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E_1934_Zeitung_Nr.046

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BERN, Dienstag, 5. Juni 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - NM6 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dlenftaa «nd Freltef MonatBeh „CMfce IMUT HalbjahrneU Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Atuland unter Portozmehtat Mfern nicht portamtUeh bestellt. Zuschlag für poitamtliebe Bestellung 30 REDAKTION tu ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Potteheck-Recbnnnc HI/414. Telephon 2S.222 Telegramm-Adre»*»: Aotorevu«, Bwa INSERTIONS'PREIS: Die Mhtceep«lt«ne 2 mm hohe Grundzelle oder deren Baum 45 Cts. lür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. GrOHcn Inserate aaeh Seitentarif. lawratemehraM 4 Tage vor Erscheinen 4er Nnmnern Der erste Grosse Preis von Montreux Ein grosser Tag des internationalen Autosportes. — Nach einem sensationellen Duell zwischen Etancelln (Maserati) und der Scuderla Ferrari wird Graf Trossl mit dem Mittel von 101,04 km/St Ueberraschungssleger.— Hervorragendes Rennen von Etancelin. — Gewaltige Zuschauermengen. — Glänzender organisatorischer Erfolg des ersten Stadtrundstrecken-Rennens in der Schweiz. Zwei Tage vorher. Montreux, 1. Juni 1934. Ein grosses Automobilrennen in Montreux bildet eine Verlockung zu vielen andern, in dieser von Natur und Menschenhand geschaffenen Stätte der "Schönheit, ein Wochenende zu verbringen. Als wir heute Montreux zustrebten, breitete es sich im ganzen Zauber eines Juni-Nachmittages aus. Der See und die Berge umfassten den langgestreckten Ort mit den leuchtenden Farben des Vorsommers. Vom andern Ufer schimmerten die höchsten Berge mit weissem Schneelicht, während in den sonnenreichen Gärten des Kurortes schon die Rosen in voller Blüte standen. Ein Autorennen in diesem Rahmen — glücklich die Stadt, die das zu bieten hat! Das grosse sportliche Ereignis kündigte sich Sphäre der letzten Vorbereitungen, die Ungewissheit über den Ausgang des Kampfes, das Neuartige dieser noch nie gesehenen Veranstaltung schlägt alle Bewohner dieses schönen Erdenfleckes in ihren Bann. Der kleinste eingeborene Knirps weiss ebenso gut Bescheid über Varzi wie der schläfrigste englische Hotelgast. Längs den Strassen reihen sich kleine Mäjuercheh von Sandsäcken, und an besonders künstigen Stellen staffeln sich die 'Bankreihen der Tribünen. Die Trottoirs, Bäume, Häuserecken, die sich längs der Rennstrecke besonders weit vorwagen, sind vorsorglich mit weisser Farbe überstrichen. Bretterwände und aufgespannte Tücher sind dazu ausersehen, allzu Vorwitzigen, die kein Scherflein zu der gewaltigen Arbeit beizutragen gedenken, vor die Nase gesetzt zu werden. Ganz Montreux hat sich zu einer Der Start zum Rennen: Links vornr der Animator des Rennens, Etancelin auf Maserati; rechts: der Engländer Whitney Straight auf Maserati. In der zweiten Reihe links: Moll auf Alfa Romeo. schon lange vor Montreux an. Von allen Wänden leuchtete das Plakat mit den roten Rennwagen, und auf gelben Zetteln wurden die Namen der definitiven Startenden aufgegeführt. Montreux selber hat dieses Rennen gänzlich umgewandelt. Die fieberhafte Atmopittoresken Rennbahn verwande.lt, und die Hälfte aller Einwohner ist zum Mindesten irgendwie mit der ungeheuren Weitgespannten Organisation verbunden. Das spürt man auf Schritt und Tritt: die Gespräche drehen sich nur noch um dieses eine Ereignis neben dem das Narzissenfest zur Bedeutungslosigkeit verblasst Ganz in der Nähe des Startes sind auf einer grossen Tafel die Rundenzeiten beim Training notiert. Dieser Ort ist zum Treffpunkt der ganzen Jugend von Montreux geworden, die mit Ausdauer und Fachkenntnis die Chancen jedes einzelnen Konkurrenten abmisst. Auf Schritt und Tritt begegnet man Persönlichkeiten, die in der Welt des Automobilsportes etwas gelten, und besonders Glücklichen gelingt es auch, beim Eingang einer Garage irgendeine der farbigen, als Wundertiere angestaunten Maschinen zu entdekken. Programmverkäufer, Zeitungsausrufer — und daneben die ersten auswärtigen Besucher, die sich staunend diesen Betrieb ansehen — unwillkürlich reisst die Stimmung der Vorerwartung mit, und so ist auch das Erste, das man nach der Ankunft tun kann, sich sofort nach allen möglichen Einzelheiten vom Rennen zu erkundigen. Noch stehen alle Tribünen leer, Aufschrifttafeln liegen herum, Bäume- und Mauern werden deutlich sichtbar Ihepinselt, und die Jugend von Montreux tollt über die nassen Sandsäcke-JVlauern. Noch 48 Stunden, und dieses Chaos wird sich in einen gewaltigen Riesenzirkus verwandelt haben, in dem mitten durch die Strassen von Montreux, an den Hotelpalästen, den Villen, Gärten und dem See vorbei die Maschinen rasen. Die Trainingstage. Moll fuhr am Freitag mit 102,2 km/St, die scflnellste Runde. Das Training von heute nachmittag hat einen ersten Begriff vom dex Wucht dieses Schauspiels vermittelt, das die Besucher am Sonntag erwartet Halb Montreux streikte während der Trainingsstunde, zwischen 14 und 15 Uhr, teilweise auch gezwungenermassen, weil der Verkehr in der Innerstadt natürlich unterbunden blieb. Eine warme Sonne gönnte dem Training ihre Aufmerksamkeit. An allen Fenstern drängten sich die Menschen, sogar auf die Hausdächer hinauf wagten sie sich. Auch die Tribünen waren zum Teil besetzt. Erst heute konnte man von einem regelrechten Training sprechen, nachdem — wie noch in unserer letzten Freitagnummer gemeldet — der Donnerstag nur vier Wagen an den Start brachte. Besonderes Aufsehen erregte natürlich die Scuderia Ferrari, die heute geschlossen auf dem Damm war und mit ihren drei Alfa-Romeo-Monoposto grossen Eindruck machte. Das Publikum wartete mit Ungeduld, bis die am meisten erwähnten Varzi und Moll bei den Boxen sichtbar wurden. Ausser Braillard und Falchetto waren alle Fahrer vertreten. Etancelin, Trossi und Moll erwiesen sich bald als die stärksten Draufgänger. Sie drehten ihre Runden mit stets steigenden Geschwindigkeiten. Trossi kam zuerst auf 100,4 km/St., dann Etancelin auf 101,1 km/St, und schliesslich Moll sogar auf 102,2 km/St Varzi verhielt sich eher etwas reserviert, und man hatte den Eindruck, als könnte der Italiener noch bedeutend stärker aufschrauben. Mit seinem besten Durchschnitt von 97,2 zeigte er keine besondere Leistung. An Unfällen war lediglich Hamiltons sehr harmloser Zusammenstoss mit einem Streckenzaun bei der berüchtigten Palace-Tribüne zu melden. Sonst wickelte sich das Rennen ohne jede Störung ab. Als die Fleissigsten erwiesen sich im übrigen Zehender und Soffietti, die je 20 Runden erledigten. Punkt drei Uhr sank die Startflagge, knirschend zogen die Bremsen an, und bald flutete wieder das gewohnte Leben aber die für kurze Zeit abgesperrte Strecke. Etancelin stellte am Samstag mit 104,7 km/St einen neuen Rundenrekord auf. Das Training vom. Samstae morgen brachte die Dar Sieger Graf Trossi wird von der begeisterten Menge gefeiert. Einleitung des grossen sportlichen Wochenendes von Montreux. Am Freitagabend hatten sich über den Savoyerbergen dichte Wolken geballt, aus denen es bald wild zu blitzen begann. Ein wilder Sturm fegte über den See und schüttete dichte Regengüsse über die Stadt. Während der Nacht hielt der Regen an, und am Morgen kämpften Nebel und Sonne um die Vormacht. Die Strecke war nur halb trocken, (Fortsetzung Seite 2.) Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (33. Fortsetzung) Schweigend lag es vor ihm. Das kleine eiserne Gartentor verschlossen, die Fensterladen herabgelassen. Nichts regte ,sich.. Er rüttelte mit verkrampften Fingern an.dem Eisengitter, das das kleine Vorgärtchen umschloss, wie wenn er. alles, niederreissen wolle, das ihm den Eintritt verwehre. Was war hier vorgegangen? Er raffte sich auf, klingelte an den Nachbarhäusern und fragte. Man zuckte die Achseln. Vielleicht dass man im Haus gegenüber etwas wisse. Die Frau des Hauses kam ihm entgegen, als er durch den Vorgarten schritt. Er nahm den Hut ab, drehte ihn verlegen wie ein Schuljunge zwischen den Händen, vergass sich vorzustellen. Ob sie nichts wisse? Lächelnd zuckte sie die Achseln. Wie ein Betrunkener ging er seines Weges. Verzweifelt suchte er bei mir Rat, fragte mich tausend Dinge, die ich ihm alle nicht beantworten konnte, und ging kopfschüttelnd. Beide vermochten wir das Rätsel nicht zu lösen. Wenige Tage später taumelte er bei mir herein. Totenblass. Ich erschrak, als ich ihn ansah. Wortlos hielt er mir ein Blatt Papier hin, wenige Worte darauf hingekritzelt. «Ich bin auf dem Wege nach Batavia. Verurteile mich nicht und warte auf mich. Ich weiss, ich sehe Dich wieder. Enid.» Meine Blicke suchten den Poststempel: Amsterdam! Schweigend standen wir uns gegenüber. Keiner wusste, was er dem anderen zu sagen habe. Was ich ihn auch immer fragte, kein Wort kam über seine Lippen, nur seine Augen sprachen. Der Blick eines Menschen, der seiner Sinne nicht mehr mächtig ist. Bis er die ersten Worte stammelte: «Hilf mir.» Ich sah nur, dass Worte des Trostes die einzige Beruhigung sein konnten, aber mit keiner Silbe erwiderte er mir, wie wenn er keines Wortes fähig wäre. Schweigend wandte er sich; zum Gehen. Ich fasste ihn bei den Schultern, riss ihn zu mir herum, aber er Stiess mich zurück und war verschwunden. Einen Augenblick dachte ich daran, ihm nachzueilen, und tat es nicht in dem Bewusstsein, den niederschmetternden Eindruck des ersten Augenblickes müsse er in sich selbst überwinden. Tage vergingen, er Hess sich nicht bei mir sehen. Beunruhigt eilte ich zu ihm. Man wusste mir nur zu sagen, er sei verreist, unbekannt, wohin. Plötzlich stand er wieder vor mir. Heruntergekommen, abgemüdet. Ohne zu grüssen trat er ein, warf den Hut in die nächste Ecke und Hess sich in einen Stuhl fallen. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich zurück und fuhr sich nach seiner Gewohnheit mit beiden Händen durch den hellen Haarschopr. Endlich brach ich das Schweigen. «Von wo kommst du, Jul?» «Von Amsterdam.» «—? —» Wir schwiegen beide. Endlich fuhr er fort. «Enid ist mit ihrem Manne auf dem Wege nach Batavia.» Noch immer sass er mit geschlossenen Augen vor mir. Mit erheuchelter Gleichgültigkeit, schleppend, ein Wort hinter das andere setzend, sprach er vor sich hin. «Welchen Zweck verfolgst du mit der Reise?» Er zuckte die Achseln, griff nach einer Zigarette und zündete sie umständlich an. Dieses unscheinbare Lebenszeichen richtete mich auf. Besser wie diese stumpfe, unheimliche Ruhe, die mich beunruhigte. Er machte einige Züge, sah nachdenklich in die Glut der brennenden Zigarette und warf sie achtlos zu Boden. Ohne ein Wort zu sprechen, stand ich auf und trat sie aus. «Welchen Zweck die Reise verfolgte? Ich musste wissen, ob dieses Leben für mich noch einen Zweck hat.» Absichtlich gab ich meiner Antwort eine Wendung, die seinem verschleierten Gedankengang nicht folgte. «Du zweifelst also an Enid?» Seine Augen öffneten sich. Den Kopf müde zurückgelehnt, mit finster zusammengezogenen Brauen, sah er zu mir herüber. Ich trat auf ihn zu und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter. «Warum liest du nicht immer wieder die letzte Zeile, die dir Enid schrieb: «Ich weiss, ich sehe dich wieder.» Den Kopf tief gebeugt, sank er zusammen. Das Gesicht in den Händen vergraben. Meine Hand, die noch immer auf seiner Schulter lag, fühlte das Zittern, das durch seinen Körper ging.