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E_1934_Zeitung_Nr.037

E_1934_Zeitung_Nr.037

BERN, Freitag, 4. Mai 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 37 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. &.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoranehlag, •«fern nicht postamtlieh bestellt. Zusehlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Rechnung HI/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern «Verstänkernde Surrogate». Dem 1. Schweiz. Kongress für Touristik und Verkehr, auf den 30. März bis 2. April 1933 veranstaltet vom Schweizerischen Fremdenverkehrsverband, folgt dieses Jahr der schweizerische Verkehrskongress in Bern. Das Presse- und Propagandakomitee hat sich die Aufgabe gestellt, die Presse «in den nächsten Wochen mit Artikeln über die grosse Bedeutung unseres Fremdenverkehrs für die Volkswirtschaft, die Vorzüge der einzelnen Kurgebiete und die wichtigsten Elemente unseres Reiseverkehrs zu bedienen» und erklärt sich auf die Unterstützung der schweizerischen Presse angewiesen — im Hinblick auf die Tatsache, dass das schweizerische Gast- und Verkehrsgewerbe seit Jahr und Tag schlimme Zeiten durchmache. Jnsere Presse wird dem Ruf gerne Folge leisten, muss sich aber dagegen verwahren, dass verschiedene Interessen gegen einander ausgespielt werden im Augenblick, da es sich um ein Zusammenfassen und Zusammenwirken aller Kräfte und Faktoren handeln soll. Was der Fremdenverkehr in unserm Wirtschaftsleben bedeutet, das hat der erste Kongress in Zürich den breitesten Massen vor Augen geführt. Ob nun dieser Fremdenverkehr sich der Eisenbahnlinie oder der Landstrasse bedient, das bleibt sich — wirtschaftlich gesprochen — in der Wirkung gleich. Es ist ein überwundener Standpunkt, den mit dem Motorfahrzeug nach der Schweiz einreisenden Fremden als einen der Eisenbahn verlorengegangenen Kunden zu betrachten und unserm Fremdengewerbe entschieden zuträglicher, wenn der Gast sich mit dem Automobil einfindet, als wenn er «mit der Bahn vegbleibt», d. h. sich im Automobil nach andern Gegenden wendet. Die Anerkennung dieser Binsenwahrheit bildete vor etwa anderthalb Jahren die Voraussetzung dafür, dass die Schweizerische Verkehrsliga als Vertreterin fast aller am Strassenverkehr interessierten Verbände dem Schweizerischen Fremdenverkehrsverband beigetreten ist. Bei der Bestellung der Referenten für den ersten Kongress in Zürich wurde dann auch ausdrücklich abgemacht, dass jede Art der Polemisierung von Bahn gegen Strasse oder Strasse gegen Bahn zum Wohle der Gesamtheit zu unterbleiben habe. An diese Verpflichtung haben sich denn auch sämtliche Referenten gehalten — mit Ausnahme von Herrn Bener, dem Direktor der F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonniechner. (24. Fortsetzung) Mit freudiger Miene rückte er seinen Stuhl an sie heran. «Ich wusste, Enid, du vergisst nie, dass jede Minute, die mir mein Beruf freigibt, nur dir gehört.» Sie nickte. «Ich gehe zur Ruhe, ich bin müde und abgespannt.» Sie erhob sich schwerfällig. Ihr war, wie wenn sie Blei in den Gliedern habe. Zärtlich schloss er sie in seine Arme. Respektvoll begleitete er sie bis zur Türe und öffnete ihr. Die Türklinke in der Hand, wandte sie sich nach ihm um. «Ich vergass dich zu fragen, Piet, was ist mit Doktor Heckmann?» «Der wurde mir natürlich bewilligt. Nur ist es unmöglich, dass er sogleich offiziell von mir untergebracht wird. Es ist unter den Regierungsärzten gegenwärtig nichts frei. Ich sehe auch ein, dass man dort niemand vor den Kopf stossen kann. Darum kommt er einstweilen inoffiziell als mein Mitarbeiter hinüber. Wir arbeiten ungestört Vom Tage Rhätischen Bahn, der damals von der Schädigung des Automobils durch das neue Automobilgesetz redete, die Erwartung aussprach, dass «die Störer des bisherigen Gleichgewichts» für den Schaden auch aufkämen (womit wohl die Unterstützung der Nebenbahnen aus dem zu erhöhenden Benzinzoll gemeint war), nachdem ein eidg. Departement durch das Automobilgesetz noch absäge, was bisher auf eigenen Beinen stehen konnte usw. Die Automobilpresse — und wohl nicht sie allein— hat den Sprecher damals gewiss nicht ernst genommen und auf die Ausfälle auch nicht reagiert. Mit jener Entgleisung — um im bahntechnischen Jargon zu bleiben — hatte es aber bei Herrn Direktor Bener nicht sein Bewenden. Als im November 1933 der Schweizerische Autostrassenverein in Zürich zum erstenmal die Interessenten für die Offenhaltunig des Juliers vereinigte und sich die Rhätische Bahn zur Herabsetzung der Autotransporttaxen für Filisur oder Bergün- Engadin bequemen musste, hat Herr Direktor Bener seinem Aerger über den verhassten Konkurrenten damit Luft gemacht, dass er in öffentlicher Versammlung die Automobilisten als «Benzinfilzläuse» beschimpfte. Nur den dringenden Bitten von Herrn Regierungsrat Wenk, dem Präsidenten des S.A.V,., gegenüber Pressevertretern ist es zuzuschreiben, dass damals über die verantwortungslosen Aeusserungen Direktor Beners in der ausländischen Fachpresse nicht berichtet wurde. Es läge keine Ursache vor, diese alten Geschichten aufzuwärmen, wenn nicht Herr Bener aufs neue in gehässiger Weise gegen seinen Todfeind Automobil ausfällig würde, und zwar ausgerechnet und wieder am schweizerischen Verkehrskongress. In einem dieser Tage der Presse zugestellten Artikel über die Rhätische Bahn bezeichnet er die Automobile als die gesunde Bündnerluft verstänkernde Surrogate. Es ist und bleibt unerfreulich, wenn der diesjährige Verkehrskongress durch solche Ausfälle gegen das Automobil eröffnet wird, im Augenblick,, da zur Erreichung des gemeinsamen Zieles alle Verkehrsmittel zur Geltung kommen sollen. Den auf so hoher Warte stehenden Herrn Bener belehren zu wollen, wäre ein Versuch am untauglichen Objekt. Er weiss offenbar auch nicht, dass vor 45 Jahren die Eröffnung «seiner» Rhätischen Bahn im Prättigau einen grossen Teil des Volkes erbittert und zusammen weiter, aber man sagte mir zu, dass er voraussichtlich in sechs Monaten definitiv in Batavia angestellt wird. Er soll gleich ein Gesuch einreichen. Das werde ich ihm erst morgen beibringen, wie wenn es etwas ganz Nebensächliches wäre, aber anderseits sehe ich nicht ein, warum nicht auch er Opfer bringen soll.» In ihrem Schlafraum stand sie den ersten Augenblick mit gesenktem Kopf, die Augen geschlossen, an der Türe. Leise drehte sie den Schlüssel um. Angekleidet wie sie war, fiel sie auf ihr Bett. So lag sie die ganze Nacht. Als sie am nächsten Morgen herunterkam, übernächtigt, zermürbt, keines Gedankens fähig, sie hielt sich kaum auf den Füssen, war ihr Mann bereits ausser Haus. In der ersten Möglichkeit, die sich ihr bot, rief sie Jul an. Ihr Mann sei zurück, sie könne ihn das Fuhrhaltereigewerbe ruiniert hat. Die Welt aber bleibt bei der Schmalspurbahntechnik nicht stehen, und vielleicht wird später auch das Automobil mit allen seinen Investierungen einmal durch das Flugzeug praktisch entwertet. Einstweilen aber sind im Jahre 1932 194,613 und im Jahre 1933 227,465 Fremdenautomobile in unser Land eingefahren, was auch Herr Bener nicht bestreiten wird, und deren Insassen haben in den beiden Jahren schätzungsweise 150 Millionen Franken bei uns zurückgelassen, woran auch nicht viel abzumarkten sein dürfte. Und wenn sich im Jahresbericht der nationalen Vereinigung zur Förderung des Reisendenverkehrs der Satz findet: «Da« einzig erfreuliche Ergebnis 1932 ist der Aufschwung des Autotourismus, der zweifellos zur Milderung der Hotelkrise beitrug ». so darf pro memoria beigefügt werden, dass die ursprüngliche, auf Veranlassung der Bahninteressenten dann geänderte Fassung im Bericht lautete, der Autotourismus habe im Jahre 1932 die schweizerische Hotellerie «gerettet». Und was für 1932 die Wahrheit war, ist auch für 1933 zugetroffen. Im Verkehrs- und Gastgewerbe ist man ja längst anderer Meinung als Herr Bener, vor allem im Engadin, was ja deutlich genug zum Ausdruck gekommen ist an jenem Julierkongress des S. A. V. in Zürich. Uns scheint aber, dass die schweizerischen Autotnobilverbände, die alljährlich grosse Summen aufwenden für die Werbung der Automobilfremden und die mit grossen Kosten ihre Grenzbureaus unterhalten, um nur etwas zu nennen, sich bei den Veranstaltern des Kongresses dafür bedanken sollten, sich von einem nicht über den Rahmen seines Verwaltungsapparates hinausblickenden Bahnfachmann an einem der Gesamtheit dienenden schweizerischen Kongress aufs neue beschimpfen zu lassen. O Motorfahrzeugführer und Kind. «... hart im Räume stossen sich die Sachen. » Wohl für kein anderes Gebiet menschlichen Zusammenlebens hat diese Feststellung Schillers stärkere Berechtigung als für das Verkehrswesen. Hat doch die soziale Entwicklung, die den Gebrauch des Automobils zunächst nur einigen wenigen begüterten Personen ermöglichte, Auffassungen zutage treten lassen, die der Ueberwindung der Klassengegensätze hindernd im Wege standen. In seinem «Recht auf die Strasse» bedroht, erblickte der Fussgänger in dem Automobil seinen Gegner; nichts konnte ihn veranlassen, diesem irgendwelche Rücksicht entgegenzubringen. Nur der verhältnismässig geringen Geschwindigkeit, Sie kam zu keinem Entschluss. Wenn sie ihren Mann verlassen würde? Nur einen Augenblick durchfuhr sie der Gedanke. Sie schüttelte ihn ab. Durch ein ganzes Leben sich selbst verachten. Sein Leben zerstören. Niemals! Lieber ihr eigenes hingeben. Wenn sie wenigstens nur noch Tage, noch Wochen, gewinnen könne. Gequält von ihren Gedanken, verbrachte sie die nächsten Stunden, restlos nach einem Ausweg suchend. Es war spät am Nachmittag, als das Mädchen den Besuch von Frau Dr. Heckmann meldete. Erstaunt hob Frau Enid den Kopf. Mit hastigen Bewegungen trat die Frau des Arztes mit ihrem immer verlegenen Lächeln ein und nahm mit linkischen Bewegungen und zahlreichen Entschuldigungen Platz. Sie störe doch nicht... nur einige Minuten ... sie werde sogleich wieder gehen... und dann platzte sie mit dem Zweck ihres heute unmöglich treffen... Besuches heraus ... «... aber morgen ... morgen, Jul. Ich ... die gnädige Frau möge auf den Herrn sehne die Stunde herbei.» Mit regungslosem Professor einwirken, damit er auf ihren Gesicht sprach sie es vor sich hin, und die Mann verzichte... ersten, befreienden Tränen liefen ihr über — ? — die Wangen. Sie presste das Taschentuch Unter einein nicht endenwollenden Tränenstrom erklärte sie Frau Enid alles. Seit- vor die Lippen, damit er ihr ersticktes Schluchzen nicht höre. dem der Herr Professor verreist sei, spreche die die Automobile im Anfangsstadium zurückzulegen vermochten, ist es zu danken, wenn in diesen Jahren die Unfallziffern gering blieben. Die Gesetzgebung, die sich gar bald des neuen Verkehrsmittels bemächtigte, war nur dazu angetan, die Gegensätze zu vertiefen. Denn ihr wohnte die Tendenz inne, das Publikum gegen den Motorfahrzeugverkehr zu schützen, nicht aber, diesem Förderung ängedeihen zu lassen. Willig machte die Rechtsprechung diese Tendenz sich zu eigen: ihr vor allem ist es zuzuschreiben, wenn in der Oeffentlichkeit die Auffassung entster hen konnte, dass der Fussgänger, welche Dummheit er auch immer begehen möge, den Richter auf seiner Seite habe. Nach der Rechtsprechung des deutschen Reichsgerichts z. B. muss der Fahrer immer damit rechnen, dass andere Personen «aus einer ihnen eigenen geistigen Schwerfälligkeit» zu langsam abgegebene Warnungszeichen aufnehmen und darauf in plötzlichem Erschrekken verkehrt handeln; er konnte als entlastet nur dann gelten, wenn das Verhalten der verletzten Person «ausserhalb aller menschlichen Berechnung lag und für den Führer aus der Erfahrung des täglichen Lebens nicht voraussehbar war». Man mag dieser Rechtsprechung zustimmen oder nicht— soviel wird man zugeben müssen, dass sie die Sorglosigkeit der übrigen Wegebenutzer begünstigt hat. Ganz besonders trifft dies auf das Verhalten von Kindern zu. Diese durch die Entwicklung bedingten, durch Gesetzgebung und Rechtsprechung gefestigten Verhältnisse haben im Laufe der Jahre sich nicht wesentlich geändert. Noch immer stehen sich die Auffassungen diametral gegenüber: während auf der einen Seite den Führern von Motorfahrzeugen vorgeworfen wird, dass sie sich als die Herren der Strasse gebärden, klagen diese wiederum über die unerfüllten Anforderungen, die an ihre Sorgfaltspflicht gestellt werden. Die Lösung des Problems dürfte auf der mittleren Linie zu suchen sein: es wird auf beiden Seiten gesündigt. Wie es heute eine grosse Anzahl von Fussgängern gibt, die die Notwendigkeit des Verkehrs erkennen und sich seinen veränderten Formen anpassen, so gibt es anderseits Fahrer, die sich des Gefährdungsmoments, das sie in den Verkehr hineintragen, nicht genügend bewusst sind. Den Unbelehrbaren in beiden Lagern das Verständnis für gegenseitige Rücksichtnahme beizubringen, ist Sache der Verkehrserziehung, die damit eine Mission au erfüllen hat, zu der Gesetzgebung und Rechtsprechung nicht berufen sind. Ihre Tätigkeit gilt ihr Mann nur noch von seiner neuen Laufbahn, dass er hinübergehe, dass er schon nächste Woche mit ihm und der Frau Professor abreise, sie selber lasse er einstweilen hier zurück, bis er sie nachkommen lasse. Eine neue Tränenflut bechloss ihre Rede. Schweigsam lauschte Frau Enid. Von Schluchzen unterbrochen fuhr die kleine Frau fort. «Heute ist die Bombe geplatzt. Wegen der Mutter.» Stockend hielt sie inne und drehte das verweinte Taschentuch zwischen den Fingern. «Die Mutter hat ihm gesagt, das wird sie sehen, ob er ihr Kind hier allein lassen wird, davon ist überhaupt keine Rede, heute nicht und niemals, dass ihr einziges Kind zu die Wilden hinübergeht. Sie hat das Geld, und darum geschieht, was sie will, und nicht, was mein Mann will. Er bleibt da, und damit basta!» Bekümmert zog die kleine Frau die Nase hoch. «Dann hat die Mutter mich in die Arbeit genommen. Ich soll mir an ihr ein Beispiel nehmen. Sie war dreimal verheiratet und ist mit allen fertig geworden, aber nur deshalb, weil eine Ehe nur dann glücklich ist, wenn sich die Frauen von der Bagage nichts gefallen lassen. Mit der Bagage meint sie die Männer.» Bittend hob sie die gefalteten Hände. «Liebe gnädige Frau, wenn Sie den Herrn Professor bereden wür-