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E_1934_Zeitung_Nr.041

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BERN, Freitag, 18. Mai 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 41 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jaden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozusehlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliehe BetteUimf 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grossere Inserate nach Seitentarit. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern S. M. der Fussgänger! F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (28. Fortsetzung) Die Freitagabende verbrachte er im englischen Klub, wo er durch seine englische Frau zahlreiche Bekannte fand. Abende, an denen auch die Damen Zutritt hatten. Gelangweilt sass er in einer Ecke und sah dem gesellschaftlichen Treiben zu, hie und da links und rechts einen Händedruck tauschend. Er spielte nicht, er trank nicht, und der erste Whisky, den ihm der weissgekleidete malaiische Diener hinschob, war auch gewöhnlich der letzte. Seine hauptsächlichste Beschäftigung war der Kampf mit der kurzen Pfeife, die ihm in seinen Gedanken immer wieder ausging. «Hallo, Professor! Auch schon zurück von Europa?» Eine Hand legte sich ihm auf die Schulter. Er bog den Kopf zurück. «Oh! Reverend McCarthy!» Mit einem Lächeln der Begrüssung schob der Professor einem freundlichen Herrn mit silberweissem Haar, der ihm die Hand hinstreckte, einen Stuhl hin. Im angeregten Plaudern sassen die beiden Herren und erzählten sich von ihren Europaerlebnissen, die für sie ein unerschöpflicher Gesprächsstoff waren, denn auch der weisshaarige Reverend hatte seinen Tropenurlaub, wie es jeder tat, in Europa verbracht. Zuerst natürlich die schottische Heimat, dann kreuz und quer durch den Kontinent, um fast zwei Monate in Italien zu verbringen, das so Es ist eine eigenartige Erfahrungstatsache, dass eine grosse Zahl von biederen Eidgenossen glaubt, ihre angestammten demokratischen Rechte am besten dokumentieren zu können, wenn sie sich nach eigener Machtvollkommenheit und höchstpersönlichem Gutdünken auf der Strasse tummeln und sich keinen Pfifferling um das kümmern, was um sie her vorgeht. Unternimmt dann irgend ein ordnungsliebender und verkehrsverständiger Bürger einen schüchternen Versuch, diese Vollblut-Demokraten auf ihr ungeschicktes Verhalten aufmerksam zu machen, so wird meistens im Brustton der Ueberzeugung erklärt, man könne machen, was man als freier Schweizer für gut finde, man zahle seine Steuern so gut wie jeder andere, und was ^derlei Redensarten noch mehr sind. Es wäre Aussig sich mit solchen Leuten über den wahren Sinn der Demokratie unterhalten zu wollen, denn es gibt nun mal eine Kategorie von Mitbürgern, die nur Rechte kennen und vor allem in Verkehrsangelegenheiten allen anderen Strassenbenützern und hauptsächlich dem Motorfahrzeuglenker nur nicht sich selbst Rücksicht auf Drittpersonen zumuten. Diesen Unbelehrbaren und der Umwelt zu Nutz und Frommen sind nun glücklicherweise doch in Verkehrsvorschriften einige verpflichtende Richtlinien aufgestellt, ohne deren Beachtung eine Ordnung und irgendwelche Sicherheit auf der Strasse überhaupt nicht denkbar wären. Die Motorfahrzeugführer haben immer wieder ein eigentliches Verkehrsgesetz angestrebt, das die Rechte und Pflichten richtig auf die einzelnen Gruppen von Strassenbenützern verteilt, indem eben nur dann eine der Allgemeinheit dienende Regelung zustande kommen kann, wenn jeder an seinem Ort das seinige dazu beiträgt. Nun ist ja, gerade weil auch im Parlament für diese Zusammenarbeit aller Kreise im Interesse eines geordneten Betriebes auf der Strasse das Verständnis noch sehr bescheiden war, ein Gesetz zustande gekommen, das leider wenig Anspruch darauf macht ein Verkehrsgesetz zu sein, sondern wie es sein offizieller Name schon deutlich genug sagt, nur ein «Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr» darstellt, als ob dieser Zweig aus dem Gesamtverkehr herausseziert und für sich separat behandelt werden könnte! Als kümmerlicher Ansatz zu einer allgemeinen Verkehrsregelung konnte dann aus den parlamentarischen Verhandlungen noch der bescheidene Fussgängerartikel (Art. 35) gerettet werden, der bestimmt: Der Fussgänger hat die Trottoirs oder Fussgängerstreifen zu benutzen und die Strasse vorsichtig zu überschreiten. Auf unübersichtlichen Strassenstrecken und wenn Motorfahrzeuge herannahen, hat er sich an die Strassenseite zu halten. Er hat auch die Anordnungen der Verkehrspolizei zu beachten. • Weniger hätte wohl kaum vom Fussgänger verlangt werden können. Es sind übrigens Erfordernisse, die einem stattlichen Kontingent zur Selbstverständlichkeit geworden sind und an die sich der aufgeklärte Fussgänger in seinem eigenen Interesse bewusst oder unbewusst hält, wenn er sich «in den Verkehr stürzt». Diese beinahe rudimentäre Form einer Regelung des Fussgängerverkehrs dient nun den Kantonen für die Ausarbeitung ihrer kantonalen Vorschriften als Grundlage und Richtschnur, soweit eine solche überhaupt nicht schon erfolgt ist. So ist z. B. der Stand Zürich zurzeit mit der Revision seines Verkehrsgesetzes beschäftigt und hat. um die selbstverständlichste Regel für den Passanten, der lieber etwas von seinen demokratischen Rechten preisgibt, um dafür keinerlei Kollision oder ernsthafteren Unfall zu riskieren, etwas klarer zu umschreiben, den Paragraph aufgenommen : «Der Fussgänger hat die Gehwege zu benutzen.» Flugs kommt der Fussgängerschutzver- schön wäre, wenn einem nicht die verdammten Engländer, wie er scherzend hinzufügte, überall über den Weg liefen. Auch der Professor lachte. Taormina, Sorrent, Neapel, Pisa, Venedig, Forum Romanum, Sixtinische Kapelle, Uffizien, Santa Maria della Salute, Raffael, Leonardo da Vinci, Paolo Veronese, Correggio, Pietro Perugino, alles wirbelte durcheinander, und das Feuer der Begeisterung rötete die Wangen des alten Reverend, während den Professor seine Ruhe nicht verliess, und er zum Schlüsse nur noch erwähnte, die Einrichtung des Malariahospitales in Terracina sei überraschend. Geradezu vorbildlich. «Sie taten recht daran, Professor, dass Sie Mrs. van der Witte noch in Italien Hessen. Wir Tropenmenschen müssen aus diesem Gesundbrunnen schöpfen, solange sich uns Gelegenheit bietet.» «Wir haben Mrs. van der Witte in Sorrent gesehen.» Eine scharfe weibliche Fistelstimme mengte sich in das Gespräch der Herren. Der Arzt wandte sich um. Der Reverend hob den Kopf. Hinter dem Stuhl des Professors stand eine magere, vertrocknete Frauensperson, trotz der erstickenden Schwüle in ein unmodernes schwarzes Seidenkleid eingezwängt, die aussah wie ein schlechtangezogener Kleiderstock. Aus dem gelblichen, eingetrockneten Gesicht ragte eine spitze Nase hervor, über der die kleinen Maulwurfsäuglein unnatürlich eng zusammengestellt sassen. Auf dem angegrauten, zusammengerollten Haarschöpfchen thronte eine zartblaue winzige Straussenfeder. Die mageren, knochigen Hände spielten mit einem klappernden band, der ein kärgliches Schattendasein fristet und bis zur Stunde seine ganze Tätigkeit fast ausschliesslich auf negative Kritik beschränkt hat und verlangt in einer Petition, dass dieser Passus gestrichen werde. Abgesehen von der juristischen Begründung, die sich auf die Annahme stützt, der Verfassungsartikel 37bis gebe keinerlei Handhabe, um auch die Fussgänger zu reglementieren und deren Abklärung wir gerne den Rechtsgelehrten überlassen, so muss doch aus rein praktischen Erwägungen und im eigensten Interesse des Fussgängers — zu denen ja letzten Endes auch jeder Automobilist gehört — gegen ein solches Ansinnen Front gemacht werden. Und dies um so energischer, als gerade die Argumente, welche vom Fussgängerverband für die Beseitigung des Paragraphen ins Feld geführt werden zeigen, welch unhaltbare Monopolstellung, die geradezu einer gesetzlichen Immunität gleicht, einer Gruppe von Strassenbenützern zugedacht ist und die schlussendlich zur Anarchie anstatt zur Ordnung im Verkehr führen müsste. Der Verband (eine übrigens recht überhebliche Bezeichnung für ein zählenmässig sehr bescheidenes Trüpplein von Leuten, die sich um ihr Oberhaupt Herr Nationalrat Schmid-Ruedin scharen) befürchtet nämlich eine Beeinträchtigung der Rechtslage für den Fussgänger, wenn ihm bei der Untersuchung eines Unfalles nachgewiesen werde, dass er weder das Trottoir noch die Fussgängerstreifen benützte, sondern frei und planlos in der Fahrbahn herumstolzierte. Die Strasse sei übrigens kein Reservat für Motorfahrzeuge und könne auf alle Fälle so lange keines sein, als die Allgemeinheit an deren Unterhalt finanziell beitrage (letztere Begründung wohl zur Exemolifizierung unserer eingangs gemachten Ausführungen Demokratis- über den falschverstandenen mus !) Nun möchten wir Herr Schmid und seine Gefolgschaft doch in aller Offenheit und allem Ernste fragen, wie er sich denn eigentlich einen auch nur einigermassen geordneten Strassenverkehr vorstellt, wenn der Fussgänger frei von jeglicher Verpflichtung ist, also die Strasse und mithin die Fahrbahn kreuz und quer durchziehen. Fussgängerstreifen und Schutzinseln ignorieren kann und ganz gelegentlich, wenn ihn gerade die Lust ankommt, einmal aufs Troittoir hinaufsteigt ? Die Motorfahrzeugführer beanspruchen übrigens gar kein Vorrecht auf die Strasse, aber so wenig sie aufs Trottoir hinaufzufahren haben, so wenig soll der Fussgänger unnötigerweise in der Fahrbahn herumlaufen. Die möglichst weitgehende Trennung der verschiedenen Verkehrsarten liegt doch im wohlverstandenen Interesse der gesamten Oeffentlichkeit. In diesem Sinne strebt man die Einrichtung besonderer Radfahrerstreifen auf den Ueberlandstrassen und die Schaffung von Wanderwegen an, die dem Spaziergänger reserviert bleiben. Aus diesen Bestrebungen macht doch kein normal denkender Mensch irgendwie eine Prestigefrage und der Automobilist wird nie daran denken sich in seinen Rechten geschmälert zu sehen, weil das Trottoir ein Reservat des Fussgängers und der Radfahrerstreifen ein solches für den Radler ist. Er wird auch nie, indem er auf seine Steuerleistungen pocht, verlangen, dass er die Strasse in ihrer ganzen Breite und nicht nur innerhalb der Fahrbahn benützen dürfe ! Geradezu an den Haaren herbeigezogen ist das Argument, die Vorschrift wonach der Fussgänger die Gehwege zu benützen habe, könne ja doch nicht innegehalten werden, da die Trottoirs und Gehwege ja nicht wie die Fahrbahn zusammenhängen, sondern durch Strassenkreuzungen unterbrochen seien. Die geplante Vorschrift im kantonalen Verkehrsgesetz ist klar und deutlich und kann gar keine missverständliche Auslegung erfahren, wenn man nur den gesunden Menschenverstand walten lässt: der Fussgänger hat sich der Gehwege dort zu bedienen, wo solche vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, so wird er die Fahrbahn auf dem kürzesten Weg überschreiten und dabei den Fussgängerstreifen benützen, wo solche bestehen. Anstatt also für eine verständige Zusammenarbeit und eine möglichst reibungslose Abwicklung des Strassenverkehrs einzutreten, leistet der Fussgängerverband seinen Adepten und der Oeffentlichkeit mit seinem Dogma von dem Recht auf die Strasse einen sehr schlechten Dienst. Man betreibt zwar Verkehrspolitik und macht in Strassenfragen, verwechselt aber offenbar immer noch den Betriff der Strasse mit demjenigen der Fahrbahn. Die nächste Nummer der «Automobll- Revue» gelangt der Pfingstfeiertage wegen erst Dienstag nachmittag, den 22. Mal, zum Versand. Elfenbeinfächer und einem buntgestickten Perlenbeutel. Ganz Batavia behauptete, sie trage darin ihr Reservegebiss. Mit einem Lächeln erhob sich der Professor, reichte dem weiblichen Störefried die Hand und schob ihr einen Stuhl zum Tische. Mit einem gnädigen Kopfnicken Hess sie sich nieder. «Wir haben Mrs. van der Witte in Sorrent gesehen. Vor drei Monaten.» Der Professor schüttelte lächelnd, verneinend, den Kopf. Nein, nein. Unmöglich. Um diese Zeit, er dachte einen Augenblick nach, war seine Frau an der Adria, aber nicht in Sorrent. Der alte Reverend sah nach der Seite und winkte seiner gesprächigen Gattin abweisend, unauffällig, mit dem Kopf. Aber sie Hess nicht locker. «Ein Irrtum ist ausgeschlossen, Professor, wir Frauen...» «Nein, nein», fiel ihr Mann ihr in die Rede, «meine Frau verwechselt.» Ein verächtliches Lächeln seiner Gattin durchbohrte ihn. Der alte Herr sah verlegen unter den Tisch, die Blicke des Professors wanderten zwischen beiden hin und her. Natürlich irrte das Frauenzimmer. «Ich habe sie sofort erkannt», setzte sie hartnäckig fort, «wir sassen mit ihr im Hotel in Sorrent Tisch an Tisch. Mit ihr und einem Herrn. Ich sagte meinem Mann auf den ersten Blick, das sei Enid Bennet-Squire, die Tochter von Lawrence Bennet-Squire, der die 8. Lanciers in Singapore kommandierte. Kein Wunder, wenn es mein Mann abstreitet. Haben Sie schon einen Mann gesehen, Professor, der seiner Frau recht gibt?» Ihre Fistelstimme gab etwas von sich, das wie ein Lachen klingen sollte. Der Professor schüttelte, immer noch den Kopf. Der alte Reverend legte begütigend seine Hand auf den Arm seiner gereizten Ehefrau, die sich rechthaberisch mit entrüstet hochgezogenen Augenbrauen aufreckte. «Wenn es dir recht ist, Mabel, so wollen wir den Herrn Professor nicht weiter stören und uns auf den Heimweg machen.» Dringend, mit bittender Stimme sprach er auf seine Gattin ein. Die Blicke des Arztes wanderten erstaunt zwischen dem Ehepaar hin und her, deren verschleierter ehelicher Zwist sich um seine Frau drehte. Es schien ihm, sie wolle sprechen, und er wolle es verhindern? Warum? Ueberdies irrte die Mumie, die in nervöser Gereiztheit ihren gestickten Perlenbeutel wie einen Pendel hin und her schwenkte. Noch immer stand die Widerspruchsfalte senkrecht zwischen ihren Augenbrauen. Eigentlich amüsierte den Professor die Rechthaberei der Person. Er lächelte. «Auch wenn Sie lachen, Professor. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Für Derartiges haben wir Frauen einen guten Blick. Sie hat uns begreiflicherweise nicht erkannt, denn es ist eine hübsche Reihe von Jahren bis Singapore zurück. Aber ich erinnere mich an die Tochter von Oberst Bennet-Squire noch als kleines Kind. Ueberdies ein bildhübscher Mensch, mit dem sie beisammen war.» Der gehässige, neidische Ton des von den Männern vernachlässigten und unbeachteten Weibes sprach aus ihr, die sich die Gelegenheit boshaft nicht entgehen Hess, an einer anderen