Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1934_Zeitung_Nr.033

E_1934_Zeitung_Nr.033

BERN, Freitag, 20. April 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 33 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Hubjährlicn Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ••fern nicht postamtllch bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Dreitcnrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bein Der Europaplan Ein grosszügiges Autostrassen-Projekt Puricellis. Die Entwicklung im Bau- der Nur-Autostrassen geht rascher vor sich, als noch vor zehn Jahren anzunehmen war. Die ersten Versuchsstrecken in Oberitalien fanden zu Anfang nicht überall restlose Anerkennung, aber allen Vorurteilen gegenüber hat sich ihre wirtschaftliche Bedeutung im heutigen Verkehrswesen durchgesetzt. Es' ist in Italien auch nicht bei den Versuchsstrecken geblieben, sondern ganz systematisch wurde besonders in Oberitalien ein modernes Automobilstrassennetz ausgebaut. Nachdem Italien mit dem guten Beispiel vorausging, ist ihm das neue Deutschland auf diesem Wege gefolgt. Die Autostrassenprojekte, die in Deutschland ausgearbeitet wurden, sind wenn möglich noch grosszügiger als die italienischen. Sie sehen ein gleichmässig verteiltes Autostrassennetz über das ganze Land vor und das Arbeitstempo, das vorgelegt wird, Iässt es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass das dortige Autostrassennetz schon in recht kurzer Zeit Wirklichkeit sein wird. Es ist selbstverständlich, dass die Autostrassennetze der verschiedenen Länder gegenseitigen Anschluss suchen müssen. Es ist | wichtig, dass die Anschlußstücke zusammenfallen und nicht an der Landesgrenze ins Leere stossen. Deshalb ist auch der von Puricelli aufgestellte Europaplan eine ausserordentlich begrüssenswerte Arbeit. Nach dem Projekt von Puricelli soll das ganze europäische Autostrassennetz eine Länge von 37,176 km erhalten. Die Verteilung auf die 18 in Frage kommenden Länder ist die folgende : Frankreich Deutschland Italien Polen Rumänien Spanien Jugoslawien Oesterreioh Tschechoslowakei Ungarn Bulgarien Griechenland Schweiz Belgien Tirrkei Portugal Albanien 7375 km 6415 km 5061 km 2965 km 2855 km 2650 km 2600 km 1280 km 1170 km 1175 km 950 km 825 km 625 km 325 km 325 km 250 km 200 km Niederlande 120 km Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, dass eigentlich die Schweiz als wichtigstes Verkehrsgebiet im Zentrum Europas einen nicht besonders grossen Anteil an diesem Autostrassennetz hat, besonders wenn man den Vergleich, mit andern Ländern zieht. Wenn wir die Zahlen von Bulgarien und Griechenland z. B. betrachten, so ist man erstaunt, dieselben bedeutend grösser zu finden, als diejenigen für die Schweiz. Dabei ist allerdings nicht zu vergessen, dass die Territorien dieser Länder doch um ein bedeutendes grösser sind, als dasjenige der Schweiz. Zudem durchziehen die projektierten Autostrassen in Bulgarien und! Griechenland das Land in der Richtung der grössten Ausdehnung; während die Schweiz eigentlich nur zweimal in der kürzeren Nord-Süd- Richtung durchfahren wird. Aus dem Gesamtautostrassennetz von Europa hebt nun Puricelli besonders 9 Hauptverkehrsü'inien hervor (siehe Kartenskizze), die besonders für den grossen transkontinentaflen Verkehr in Betracht kommen, und die die grossen Hafenstädte und europäischen Verkehrszentren untereinander verbinden. Die Totallänge dieser 9 Hauptverkehrsadern beträgt rund' 23,400 km. Ihre Verteilung auf die verschiedenen Länder ergibt sich aus nachstehender Tabelle. Auch aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dass die Schweiz nicht besonders stark an diesem Strassennetz beteiligt ist. ' Es ist nicht uninteressant, den Europaplan Länge der internationalen Autostrassen in jedem einzelnen Land. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarlt. Iraeratenschlusg 4 Tage vor Erscheinen der Nummern PurioelÜs mit den « Grands Itineraires Internationaux >, wie sie von der A.I.A.C.R. ausgearbeitet wurden, zu vergleichen. Dabei ist aber vorwegzunehmen, dass zwischen den beiden Vorschlägen insofern ein wesentlicher Unterschied besteht, als Puricelli Nur-Autostrassen vorschlägt, währenddem die A.I.A. C.R. nur ganz allgemein den Ausbau eines grossen für den internationalen Verkehr dienenden Strassennetzes vorsieht. Der Vergleich der beiden Vorschläge zeigt bei näherem Studium, dass sie sich im Verlauf der grossen Strassenzüge ziemlich decken, dass aber im einzelnen doch recht wesentliche Unterschiede in der Linienführung bestehen. Es ist tzu hoffen, dass sich beide Vorschläge auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, denn letzten Endes bezwecken sie doch beide das Nämliche : dem internationalen Automobilverkehr grösste Erleichterungen zu bringen. Mit der Frage des Ausbaues eines europäischen Automobilstrassennetzes hat sich auch schon der Völkerbund, dann die italienische Handelskammer usw. befasst. So hat seinerzeit Albert Thomas, der ehemalige Präsident des internationalen Arbeitsamtes schon ein Projekt aufgestellt, laut welchem 14,000 km AutomobiJstrassen gebaut werden sollten. Die Kosten wurden auf 4200 Millionen Goldfranken berechnet. Um eine Finanzierung überhaupt zu ermöglichen, schlug damals Oberst Aebi vor, es solle bei Total Portugal Frankreich Belgien lande land Nieder- Deutsch' Oesterreicslowakei Polen Ungarn slawien nien rien nien •land Tschecho- Jugo- Rumä- Bulga- Alba- Griechen Itineraires km Spanien Schweiz Italien Türkei Total km 1. Lissabon - Madrid - Barcelona - Marseille - Genua - Rom - Neapel - Brindisi (einsohl. Otranto) - Valona - Sofia - Bukarest 2. Mit Linie 1 bei Saragossa: Madrid - San Sebastian-Bordeaux - Paris - Brüssel - Amsterdam 3. Calais - Paris - Dijon - Bern - Sesto Calende - Mailand - Venedig - Triest - Fiume - Belgrad - Sofia - Konstantinopel 4. Paris - Karlsruhe - München - Salzbürg - Wien - Budapest - Bukarest . 5. Brüssel - Köln - Hannover - Berlin - Warschau 6. Berlin - Leipzig - München - Verona - Bologna - Florenz (weiter mit Linie 1) Perugia - Rom 7. Mit Linie 6 Berlin - Leipzig - Dresden - Prag • Wien - Graz - Udine - Venedig - Bologna - Florenz - Rom 8. Danzig - Warschau - Krakau - Budapest - Belgrad 9. Warschau - Lemberg - Konstanza . . 5,000 1,750 5,000 3,000 1,850 2,050 1,450 1,950 1,350 23J400" 250 1350 250 600 1225 1175 250 1600 3550 155 120 550 750 180 1220 1375 170 225 100 1375 275 150 350 200 450 980 1225 575 330 450 100 530 150 325 420 450 480 970 300 200 675 675 335 120 3515 325 3260 1080 1050 2095 625 1700 2145 775 200 450 325 645 675 425 325 5,000 1,750 5,000 3,000 1,850 2,050 1,450 1,950 1,350 23,400 F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (20. Fortsetzung) Immer weiter, immer weiter. Das war hier denn doch etwas ganz anderes wie im zahmen Wiener Wald. Links und rechts stiegen zwischen den bewaldeten Vorhügeln himmelhoch grausteinerne Bergriesen auf. Plötzlich blieb Jul stehen — sie auch. Beinahe hätte sie in ihrer Ermüdung unwillkürlich den Kopf an seine Schulter gelehnt. «Ich will Ihnen nun etwas zeigen, Frau Enid. Eine Ueberraschung. Schliessen Sie die Augen.» Misstrauisch sah sie ihn an. Aber sie schloss sie. «Und wenn ich .jetzt' sage, dann sehen Sie geradeaus!» Sie kniff die Augen zu. Sie fühlte, wie er sie bei den Schultern sanft berührte und nach links drehte. «Jetzt!» Sie riss die Augen auf, zwinkerte im blendenden Sonnenlicht und folgte mit den Blicken seinem Arm, der nach vorne wies. Ueber dem schwarzgrünen Tannenwald ragte ein silbergrauer Felsenkoloss auf. «Der Hochgolling!» Mit gefalteten Händen blickte sie zu dem steinernen Herrn hinauf. Freudestrahlend beobachtete Jul die Verklärung ihrer Blicke, und als sie wieder zu ihm sah, reichten sie sich die Hände. Ein Marktflecken tauchte vor ihnen im Grünen auf. Zerstreute Häuser, mitten aufragend ein schlanker, spitzer Kirchturm. «Unser Ziel, Frau Enid.» Sie nickte. Ein kleiner Marktplatz nahm sie auf, an der einen Seite ein ansehnliches stockhohes Haus, im Oberstock eine ringsumlaufende Holzgalerie, scharlachrote Pelargonien an den Fenstern, über dem runden Einfahrtstor ein grosses Aushängeschild, schwarz und gold, in der Mitte ein buntes, bemaltes Blechschild. Alte handgeschmiedete Arbeit. Daneben auf dem Kalkbewurf der Vorderfront des Hauses eine Sonnenuhr, im Mittelstück in erblasster Freskenmalerei Christus mit den Engelein über den Wolken. Darüber in kaum mehr sichtbaren, verblassten, gotischen Buchstaben: «Gasthof zur ewigen Seligkeit». Sie schritten durch das niedere Einfahrtstor. Der lange Jul musste sich tief bücken. Eine nette Kellnerin im sauberen Kattunkleid begrüsste sie, sich beim Sprechen ununterbrochen die Hände an der Schürze abtrocknend. Ein gegenseitiges «Grüss Gott». «Ein schönes Zimmer für die Herrschaften?» «Zwei!» Die Kellnerin sah erstaunt auf. Frau Enid sah beiseite. Aber plötzlich griff sie in das Gespräch ein und meinte, am besten würden sie sich die Zimmer selbst aussuchen. Ihre schweren Nagelschuhe polterten über die steile, schmale Holztreppe, und als die hochbusige Kellnerin erklärte, es sei alles frei, griff Frau Enid unvermutet tatkräftig ein und empfahl Jul das eine Zimmer gleich am Anfang des Ganges, weil es so licht und freundlich sei, und entschied sich selbst für ein Zimmer am anderen Ende des Ganges — wegen der Aussicht. Ob die Herrschaften lange bleiben? O nein. Sie würden vielleicht noch heute abend zur Hütte aufsteigen und das an Gepäck zurücklassen, was sie nicht unbedingt brauchen. Wozu sich unnötig abschleppen? Man möge nur einstweilen die Rucksäcke hinaufschaffen. Rasch war alles untergebracht. In der sauberen, kühlen Gaststube Hessen sie sich zu einem erfrischenden Glas Milch nieder, denn draussen glühte unbarmherzig die Sommersonne. Frau Enid strich sich mit beiden Händen das Haar aus dem erhitzten Gesicht und sah sich neugierig in dieser ihr neuen Welt um. Der blechbeschlagene Schanktisch, rohe Holztische und Bänke, sauber geschrubbt, an den Wänden Rehgeweihe und Gemskrickel zwischen bunten Heiligenbildern in billigem Oeldruck. Ueber der Türe ein Muttergottesbild, unter dem in einem rubinroten Glaskelch ein ewiges Licht brannte. Sie setzten sich natürlich nebeneinander und nicht gegenüber. Die runde Kellnerin stellte die Milch vor sie und betrachtete sie verstohlen von oben bis unten. Draussen vor der Tür zuckte sie geringschätzig die Achseln. Das hätte sie auf den ersten Blick gesehen, dass die nicht verheiratet seien. « Weswegen dö dös Theater machen, mit dö zwoa Zimmer.» Ein vom Alter verkrümmtes, kleines Weiblein trat in die Gaststube und reichte beiden freundlich die Hand. Die Frau Wirtin. «Grüss Gott.» Mit der Schürze wischte sie über die Tischplatte und fing vom schönen Wetter zu reden an* wohin sie gingen, ob sie vielleicht einen Führer oder Träger brauchen täten, und was sie gerne zum Nachtmahl essen täten. Mit freundlichen Blicken sah sie auf Frau Enid. Vor Jahren sei ihr die Tochter gestorben, schwätzte sie redselig. So schön wie die junge Frau da, war sie not, aber sie war auch sehr sauber. Sie war auch blond. Immer, wenn sie eine Blondhaarige sehe, müsse sie sich an ihr Madl erinnern. Beim ersten Kind sei das Malheur geschehen. Mit bekümmerter Miene schlich sie aus dem Zimmer. Jul und Enid sassen nebeneinander. Ihre schmale gepflegte Hand lag auf der Tischplatte, und als Jul seine braune Tatze auf die