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E_1934_Zeitung_Nr.040

E_1934_Zeitung_Nr.040

BERN, Dienstag, 15. Mai 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 40 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" HalBJährlicb Kr. &.-, jährlich rt. 10.-. Im Ausland unter Portozuaehlag, toten) nicht postamtllcb bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Rechnunc II1/414. Telephon 28.233 Telegramm-Adrett*: Autorevue, Bern Der Techniker hat das Wort Die neuen Wege im Autobau. AntiStandard — das ist das Schlagwort von heute. Schwingachsen, Vorderantrieb, Heckmotor, Luftkühlung, Stromlinie — das sind die Kennzeichen des neuen Automobils. Des neuen Fahrgestells. Des benzingetriebenen Rollieuges von heute. Und der Motor? Auch an ihm ist die revolutionäre Entwicklung unserer Tage nicht spurlos vorbeigegangen: Kohle soll er fressen, pure Kohle, und Holz, Holzgas — der arme, gute, alte Benzinmotor. Ein Moment sticht heraus: der Diesel. . Vor Jahren als hoffnungsloses Experiment bezeichnet, ist er zurzeit im Begriff, sich eine universale Position im Lastwagenbau zu sichern. Während der Benzinmotor ein Gemisch •AUS Luft und Benzin ansaugt, verdichtet, durch Zündkerzen zur Explosion bringt und daraus seine Kraftleistung schöpft, — saugt der Diesel reine Luft an, verdichtet sie stark, spritzt unter hohem Druck den Brennstoff in die Zylinder und bringt ihn in der hochverdichteten heissen Luft zur Selbstentzündung. Gemischansaugung durch Vergaser und Fremdzündung hier, Luftansaugung ohne Vergaser, Brennstoff-Einspritzung und Selbstzündung dort, — das sind die Unterschiede in der Arbeitsweise von Benzin- und Dieselmotoren. Sie allein würden die Millionen nicht rechtfertigen, die die Entwicklung des Diesels kosteten. Aber ein weiterer Unterschied gibt ihm dem Benzinmotor gegenüber die absolute wirtschaftliche Souveränität: sein Brennstoffbedarf. Nicht nur, dass der Diesel Schweröle verbrennt, die viel weniger kosten, als Benzingemische, nicht nur, dass Schweröle weniger feuergefährlich sind, auch nicht die grosse Startbereitschaft des Diesels und sein viel besseres Beschleunigungsvermögen, auch bei geringen Drehzahlen, sind ausschlaggebend, — sondern der ausgezeichnete thermische Wirkungsgrad, der den Energiegehalt seines Brennstoffes um rund 10 Prozent besser ausnützt, als der Vergasermotor. Aus der gleichen Brennstoffmenge wird eine höhere Leistung oder die gleiche Leistung mit einer Ersparnis erreicht. Diese beträgt im Verhältnis zum Vergasermotor etwa 30 Prozent, oder 30 Prozent mehr Kilometer im gleichen Tank. Den Vorzügen stehen auch gewisse Nachteile gegenüber: Rascherer Verschleiss, bedingt durch die höheren Temperaturen, die grösseren Drücke und die stärkere Empfindlichkeit der Ventile, Düsen und Einspritzpumpen. Diese Momente müssen bei der Abschreibung und Instandsetzung beachtet werden; sie geben dem Diesel einen absoluten Vorsprung vor dem Benzinmotor erst bei Leistungen über 12,000 bis 13,000 km im Jahr. Der Diesel ist rascher geworden, man hat die Zündgeschwindigkeit des trägverbrennenden Schweröls gesteigert und erreicht heute bereits 3000 Touren. Der Diesel ist damit schon ins Gebiet der schnelldrehenden Leichtlastwagen gelangt und steht jetzt unmittelbar vor dem Einbruch in die hochtourigen Domänen des Personenwagens. Er ist auch leichter geworden und damit billiger. Eine Tatsache von entscheidender Bedeutung. Erfolge und die Chancen des Dieselmotors haben dazu geführt, seine Vorteile auch Benzinmotoren zugänglich zu machen: Schweröl im Vergasermotor zu verbrennen. Dies ist als Kompromissversuch anzusehen; Die Hauptschwierigkeit der einwandfreien motorischen Verbrennung von Schwerölen In Vergasermotoren liegt im Verdampfungsproblem. Schweröl ist erheblich zäher als Leichtbrennstoffe. Um ein gut brennbares Schweröl-Luft-Gemisch zu erhalten, genügt nicht die Zerstäubung irn Vergaser. Das' Oel muss durch Wärmebehandlung aufbereitet werden. Diesen Weg beschreiten auch die meisten Konstruktionen, indem sie sich der Auspuffwärme bedienen. Aber die Sache hat Haken. Die Gefahr einer zu intensiven Heizung entsteht, was bei den meist mangelhaft gereinigten Schwerölen zur Verkokung und Abscheidung von Rückständen in der Maschine führt. Ausserdem bedingt der stark erhitzte Luftanteil des Gemisches verminderte Zylinderfüllungen und damit bei fast allen Schwerölvergasern Leistungsabfall. Schliesslich besitzen die hochsiedenden Schweröle ausgesprochen niedrige Selbstzündungspunkte, die durch die Vorwärmung oft schon vor der Verbrennung erreicht werden und Zündungsklopfen sowie die zusätzliche Triebwerksbeanspruchung nach sich ziehen. Und schliesslich steht die Auspuffwärme gerade dann nicht hinreichend zur Verfügung, wenn sie am notwendigsten gebraucht wird: bei Leerlauf sowie für Anfahrt und Beschleunigung. Schwerölvergaser kommen daher nicht ohne Verwendung von Leichtbrennstoff fürs Anlassen, den Leerlaul und Anfahren aus. Und das kompliziert sie. Mit dem Leistungsabfall könnte man sich abfinden, bedenklich aber ist die grosse Gefahr der Schmierölverdünnung, weil Schweröl rasch kondensiert und seine vollkommene Verbrennung niemals garantiert werden kann. Und selbst wenn man das Schmieröl häufig genug kontrolliert und erneuert, bleibt oft die Aufzehrung der Betriebskostengewinne durch übermässig gesteigerten tSchmierölverbrauch. Wenn man Holz verbrennt, entwickelt sich Holzgas. Und dieses hat seinen bestimmten Energiegehalt. Er ist nicht gross, aber es gibt ja Holz genug. Man muss es nur richtig verwerten! In einer Feuerungskammer wird Holz von bestimmter Schnittgrösse verbrannt; in einer zweiten Kammer wird das abströmende Holzgas gekühlt und gereinigt. Aus der Reinigungskammer gelangt es in ein Mischgefäss, von wo es mit zusätzlicher Verbrennungsluft zum Motor geführt wird. Die Apparatur ist meist unter dem Wagen angebracht. Der Betrieb ist billig. Mit Leistungsverlusten bis zu 35 Prozent muss man zwar rechnen, wenn man die Kompression der Maschine nicht erhöhen will. Eine Verdünnung des Schmieröls gibt es bei Holzgasbetrieben nicht. Das Ganze ist gefahrlos und eine Frage der Kalkulation. Für seine Entwicklung ist wichtig, wie weit es gelingt, die Einfachheit der Bedienung zu vervollkommnen. Bleibt — wenn man vom neuauflebenden Dampfwagen absieht — der Kohlenstaubmotor. Der Gedanke, einen Motor an Stelle von Benzin oder Oel mit Kohlenstaub zu betreiben, stammt von Rudolph Diesel. Einer seiner Mitarbeiter, Pawlikowski, Hess sich durch die unübersehbaren Schwierigkeiten, die die Zerstäubung und Verbrennung von Kohlenstaub in den Zylindern bereitete, nicht beirren und fing 1911 damit an, einen alten Einzyllnder-Diesel auf Kohlenstaub umzubauen. 1916 kam der erste Kohlenstaubmotor in Betrieb. Er lief 12 Jahre lang mit gemahlenen ^Brennstoffen, mit Steinkohle, Braunkohle* Holzmehl, Reishülsen, Getreide und Hüttenkoks, leistete 87 PS und verbrauchte stündlich 36 kg Brennstoff, wobei 3,6 kg Asche abfielen. Die schwierigste Arbeit Pawlikowskis bestand — und besteht heute noch — darin, die Asche schadlos aus den Zylindern herauszubringen. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct«. Grössere Inserate nach Seitentaril. Imeratenschluss 4 Tnge vor Erscheinen der Nummern Pawlikowski blies komprimierte Luft von 60 Atm. zwischen die Kolbenringe. Das genügte. Aber nach 9000 Betriebsstunden waren die Zylinderdurchmesser um 5 mm grösser geworden. Trotzdem arbeitete der Motor. Heute ist das nicht mehr so schlimm. Das Material ist widerstandsfähiger geworden und es gibt gehärtete Zylinderbüchsen. Schon laufen Kohlenstaubmotoren, die zwar noch nicht als endgültige Konstruktion betrachtet werden dürfen, aber einwandfrei arbeiten. Schweizerische Rundschau Konzesslonspflicht der Autoausflugsfahrten. Bekanntlich führen während der Reisesaison zahlreiche Unternehmer Vergnügungsfahrten mit Automobilen aus. Diese Fahrten haben im Laufe der letzten Jahre stark zugenommen und sind speziell im Sommer zu einer häufigen Erscheinung geworden. Da in weiten Kreisen hinsichtlich der Konzessionspflicht solcher Fahrten zum Teil noch irrtümliche Ansichten bestehen, bringt Nr. 19 des Post- und Telegraphenamtsblattes neuerdings diese Materie in Erinnerung, indem darauf hingewiesen wird, dass das Recht, Reisende mit regelmässigen Fahrten zu befördern, einen Bestandteil des Postregals bildet (Art. 1—3 des Postverkehrsgesetzes vom Jahre 1924), weshalb der Bundesrat im Jahre 1927 regelmässige, öffentliche und gewerbliche Rundfahrten mit Automobilen konzessionspfiichtig erklärte. Durch Besehluss vom 19. März 1929 über die Erteilung'von Konzessionen für regelmässige Autofahrten nach 'Bedarf (Postkonzession B) wurde später näher bestimmt, dass öffentliche und gewerbliche Fahrten, deren Ausführung während mehr als 14 Tagen und wenigstens einmal wöchentlich nach dem gleichen Reiseziel beabsichtigt ist, der Konzessionspflicht unterstehen. Die Konzession muss vor Beginn der Fahrten eingeholt werden. Diese Regelung stiess anfänglich da und dort auf Widerstand. Die interessierten Kreise haben jedoch bald erkannt, dass die Konzessionierung durch die neuen Verkehrsverhältnisse bedingt war und sowohl für die Unternehmer selbst als auch für das reisende Publikum von Nutzen ist. Sie haben sich daher im allgemeinen der neuen Regelung gefügt. Wo dies aber nicht der Fall, ist, sieht sich die Postverwaltung als Inhaberin des Postregals genötigt, die Fehlbaren unter Um- F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (27. Fortsetzung) «Ich möchte Sie sprechen.» •Mit einer Handbewegung lud ich sie ein, bei mir am Kaminfeuer Platz zu nehmen. Das volle Licht fiel nun auf sie, und das Erstaunen bannte mich. Jedes Wort erstarb mir auf den Lippen, in dem Blick der traumhaften, grauen Augen, die unter den halbgeschlossenen Lidern auf mir ruhten. Prüfend. Wie wenn sie auf dem Grund meiner Seele lesen wolle. Noch immer schwiegen wir. «•Sie haben mich nie gesehen. Sie kennen mich nicht?» Ich schüttelte den Kopf. «Aber wahrscheinlich, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne. Ich bin Enid van der Witte.» Ich schüttelte unverständig den Kopf. «Also doch nicht.» Ich sah, wie sie in sich mit weiteren Worten kämpfte. «Der Weg zu Ihnen fiel mir nicht leicht... nun aber ... fällt mir mein vorgefasster Entschluss noch schwerer.» Einen Augenblick dachte sie nach. «Vielleicht kommen wir uns näher, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie kenne.» Sie lächelte über meinen überraschten, erstaunten Blick. «Sie sind Hannes. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Mein Freund Hannes.» Wie ein Blitz durch die Finsternis leuchtet, hellte alles in mir auf, Nur einer nannte mich so. Jul! Das war also die Frau... Unwillkürlich hatte ich ihre Hand ergriffen und drückte sie an die Lippen. Sie nickte lächelnd. Wir fühlten beide, wir hatten uns gefunden. «Darf ich ablegen? Ich möchte mit Ihnen plaudern.» Sie hatte sich erhoben und streifte mit meiner Hilfe den Pelzmantel ab. Bewundernd hingen meine Blicke an dem Ebenmass ihrer hohen, schlanken Gestalt, an der ausgeglichenen, vornehmen Ruhe jeder ihrer Bewegungen. Gelassen zog sie die Handschuhe ab, nahm. Platz und rückte näher an mich heran. Noch immer lagen ihre Blicke prüfend auf mir, wie wenn sie mein ganzes Ich in sich aufnehmen wolle. «Ich stellte Sie mir. ganz anders vor. Jul spricht oft von Ihnen. Fast kein Tag vergeht, dass er Ihrer nicht erwähnt. Und wenn er mit sich selbst im Zweifel, wenn ihm Probleme des Lebens den Weg versperren, wenn er mit sich im Kampfe um die Wahrheit des Erkennens, dann pflegt er den Zeigefinger drollig ernsthaft in die Luft zu strecken, mit den Worten... mein Freund Hannes würde sagen ...» Ohne mich anzusehen, wie in einer leichten Befangenheit, den Blick zum Kaminfeuer, hatte sie gesprochen. Sie wandte den Kopf zu mir. «Ich dachte einen alten griesgrämigen Herrn zu finden, ein Gespenst kalter Nüchternheit und gefühlloser Ueberlegung, in dessen eingetrockneter Sachlichkeit jedes Gefühl erloschen. Aber in dieser Vorstellung passten Sie mir so gar nicht zu Jul. Und so vermochte ich das Band zwischen Ihnen und Jul nicht zu finden. Es freut mich, dass Sie ganz anders zu sein scheinen. Es konnte auch nicht anders sein. Im Gegenteil. Nach Ihrem äusseren Bilde sind auch Sie durch die Freuden des Lebens gegangen und werden wissen, dem, was ich Ihnen heute zu sagen habe, das Verstehen abzuringen. Sie und Jul scheint nur das Alter zu trennen, und Sie werden sich heute in die Zeit zurückdenken müssen, als Sie noch keine Brille trugen. Die böse Brille! Wir tragen sie in den Jahren, in denen wir durch sie die Wahrheiten von den Unwahrheiten des Lebens zu trennen vermögen. Bei uns Frauen ist das anders.» Sie lächelte scherzhaft, aber man hörte den etwas erzwungenen Ton. «Wir sehen auch ohne Brille richtiger wie die Männer, vor allem in Fragen des bösen Herzens.» «Ich glaube, gnädige Frau, dass Sie in Ihren...» Sie legte die schmale Hand, mich unterbrechend, auf meinen Arm. «Wollen Sie mich mit meinem Namen nennen? Es würde mich freuen. Ich heisse Enid. Und ich nenne Sie — Freund Hannes.» Mit dem unbeschreiblichen Lächeln ihres Liebreizes streckte sie mir beide Hände hin, nach denen ich verlangend griff. «Trotz der wenigen Minuten, in denen wir uns kennen, ist es keine falsche Vertraulichkeit, denn... wir lieben beide Jul.» Wie etwas Selbstverständliches hatte sie es ausgesprochen. «Ich danke Ihnen. Frau Enid.» Kein Wort weiter brachte ich über die Lippen. Mit einer hastigen Bewegung streifte sie ihr kleines Hütchen ab und strich mit beiden Händen das aschblonde Haar zurück, auf dem das Kaminfeuer in goldfarbenen Lichtern züngelte. «Nun aber wollen wir von meinem ungewöhnlichen Besuche sprechen, Freund Hannes.» Ihre Blicke verloren sich in der verschwimmenden Dunkelheit des Zimmers, das uns wie in einen Mantel einhüllte. Nach einer langen Pause des Nachdenkens fuhr sie fort. «Ich hatte mir jedes Wort zurechtgelegt, bevor ich zu Ihnen kam, und nun, da ich beginnen soll, weiss ich die Worte nicht zu finden. Denn ich hatte angenommen, dass Jul In der tiefen Freundschaft, dem tiefen Seelenbund, der ihn mit Ihnen verbindet, sich Ihnen mit allem anvertraute. Mit allem. Es ehrt ihn in meinen Augen als Frau, dass er es dennoch nicht tat. Anderseits, wie ich ihn kenne, wundert es mich nicht.» «Sprechen Sie ruhig, Frau Enid. Wenn mir Jul auch nichts anvertraute, jetzt weiss ich dennoch alles. Ich liebe ihn, wie soll ich mich Ihnen am besten verständlich machen, wie wenn... wie wenn er mein Sohn wäre. Fast könnte er es nach den Jahren sein. Ich sehe Jul zwischen uns beiden, er steht allein in dieser Welt, links und rechts halten wir ihn an den Händen gefasst, und so wollen wir ihn gemeinsam durch das Leben führen. Ich bin vielleicht Ihr bester Freund, Frau Enid, vielleicht Ihr ältester Freund, auch wenn Sie es vor Minuten noch nicht wussten. Mit diesen Worten der Wahrheit will ich