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E_1934_Zeitung_Nr.035

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BERN, Freitag, 27. April 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 35 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt fUr die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Ft. 10.—. Im Ausland unter Portozuschtaf, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon 28.223 Telegramm»Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Ct*. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seltentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern Verkehrssicherheit und Fahrereignung Es ist eine immer wieder bestätigte Erfahrung der Praxis, dass bei Anfängern nach Ablauf einer gewissen Zeit, die zwischen 3—6 Monaten schwankt, eine kritische Periode eintritt. Mancher, der sich bis dahin gut gehalten hat, fällt plötzlich ab. Andere' wiederum, die anfangs dauernd Anlass zu Riagen gaben und eine Reihe kleinerer Zusammenstösse und Unfälle hinter sich haben, fahren von diesem Zeitpunkt an vollkommen fehlerfrei. Eine ähnliche Erfahrung wird auch bei den Flugzeugführern berichtet. Nach einer umfangreichen statistischen Erhebung von Kapitän Lamplugh, dem Sachverständigen des britischen Luftversicherungs-Konzerns, über die Flugunfälle des Jahres 1928 fällt hier die Krise in die Zeit der 500.—600. Flugstunde. Weitere « Gefahrenabschnitte » ergeben sich nach der 20.—30. und nach der 80.—120. Flugstunde. Diese « kritischen Zeiten » sind Anzeichen dafür, dass im Verlauf der Ausbildung neue Schwierigkeiten auftreten, entweder durch neue äussere Anforderungen oder durch geänderte Einstellung des Schülers. Uns interessiert hier nur die Ausbildung des Automobilisten. Wenn wir genauer zusehen, führt Dipl.-Ing. Hallbauer, ein psyehotechnischer Experte in der «Verkehrswarte» aus, finden wir auch bei seiner Ausbildung mehrere Gefahrenabschnitte, wenn auch der oben erwähnte der schwerwiegendste ist. Welche Stadien heben sich etwa heraus ? Das erste Uebungsstadium des Fahrers erstreckt sich auf das Erlernen der sinngemässen Handhabung der Bedienungsgriffe, der Handhabung des Wagens und des Bewegens auf verkehrsarmer Strecke. Wenn auch anfangs die einen sich dabei geschickter anstellen, als die andern, so ist doch ein besonders hoher Grad von Geschicklichkeit für die Bedienung eines normalen Fahrzeuges nicht erforderlich. Auch der im Leben sonst ungeschickt Erscheinende kann mit den normalen Bedi°tmngsgriffen fertig werden. Für die Sicherheit an sich suielt es keine grosse Rolle, ob man sie schneller oder langsamer lernt- Von manchen Fachlehrern wird sogar beDauptet, dass sie bei dem, der langsamer lernt, auch meist « fester sitzen ». Im zweiten Stadium der Uebting geht es iti den eigentlichen Strassenverkehr. Damit ist zugleich auch der erste Gefahrenabschnitt bezw. sich auf die Anständigkeit der Partner verfassen. Durch andauerndes Hupen und Vordrängen kann man, pochend auf die grössere Stärke des eigenen Wagens, den Vorgänger zum Ausweichen zwingen ohne Rück- gegeben. Man glaubt, die verschiedenen Handhabungen schon zu beherrschen, weil sicht darauf, ob er in eine unangenehme es bis dahin so «gut gekllappt» hat; manoder gar gefährliche Lage gerät. Beliebt ist wagt zu viel und überschätzt sein Können. auch, unter Ausnutzung der Wegschwierigkeiten speziell auf der Landstrasse, dem Man beherrscht aber tatsächlich das Vielerlei der Vorschriften und Anforderunigen noch schnelleren nachkommenden Wagen nicht nicht. Dadurch kommt man in Gefahrensituationen, denen gegenüber man noch nicht gewappnet ist, und so rächt es sich oft, dass man sich vorschnell in den regen Strassenverkehr gewagt hat: der erste Unfall ist da. Aber auch dieses Gefahrenmoment ist im allgemeinen bald überwunden. Es ist auffallend, wie schnell der Fahrschüler, trotz des « sinnverwirrenden Eindrucks », sich eingewöhnt. Sehr bald klärt sich die Situation gewissermassen «von selbst >. Man sieht nur das, was Bedeutung hat. Alles andere ist eigentlich gar nicht vorhanden. Der Raum weitet sich allmählich. Man kann von einem « Nahraum » des Fussgängers im Gegensatz zu einem «Fernraum» des Fahrers sprechen. Für einen Fussgänger hat ein Mensch in 20 m Entfernung im allgemeinen gar keine Bedeutung; für ein schnell fahrendes Fahrzeug ist absolute Gefahr vorhanden. Gleichzeitig tritt eine andere wesentliche Veränderung ein. Während man zunächst die vielerlei Griffe bewusst ausführt, in den verschiedenen Situationen ausdrücklich überlegt, was vorgeht, und was man zu tun hat, spielen sich nach einiger Zeit alle diese Handlungen und inneren Vorgänge mehr «automatisch», «peripher» ab. Das aus- chen andern Berufen wichtig sind. Wenn gemacht hat; anderseits, hängt er von der man sie anfangs nicht geprüft hat. so lag es Leistungsfähigkeit des Wagens und den Gefahrenmomenten ab, die dieser mit sich genschaften heranzukommen. Inzwischen ha- mehr an den Schwierigkeiten, an diese Eidrücldiche Bewusstwerden von Ueberlegungen tritt immer mehr zurück. Man be-bringtherrscht die nach wie vor gleich komplizier- schwerer Wagen ist. chologie neue Wege angebahnt. je nachdem es ein leichter oder ben sich durch neue Erkenntnisse der Psyten Situationen durch viel einfachere Wahrnehmungs- und Handlungsformen. cherheit, dass in dem Fahrer in möglichst nungsprüfungen für Fahrer zu verbessern. Es liegt im Interesse der öffentlichen Si- Ich habe seit Jahren versucht, die Eig- Die eigentlichen, schwerwiegenden Schwierigkeiten, die den grössten Teil der täglichen handenen Methoden und suchte hohem Masse das geschilderte richtige cha- Ich verglich zunächst die verschiedenen vor- festzustellen, Verkehrsunfälle begründen, zeigen sich aber erst später, wenn der Schüler ausgelernt hat und die Fahrbewegungen und Vorschriften tatsächlich beherrscht. Daher die eingangs erwähnte « kritische Zeit ». Während es bis dahin auf bestimmte « Fähigkeiten» ankam, der « Wendige'», « motorisch Geschickte » usw. schneller die Arbeitstechnik erlernte, sich rascher an eine veränderte Situation anpasste, tritt in diesem dritten Stadium die Charakterhaltung in den Vordergrund. Nehmen wir einige Beispiele ! Man kann rücksichtslos an den Strassenkreuzungen auf seiner Vorfahrt bestehen den Weg freizugeben oder gar im Stadium des Ueberholens ein Wettrennen zu veranstalten. Umgekehrt wird der rücksichtsvolle und: der gemeinsamen Verantwortung bewusste Fahrer auch den andern ihren « Fahrraum » lassen, wird helfen und sogar einmal zurückstehen, wo er vorschriftsmässig ein Vorrecht besässe. Höflichkeit ist nicht etwas eine Schwäche des Fahrers, wie viele anzunehmen scheinen. Natürlich wird kein guter Fahrer ängstlich jeder Unverfrorenheit oder Ungeschicklichkeit der andern nachgeben, sondern ihnen unter Umständen seinen Willen aufzwingen. Der gute Fahrer muss also den richtigen Mittelweg suchen zwischen zwei entgegegesetzten Fehlern, nämlich herrischer Selbstbehauptung und Rücksichtslosigkeit einerseits und schwächlicher Aengstlichkeit und Nachgiebigkeit anderseits. Der richtige Mittelweg wird für verschiedene Fahrer verschieden sein. Er hängt einerseits davon ab, wie vollkommen der Fahrer sich selbst und seinen Wagen beherrscht und sich die Verkehrsvorschriften als feste Regeln zu eigen rakterologische Verhalten erweckt und gefestigt wird. Alle Möglichkeiten müssen ausgenutzt werden. Ein wesentliches Moment dabei ist die Erziehung. Schon die Primarschule soll vorarbeiten (Verkehrserziehung). Sie -muss die soziale Rücksicht auf den anderen und die Pflicht der Einfügung in die vorgeschriebene Ordnung wecken. In dem gleichen Sinne hat die Fahrerausbildung zu wirken. Sie muss bei jeder Vorschrift den Sinn vor Augen halten und durch überzeugende, anspornende oder warnende Beispiele eine triebartige Grundlage zu schaffen suchen. Das würde aber nicht ausreichen. Es müssen während der dauernden Fahrtätigkeit selbst ständige weitere Antriebe in der gleichen Richtung wirken : Propaganda für das vorgeschriebene Verkehrsverhalten, Einwirkung durch die allgemeine Presse und vor allem durch die Fachpresse, durch Clubs und endlich auch durch Strafen. Nach diesen Darlegungen scheint es, als ob die Erziehung alles leisten könnte, und als ob jeder normale Mensch, wenn er nur eine gute Ausbildung erfährt, und wenn die starken Antriebe der ständigen Erziehung hinter ihm stehen, ein guter Fahrer werden musste. Das wäre aber zu weit gegangen. Wir dürfen über die individuellen, speziell auch über die charakterologischen Unterschiede zwischen den Menschen nicht hinwegsehen und dürfen sie auch nicht unterschätzen. Es war der richtige Sinn der psychotechnischen Examen für Fahrer, dass man diese Unterschiede erkennen und dadurch Ungeeignete ausscheiden wollte, ohne die Schwerfälligen, aber nicht Unbrauchbaren, zu benachteiligen. Nun muss freilich zugegeben werden, dass sich die Eignungsprüfungen in den ersten Jahren allzu sehr an die Feststellung von besonderen Fähigkeiten gestützt haben, die, wie wir schon oben gezeigt haben, nicht von entscheidender Bedeutung sind. Man stellte die Geschicklichkeit, Wendigkeit, «Intelligenz» usw. fest und glaubte damit die wichtigsten Anforderungen an den Fahrer zu treffen. Man war sich wohl in der praktischen Psychologie bewusst, dass die wiWensmässigen, charakterologischen Eigenschaften hier und in man- welche Methoden in ihren Ergebnissen mit der praktischen Tüchtigkeit von Fahrern übereinstimmte, die für einen möglichst langen Zeitraum nachgeprüft war. Es zeigte sich z. B.. dass Fahrer, die in unsern Prüfungen sehr schnell reagierten, keineswegs auch in der Praxis die besten sind. Gerade umgekehrt waren ausgesprochen kurze Reaktionszeiten bei solchen Fahrern zu f'nden, die sich nicht bewährten; d. h. kurze Zeiten werden auf jeden Fall nicht ohne weiteres mit beherrschtem Fahrverhalten zusammenfallen. Oder : Prüfverfahren, die hohe Anforde- F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (22. Fortsetzung) Mit geschlossenen Augen streckte sie die Arme von sich, wie wenn sie ihn von sich abwehren wolle, und schüttelte den Kopf. «Nein, Jul. Ich werde fest bleiben... was auch immer sei... es kommt der Tag... an dem Sie mich nicht verurteilen werden... aber es war ein Unrecht von Ihnen... eine gefasste, freundschaftliche Neigung anders zu deuten... und dadurch sich selbst und mich zu einem Abgrund des Lebens zu führen. Ich kann nicht wiederrufen, was ich getan. Ich täte es wieder. Ich bitte Sie, Jul, nichts zu tun, was das einzige Gefühl der Freundschaft, das ich für Sie empfinde, zerstören würde. Gehen Sie! Lassen Sie mich allein!» «Ist das Ihr letztes Wort, Enid?» Lange dauerte es, bis sie ihre Antwort fand. «Mein letztes, Jul.» Ein Klagen brach aus ihrer Stimme, aber sie hatte nicht den Mut, ihn dabei anzusehen. Mit zusammengezogenen Brauen trat er auf sie zu, aber beim ersten Schritt streckte i sie ihm abwehrend die Hände entgegen. Unschlüssig blieb er stehen, wie wenn er nicht wisse, was er tun solle. Und plötzlich sank er in die Knie. Sie aber — wie wenn sie ihn nicht sehen wolle, trat in die andere Ecke des Zimmers und wandte ihm den Rücken. So standen sie regungslos voneinander abgewandt. Und hier war es, dass oft Augenblicke über das Leben eines Menschen entscheiden. Hätte Enid van der Witte jetzt nur einen Blick auf ihn geworfen, auf sein vom Leid entstelltes Gesicht, es wäre ihr mancher Schmerz erspart geblieben. «Sie haben Ihr letztes Wort gesprochen, Enid?» «Ja, 3ul.» «Sie haben mir nichts mehr zu sagen?» «Nein, Jul.» Mit einer müden Bewegung erhob er sich. «Aber ich will, dass Sie mir eines bleiben, was ich Sie immer nannte. Mein Freund Jul.» Er schüttelte den Kopf. «Sie verlangen zu viel.» Er sprach mit fester Stimme, ohne sie anzusehen. «Leben Sie wohl.» Einen Augenblick war ihr... sie müsse alles ungeschehen machen... sie müsse ihn in ihre Arme nehmen... die Türe fiel mit dumpfem Schlag ins Schloss ... sie war allein. Mit einem Satz sprang sie hin, aber wie sie die Klinke ergriff, drückte sie diese mit beiden Händen krampfhaft zu, wie wenn sie sich selbst den Ausweg versperren wolle. Dann wandte sie sich um und brach lautlos zusammen. Aus der Wlirtsstube klang das grölende Singen der Innsbrucker Studenten: «Als der Sandwirt von Passeier Innsbruck hat mit Sturm genommen, Liess er sich zwei Dutzend Eier Und zwei Dutzend Schnäpse kommen.» Totenblass trat Jul in die Tür. Lachend winkte ihm der lange Reservefähnrich. «Wie schaust denn du aus, Jul? Komm mit.» Einen Augenblick überlegte er, dann nickte er zustimmend. Wenige Minuten später stand er zwischen ihnen, den Rucksack am Rükken, das Kletterseil um die Schultern, den Eispickel in der Faust. Oben im Zimmer war Enid ans Fenster getreten. Ihr war, wie wenn sie Juls Stimme gehört hätte. Am Ende der Dorfstrasse sah sie die vier verschwinden. Allen voraus Jul. Atemlos raste sie die Stiege hinunter... sie wollte nach ihm schreien... es würgte sie in der Kehle... die fremden Menschen um sie..., In der Türe lehnte mit gekreuzten Armen die Kellnerin und mass sie mit geringschätzigen Blicken. «Der Herr Gemahl lasst Ihnen sagen, Sie sollen auf ihn warten, morgen ist er wieder zurück.» Mit müden Schritten wankte sie die Stiege hinauf und warf sich angekleidet auf das Bett. Alles war vorbei. Anders, wiie sie gedacht. Quälende Gedanken folterten sie, es reute sie, was sie getan, um sich im nächsten Augenblicke zu gestehen, dass es besser sei, dass es so gekommen, denn sie wusste, dass sie nicht mehr die Kraft aufbringen könne, noch länger ihrer Schwäche zu widerstehen. Jede kleinste Regung der Zärtlichkeit musste sie in seine Arme werfen. Und nun... besser so. Unangetastet in ihrem Gewissen konnte sie von ihm gehen. Das Bild ihres Mannes stand wieder vor ihr auf... wie oft hatte sie im Aufdämmern einer Ernüchterung Vorwürfe für ihn gesucht ... ohne sie zu finden. Sie blickte auf Jahre ihrer Ehe zurück... und fand nichts, was sie berechtigt hätte, ihm zum Vorwurf zu machen... ausser dass er für sie nur Beweise tiefster Ehrerbietung fand ... von denen er sicherlich nicht wusste ... dass sie ihr niemals Liebe ersetzen konnte. So betäubte sie sich. Bis jetzt stand sie ohne Vorwurf gegen sich selbst da. Aber sie fühlte, wie ihr-die Kraft versagte, und dass sie vor sich selbst fliehen musste, bevor es zu spät. Sie brach unter dem Opfer dieser Entsagung