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E_1934_Zeitung_Nr.040

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20 AUTOMOBIL-REVUE 198*

20 AUTOMOBIL-REVUE 198* - N» 40 Der Tages film Was Filmregisseure alles wissen wollen. € Kochen Kannibalen ihre Opfer in ihren Kleidern oder ziehen sie sie zuerst aus?» «Welche Tracht trug Napoleons Leibfriseur?» «Wie hält man in den vornehmsten französischen Hotels beim Essen die Gabel?» «Wie gross ist die Durchschnittslänge eines Angelwurms?» «Welches Schicksal bereitete Kleopatra ihren erledigten Liebhabern?» Teils törichte, teils ausgefallene Fragen, wird man einwenden. Dennoch tauchen solche und ähnliche immer wieder in den Ateliers auf, wenn die Produktion eines neuen Films vorbereitet wird. Um sie möglichst rasch beantworten zu können, unterhalten die grossen Hollywooder Filmfirmen eigene Informationsabteilungen mit ausgezeichneten Nachschlagebibliotheken, und an der Spitze einer der grössten steht Frances Richardson, eine der hervorragendsten Bibliothekarinnen Amerikas. Ihre Bibliothek umfasst mehr als 10 000 Bände aus allen möglichen Wissensgebieten, 200 Zeitschriften langen allmonatlich dort ein und aus allen führenden Zeitungen Amerikas wird regelmässig das Interessanteste ausgeschnitten. So entstand eine Kartothek, die auf etwa 750 000 Themen hinweist, und eine Sammlung von mehr als 250 000 Illustrationen. Für jeden grösseren Film hat die Bibliothekarin alle Photographien und Ausschnitte zusammenzustellen, die sich in den Beständen vorfinden. Aber mitunter wird die Informationsabteilung dennoch vor allzu schwierige Aufgaben gestellt. Vielleicht war es nicht einmal Spass, als ein Regisseur vor einigen Monaten Fräulein Richardson den Auftrag sandte: «Bitte, senden Sie mir sofort den Geheimcode der britischen Kriegsflotte!» Dagegen konnte sie sofort mit dem Gewünschten dienen, als ein Regisseur die Photographie eines typisch irischen Badezimmers von ihr verlangte. Wenn Fräulein Richardson am Telephon so einfache Dinge gefragt wird, wie: «Wann wurde in England der letzte Verbrecher verbrannt?», dann lächelt sie nur und antwortet innerhalb einer halben Minute, nachdem sie ihre Kartothek zu Rate gezogen hat: «1789, wenn Sie einen Mann meinen, und 1783, wenn Sie das weibliche Geschlecht im Auee haben.» Mailied Der Anger steht so grün, so grün, Die blauen Veilchenglocken blühn, Und Schlüsselblumen drunter; Der Wiesengrund Ist schon so bunt Und färbt sich täglich bunter. Drum komme, wem der Mai gefällt. Und freue sich der schönen Welt, Und Gottes Vatergüte, Die diese Pracht Hervorgebracht, Den Baum und seine Blüte. Ludwig Heinrich Qhristoph Höltz. (1748 -1776.) Nachts Ich stehe im Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band. Von fern nur sefylagen die Glocken Ueber die WäWg; herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwand. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. Joseph Freiherr von Eichendorff. (1788 -1857.) Beide Bilder: Frühling am TJntersee bei Mannenbach. Warum gähnen wir ? Das Gähnen stellt ein durchaus ernstes wissenschaftliches Problem dar. Schon seit vielen Jahren streiten sich die Gelehrten darum, wie es zustande kommt und welche Bedeutung es für den Körper besitzt. Früher erklärte man das Gähnen als «Abwehrreaktion» gegen die Ermüdung. Das Gehirn wird bekanntlich nach langdauernder Arbeit allmählich erschöpft, d. h. weniger mit Der Lenz im Zugerland: Risch am Zugersee gegen die Rigi. Blut und Sauerstoff versorgt. Darauf, so nahm man an, erfolgte nun als Gegenmassnahme unseres Körpers eine heftige verstärkte Atembewegung, eben das Gähnen, durch das die Blutzirkulation angeregt und das Gehirn wieder mit frischem Sauerstoff versorgt werde. Diese Vermutungen haben sich aber neuerdings als nicht stichhaltig erwiesen. Der deutsche Gelehrte Prof. Peiper hat jetzt eine Reihe von neuen Beobachtungen über das Gähnen gemacht und diese «rätselhafte Naturerscheinung» wohl endgültig aufgeklärt. Wie er feststellte, besitzt der Mensch an einer bestimmten Stelle des Rückenmarkes ein besonderes «Gähnzentrum», das einen Teil seines Atemzentrums bildet Von hier aus gehen auf dem Nervenwege Impuls« an die Atemmuskeln, die sie zwingen, übermässig tief und heftig einzuatmen, d. h. die typischen Gähnbewegungen zu machen. Das Gähnzentrum wird für gewöhnlich durch «Gegenimpulse», die vom Grosshirn und von anderen Teilen des Atemzentrums ausgehen, gehemmt und kommt nicht zur Geltung; erst wenn diese Hirnteile bei der Ermüuung erlahmen, gewinnt das Gähnzentrum das Uebergewicht, und wir machen unwillkürlich die ungehemmten Gähnbewegungen. Der Mensch atmet also ruhig und gleichmässig, solange, sein Gehirn frisch ist, bei der Ermüdung aber wird das Gähnzentrum «enthemmt» und den von ihm ausgehenden Impulsen wird freier Lauf gelassen. Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen anderen unwillkürlichen Handlungen, die wir normalerweise unterdrücken, die aber bei der Ermüdung zum Vorschein kommen: schlechte Körperhaltung, taumelnder Gang gehören ebenfalls hierher. ZÜRICH, Sihlstrasse 30 - BASEL, Falknerstrasse 19 DAS MODENHAUS DER DAME Wer vieles bringt, bringt jedem etwas! Unsere Auswahl ist so reichhaltig, dass auch Sie das Passende finden werden. - Letzten Chick, Qualität und angemessene Preise, dies sind unsere Prinzipien. Besuchen Sie uns unverbindlich und überzeugen Sie sich! REISEN SIE INS AUSLAND? Schützen Sie Ihr Reisegeld vor Verlust und Diebstahl. Beschaffen Sie sich schutzbietende und bequeme American Express Travelers Cheques. Erhältlich in Dollar und Pfund Sterling. 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u Bern, Dienstag, 15. Mai 1934 FV. Blatt Automobil-Revue" No. 40 Pfingst-Choral Der Birnbaum bläht schneeweiss, der Apfelbaum rosarot. Der Kirschbaum hat seinen Silberglanz schon verloren. Dieser verblühte Kirschbaum, übervoll von Fruchtansätzen, ist ein Prachtkerl, dem ich Dank schulde. Heil ihm und seiner Weisheit, er hat den Frühling nicht vertrödelt. Ganz sanft hat er mich dorthin gewiesen, wo ich hingehöre: Zu den Menschen. Mit dem Lächeln im Antlitz, das mir der Anblick des schneeweissen Birnbaumes und des rosaroten Apfelbaumes geschenkt hat, bin ich zu den Menschen zurückgekehrt. Der Naturfreund ist ein verhinderter Menschenfreund. Ihm fehlt es an Menschen. Alle Einsamen flüchten sich aufs Land. Ein Baum, überschüttet mit Blust, der begeisternde Schwung eines Raines, ein Kleefeld, kräftig im-Safte stehend, der gesunde Uebermut des Lenzwaldes, das Lied der Heckenrose —, ach, was sind für den Einsamen alle diese Dinge anderes, als der beste Ersatz für Menschengesichter. Wen die Unschuld des Haselstrauches rührt und der Märchenerzähler Hollunder nicht langweilt, der wird auch für kummervolle Menschengesichter und überschwere Menschenherzen, Zeit, gute Worte und eine hilfreiche Hand haben. Die Landschaft ist ein ewiger Quell der Liebe. Im Gäu gibt es einen Hügel und der heisst Born. Himmlischer Name! Wer arm an Liebe, der pilgert in den pfingstlichen Maien. Und kehrt heim voll Segen, der wiederum andere froh macht. Die Landschaft ist der Umweg, der zum Heimweg zu den Menschen wird. Der schönste blühende Baum lässt vielmals die Menschen völlig vergessen. Ich bin noch vor keinem Baum allein still gestanden, vor dem ich nicht hätte zu zweien stille stehen mögen. Menschenliebe und Freundschaft lassen eben den betörendsten Frühling weit hinter sich. Denn schliesslich steht der Mensch dem Menschen näher als süssestes Baumgrün und der lieblichste Maien. E. W, . Letzter Pfingstahend Von Josef Robert narrer. Die Sonne stand schon tief. Ein Maitag von einer Schönheit, die in den Menschen Glück und überschäumendes Lebensgefühl aufleuchten Hess, ging: zu Ende. Aus dem Klostergarten drang siisser Duft von vielen Rosen empor, der wie eine unsichtbare Wolke in eine kleine Zelle schwebte. Pedro Calderon de la Barca sass in einem Lehnstuhl. Der berühmte Dichter, den ganz Spanien verehrte, war alt geworden. An diesem Abend wurde ihm plötzlich die Last sei- Das ist des Frühlings hohe Zeit, Wenn Pfingstfestrosen glühen, Die Erde steht im Hochzeitskleid Und alle Bäume blühen; Ein Wunder scheint geschehen, Verborg'nes hat sich hold enthüllt, Der Traum vom Auferstehen, Nun hat er sich erfüllt. Pfingstlied Von Emil Hüeli. ner 81 Jahre leicht; es war ihm. als sei sein Körper vergessen. Aus dem Halbschlummer, der ihn seit dem Nachmittag umfangen hielt, sah er mit glänzenden Augen aus dem Fenster und sagte mit leiser Stimme : Calderon lächelte. « Jung ? Mein Herz ist nie aüt geworden. Aber sagt, welcher Abend ist das heute ? Er ist gesegnet.» « Es ist der Pfingstabend, Bruder Pedro! > « Pfingstabend ! Stunde des Geistes, der die Welt durchdringt und die Schleier der Geheimnisse lüftet. Und welches Jahr schreiben wir ? » < Das Jahr 1681 nach der Geburt des Herrn !» Calderon machte eine weite Geste. Er neigte sich dem jungen Mönch zu und sagte: « Das wäre ein Abend zum Sterben, Bruder Agustin! Die Natur streut Rosen auf den Weg, der in die Ewigkeit führt. Der Himmel ist rot und gelb und mit meergrünen Girlanden verziert.» «Ihr sprecht vom Tode so schön wie von der Liebe, Bruder ! » Calderon sah dem jungen Mönch, der die Worte mit einem fast bitteren Ernste gesprochen hatte, tief in die Augen und sagte: «Wie von der Liebe ? Ja, Bruder... Die Liebe ist ein Geschenk des Himmels. Und ich habe in den Comedias viel von der Liebe geschrieben und auch in den Sacramentales sprach ich von der Liebe, der reinsten, der religiösen Liebe !» « Ihr habt viel gedichtet, Bruder ! » Calderon lächelte. « Ja, viel ! Es sind wohl über 70 Sacramentales und über 100 Comedias, die ich in meinem Leben schrieb... Ein reiches Leben. Bruder!» « Mein Leben ist nicht reich: ich schuf nichts, was nach meinem Tode der Welt meinen Namen erhielte », sagte Bruder Agustin und fuhr sich über die Stirne. Calderon schüttelte den Kopf. « So dürft Ihr nicht reden, Bruder! Wenn ich auch sagte, dass heute die Reise in die Ewigkeit schön wäre; Bruder, all meine Werke gäbe ich hin, könnte ich noch einmal so Jung sein wie Ihr! Könnt Ihr es fassen ? Mein reiches Leben? Meine Erinnerungen?» Von ferne kam Musik und Gesang. Das Rot am westlichen Hlmmd war tiefer »- worden. Bruder Agnstln murmelte: < Erzählt mir, Bruder Pedro ! » Der Widerschein des abendlichen Himmels lag auf dem Gesichte des alten Dichters. Er griff nach der Hand des jungen Mönches und sagte : « Erzählen ! Es drängt auf mich efn, Oestalten wandern und gehen. O mein reiches Leben, wie fasse ich dich in arme Worte. Meine Jugend in Madrid bei den Jesuiten, Weisheit und Dichtung... Und dann Student hl Salamanca ! Mädchen mit Augen, schwarz Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (Fortsetzung von Seite 17 des A.-F.) Früher, wenn er des Abends seine Arbeit schloss, eilte er mit einem Gefühl freudiger Erleichterung seinem Heim zu. Von Ferne schon sah er ihr helles Kleid durch die Büsche schimmern, mit ihrem ruhigen Lächeln' begrüsste sie ihn schon an der Gartentüre. Nie durfte ihm einer von dem malaiischen Dienergesindel die Türe öffnen, sie musste es sein. Die schönen Stunden nach dem gemeinsamen Dinner! Er pflegte ihr den Arm zu reichen und sie zwischen ihren geliebten Blumen spazieren zu führen. Er erzählte ihr von seiner Tagesarbeit, seinen Forschungen, seinen wissenschaftlichen Erfolgen und vor allem seinen interessanten Krankheitsfällen. Sie aber lebte auf, wenn sie ihm ihre Orchideen zeigen konnte. Wenn in der Regenzeit der Monsun durch die Büsche peitschte, dann konnte er ihr keine grössere Freude bereiten, wie ihr im Musikzimmer beim Klavier zu lauschen, und tat es gerne, weil es ihr Freude machte, trotzdem es ihn langweilte. Seine wissenschaftlichen Abhandlungen arbeitete er fast ausnahmslos zu Hause. Nach dem Abendessen. Tagsüber fand er nicht die Zeit hierfür. Immer sass sie im Streckstuhl geduldig neben seinem Arbeitstisch, und wenn ihm ein Gedanke fehlte, ihn hemmte, ihn stokken Hess, so schielte er nach seiner schönen Frau... und fand immer, was er grübelnd suchte. Kein Laut störte die Stille dieser schönen Arbeitsstunden. Nur das Summen eines Moskitos oder das leise Rascheln einer Buchseite, die sie behutsam, um ihn nicht zu stören, umblätterte. Gar oft kratzte seine Feder noch über dem Papier, und sie war schon zur Ruhe gegangen. Einmal — er dachte sie schon im tiefen Schlaf — da schlich sie auf den Fusspitzen von rückwärts an ihn heran und nahm ihm die Brille ab. Er schrieb gerade über die Einheitstheorie in der Serumbehandlung. Da wehrte er sie lächelnd ab und küsste sie. Sie meinte es gut. — Wenn er sie so neben sich fühlte, ging ihm die Arbeit, am leichtesten vonstatten. Und nun? In sich und um sich eine gähnende Leere der Verlassenheit. Wenn er des Abends sein Haus betrat, eine Stille, die wie ein Alp auf ihm lastete, ihm das Leben unerträglich machte und ihm vor allem Jede Arbeitslust raubte. Noch nie hatte er so empfunden, was sie ihm war. Noch nie. Erst jetzt, seit sie ihm fehlte, kam ihm zum Bewusstsein, was ihm ihr Verlust bedeute, wie das bisschen Gefühlsleben, das ihm sein Beruf gönnte, mit ihr verknüpft war. Und er ertappte sich, wie die Sehnsucht nach ihr sich immer wieder in den Ernst seines Denkens stahl. Tagsüber ging es noch. Die Anspannung seiner Tätigkeit Hess ihn nicht zum Bewusstsein kommen, die Arbeit, die auf ihm lastete, lenkte ihn ab, und keine Nebengedanken drängten sich störend in sein arbeitsreiches Leben. Bis die Abende kamen. Da brach es über ihn herein. Anfangs ertötete er die bleierne Last der Einsamkeit um sich, sich immer wieder in neue Arbeiten versenkend. Allein ein ihm bisher unbekanntes Gefühl des Widerwillens raubte ihm die Spannkraft. Gewohnheitsgemäss begann er daheim in den langen Abendstunden damit, aber gar bald Hess er alles liegen und stehen und suchte ausserhalb seines Heimes Ablenkung und Zerstreuung. Ein Ausweg, den er bisher nicht kannte. Fast widerte es ihn an, wenn er des Abends heimwärts ging. Früher, wenn er von der Ferne ihr helles Kleid schimmern sah, begrüsste er es mit einem freudigen Lächeln, jetzt zog er widerwillig die Brauen zusammen. Er wusste, es war Tschang-Fu, der Koch, der ihn Abend für Abend mit einem tiefen Bückling an der Gartentüre erwartete, ihn durch die grosse Hornbrille in seinem Froschgesicht fragend anstarrte, die unausgesprochene Frage auf den Lippen: Wann endlich kommt die Herrin? Einsam und verlassen sass er bei der Mahlzeit, in der Zimmerecke hockte der bedienende malaiische Diener und lauerte, bis Mynheer nach der kurzen Pfeife griff, um sie ihm anzuzünden. Der Kerl ekelte ihn an. Nie Hess sich seine Frau diese kleine Gefälligkeit nehmen. Gewohnheitsgemäss setzte er sich an seinen Arbeitstisch. Aber oft schon nach den ersten Zeilen stiess er alles von sich und griff nach seinem Hut, um aus seiner Vereinsamung zu flüchten. (Fortsetzung folgt.) Ziffarr«