten. Mit schweren Händen, kantigen Schultern, breiten Nacken. Doch wer im Dorf konnte in diesen Wochen ruhig schlafen? Wer vermochte es, sein Hirn freizuhalten von Gedanken? Im andern Bett wälzte sich schlaflos die Frau; immer wieder und wieder schrak sie aus kurzem, traumreichen Schlummer auf, um nach seiner Hand zu tasten. «Bist du da, Uhl?» Und nach einer Weile, als sie den ruhigen, kräftigen Druck seiner Hand spürte, sagte sie noch leise : «Ich fürchte mich so!» Ja, Furcht lag über dem Dorf. Furcht hielt die Kehle der Weiber umschnürt, Furcht hockte auf den derben Schultern der Männer, nur die Kinder spielten wie ehedem froh vor dem prasselnden Kamin und schliefen lächelnd ihren Schlaf. Heute war Vollmond, wie vor einem, wie vor zwei Monden. In der ersten Nacht fanden sie den alten Grubbauer vor dem kleinen Hügel. Lang ausgestreckt lag er da, die Arme ausgebreitet, das Gesicht zur Erde. Der Schädel zertrümmert, mit seltsamen Kampfmalen auf der rechten Schulter. Die Landjäger suchten; mancher fiel unter den Verdacht des Gesetzes. Denn der Alte war kein beliebter Mann. Auf dem Heimweg vom entlegenen Dorfwirtshaus hatte es ihn ereilt. Dann, nach vier Wochen, der Mond stand wieder voll am Himmel, geschah es zum zweiten Male. Michel Uhl, der keinen Schlaf fand, dachte angestrengt nach in seinem Bett, dass es ihm fast den Schädel zersprengte. Denn wem, wem um Himmels willen, hatte die alte Kräuterfrau je in ihrem Leben Böses getan? Man fand sie ähnlich zugerichtet, auf einer Lichtung im Wald, unweit des ersten Tatortes. Wer war fähig, dies zu tun? Der Leibhaftige, kein Mensch! Die Landjäger suchten, aber sie fanden nichts. Hartgefroren war die Erde, keine Spur blieb zurück. Michel Uhl hatte die zwei gesehen. Niemandem war es gelungen, zu ermitteln, mit welchem Gegenstand hier getötet wurde. Nur eines wusste man. Ein und derselbe war hier am Werk gewesen. Und er besass übermenschliche Kraft. Hier kam Michel Uhl jäh ein Erinnern, als hätte er in seinem Leben schon einmal einen ähnlich zertrümmerten Menschenschädel gesehen. Und er entsann sich eines Tages seiner Kindheit, als sie den älteren Bruder heimbrachten von der Feldarbeit. Das Herz stockte Michel Uhl sekundenlang im Leib. Er wagte nicht, weiterzudenken. Doch es überfiel ihn immer wieder von neuem. Warum sollte das nicht möglich sein? Und dann, als er weiter und weiter sah, tauchte eine unlösbare Frage vor ihm auf: weshalb, um aller Heiligen willen, weshalb bei Vollmond? Und weiter dachte Michel Uhl. Er dachte an die Frau, die Samstags stets zur Stadt musste und abends heimkehrte über den Waldweg hinter dem kleinen Hügel. Er dachte daran, dass es Vollmond ihre schweren Nagelschuhe. Schweigend gingen sie ihres Weges, jeder in seinen Gedanken mit sich selbst beschäftigt. Unbarmherzig brannte die Sonne auf sie nieder. Sie fühlten es nicht. Immer weiter, immer weiter. Nur als ein einspänniges Bauernfuhrwerk an ihnen vorbeitrabte, traten sie für einen Augenblick im Strassenstaub beiseite. Immer weiter, immer weiter. Hie und da sahen sie sich lächelnd von der Seite an, schweigende Glückseligkeit in ihren Blicken. Die schöne, weite Welt um sie schien nur für sie aufgebaut, für sie allein blühten die Blumen, lachte das Grün der Wiesen, gluckste der Bach, sarigen die Vögel und rauschte der Bergwind in den Tannen. Und über allem das beseligende Bewusstsein des Alleinseins, fern allen Menschen, die sie und ihr Glück nicht störten. «Sie tun mir leid, Jul.» Sie wies auf die beiden hochbepackten Rucksäcke, die er im Schweisse seines Angesichtes schleppte. Er aber lachte. Sie werde doch nicht glauben, dass er sie einen Rucksack tragen lasse. Am liebsten wä"re ihm gewesen, Enid hätte sich noch rückwärts draufgesetzt, damit sie nicht laufen müsse. . (Fortsetzung folet.)